Donnerstag, 2. März 2006

Du meines Panthers Rosengang

Über Alkibiades aus Athen

Es ist kein gemessenes Schreiten marmorblasser, erhabener Gestalten, für das die Straßen der Akropolis, wie wir sie kennen, in jenen Jahrzehnten gebaut wurden. Stolz und heißblütig treibt Athen, glänzendes Zentrum der griechischen Welt, durch das fünfte vorchristliche Jahrhundert, in dem äußerster Ehrgeiz auf unendliche Möglichkeiten stößt, denn nichts von dem, was man denkt, sagt, aufschreibt oder ausprobiert, ist zuvor jemals gedacht oder getan worden. Ein lautes und übermütiges Lachen, ein Schrei von Lebenslust und Maßlosigkeit füllt das Zeitalter, das die Götter für seinen Wagemut beschenken mit einer Perfektion der Schönheit, der Grazie und der Eleganz, als könne kein Fehl sein an dem, was noch ganz ohne die Müdigkeiten späterer Saecula zu sein scheint, rund, spiegelnd wie polierter Marmor und makellos wie das Lächeln der Athene über ihre eigene Stadt.

Azurblau, grün wie der griechische Frühling, rosenrot und golden, prangend und saftig steht die Stadt in einer reichen, ebenso üppigen Natur, und nicht minder kräftig sind die Farben, die sie dem Leben ihrer Söhne verleiht, die sie mit aller Kraft der Unvernunft liebt, um sie bei dem kleinsten Anlass zu verstoßen, ganz, wie ein Kind ein Spielzeug zertritt. Göttlich ist nur der Sieger, kein Mitleid schlingt weiche Arme um einen Unterlegenen, und was wie die Fähigkeit zur raschen Verzeihung, zur schnellen Revision unverhältnismäßiger Urteile ausschaut, mag nicht mehr sein als eine lachende Gleichgültigkeit in jenen Zeiten, in denen die Schönheit noch zu neu war, um der Brechung zu bedürfen, und die Amphoren noch nicht leergetrunken, auf deren Grund erst spätere Zeiten die schwere Süße der Melancholie finden sollten.

Strahlende Sieger wünscht sich das Volk von Athen, Helden wollen die Dichter besingen, und stolz, schön wie die Statuen dieser amüsantesten aller Götterwelten, mit jener sorglosen Verfeinerung eines Adels, der mit dem Schwert in der Hand durch ein schwankendes, stets durch die Könige der Perser bedrohtes Griechenland zieht, männlich und kraftvoll, laufen die Besten der Athener durch eine Welt, in der das Gute und das Schöne ebenso eine Einheit bildet wie Soldatentum und Gedankenfülle, Sinnlichkeit, Ehrgeiz und eine Lust am Spiel, wie sie nur der Gott und der Desperado aufbringen.

Es ist die Mitte dieser Welt, das Herz Athens, das 450 v. Chr. jenen Mann gebiert, den das Zeitalter selber geträumt haben muss, um ihn in Fleisch und Blut über die Agora der Stadt zu schicken: Neffe und Ziehsohn des Perikles, Schüler und Geliebter des Sokrates, Schwiegersohn des Hipponikos, des reichsten Mannes der griechischen Welt. Geliebt, vergöttert, verführerisch durch Anmut, Schönheit und Geist, glänzend im Feld und von einer Wendigkeit, die wir bewundern müssten, wäre sie uns nicht ein wenig unheimlich, ein wenig tierhaft in ihrer Unbedenklichkeit und von einer Leichtigkeit, die der Folgenschwere fremd geworden ist, die unsere Schritte hemmt und begleitet.

