Ein schöner Mann

Der Mandant ihres Mannes sprach fast nur russisch, und seine Frau konnte noch weniger englisch oder deutsch oder irgendeine Sprache, die auch die A. kann, und so verstand sie nicht sehr viel von dem Gespräch, bei dem um die Jagd ging oder um irgendwelche anderen Beschäftigungen, die die A. ohnehin nicht so schätzt.

Der Abend zog sich. Man war noch nicht einmal beim Zwischengang angelangt, und vor lauter Langeweile trank die A. ein Glas nach dem anderen. Champagner mit weißem Pfirsich. Ein elsässischer Muscadet. Ein sehr kräftiger Grauburgunder aus Österreich, und die Weine wurden von Gang zu Gang dunkler und schwerer.

So viel trank die A., dass der Sommelier begann, ihr verschwörerisch zuzuzwinkern, wenn er nachschenkte, und von vornherein ihr Glas etwas mehr zu füllen als die Gläser der anderen: Der Russe und seine Frau tranken kaum, als sei es ihnen wichtig, das Klischee des trinkenden Russen durch persönlichen Einsatz zu widerlegen. Ihr Mann nippte mehr oder weniger nur zur Gesellschaft und nickte mit ernster Miene, während der Russe über ein Investment in Haifa sprach, das sich nicht so entwickelte, wie es beabsichtigt war.

Die A. unterdrückte ein Gähnen und sah sich um. Der Raum war betont nüchtern, nichts von Kronleuchtern und goldenen Tapisserien, hinter einer großen Glasfront wogte ein Wald von bleichem Bambus durch Regen und Nacht, und an den beiden anderen Tischen, an denen Gästen saßen, schien es auch nicht amüsanter zuzugehen als an dem Tisch, an dem sie saß: Von ihr aus gesehen rechts saßen fünf oder sechs Männer im Anzug, aßen beiläufig und viel zu schnell, was man ihnen brachte, und lachten so laut, wie man es in der Öffentlichkeit eigentlich nicht tut, wenn man nicht allein ist. Man sprach englisch mit einem fremdartigen Akzent. Schräg links, ein gutes Stück weiter, saßen drei weitere Männer. Den einen Mann konnte die A. nicht richtig sehen, der Russe saß im Weg. Der zweite war hässlich, plattnasig und grob, aber der dritte Mann war so schön wie ein griechischer Gott: Groß, schlank, mit einem feinen, gesammelten Gesicht wie gemeißelt, vollem, grau melierten Haar und dunklen Augen. Vielleicht war er 45, vielleicht ein wenig älter, schätzt die A. das Alter des Mannes, der viel lächelte und nur gelegentlich sprach. An seiner rechten Hand trug er einen Siegelring mit einem grünem Stein.

Als der schöne Mann aufsah, blickte er die A. direkt an. Die A. sah ihm für einen Moment direkt in die Augen, dann sah sie weg, und als sie ihn wieder ansah, hob der fremde Mann amüsiert sein Glas. Die A. schüttelte lächelnd den Kopf.

"Kennst du den?", fragte ihr Mann die A., und die A. verneinte. "Ach so.", wandte ihr Mann sich wieder von ihr ab und sprach auf die Russen ein. Inzwischen ging es um Resorts am Atlantik, in denen investiert werden sollte oder auch nicht. Ab und zu sagte der Russe in seinem schlechten Englisch etwas über das Essen, und die A. nickte. Es gab etwas mit Hirschzunge, blättrig aufgeschnitten, ein Eigelb vom Onsen-Ei und irgendwelches Gemüse.

Als die A. aufsah, sah der schöne Mann sie wieder an. Die A. lächelte, halb in ihr Glas, halb zu dem schönen Fremden. Dann sah sie wieder weg. Alle paar Minuten blinzelte sie dem Russen über die Schulter, und wenn der schöne Mann gerade hinsah, lächelte er von Minute zu Minute hinreißender. Die schon ziemlich betrunkene A. lächelte meistens zurück.

Der Mann der A. und der Russe redeten nun deutlich engagierter aufeinander ein. Die A. trank weiter. Es gab einen Cabernet Sauvignon, einen Schwarzriesling, es gab Ente und irgendetwas mit Stockfisch, und zwischendurch gab es ein salziges Sorbet. Die A. aß, trank und lächelte, und irgendwann stand die A. auf und verschwand. In den Waschräumen stand sie lange, lange vor dem großen Spiegel und sah sich selbst in die Augen wie einer Fremden. Ihr Augen waren groß und grau, verschattet von sehr, sehr langen Wimpern, und die A. mochte, was sie im Spiegel sah.

