Über Liebe

Montag, 30. März 2009

Geschichte ohne Pointe

Jeden Morgen, erzählt man mir, steht die D. um 7.30 auf. Dann putzt sie Zähne. Weil die D. abends duscht, reicht morgens eine Katzenwäsche. Um 8.00 Uhr steht die D. vor ihrem offenen Kleiderschrank und überlegt, was sie anzieht. Ihr Hund Yoram schaut ihr dabei zu. Jeden Montag muss die D. wegen einer Besprechung ein bisschen früher ins Büro als sonst. Dann verschiebt sich ihr Plan eine halbe Stunde nach vorn. Dass ärgert die D., nicht nur wegen der halben Stunde Schlaf, sondern auch wegen ihm.

Von Dienstag bis Freitag dagegen trifft sie ihn regelmäßig. Er ist so circa 40 und steigt jeden Morgen in dieselbe Bahn wie die D. Er ist schon etwas grau, glatt rasiert und sehr, sehr schlank. Er sieht konservativ aus, trägt dunkle, spiegelnde Schuhe, klassische Anzüge, die teuer aussehen, und im Winter einen dunkelgrauen Mantel. Manchmal trägt er eine Aktentasche. Meistens nicht.

Wenn die D. in die U-Bahn an der Rosa-Luxemburg-Straße steigt, steht er immer schon auf dem Bahnsteig. Die D. trinkt jeden Morgen einen Latte Macchiato, den sie sich auf dem Weg zur Bahn holt. Er trinkt nie irgendetwas, und beim Essen hat sie ihn auch noch nie gesehen.

Obwohl die D. ihn jeden Morgen sieht, grüßen sie sich nicht. Einmal hat die D., als sie an ihm vorbeiging, halblaut „Guten Morgen“ gesagt, aber er hat nur kurz aufgesehen und dann wieder weg. Deshalb nimmt die D. an, dass er nicht gegrüßt werden will. Er grüßt aber auch keine anderen Leute, und während die D. in der U 2 Richtung Mitte jeden Morgen ihre E-Mails checkt, sitzt er einfach nur da und liest die ersten Seiten der FAZ. Wenn sie aussteigt, Haltestelle Stadtmitte, bleibt er sitzen.

Dass sie ihn in verliebt wäre, wäre, sagt die D., zuviel gesagt. Er interessiert sie. Wenn sie allein zu Hause ist, stellt sie sich manchmal vor, er würde klingeln. Wenn sie an ihm vorbeigeht, verlangsamt sie ihren Schritt. Ab und zu sitzt sie in der Bahn neben ihm und kann ihn riechen. Er riecht nach einem Parfum, das „Limes“ heißt, und ich frage mich für einen Moment, woher sie das weiß. Vielleicht hat sie an vielen Fläschchen gerochen, um herauszufinden, wie dasjenige heißt, das im Bad des fremden Herrn zu Hause steht.

Oft hat sich die D. schon gefragt, wo er hinfährt. Bis zum Zoo würde niemand mit der U-Bahn fahren, denn dort bringt einen die S-Bahn schneller hin. Vielleicht fährt er nur bis zur Mohrenstraße, möglicherweise arbeitet er auch am Potsdamer Platz. Dort haben viele Männer ihr Büro, die Anzüge tragen und in der FAZ lesen.

Letzte Woche, erfahre ich, ist die D. deswegen einfach sitzen geblieben. Sie ist nicht an der Stadtmitte ausgestiegen, sie hat einfach weiter ihre E-Mails gelesen, und abgewartet, wo er hinfährt. Nachgegangen, sagt sie, wäre sie ihm aber nicht. Eine Station weiter wäre sie ausgestiegen, dann wäre sie umgekehrt, mit der nächsten Bahn zurückgefahren und hätte im Büro gesagt, sie habe eine Bahn verpasst. Er aber habe ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„Aussteigen nicht vergessen.“, habe er ihr gesagt, ohne aufzuschauen von seiner Zeitung. Rot sei sie geworden, aber das habe er vermutlich nicht gesehen, und dann sei sie direkt eine Station nach Stadtmitte ausgestiegen. „Danke“, habe sie ihm zugerufen, als sie ging, aber er habe nichts gesagt, nur genickt, und wo er aussteigt, weiß sie immer noch nicht.

