Montag, 15. August 2005

Und alle Winde müssen westwärts weh´n

Nach wie vor liegt weit im Osten Europas die Kleinstadt Brody, in der Joseph Roth 1894 geboren wurde, und ist doch gleichwohl untergegangen: Eine jener bröckelnden Schattenstädte der Donaumonarchie, die - im südlichen Polen und in der Ukraine gelegen – im verwaschenen Gelb mancher Amtsgebäude, in verwitterten Grabsteinen und sinkenden Herrenhäusern ein Andenken jener Zeit bewahren, der Roth entstammte, und die er neu und schöner erfand, um ihr geschminktes Abbild wie in Bernstein zu konservieren: Den ländlichen Adel Österreichs in der Schlichtheit und Treue der Freiherrn Trotta, die Sehnsucht nach dem Meer, die den Korallenhändler Nissen Piczenik adelt und letztlich verdirbt, weil es doch die weichen Stellen sind, an denen wir verfaulen. Die einsame Liebe in den Feldern, die bunten Röcke der Frauen, das Wogen der Felder – all das überglänzt und veredelt mit jenem warmen, goldenen Licht des glücklichen Traumes, das die Schlechtigkeit und Kleinlichkeit, die derbe Gier und den Suff der Bauern in der Schankstube nicht unterschlägt, aber mit einem weichen, schmelzenden Timbre versieht:

Sehnsuchtsorte hat Roth erschaffen, und hat jenes Brody doch schon vor der Matura verlassen, um westwärts zu wandern, immer weiter Richtung Westen, Lemberg, Wien, Berlin - einmal durch den Kontinent, weniger geographisch als auf jener geistigen Landkarte, um sich im verfeinerten, nervösen, unendlich filigranen Paris der Dreißiger schließlich totzutrinken als das Abbild jenes Österreichs, das er selber erfunden hat, auf dass es verwechselt würde mit jenem Ort, vor dessen Realität er geflüchtet war, lange bevor es an Kopf und Kragen ging.

Auch in den Romane Roths wird geflüchtet, was das Zeug hält: man flieht vor der Russischen Armee, man flieht vor der eigenen Vergangenheit, vor dem eigenen Schicksal, flieht aus Sehnsucht ans Meer, und landet oft bloß in jenen kleinen, abgewetzten Hotels, irgendwo zwischen dem Hotel Savoy an der Russischen Grenze und jenen Hotels in der großen Stadt Paris, die die schäbigen Provisorien der Heimatlosen sind, Rastplätze auf dem Wege zu jenen Gräbern, die kein Stein mehr deckt. Schauplätze von Abwesenheiten.

Hinfällig ist das Personal der Romane Roths, ermüdet von den Eindrücken und Anstrengungen eines Lebens, die auf eine oft gesteigerte Empfindungsfähigkeit treffen, die kein Ventil mehr in Aktivitäten findet: Die Liebe ist ein schwarzer, hoffnungsloser Ort, der weich und warm nur in der Sehnsucht scheint, um sich aufzulösen, greift man nach den Sternen. Familie als Ort der Geborgenheit gibt es nicht, einsam ist man, die Heimat ist verlassen und verloren, und getrieben von einer aus den Fugen geratenen Zeit wehen die weichen Helden des Roth´schen Kosmos durch ein Europa, das unter den Stößen dieser ersten Nachkriegszeit bebt und zittert. So überflüssig wie er war niemand in der Welt, heißt es vom Franz Tunda, der auf der Flucht ohne Ende zwischen Zentralasien und Russland, Wien und Paris einhergeweht kommt, 1927, und so erweist sich mancher Held Roths als ein nutzloser Mensch im bürgerlichen Sinne. Indes ist es ist nicht böser Wille, nicht das Fehlen von Begabung, sondern ein Zuviel, ein Zuviel an Phantasie, an Imaginationsfähigkeit, die die Helden dieses Kosmos ihren Nachbarn voraus haben, die das Meer nicht lieben, keiner fremden Frau verfallen, wie der Stationschef Fallmerayer, und überhaupt nicht jene überempfindlichen Nerven haben, die zu stark ausschlagen, um das ruhige Gemüt dessen hervorzubringen, der sich einrichtet in seiner Welt und mit Gott und den Menschen nicht hadern muss.

Nach Paris wie Franz Tunda, wie den Trinker Andreas, verschlägt es auch Roth selber. Berlin hat sich verschlossen in diesen Jahren, Wien ist das Wien nicht mehr der frühen Zwanziger, und jenes Wien schon seit Jahrzehnten nicht mehr, wie Roth es mit seinen süßen Mädeln und koketten, trägen Leutnants noch einmal weniger porträtiert denn formt. Müde sind sie geworden, die Gestalten jener Vorkriegszeit Schnitzlers, noch weniger robust, noch verlustiger jener rotbackigen Derbheit, die sich immer zu helfen weiß, und so verderben sich die Helden und Heldinnen töricht das wenige und kleine Glück, das noch durch ihre Hände fließt wie feiner, goldener Sand.

Nicht nur das Törichte aber durchwandert die Romane, das Böse selber hinkt graziös, elegant und schlank durch die Geschichten und sucht den Menschen zu verderben. Auch Jenö Lakatos, der Versucher, der Teufel, indes wirkt kraftlos, weniger elementar selbst als beim Zeitgenossen Thomas Mann, dessen ironischer Teufel körperloser ist, aber dem Grauen, dem Dunkeln näher als dieser Exponent der Hölle, der nur noch leicht, fast neckisch dorthin ziehen kann, wohin die Protagonisten mehrerer Romane ohnehin neigen, schwanken und schließlich versinken.

Die Widerstandskraft gegen das Verderben ist schwach bei den Figuren, denen wir zuschauen dürfen in jenen Romanen. Und schwach erweist sich auch Wille wie Vermögen Roths, dem Rausch, der Abwesenheit und der Flucht vor einer spitzen, klirrenden Wirklichkeit zu widerstehen, und so sinkt er denn, fällt nicht nur in Visionen eines noch einmal kaiserlichen Österreichs, sondern tiefer der Angst und der Heimatlosigkeit entgegen, bis Nerven und Körper 1939 der alkoholischen Betäubung nicht mehr standhalten.

In einem Spital von Paris, nur etwas über vierzig Jahre alt, stirbt Joseph Roth einer Welt zu, die in seinen letzten Büchern dem Traum und dem Märchen glich, golden glänzende Heimat, die sich einer erfindet auf lebenslanger Flucht.


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