Sonntag, 22. Mai 2011

Was tust du, wenn du nichts tust?

Ein Bekannter hat mir kürzlich einmal erzählt, ihn rege das auf: Wenn man jemanden fragt: "Was hast du am Wochenende gemacht?", und der andere sagt "nichts". "Die müssen doch was tun!", hat mein Bekannter sich echauffiert. Die könnten ja nicht tageweise nur auf dem Sofa sitzen und vor sich hinstarren. "Nichts", sei die blödeste Antwort überhaupt. "Stimmt aber oft.", sagte ich und versuchte so ein bißchen zu schildern, wie das ist. Das Nichtstun an sich ist ja kaum wiederzugeben. Es hört sich auch einigermaßen blöd an. So träge, so unengagiert. Es ist aber die reine Wahrheit. Beispielsweise gestern.

Ich schlafe morgens ganz lange aus. Napoleon hat nur vier Stunden pro Nacht geschlafen, ich schaffe in der Woche immer nur so circa sechs, aber Samstag morgen hole ich das nach und schlafe bis elf. Mindestens. Dann tapse ich ins Bad, ich trinke Kaffee auf dem Balkon und winke den Nachbarn, und irgendwann dusche ich. Ich dusche lange. Ich habe vermutlich die gesamte Zeit, in der andere Leute Sport machen, Bücher schreiben oder musizieren in der Dusche verbracht. Ich dusche auch heiß, das hat schon einer meiner Sportlehrer als ein unfehlbares Zeichen von Charakterschwäche gebrandmarkt, aber das ist mir egal. Ich will krebsrot dampfen, wenn ich dusche.

Ich brauche zum Eincremen und Anziehen ziemlich lange. Ich brauche noch länger für meine Haare. Das liegt daran, dass alle anderen Leute, die hier auf den Markt gehen, unglaublich gut frisiert und zurecht gemacht aussehen. Mache ich nichts, fühle ich mich wie ein Klecks Spucke und das ist doof.

Auf dem Markt kann ich mich erst einmal nicht entscheiden. Ich brauche Hähnchenfleisch, ich brauche Lamm, ich brauche Käse. Ich kaufe einen Bergblumenkäse und einen Ziegengouda. Ich stehe ganz schön lange an. Vor mir erzählen sich zwei Frauen etwas über eine Dritte, die über Leichen geht und vor Intimitäten mit Intendanten nicht zurückschreckt, wenn es um ihr persönliches Fortkommen geht. Die beiden Frauen vor mir finden das unangemessen. Hinter mir dagegen scherzen zwei Männer mit Sonnenbrillen über Strauss-Kahn, Schwarzenegger und die Rückkehr des Dienstmädchens in die Libido des 21. Jahrhunderts.

Weil ich es ein bißchen eilig habe, gehe ich zu dem blöden Kaisers in der Pasteuerstraße, den ich eigentlich nicht mag, weil da grässliche Leute und ein mieses Sortiment zusammenkommen. Die Gentrification hat ein mieses Image, alles in allem, aber wenn man mich ehrlich fragt, wie ich es denn gern hätte, wenn ich einkaufen gehe, gefällt es mir beim Kaisers in der Winsstraße und bei der LPG eindeutig besser. Ich habe nichts gegen randständige Menschen, aber Leute, die hübscher aussehen und nicht so schlurfen, sind mir unabhängig von allen anderen Faktoren sympathischer als andere. Zum Kauf von Nudeln, Mehl und Milch reicht es aber auch so. Wein kaufe ich mit dem J. gegenüber und plaudere ein bißchen mit dem Weinhändler. Ich kenne rundherum den ganzen Einzelhandel. Einkaufen dauert deswegen manchmal mehrere Stunden.

Mein Friseur verschiebt mich wegen eines außerplanmäßig verlängerten Tanzworkshops in einer Brandenburger Scheune auf Dienstag und einen Moment bin ich leicht verzweifelt. Ich sehe nämlich inzwischen fürchterlich aus. Immerhin habe ich jetzt Zeit. Ich koche Bulgur in Gemüsebrühe auf und pelle Kartoffeln. Ich mache Rhabarberkompott und Vanillesauce. Ich schnipsele Gurken und Tomaten und Zwiebeln klein. Ich hobele eine zweite Gurke, ich gieße Fleischbrühe und Essig zusammen für die Kartoffeln. Ich lese sehr, sehr gern Kochzeitschriften, setze die Vorschläge einer originellen und eher progressiven Küche aber nie um. Es gibt - es kommt Besuch - also ganz normalen Kartoffelsalat und einen ebenso normalen Salat aus Bulgur.

Um 15.00 Uhr treffe ich eine Freundin und esse Eis. Die Freundin ist dieses Jahr vierzig geworden und gehört zu denjenigen Leuten, deren Existenz mich beruhigt, wenn ich Angst vorm Vierzigwerden habe, weil sie vierzig ist, aber genauso cool wie früher. Überhaupt geht's mir gut: Ich liebe das Schokoladensorbet bei Caramello, ich mag auch alle anderen Sorbets. Ich nehme an, die Eiscremes sind auch super, aber die kann ich mir nicht mehr leisten, so figurtechnisch. Ich muss sehr dringend abnehmen, ansonsten lachen die Kinder der Nachbarn mich demnächst aus, und ich traue ich mich nur noch in blickdichten schwarzen Säcken vor die Tür. Vielleicht werde ich verhüllungshalber Muslima.

Irgendwann später decke ich den Tisch und warte, dass es klingelt. Der J. hat Leute eingeladen, die das erste Mal zu zweit bei uns sind. Es wird gegrillt, und der Abend fließt so vor sich hin. Wir lachen. Ich erzähle irgendwas und versuche, die Kontrolle über das zu behalten, was ich esse. Die neuen Freunde haben Photots mitgebracht, die Lust aufs Wegfahren machen, aber an Wegfahren ist gerade nicht zu denken. Ich war ja kürzlich verreist.

Spät am Abend gebe ich ins Internet alles ein, was ich gegessen habe. Wie immer habe ich ein schlechtes Gewissen dabei, weil ich mir sicher bin, dass alle anderen Leute weniger essen als ich. Essen gehört für mich zu den schuldbeladensten Tätigkeiten überhaupt. Wenn ich sehr viel gegessen habe, beschimpfe ich mich manchmal beim Zähneputzen vor dem Spiegel.

Irgendwann ganz spät liege ich im Bett. Ich bin sehr müde. Ich lese noch ein paar Seiten, dann entgleitet den Worten der Sinn. Ich schließe die Augen. Wie ich vor dem Hergott stehe, stelle ich mir vor, so im Dösen neben dem lesenden J. Weißes Kleid, Flügel, Harfe, das volle Programm, imaginiere ich mich über den Wolken. "Wieso hast du so viel gegessen?", wird Gottvater donnern. Ich erröte. "Und was hast du gemacht in deinem Dasein?", wird er mich weiter fragen, und ich werde überlegen. In solchen Momenten ist man ja immer ganz dumm. "Nichts." werde ich sagen, und der liebe Gott wird sich ärgern. "Du musst doch irgendwas getan haben, die ganze Zeit.", wird er sagen, dabei wird "nichts" die bare Wahrheit sein. Ich habe nichts getan. Aber wer will das wissen.



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