Sonntag, 18. November 2012

Anders

Immerhin liest man jetzt nicht mehr so viel von diesen "Parallelgesellschaften", die im Sprachgebrauch von Rassisten mit Abitur den Umstand umschreiben, dass Leute, die nach Deutschland einwandern, meistens ein paar Jahre brauchen, bis sie Karnevalsvereinen beitreten und Bausparverträge abschließen. Ich war von diesen Artikeln immer so ein bisschen genervt, denn ich finde das eigentlich ziemlich normal und habe keine Lust, die ganze Zeit davon zu hören, wenn ich Zeitung lese. Bei denjenigen, die von den Parallelgesellschaften sprachen, wirkte die Verschiedenartigkeit von Leuten verschiedener Herkunft nämlich immer ganz und gar nicht normal, denn in der Gedankenwelt dieser Menschen ist Konformität ein ausgesprochen hochgehaltenes Gut.

Nicht so ganz verstanden habe ich zudem, warum diese Menschen Parallelgesellschaften eigentlich nur auf Gruppen von Leuten beziehen, deren Großeltern nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, aber auf der anderen Seite nicht mit der Wimper zucken, wenn sie drei S-Bahnstationen weiter auf Parallelgesellschaften stoßen, bei denen man glatt hintenüberfällt, wenn man mal drüber nachdenkt. Also beispielsweise ich heute in der Schwimmhalle an der S-Bahn Landsberger Allee. Das ist eigentlich nur 15 Minuten Fußmarsch weg, aber - die Berliner werden mir zustimmen - ganz ausgesprochen woanders. Orte, an denen mehr als 50% der Anwesenden tätowiert sind, suche ich an sich nämlich selten auf. Auch Ausrufe wie "Meiki, komm mal zu mich hin!", stammen eindeutig aus einer Parallelgesellschaft, in der ich nicht Mitglied bin.

Oder neulich im Flugzeug. Ich hatte das Hotel nämlich im Internet gebucht, und dann festgestellt, dass es pauschal nur halb so teuer war wie direkt gebucht oder über HRS oder so. Außerdem war der Flug schon drin. Was ich nicht bedacht hatte: Anscheinend fliegt - außer uns Sparfüchsen eben - kein normaler Mensch heute noch pauschal in Urlaub, und so saßen wir in einer Maschine der Lufthansatochter Condor zwischen lauter Leuten, deren Zugehörigkeit zu einer Parellelgesellschaft auf eine fast schon lächerliche Weise auf der Hand lag. Auch über diese Parallelgellschaft ist mir wenig bekannt. Fest steht allerdings, das man in dieser 20 kg mehr wiegt als woanders und Printmuster auf T-Shirts mag. Männer, die Mitglied dieser Parallelgesellschaft sind, tragen übrigens gern Kleidung mit der Aufschrift Camp David.

Im Hotel sind wir dann auf eine weitere Parallelgesellschaft getroffen. Diesmal absichtlich. Der geschätzte Gefährte ist nämlich mit einem Paar befreundet, dessen männlicher Teil in der Türkei Niederlassungsleiter für eine Waffenfirma geworden ist und dann stilecht mit blonder Frau und Kind im schneeweißen SUV im Hotel vorfuhr. Seine Welt sieht der meinen vermutlich sogar ziemlich ähnlich, zumindest auf den ersten Blick, aber bei genauerer Betrachtung sind die Unterschiede auch nicht kleiner als die zwischen uns und den Leuten, die nach einer Landung im Flugzeug klatschen, oder denen, die so ein ganz und gar handgefilztes Waldorfleben führen: Parallelgesellschaften, wohin man schaut. Meine Mutter etwa. Die Putzfrau. Oder der Typ, der morgens immer um 8.15 vor der Bäckerei Zessin über die Straße schlurft, um um 8.17 in immer demselben Abfalleimer nach Pfandflaschen zu graben.

Ich finde das großartig. Zumindest finde ich das lustig. Bisweilen wünsche ich mir, mehr über diese Existenzen zu erfahren, zum Beispiel aus Blogs. Aber wie diese Leute, die Parallelgesellschaften beklagen, mit dieser unglaublichen Diversität klarkommen: Das wüsste ich schon recht gern. Aber sie werden es mir kaum verraten.



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