Sonntag, 15. März 2009

Heute ist Dein Glückstag, Baby

Selbst mit den nachsichtigen Augen einer großen Schwester ist der jüngste Bruder der A. ein wenig sonderbar, wie man mir berichtet, und so nimmt es nicht wunder, dass jener, den wir hier einmal F. nennen wollen, auch mit 23 nur auf wenige und zudem eher etwas verkrüppelte Erlebnisse mit Frauen zurückblicken kann. Eine echte Beziehung – also ein Verhältnis, das beide Beteiligte übereinstimmend als solche bezeichnen – war bisher noch gar nicht dabei.

Die Ursache für dieses vom kleinen Bruder als zunehmend schmerzlich empfundene Defizit verortet dieser, wie es so zu gehen pflegt, nun offenbar nicht in seiner Sonderbarkeit, die sich etwa in einem merkwürdigen Erscheinungsbild und einem erstaunlichen Interesse für brutale Comics und kindlich anmutende Rollenspiele offenbaren soll. Vielmehr halte der kleine Bruder offenbar ein technisches Defizit für verantwortlich, wie der Kleine vor etwa zehn Tagen auf Gran Canaria, wo die A. mit Mutter und beiden Brüdern eine Woche in einem Ferienhaus verbrachte, quasi aus dem Nichts seiner erstaunten Schwester offenbarte.

Man habe, berichtet mir die A. also am Pool gelegen, ihre Mutter habe eingekauft, warm sei es gewesen und mit der Vogue auf den Knien habe sie in aller Ruhe ihre Fußnägel lackiert und diese im warmen, canarischen Frühlingswind zum Trocknen ein bisschen geschüttelt. Auf der Liege neben ihr lag ihr kleiner, käseweißer Bruder, las einen in mythischer Vergangenheit spielenden Roman mit einem wahrhaft abschreckenden Titel, den sie zum Glück vergessen habe, und betrachtete unverwandt, so, als habe er so etwas noch nie gesehen, die Füße seiner Schwester.

„Du kommst ganz gut an.“, habe er sodann nach einer längeren Phase der Stille geäußert. Zufrieden habe die A. genickt. In der Tat feiert jene bei den Berliner Männern erstaunliche Erfolge auf der ganzen Klaviatur von Wohlgefallen bis Begeisterung. - Er selbst indes, habe der kleine Bruder fortgefahren, könne dies leider nicht von sich behaupten. Die A. zuckte mit den Schultern. Das Problem, so bedeutete sie ihm, sei bekannt. Für einen Moment hätten beide geschwiegen. „Ich habe den Bogen halt nicht raus.“, habe der kleine Bruder geseufzt, und für einen Atemzug überlegte die A., ein paar Takte über alte T-Shirts, billige Friseure, schlechte Musik und komische Hobbies anzubringen. Bevor sie aber ansetzen konnte, sprach der F. weiter.

Manche Männer, teilte er düster mit, wüssten halt, wie man die Frauen anginge. Ein paar Worte genügten, und Telefonnummern würden übergeben, Termine vereinbart, und dann gehe mehr oder weniger alles von selbst. Solche Gelegenheiten seien es, die ihm fehlten, besser gesagt: Die Kunst, derlei Gelegenheiten, wo sie sich bieten, auch zu ergreifen, und um dieser unguten Situation ein- für allemal ein Ende zu setzen, wende er sich mit einer zugegeben offenherzigen, möglicherweise ein wenig überraschenden Bitte an sie: Die A. als Expertin in dieser Arena, so bat er, möge ihm einige Sprüche aufschreiben, ebenso originelle wie überzeugende Formeln der Kontaktaufnahme, die er sich merken und fortan zur Kontaktaufnahme verwenden werde. Er denke an so etwa zehn, um sich nicht die ganze Zeit zu wiederholen.

Die A. war sprachlos.

Sie habe nach Ablauf jener knappen Sekunde der Irritation wirklich nicht aus Boshaftigkeit gelacht, beteuert die A. Ihr Bruder aber sei nun sturzbeleidigt, gar nicht wieder zu beruhigen und ernstlich verstimmt über diese Verweigerung der aktiven Mithilfe an seinem Lebensglück.

