Heiraten

"Oh nein!", sage ich und verkneife mir das Lachen. Immerhin geht es um die Schwester der K., deren Freund ihren Heiratsantrag abgelehnt hat. "Oh doch.", nickt die K. zur Bestätigung und lacht nun selber. Die Szenerie sei, entschuldigt sie sich bei der abwesenden Schwester, einfach zu komisch gewesen.

Wieso die Schwester nicht einfach abgewartet hat, bis ihr Freund von selber fragt, weiß die K. leider auch nicht. Vielleicht hat er sich allzu lange Zeit gelassen, möglicherweise hat die Schwester auch gedacht, er warte nur auf einen beherzten ersten Schritt seiner Freundin, aber wie auch immer: Sie kaufte einen Ring. Sie kaufte Champagner. Sie lotste ihren Freund auf die Pfaueninsel, die leider nicht leer war letzten Sonntagmorgen, und irgendwo zwischen den Schlösserattrappen Friedrich Wilhelm IV. fiel sie auf die Knie.

"Das ist ja schon eher ungewöhnlich.", kommentiere ich diesen seltenen Akt der Emanzipation und kaue mein Pad Thai besonders gründlich, damit auch eine halbe Portion reicht. Ich will zwar nicht heiraten, aber so fett, dass ich auch niemals heiraten könnte, möchte ich nun auch nicht werden.

Der Freund der Schwester stand wohl eher etwas hilflos vor seiner Freundin und sah sich um. In einiger Entfernung sahen andere Spaziergänger neugierig zu dem Paar herüber. Er versuchte sie aufzuheben, aber sie schüttelte entschlossen den Kopf. Es gebe etwas zu besprechen. Dann zückte sie den Ring.

Nun sind die Schwester und ihr Freund nicht erst seit gestern ein Paar, und vermutlich kennt er die Neigung seiner Freundin zu unkonventionell energischem Auftreten. Ihre Schwester, behauptet die K., sei nämlich generell eher etwas forsch. Einen Heiratsantrag hatte er gleichwohl offenbar nicht erwartet, denn er wich angstvoll einige Schritte zurück, schüttelte erst einmal, dann ganz oft den Kopf, und dann ging er einfach weg.

Den Champagner hat die Schwester dann allein getrunken. Wie auch immer es ihr gelungen ist, diesen Affront zu verzeihen: Man bleibt bis auf Weiteres ein unverheiratetes Paar. Den vorsorglich reservierten Festsaal hat sie abgesagt.

steppenhund - 27. Aug. 2009, 0:24 Uhr

Wenn der Mann mit der Situation so wenig umzugehen weiß, frage ich mich, was die Schwester von K. überhaupt an ihm findet.
Er muss ihn ja nicht annehmen, aber da gibt es viele Gelegenheiten, diese Situation aus zu kosten und zu genießen.
Ist ihm der Gedanke an Heiraten sooo fremd und sie wollte das nicht wahrhaben, dann frage ich mich, was sie sonst aneinander finden.
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Ich hätte das ziemlich cool gefunden. Aber meine Frau wollte weder heiraten noch Kinder kriegen. Irgendwie hat es dann doch geklappt:)
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Hilflosigkeit ist eigentlich ziemlich deprimierend.
Modeste - 28. Aug. 2009, 0:09 Uhr

Deprimierend ist das bestimmt für alle Beteiligten. Es ist ja traurig, etwas nicht zu können, was derjenige gern möchte, den man liebt, und dass Zurückweisung schmerzt, darüber braucht man ja kaum zu sprechen.
kaltmamsell - 27. Aug. 2009, 6:41 Uhr

Dabei habe ich schon mancher jungen Frau auf ihren Seufzer, wann er sie wohl endlich um Verheiratung bitte, geraten, doch einfach selbst zu fragen. Werde künftig zunächst die grundsätzliche Heiratsbereitschaft des Herrn abfragen.
Modeste - 28. Aug. 2009, 0:10 Uhr