Viel später erst ging die A. zum Tisch zurück. Langsam schlenderte sie den schmalen Gang entlang, lächelte sich noch einmal in der Fensterscheibe zu, und als der schöne Mann um die Ecke bog, lächelte sie noch immer. Als der schöne Mann stehen blieb, blieb sie auch stehen. "Hey.", sagte sie, weil der schöne Mann schwieg, und suchte in ihrem Kopf nach den richtigen Worten. "Sie sehen schön aus.", erschien ihr falsch, und so sagte sie gar nichts.

Als der schöne Mann die Hand ausstreckte, war die A. nicht einmal überrascht. Mit geschlossenen Augen überließ sie sich seinem Griff. Er roch, sagt die A., ebenso gut, wie er aussah, und seine Lippen waren fest und weich.

Bestimmt vier oder fünf Minuten küsste die A. den schönen Mann vor den Toiletten. Dann trat sie einen Schritt zurück. Man würde die A. vermissen, fürchtete sie, wenn sie jetzt nicht kam, und so lächelte sie den schönen Mann noch einmal an, verabschiedete sich dann mit einer gemessenen Neigung des Kopfes, ging zum Tisch mit ihrem Mann und den Russen zurück und sah den schönen Mann nicht mehr an den ganzen restlichen Abend.

Not quite like Beethoven - 4. Apr. 2010, 12:35 Uhr

Ein Blümlein am Wegesrand. Vielen Dank für diese sich so schön langsam entwickelnde Geschichte.
Modeste - 4. Apr. 2010, 18:51 Uhr

Männer werden ja generell zu selten mit Blumen verglichen.
Not quite like Beethoven - 4. Apr. 2010, 20:28 Uhr

Ich denke, das ist stark im Kommen...
Modeste - 4. Apr. 2010, 22:58 Uhr

Rosen mit Bartwuchs sind eine schwer vorstellbare Erscheinung.
arboretum - 5. Apr. 2010, 1:15 Uhr

rebhuhn - 4. Apr. 2010, 15:06 Uhr

... und seine Lippen waren fest und weich.

wow - ein toller text. von der art, daß ich geradezu atemlos lese und aufpassen muß, vor lauter voran eilen nicht die schönen wörter zu verpassen! :)
Modeste - 4. Apr. 2010, 18:52 Uhr

Ja, da schlägt die Klischeewünschelrute halt auch einmal an - ich hoffe, es geht sich noch so halbwegs aus.
julian_kay - 4. Apr. 2010, 20:00 Uhr

Mademoiselle Modeste: Es geht sich noch so halbwegs aus - ja woher kommen Sie denn? Da kommt mir doch glatt die Alpenrepublik in den Sinn...
Modeste - 5. Apr. 2010, 23:14 Uhr

Als gelernte Berlinerin sind mir diese älplerischen Umtriebe vollkommen fern.
albannikolaiherbst - 5. Apr. 2010, 18:00 Uhr

Nur ein kleines Lektorat für den letzten Satz: "den ganzen restlichen Abend" etwas vorschieben, weil der Satz so, wie er jetzt dasteht, ein semantisch-grammatisches Verlesen allzu nahelegt; außerdem ist "den ganzen restlichen Abend" eine adverbiale Bestimmung der Zeit, wird aber ohne ein z.B. "über" zu einem quasi-Objekt. Hier verbergen sich feine Tücken der Stilistik.
Modeste - 5. Apr. 2010, 23:14 Uhr

Da haben Sie recht, und ich fühle mich ein wenig ertappt. In der Tat fehlt hier mindestens ein "über" oder "für", das an dieser Stelle auch erst stand, dann aber dem Rhythmus geopfert wurde, der mir ohne diese Präposition hübscher erschien.
kid37 - 5. Apr. 2010, 23:21 Uhr

Und zum Glück gibt die deutsche Sprache diese poetischen Freiheiten auch her.
albannikolaiherbst - 6. Apr. 2010, 8:52 Uhr

@kid37.
Sie gibt auch den Verlust des Genitivs her. Überhaupt a l l e s gibt sie unterdessen her. Es sind, mag sein, Freiheiten, die man sich herausnimmt; poetische sind es nicht.
@Mme Modeste.
Mit einer Synkope arbeiten.
kid37 - 6. Apr. 2010, 10:50 Uhr

Aber ja. Die großen Freunde Ellipse und Inversion. Und wenn, dann immer nur poetische.
Lady Jane - 6. Apr. 2010, 22:26 Uhr

@albannikolaiherbst. Achja, des Sprachpolizisten poetisches Vermögen. Wer schulmeistert, sollte vielleicht selbst ein wenig mehr Sorgfalt auf den sprachlichen Ausdruck verwenden: "feine Tücken der Stilistik", naja ... Eins, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein!

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