Sonntag, 12. Oktober 2008

Die B. zieht Konsequenzen

Tatsächlich ist die B., wie ich erfahre, fertig mit der Liebe und wird sich fortan auf ihr berufliches Fortkommen konzentrieren. Dies liege auch nicht nur an dem unrühmlichen Ende ihrer letzten Beziehung mit einem langzeitarbeitslosen Historiker. Vielmehr habe sie diese Geschichte zum Anlass genommen, einige grundsätzliche Überlegungen über das individuelle positive Potential von Beziehungen anzustellen und sei dabei zu negativem Ergebnis gelangt.

„Oha.“, sage ich etwas unschlüssig hinsichtlich einer angemessenen Reaktion und frage nach den Gründen. Das Projekt eines Lebens mit Mann sei leider aussichtslos, erläutert mir hierzu die B., denn es verhalte sich wie folgt:

Zum einen – und dies sei fast das Wichtigste – komme sie auch allein gut durchs Leben. Anders als etwa die A., die einen Hang zum Luxus, aber keine Neigung zur Berufstätigkeit habe, sei sie auf einen finanziellen Zufluss von dritter Seite nicht angewiesen. Auch psychisch brauche sei keinen Mann und beherrsche sowohl die Pflicht des Singlelebens, wie Einladungen unter lauter Paaren, wie auch die Kür wie etwa Weihnachten oder Silvester. Im Gegensatz etwa zu mir sei sie zudem in Alltagsdingen bekannt selbständig und könne nicht nur Auto fahren, sondern auch Wasserkästen schleppen und bekäme ihre Katze ohne fremde Hilfe zum Arzt.

Seit ein Mann in ihrem Leben daher aber keine Notwendigkeit, sondern nur eine wünschenswerte Ergänzung, so steigere das ihre Kompromissbereitschaft naturgemäß nicht. Wieso, so fragt die B. erkennbar rein rhetorisch, so solle sie einen Mann zu sich nehmen, der ihr nicht besonders gut gefällt? Wozu etwa dann ein Anhänger erbärmlicher Weltmusik, wie der beste Freund ihres Bruders, den dieser in letzter Zeit auffällig oft erwähnt? Wieso mit jemandem seine Zeit verbringen, der sich komisch anfühlt oder seltsam lacht? Weshalb Verabredungen mit jemandem eingehen, der – wie ihr letzter Freund – nie selber zahlt, weil sein Einkommen für jedes Restaurant, das der B. gefällt, nicht ausreicht, gleichzeitig aber nicht einmal Bewerbungen verschickt, um das zu ändern?

Komme aufgrund der dargelegten Umstände aber nur ein ausgemacht schöner, kluger und gebildeter Mann in Betracht, der zudem beruflich zumindest halbwegs erfolgreich sein sollte, sozial nicht völlig verkümmert sei, und (in Ergänzung einer bekannten Schwäche der B.) vernünftig kochen kann, so stünde man sozusagen Auge in Auge mit dem Problem. Denn warum – die B. wird unwillkürlich etwas lauter – solle jemand, der so sei, wie es ihr gefalle, ausgerechnet zu ihr eine Neigung entwickeln? Denkbar wenig habe sie denjenigen zu bieten, die es sich vermutlich aussuchen können, mit welcher aus einer Schar unzähliger Damen sie ihre Freizeit verbringen, und entsprechend sei auch keiner ihre ohnehin nicht so besonders zahlreichen Exfreunde diesem Ideal nahe gekommen.

Wolle die damit diejenigen nicht, die sie bekommen könne, und bekäme nicht diejenigen, die sie wolle, so ziehe sie sich zurück. Sie verlasse das Spielfeld und konzentriere sich fortan auf Dinge, die ihr liegen, wie etwa ihr Job, und wenn ihr langweilig sei, werde sie Sport treiben. Oder im Chor singen. Oder sie kaufe sich einen Hund.

Sonntag, 24. August 2008

Ich. Dich niemals.

Sich verabschieden, auflegen, und dann vier, fünf, sechs Wochen lang an überhaupt nichts anderes denken. Morgens, noch während der Schlaf langsam schwindet, das Ende zu spüren wie ein heißes, stählernes Messer im Fleisch.