Ich bin mir sicher, so etwas kommt sehr selten vor.
kittykoma - 27. Aug. 2009, 11:09 Uhr

oh gott! die szene ist ja wirklich filmreif. und da sag einer, daß die deutschen beziehungsfilme nicht nah am leben sind.
spontane assoziation beim lesen: was für eine arschlose generation. er, weil er nicht den arsch in der hose hat, mit feingefühl nein zu sagen, sondern wegrennt. sie, weil sie nicht den arsch in der hose hat, die konsequenzen zu ziehen, sich ihren herzenswunsch anderweitig zu erfüllen.
beide, weil sie nicht den arsch in der hose haben, ihr leben auf eine verantwortungsvollere basis zu stellen.
jetzt mal diskussionen über sinn und unsinn von heiraten außen vor. ich muß nicht noch einmal heiraten, aber einmal im leben sollte eine frau eine braut sein und einmal im leben sollte ein mann das gefühl bekommen, daß das leben ernst wird.
steppenhund - 27. Aug. 2009, 12:00 Uhr

Ich glaube, das mit dem Brautsein hat sich in einer bestimmten Weise für bestimmte Kreise überholt. Die Einzigartigkeit einer derartigen lebenslangen Planung ist die Voraussetzung dafür, dass Braut sein etwas besonderes ist. Wenn von Anfang an das Scheitern kalkuliert wird, so ist es halt irgendeine "größere Fete".
In den Dingen mit der Hose stimme ich dir vollinhaltlich zu.
kittykoma - 27. Aug. 2009, 12:53 Uhr

das mit dem Brautsein hat sich in einer bestimmten Weise für bestimmte Kreise überholt
meinst du wirklich? also wenn ich um mich herum die bräute sehe (gut, alle 10 jahre jünger als ich), dann geht nichts über diesen status und diese kostümierung.
steppenhund - 27. Aug. 2009, 13:06 Uhr

Vielleicht ist das eine Frage, in welcher Gruppe man sich bewegt.
Der Bruder meiner Frau hat damals geheim geheiratet. Da war überhaupt kein Brauttum dabei.
Meine jüngere Tochter hat es genossen und zelebriert.
Bei meinem Sohn war es irgendwo dazwischen mit einer tollen Feier danach.
Meine ältere Tochter wird vermutlich nie ihren Mann heiraten. (Außer es ergibt sich vielleicht einmal ein unmittelbarer bürokratischer Vorteil.) Für uns hat es den Vorteil (!?), dass die Kinder auch unseren Familiennamen tragen, obwohl sie nach dem Vater hätten heißen sollen -wenigstens das zweite Kind.
Ich frage mich aber, ob die Disko-Generation und die Frauen, die sich am liebsten bei Heidi Klum bewerben, wirklich das Brauttum wollen, oder ob ich es ihnen gönnen sollte.
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Im Wesentlichen bin ich aber wahrscheinlich zu reaktionär. Nur wenn die Ehe (mit oder ohne Kirche) als das Langzeitprojekt gesehen wird, stellt eine Braut etwas dar. Sonst kann sie sich doch bei einem Life-Ball viel besser herausmotzen.
timanfaya - 27. Aug. 2009, 18:25 Uhr

braut rulez! beim zweiten mal gab es bei mir nur zwei beteiligte, die protagonisten. inklusive hochzeitsfoto im fotoautomaten, der beginn eines ungeplanten und unvergeßlich schönen grauen dezembertages [nein, nicht deswegen ...] in einer entfernten stadt. niemand wußte bescheid. wenn ich's mit dem ersten mal vergleiche [klassisch] würde ich jedem dringlich zur zweiten variante raten. weil man es besser und komplett genießen kann, so ganz ohne andere menschen ...

p.s.: boah, weglaufen. geht ganicht.

p.p.s.: erstaunlich am rande - beim zweiten mal macht man das tatsächlich noch bewußter.
Modeste - 28. Aug. 2009, 0:11 Uhr

Ich glaube, es ist der Wunsch, für einen Tag im Mittelpunkt zu stehen, Prinzessin zu sein. Ich möchte das nicht, ich hatte und habe Angst vor derlei Festlegungen, aber das Gefeiert werden, das stelle ich mir bisweilen schon schön vor. So ein Kleinmädchentraum von Krönchen und Tüll.
timanfaya - 28. Aug. 2009, 11:01 Uhr

