Mittwoch, 17. Mai 2006

Religiöser Anfall

In aller Gottlosigkeit spaziert man also durch Berlin, und nicht einmal für’s Finanzamt in der Pappelallee gehört man jenem Personenkreis an, dessen Himmel angefüllt ist, und dessen Orkus nicht leer. Keine Hölle reißt über mir des Nachts ihren Rachen auf, keine Heiligen reichen hilfreiche Hände in meinen Tag.

Nur manchmal, nachts vielleicht oder am frühen Morgen, in der Reinheit des leuchtenden, unberührten Tages morgens um 5.00, kommt es mich an, dass die Welt vielleicht runder wäre, fleckenloser vielleicht ihr Spiegelbild, wäre da noch etwas, jemand, der die scharfen, rissigen Kanten der Welt glätten könnte mit einem Sinn, den man nicht zu verstehen braucht. Aber der Himmel bleibt mir leer, und die Zeiten fließen durch die Straßen der Stadt, als seien wir der Welt gleichgültig, weil wir zu schnell vergehen, als dass die Erde sich unseren Schritt merken würde, und der Wind unsere Worte zu rasch verweht.

Aber mag es der Sommer sein, vielleicht das Licht über der Rummelsburger Bucht, ein Abend, an dem sogar die Spree glänzt, als sei sie eines großen Gottes Schöpfung am ersten Tag, noch unberührt von allen trüben Blicken: Angefüllt und müde von Lärm und stetem Betrieb, getrieben über's das Zifferblatt mit hastigen Schlägen, bleibt die Stunde auf einmal stehen und lächelt mich an, und auf der Oberbaumbrücke, mitten in Berlin, durchdringt mich die rätselhafte Ebenmäßigkeit, die Größe, das Unvorstellbare all dessen, was mich umgibt, alle Ordnungen vom Kleinsten bis in jene Sphären, die ich nicht zu denken vermag, und ich möchte mich auf die Erde legen und demütig mein Gesicht im Gras verbergen und zu Ehren einer Gottheit, die zu erhaben ist, über mich zu lachen, lauter Verse in die Erde schreiben, wie groß und staunenswert die Welt geworden ist und wie erbärmlich jede Ironie.

Aber links von mir schieben sich die Wagen hupend an der Ampel vorbei, ein paar Jogger überholen mich, Kinder fahren auf Fahrrädern Richtung Kreuzberg, und da ist kein Gras und keine Erde, die Spree ist eine zu schmutzige Göttin, um zu ihr zu beten, und am Schlesischen Tor steht kein leuchtender Stier, der mich mit seiner Macht zu Boden würfe und anriefe Talitha Kumi, und so steige ich wiederum gottlos in die Tram und fahre nach Hause.

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