Nach vier Wochen erst die Sonne nicht mehr als schmerzhaft empfinden. Nach drei Monaten morgens erwachen und an irgendetwas denken wie versägte Klausuren oder den Zahnarzt. Nach vier Monaten wieder gefallen wollen, nach acht Monaten wieder gefallen. Nach einem Jahr wieder küssen.

Nach drei Jahren aufhören, jeden mit ihm zu vergleichen. Über ihn sprechen können, ohne dass der Magen sich zusammenzieht. Ab und zu ganz gern an ihn denken. Nach vier Jahren dann ihn einfach so am Flughafen sehen, am Gate von hinten mit einem schwarzen Aktenkoffer, und einfach weitergehen, sich nicht umdrehen, und nicht einmal im Traum – drei Wochen später – mehr sagen als „Hey. Du.

Ich. Dich niemals.“

Freitag, 1. August 2008

Die B. wird offensiv (Anfang Juli, Teil 3)

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wer A sage, auch B sagen müsse. Tatsächlich kann, wer einmal A gesagt hat, natürlich auch einfach G sagen oder Z, oder etwas ganz anderes, also etwa „ich finde, du solltest jetzt einfach nach Hause gehen.“. Sehr populär ist das allerdings nicht.

Der Adressat dieser Äußerung reagierte daher auch etwas verstimmt. Eigentlich reagierte er sogar ziemlich angesäuert, und was er der B. so ganz genau erwiderte über vertane Zeit und die Natur der Frauen im Allgemeinen, darf daher an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden. Nach einigem Hin und Her jedenfalls zog er ab.

Offenbar hatte er sich den Ausklang des Abends anders vorgestellt. Beim Kennenlernen offensive Damen, so scheint es, wecken bei manchen Herren Angstgefühle, bei anderen aber den Glauben, die restliche Bekanntschaft werde nicht minder forsch verlaufen, und insbesondere hinsichtlich des Zeithorizonts scheint die Offensive der B. außergewöhnliche Erwartungen geweckt zu haben, die trotz des abrupten Endes des gemütlichen Beisammenseins auch am nächsten Tage fortgewirkt haben müssen, denn bereits gegen zehn Uhr morgens klingelte das Telephon.

Man habe – so der wieder besänftigte Anrufer – am Vorabend vielleicht etwas vorschnell die weitere Bekanntschaft abgebrochen. So nette Menschen träfe man ja nicht jeden Tag. Falls die B. beleidigt sei - nun, dann könne er auch nichts dagegen tun. Wenn sie indes an einer Fortsetzung der Bekanntschaft interessiert sei, so möge sie einfach anrufen.

Für einfach nur reden oder so sei der Anrufer indes zu alt.

Sonntag, 27. Juli 2008

Die B. wird offensiv (Mitte Juni, Teil 2)

Im Umgang mit männlichen Menschen empfiehlt es sich dringend, zwischen verschiedenen Realitätsebenen klar zu unterscheiden. Im Gespräch äußert so gut wie jeder Herr, die weibliche Offensive zu schätzen, und geradezu darauf zu warten, dass hübsche, freundliche Damen ihn ansprechen. In der Realität dagegen ergreifen – die liebe B. hat es ausprobiert – die meisten offensiv Angegangenen sofort oder etwas später die Flucht.

Eine dies belegende Versuchsanordnung sieht etwa folgendermaßen aus:

Man stelle sich meine liebe Freundin B. in einer Galerie vor. Nicht so eine posh Mitte-Galerie, sondern eher so ein Friedrichshainer Laden mit Bildern, von denen dünne Jungs mit billigen, aber coolen Sonnenbrillen behaupten, sie seien rough und elementar.

Weil die B. sehr selten in Friedrichshain ausgeht, und auch keine Friedrichshainer kennt, steht sie etwas verloren in einer Ecke und tut so, als betrachte sie ein Bild. Ursache ihrer Anwesenheit ist der Künstler, mit dem die B. zur Schule gegangen ist. Dieser jedoch läuft ein bisschen nervös irgendwo durch den Hintergrund und spricht mit anderen Leuten.