Ob es die Sucht nach Ruhm und Siegen war, die Alkibiades verlasst haben mag, Athen in immer weitere Kriege zu treiben, oder die Einsicht, dass das in allzu kleine Stadtstaaten zersplitterte Griechenland auf die Dauer den Feinden von außen keinen Widerstand zu leisten vermögen würde? Oder ob die Unruhe selbst sich eines Unruhigen bediente, um Athen in ein militärisches Abenteuer um das reiche Sizilien zu treiben, an dessen Besitz die Hegemonie innerhalb der griechischen Welt hing? Hingerissen von der Beredsamkeit des Alkibiades jedenfalls zogen die Krieger der Stadt über das Meer, aber das Glück war woanders, und so sehr das Volk von Athen den Alkibiades vergöttert hatte, so sehr forderte es nun seinen Kopf. In Abwesenheit verurteilte man den Glücklosen indes nicht wegen der Erfolglosigkeit im Felde, sondern wegen eines Streiches, einer Übermütigkeit, von der noch heute keiner sagen kann, ob er sie wirklich begangen: Noch während der Vorbereitungen des Feldzuges nämlich waren eines Nachts allen Hermes-Figuren, die die bilderreiche Stadt schmückten, die Köpfe abgeschlagen, überdies hatte der gesprächige Alkibiades angeblich die Geheimnisse der eleusinischen Mysterien ausgeplaudert und im Kreise einiger Freunde Parodien der heiligen Handlungen gefeiert. Er solle sterben, beschloss also die Volksversammlung, aber dass der Verurteilte nicht nach Athen zurückkehren würde, um sich dort hinrichten zu lassen, dürfte auch die Zeitgenossen nicht besonders überrascht haben.

Statt nach Athen fuhr Alkibiades also nach Sparta, zum monarchistischen Erzfeind, gewann auch dort Einfluss, wurde mächtig, schloss ein Bündnis mit dem Perserkönig und besiegte Athen bei Dekeleia. Wiederum verurteilte die athenische Volksversammlung den Alkibiades zum Tode, allerdings galt auch diese Verurteilung wiederum einem Abwesenden, und so wurde auch aus diesem zweiten Todesurteil nichts.

Vielleicht hätte Alkibiades Sparta die entscheidenden Siege verschaffen können, vielleicht wäre schon in jenen Jahren eine der mächtigen Stadtstaaten der hellenischen Welt erst prima inter pares werden können, und schließlich ein einheitliches griechisches Reich entstehen können, das einen anderen Weg genommen hätte. Vielleicht wäre das Römische Reich nicht entstanden in einer schon aufgeteilten Welt, und geachtet und geehrt hätte Alkibiades als ein spartanischer Feldherr altern können. Maßvolle Vernunft aber war seine Sache nie, und so begann der Maßlose nicht nur eine Affäre mit der Frau des spartanischen Königs Agis II., sondern jene erwartete von dem fremden Feldherrn sogar ein Kind, und so erstarb auch diese Chance eines einheitlichen griechischen Großreiches im Schlafzimmer der Königin von Sparta, deren Untertanen nicht viel übrig hatten für derlei Umtriebe.

Vor den lakedaimonischen Verwicklungen floh Alkibiades weiter, geriet an den Hof des Persers Tissaphernes, Provinzstatthalter des Großkönigs, und wurde wiederum mächtig, spielte Spartaner und Athener gegeneinander aus, und kehrte schließlich als Gewinner politischer Wirren innerhalb der attischen Polis mit einigen Siegen an der Brust umjubelt nach Athen zurück.

Langsam aber wurde Alkibiades alt, und die Göttin Athene, die die Jugend liebte, wandte sich ab von ihrem Sohn. Die Elastizität, die der Jugend vorbehalten zu sein scheint, fiel von ihm ab, und die Fähigkeit, zu bezaubern, zu verführen, und auf Fortunas goldener Kugel durch Griechenland zu rollen, muss den Alternden verlassen haben, denn nur wenige Jahre später entzog das Volk von Athen Alkibiades endgültig seine Gunst, der ein paar Schlachten verloren hatte. Wiederum flüchtete Alkibiades, aber diesmal sollte das Glück nicht auf seiner Schulter die Stadt verlassen, und so wurde Alkibiades am Hofe des persischen Satrapen, zu dem der Vertriebe sich geflüchtet hatte, auf Betreiben der fast ungriechisch nachtragenden Spartaner ermordet. Das Bedauern der Zeitgenossen, hört man, soll sich in Grenzen gehalten haben.

Wir aber, die wir zwei und ein halbes Jahrtausend später dem saftvollen, strotzenden Frühling unserer Welt ein halb sehnsüchtiges, halb belustigtes Lächeln hinterherschicken, werfen mit ein wenig mehr Bedauern der ungebrochenen Kraft und der Maßlosigkeit jenes Unverschämtesten der Athener eine Kusshand hinterher und hegen keinen Zweifel, dass selbst der Hades ihm leicht sein müsse, und Persephone selbst ihm hinter den schwarzen Strömen goldene Äpfel reicht.



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