Über Übergewicht

Mittwoch, 10. August 2005

Qualen

„Avocados.“, rät die I., denn die würden beim körpereigenen Verbrennungsprozess mehr Kalorien verbrauchen, als sie enthielten. „Kann ich mir nicht vorstellen.“, sage ich, und überlege ergebnislos, warum ausgerechnet diese delikate, mir indes als eher fetthaltig bekannte Frucht diese Eigenschaft aufweisen sollte. Ananas empfiehlt eine andere Freundin, und unisono raten alle mir befreundeten und, wenn auch erfolglos, diäterfahrenen Personen zur nach der gleichnamigen Frauenzeitschrift benannten Brigitte-Diät.

Ein kurzer Blick in das mir von befreundeter Seite übermittelte Rezeptbuch indes trifft mich wie ein ordentlicher Schlag mit dem Depressionshammer. Nicht nur, dass die Auswahl zwischen einer Vielzahl möglicher Diäten meine ohnehin höchstens mittelmäßig entwickelte Entscheidungsfreudigkeit komplett überfordert: Dass von diesen Mengen überhaupt jemand satt werden soll, kann ich nicht glauben. Wissen Sie, wie viel – nein: wie wenig – 60 Gramm Spaghetti sind? Bei überschlägiger Schätzung esse ich normalerweise pro Mahlzeit ungefähr 200 Gramm zuzüglich Sauce und Käse. Hundert Gramm Kartoffeln sind, stelle ich fest, nicht ganz drei mittelgroße Exemplare, und zwei Scheiben Knäckebrot mit sehr dünnem kalorienreduziertem Käse und Gurke dazu sind keinesfalls geeignet, mich zufriedenzustellen.

„Mach bloß keine Diät.“, äußert der geschätzte ehemalige Gefährte, und malt die negativen Folgen einer andauernden Misstimmung auf meine Beziehungen zur Umwelt in schwärzesten Farben aus. Im schlimmsten Fall, so mein verehrter Exfreund J., würde ich nach drei Wochen Diät zwar wieder in alle meine Kleidungsstücke passen, aber niemand wäre nach aggressiven verbalen oder gar körperlichen Angriffen mehr willens, mit mir in dieser Montur zusammentreffen. „Du willst doch bloß, dass ich nie wieder einen neuen Freund habe.“, brülle ich Motivationsbremse J. in den Hörer entgegen. „Iss´erst mal was.“, entgegnet jener ungerührt, und legt auf.

Überhaupt besteht die ganze Stadt aus Buttercreme und Sahne. Keine Straße, die nicht Versuchungen böte. Eine Waffel in der Oderberger? Ein Florentiner bei Napoljonska? Vielleicht eine sehr kleine Tarte Tatin in der Rykestraße, ein Stück Obstkuchen ohne Sahne auf dem Rückweg die Wörther entlang? Selbst am Abend, auf den schilfgrünen Polstern des Visite ma Tente lockt in der Vitrine auf dem Tresen ein Millefeuille neben hellen und dunklen Eclairs, und der Versuchung knapp entkommen laufe ich, den Fahrstuhl missachtend, die Treppen hinauf vorbei an Wohnungstüren, aus denen es verlockend duftet.

(Ab morgen wird still gelitten, versprochen.)

Montag, 8. August 2005

Zwölf Stunden der Entbehrung

Den einen oder anderen meiner verehrten Leser ist es mir offensichtlich gelungen zu täuschen, und immerhin diese Menschen – sieht man einmal ab von meinem verehrten Vater – hegen von meiner Person ein offenbar durchaus idealisiertes Bild. Tatsächlich allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, befindet sich in der DNA, die ein nicht nur gütiger Schöpfer in meine Zellkerne getopft hat, die vollständige Anleitung für den Bau eines Nilpferdes.

Haben Sie schon einmal versucht, einem Nilpferd einen jadegrünen, schmal geschnittenen Rock mit Stickereien drauf anzuziehen? Haben Sie das Nilpferd mit eingezogenem Bauch vor seinem Spiegel fluchen hören? Mit einem herzhaften Aufschrei warf das Nilpferd – also ich – den Rock in eine Ecke, stieg in seine Lieblingsjeans, und verließ das Haus mit dem festen Vorsatz, diesmal aber nun wirklich eine drastische Gewichtsreduzierung vorzunehmen.

Zu der Apfelschorle in der Uni gab es keinen Muffin. „Nein.“, hörte ich mich dann sagen, „ich esse zu Hause.“, und überließ die B. ganz alleine einer unmäßig großen Pizza in den S-Bahnbögen. Ich ging zu Fuß: Die Linden hoch, am Lustgarten vorbei, vorbei am Hackeschen Markt, und dann stracks nach Hause. Kalt war´s, und beim Bäcker Zessin in der Zionskirchstraße, wo der Kuchen besser schmeckt, als man nach dem optischen Eindruck nach glauben sollte, verlangte ich ein halbes Mischbrot und ließ den sahnegefüllten Windbeutel und die Käsetorte einfach so stehen. Drei Kartoffeln gab´s, Magerquark mit gehacktem Harzer Käse, Kümmel, Zwiebel und Paprika dazu, und fast hätte ich mir nicht einmal ein Ei dazu gebraten. In sehnsüchtigen Träumen von sahnigen Saucen und Tortelloni mit Gorgonzolafüllung saß ich sodann vor meinem Rechner, arbeitete ein wenig vor mich hin, und aß den ganzen Nachmittag zwei Nektarinen und einen Kohlrabi, der, wie ich an dieser Stelle einmal mitteilen möchte, ein durchaus überschätztes Gemüse darstellt. Ich bin nicht so für Rohkost.

Eine Essenseinladung sagte ich ab. Die Schokolade habe ich an einen sicheren und außerhalb meiner Wohnung belegenen Ort verbracht. Zu Abend bestrich ich zwei Scheiben des Mischbrotes mit so dünn Butter, dass man durchschauen konnte, und häufte Hüttenkäse und ein paar Tomatenscheiben drauf. Mit einer Schale ungesüsstem Pfefferminztee, meine Damen und Herren, sitze ich vor meinem Rechner, unaufhörlich kreisen meine Gedanken um ein Stück Sachertorte.... oder Pfifferlinge in Rahm mit Semmelknödeln dazu. Ein riesengroßes Stück Käse, Appenzeller vielleicht oder ein Brebiou.

In allen Büchern scheint´s, ist nur von Gelagen die Rede. Das ganze Internet beschäftigt sich monothematisch mit der Frage, was man essen könnte, und jeder meiner Freunde, der mich sehen will, schlägt entweder Mahlzeiten in Restaurants oder zu Hause vor.

Es ist zum Heulen. Und der Rock passt immer noch nicht.


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