Nirgendwo, behaupten maßgebliche Stimmen, werde man schneller kontaktiert als bei der Bildbetrachtung. Entsprechend steht keine 15 Minuten nach Ankunft der B. ein Mann neben ihr, betrachtet gleichfalls das Gemälde und hebt weitere drei bis vier Minuten später an zu sprechen. Das Bild gefiele ihm nicht.

Andere Bilder gefallen ihm allerdings durchaus, und von diesen spricht er weiter. Er kenne viele Künstler und male auch selbst, fährt er fort, und bevor die peinliche Gesprächspause beginnen kann, in der vielen Menschen nichts mehr einfällt und sie das Gespräch mit dem Hinweis auf zu holende Getränke beenden, unterbricht ihn die B. und spricht ihrerseits.

Für Kunst interessiert sich die B. allerdings nicht so besonders. Für Musik scheint sich der fremde Herr nicht zu erwärmen, jedenfalls nicht für dieselbe wie die B. Über Wirtschaft und Politik spricht die B. gern, vermutet auf der Gegenseite ein vergleichbares Interesse und bedauert einige Minuten das versägte irische Referendum. Der Fremde nimmt diesbezüglich eine andere Position ein als die B. Man diskutiert ein wenig, das Gespräch läuft, man trinkt ein bisschen sauren Wein, und die B. erinnert sich ihrer Offensive. - „Ich muss jetzt los, aber wollen wir uns die Woche nicht mal sehen?“, spricht sie sorgsam vorbereitete Worte aus und schaut den Herrn neben sich direkt an. Dieser schweigt. „Ja, gern“, sagt er nach einer kurzen, verdatterten Pause. „Die Woche habe ich aber keine Zeit.“ Anstalten, seine Telephonnumer aufzuschreiben, macht er nicht.

Schade, sagt die B. daraufhin und geht nach Hause.

Einige Tage später fährt die B. mit dem Auto die Holzmarktstraße entlang. Es regnet. Rechts auf dem Bürgersteig geht – ohne Schirm, dafür mit einer gefüllten Tasche – nichtsahnend der Mann aus der Galerie. Eingedenk ihrer Offensivenpläne verlangsamt die B., fährt rechts ran, hält und fährt die Seitenscheibe nach unten.

„Hallo!“, sagt sie. Der Fremde dreht sich um. „Soll ich dich mitnehmen?“, lächelt sie ihn an. „Danke – nein, ist nicht nötig.“, winkt der Mann aus der Galerie ab.

Die B. schwört, er sei etwas schneller gegangen, und habe sich an der Ampel mindestens einmal furchtsam nach ihr umgedreht.

Dienstag, 22. Juli 2008

Die B. wird offensiv (Ende Mai, Teil 1)

„Ihr kommt ja wenigstens auch mal vor die Tür.“, stöhnt die B. und beklagt ihre Internierung in einem Büro, welches sie allabendlich eigentlich nur zum Schlafen verlässt. Sie, so behauptet die B., treffe beruflich keine männlichen Leute, weil das entweder ihr Chef abwickele, oder ohnehin nur Verträge in vielfach abgeänderter Fassung hin- und hergeschickt würden. Privat dagegen existiere sie aus Zeitmangel faktisch nicht mehr, und das Internet habe sich als ein für die Partnersuche völlig ungeeigneter Ort erwiesen, an dem normale und ungebundene Leute männlichen Geschlechts schlicht nicht verkehren.

„Ha!“, widerspreche ich. Ich komme zwar einigermaßen herum, erkläre ich der B. Indes treffe ich mit großer Ausschließlichkeit vorwiegend alte, dicke Leute in schlechten Anzügen, deren Libido nicht zu denjenigen Dingen gehört, die man sich einmal aus der Nähe ansehen will, und junge, überaus ehrgeizige Leute, die mich aus irgendwelchen Gründen merkwürdig finden und nie ansprechen. Diejenigen aber, die Kontakt aufnehmen, sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verrückt und wollen mir im 8.50 von Berlin Tegel nach Frankfurt am Main aus einem Buch von Coelho vorlesen, oder im ICE meine Füße photographieren.