... das mit den festlegungen und dem arsch in der hose, DAS ist das eigentliche problem der heutigen zeit. heiraten? kinder? verantwortung im job übernehmen über die ich auch komplett stolpern kann? da kann ich mich ja garnicht mehr umentscheiden!

ich halte es da eher mit john wayne.
das vereinfacht mitunter vieles.
rosmarin - 3. Sep. 2009, 2:04 Uhr

perfekt auf den punkt gebracht, werte kittykoma
blogger.de:curly - 27. Aug. 2009, 21:44 Uhr

Au weia! Eine sehr mutige Aktion...
Also ich habe gelernt, mich manchmal etwas zurück zu halten. Wobei ich mich frage, warum...
Vielleicht will der Mann ihr ja noch einen tollen Antrag machen und hat sich schon etwas ausgedacht und deshalb abgesagt. Mhh. Es ist aber auch nicht einfach.
Auch wenn man eine Hochzeit eigentlich nicht braucht, weil man sich auch so darauf verständigen kann, für immer und ewig gemeinsam den Weg zu gehen, ist es doch etwas ganz Besonderes. In meinem Freundeskreis wird nächstes Jahr geheiratet und die Braut hat jetzt schon dieses Funkeln in den Augen ;-)
Modeste - 28. Aug. 2009, 0:12 Uhr

Etwas Besonderes ist es bestimmt. Das mag paradox anmuten, aber solange man die Liebe nicht mit der Ehe verwechselt, ist es für manche bestimmt schön, verheiratet zu sein und zu heiraten.
walhalladada - 28. Aug. 2009, 0:34 Uhr

Unglaubliche Geschichte....Wie kann man denn - erst Recht als Frau - so die Contenance verlieren.?
Anuta - 28. Aug. 2009, 16:20 Uhr

"erst recht als Frau" - lalalalala. Ich liebe diese Art von Sexismus, sie ist so schön wohlwollend!

Meine Freundin K. hat dagegen vorgestern berichtet: "I blurted out, ‘will you marry me?’ R. looked shocked but, like a well trained social worker, asked me to clarify the question (which I did) and very happily he said yes... and then I burst into tears!"

Dass R. sich erst versichern ließ, dass die K. ihre Frage ernst meinte, ist ihm nicht zu verdenken, sie meint fast nie etwas ernst.
Terpsichore - 28. Aug. 2009, 17:47 Uhr

Oh. Mein. Gott.
mark793 - 28. Aug. 2009, 20:30 Uhr

Autsch. Das ist natürlich ein herber Rückschlag für die Emanzipation der Frau und die Versuche des gender mainstreamings, festgefahrene und überkommene Geschlechterrollen etwas aufzulockern.

Wie auch immer: Diesem Typen möchte man mal ganz gepflegt einen Tritt in den Allerwertesten verpassen. Weglaufen. Tsss.
g a g a - 29. Aug. 2009, 13:33 Uhr

Ich frage mich gerade, warum ich albern lachen muss. Ist ja eigentlich doch recht traurig!
NoXxLynXx - 31. Aug. 2009, 20:39 Uhr

da gehts dir vermutlich wie mir.
ich musste auch spontan albern lachen.
und was hat eine dermaßen dämliche aktion mit emanzipation zu tun? wer da vergleiche zieht, hat irgendwie den dahinter stehenden gedanken nicht so ganz richtig verinnerlicht.
wenn sich ein depp gleich welchen geschlechts nun mal vornimmt, sich als peinlicher clown zu gerieren, ist das dessen angelegenheit. das arme, just und ohne warnung unverfroren der lächerlichkeit preisgegebene opfer als "ohne arsch in der hose" zu bezeichnen, scheint mir doch eher auch eine leicht sinn-entleerte wutschnauberei als ernsthaftes gedanken-gut über gleichberechtigung zu sein.
und im übrigen.
dass die beiden noch zusammen sind, wundert mich auch.
so gern ich dergleichen anekdoten lese, passierte dergleichen mir selbst, wäre dem beknackten verursacher nach meiner reaktion für die nächsten 20 jahre die heiraterei vergangen.

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