Auch bei ihr, stimmt die D. zu, sei das nicht viel anders. Der letzte Herr, der sie am Rande einer Tagung angesprochen habe, habe bei einem von ihrer Seite absichtslosen Kaffeetrinken aus heiterem Himmel den Wunsch geäußert, sie einmal unbekleidet zu betrachten und versprochen, dabei einige Meter Abstand zu halten. Ein anderer habe sich nach einem längeren Gespräch auf einem Empfang nie wieder gemeldet, nachdem sich herausgestellt hatte, dass sie nicht evangelisch sei.

„Ihr sucht ja auch nichts.“, schneidet die B. weiteren Referaten das Wort ab. Sie allerdings werde nun ihre Strategie vollkommen ändern. Sie werde jetzt offensiv. „Noch offensiver?“, fragt die D., die schon den Versuch der Anbahnung per Internet als geradezu schamlos direkt erachtet hatte. Die B. nickt.

Sie werde, führt die B. aus, neue Kleider kaufen, die tiefausgeschnitten zu sein haben, und – so habe sie es beobachtet – direkte Kontaktaufnahmen eher fördern als dezente, rosafarbene oder weiße Blusen. Sie werde jeden anstrahlen, der halbwegs gut aussehe, und sobald einer zurücklächele, auf ihn zuschreiten und ihn in Gespräche verwickeln. Sie werde immer dann, wenn sie ein weiteres Treffen angenehm fände, nach Telephonnumern fragen und Termine anbieten.

Und wenn es dann nicht hinhaue, dann schwöre sie der ganzen Veranstaltung ab.

Montag, 16. Juni 2008

Als wir lebendig waren

Nur noch einmal irgendwem entgegenatmen, der durch das Warten zu jemand ganz besonderem wird. Noch einmal, ach, nur zehn Minuten, diese Unruhe, die einen ganz und gar erfüllt. Das Zittern, wenn man den Hörer in der Hand hält, um niemals anzurufen. Die zaudernde Hand auf der Maus (Möchten Sie die Änderungen speichern?).

Das Gefühl, lebendiger zu sein als sonst. Vor dem Badezimmerspiegel zu stehen, und es wäre nicht egal, was man darin sieht, und man würde leiden wie früher, nicht schön zu sein, und niemand, dem die Herzen vor die Füße fallen.

Jemandem gegenüberzusitzen, und es wäre lebens-, nein: sterbenswichtig, was er denkt. Was hält er von mir?, die Freundinnen zu fragen, die zuckersüße, ganz und gar gelogene Gedanken erfinden, und um so gespannter vor dem Telephon zu sitzen, und keiner ruft an.

Zu warten. Zu leiden. Zu vergessen. Und dann alles von vorn. Und sich nicht vorstellen können, es ganz und gar für unmöglich halten, dass es eines Tages vorbei sein könnte, weil die Glocken reißen, der Boden ergraut, und das Meer nur noch leeres Wasser sein wird, wüst wie der Mond.

Dienstag, 3. Juni 2008

Der Nachbar

Meistens sah sie den Nachbarn nur so ungefähr von der Brust abwärts. Seine Wohnung lag im Hinterhaus, vierter Stock, und sie wohnte ihm schräg gegenüber. Vorderhaus, 5. OG. Ganz sah sie ihn meistens nur, wenn er am Küchenfenster stand, rauchend, und dabei manchmal den linken Arm ausgestreckt an den Fensterrahmen hielt, den Kopf schräg an den Oberarm gelehnt.

Dunkelblond war der Nachbar, vielleicht 25, vielleicht ein bisschen älter, und offenbar Student. Manchmal sah sie ihn, oft nur in Jeans und ohne T-Shirt schon im April, von ihrem Schreibtisch aus am Küchentisch sitzen, das Notebook aufgeklappt, einen Kaffeebecher in den Händen.

Der Küchentisch an dem er öfters saß – sie sah dann alles außer seinem Kopf – war aus Kiefer. Überhaupt war so gut wie alles, was er besaß, aus Kiefer, und in dem Wohnraum, in dem er auch schlief, hing ein bunter Druck, der offenbar ein Südseemotiv von Paul Gauguin abbildete. Um welches Bild es sich handelte, konnte sie allerdings nicht ausmachen. Sie sah nur die braunen, gemalten Füße von Frauen, die auf einer gelben Fläche ruhten.

Eine Freundin schien er nicht zu haben. Zumindest sah sie nie eine Frau bei ihm. Er aß billiges Essen, einmal sah sie sogar eine geöffnete Dose auf der Küchenplatte schräg vor dem Fenster, und ab und zu kamen männliche Freunde, tranken Bier und gingen wieder. Abends verließ er die Wohnung meist und kam zwischen eins und zwei zurück.

Monatelang, das ganze Frühjahr eigentlich, sah er nicht einmal auf. An einem Morgen im Mai jedoch, er lehnte am Fenster und rauchte, fiel ihr ein Topf Basilikum von der Fensterbank und zerschellte an einem der Fahrradständer im Hof. Einige Sekunden lang starrte er nach unten, wo blaue Scherben liegen musste, die sie nur sehen konnte, wenn sie sich so weit vorgebeugt hätte, wie sie es ungern tat. Dann schaute er auf.

Ernst habe er geschaut, ein wenig irritiert, so, als sei er überrascht gewesen, dass sie dort stand, und als sei es überhaupt erstaunlich, dass ein menschliches Wesen ein Stockwerk höher als er aus dem Küchenfenster sah. Sie lächelte, rief halblaut – er konnte sie sicher nicht hören – einen Gruß. Dann schloß sie das Fenster.

In den nächsten Wochen sah er öfter nach oben. Manchmal bemerkte sie seinen Blick, sah ebenfalls auf und grüßte mit einem flüchtigen Lächeln und ein paar Worten, von denen er nur die Bewegungen ihrer Lippen wahrnehmen konnte. Vielleicht nicht einmal das.

Auch nachdem er wusste, dass sie ihn sah, saß er mit freiem Oberkörper am Tisch. Wie zu den Zeiten, als er sich unbeobachtet glaubte, lief er nach dem Duschen, oder vielleicht auch einfach so, nackt durch den Raum, kratzte sich am Bauch, zog ein Handtuch über seinen Rücken, und einmal sah sie ihn, wie er sich eincremte, langsam und – wie ihr schien – nicht ohne Genuß.

Gelegentlich, schien es ihr Anfang Juni, ging er sogar nackt besonders langsam am Fenster vorbei. Einmal meinte sie sogar, seinen Blick zu spüren, als er wiederum nackt – nun, es war seine Wohnung – auf dem Küchentisch saß, und sie musste sich beherrschen, nicht so auffällig zu ihm herüberzuschauen, dass er es bemerkte.

Von Zeit zu Zeit, aber nur angezogen, lächelte er sie an und formte mit dem Mund einen Gruß. Ab und zu winkte er sogar, wenn er rauchte, und sie am Schreibtisch saß, und gegen Hochsommer war sie sich sicher, dass er sich für sie auszog, oder zumindest so, dass sie ihn sehen musste, und für ein paar Tage zog sie mit dem Notebook in eins der Zimmer zur Straße um, denn der Abgabetermin ihrer Magisterarbeit rückte näher, und ein nackter Nachbar schien ihr für die Einhaltung dringender Fristen kontraproduktiv.

Wenige Tage später saß sie wieder am gewohnten Platz. Er saß am Küchenfenster, telefonierte, trank Kaffee aus einem bunten Becher, und als er sie sah, lächelte er. Dann verließ er den Raum.

Als er wiederkehrte, setzte er sich ans Fenster. Er hatte ein Handtuch um seine Hüften geschlungen, rauchte, zog beide Beine an den Oberkörper und rieb sich mit den Händen die Knie. Gelegentlich sah er auf.

Sie winkte und grüßte. Sie ging in die Küche und trank Wasser, denn der Tag schien besonders heiß, und die Luft so trocken wie selten. Als sie wiederkehrte, saß er immer noch da. Das Handtuch allerdings hatte er abgenommen. Wie eine Frotteefahne, rot mit bunten Fischen, hing das Handtuch im Fenster. Neben dem Handtuch saß der Nachbar, ein wenig weißhäutig und nicht sehr muskulös, und trank seinen Kaffee. Minutenlang sah er nicht einmal auf. Einmal beugte er sich so weit nach vorn, dass sie dachte, er fiele vom Brett, richtete sich wieder auf, eine Zigarette zwischen den Lippen und zündete sie langsam und sehr, sehr umständlich an. Sie wollte nicht brennen, und ein Streichholz nach dem anderen warf er aus dem Fenster in den Hinterhof, wo Brennnesseln wuchsen und wilder Rhabarber.

Als er aufgeraucht hatte, warf er die Kippe den Streichhölzern hinterher. Einen Moment blieb er noch sitzen, bewegungslos, rieb wieder seine Knie, als würden sie schmerzen, und dann sah er auf. Sie nickte ihm zu. Er lächelte. Er sah weg, dann sah er wieder zu ihr hoch, und kurz bevor sie ging, Sekunden bevor sie das Fenster schloss, deutete er einmal mit der linken Hand – in der rechten den Becher – auf das Handtuch und in den dunklen Raum hinter dem Fenster.

Sie aber hatte das Fenster geschlossen und zog die Vorhänge vor, denn der Tag war zu heiß, und die Sonne zu hell, schon so früh am Morgen.

Freitag, 11. Januar 2008

Defätismus

Nicht einmal das Vergnügen mache noch Spaß, erzählt die B.. Ablenken habe sie sich wollen von der ganze Misere, ein paar Wochen vor Weihnachten. Ausgegangen sei sie, und weil keiner mitwollte, eben allein. Im Würgeengel habe sie ganz allein einen Wodka Sour getrunken. Am Boxhagener Platz habe sie ebenso allein noch viel mehr getrunken, und mit irgendwelchen Leuten über irgendwas gesprochen. Sie könne sich nicht mehr erinnern. Quatsch halt, lacht die B., und kaut ihr Nigiri, als gelte es, jedes Reiskorn ganz, ganz fein zu zermalmen.

Schließlich saß im Lido in irgendeiner Ecke. Nach Tanzen war ihr nicht zumute. Nach noch mehr Alkohol aber auch nicht, nur ein bißchen reden wollte die B., saß herum, ließ sich ansprechen, erzählte irgendwas über Musik oder so, und hörte mit halbem Ohr jemandem zu, der neben ihr saß. Besonders deutlich sehen konnte sie ihn nicht. Zum einen war es dunkel, zum anderen war die B. schon ziemlich angetrunken, und groß interessiert hatte sie das alles nicht. Als der Fremde nach ihrer Hand griff, ließ sie sie trotzdem liegen.

„Ist das deine Wohnung?“, habe der Fremde sie am nächsten Morgen gefragt, als sie erwachte. Ziemlich nackt und sehr, sehr jung sei der Fremde durch ihre Charlottenburger Wohnung gelaufen, habe ab und zu mit dem Kopf geschüttelt, die Bilder an den Wänden angeschaut und die vielen Bücher. „Schöne Möbel hast du.“, hatte er gesagt. - „In meiner WG studiert auch eine Jura.“, hatte er ihren Schreibtisch kommentiert.

„Gefragt hat er nicht, wie ich alt ich bin.“, sagt die B. und knetet ihre Knöchel. 24 Jahre sei er alt gewesen, elf Jahre jünger als sie, teilt sie mit, und verschweigt, woher sie das weiß. Ein etwas wortkarges Frühstück sei es gewesen, und dann sei er gegangen. Nach einem zweiten Treffen hatte keiner gefragt.

„Ist das nicht trist?“, fragt die B. und sieht aus dem Fenster. Alt habe sie sich gefühlt. Alt und etwas schmutzig. Nicht wie die Prinzessin aus dem Märchen, nicht wie eine schöne, begehrte Frau, sondern wie eine fette, betrunkene Mänade. Wie die Knusperhexe, die den Hänsel abtastet, ob er schon schlachtreif sei.

Noch zwei, drei solche Affären, sagt die B., und dann gar nichts mehr, und am Ende allein in der Badewanne sterben, weil man nicht mehr rauskommt aus dem ganzen Schlamassel.

Was sie falsch gemacht hat, fragt sich die B. „Gar nichts.“, sage ich und suche nach ein paar beruhigenden Worten. - „Um so schlimmer.“, seufzt die B. und wirft einen Zehner auf den Tisch. Bis bald. Und 2008 werde auch nicht besser.

Da müsse man jetzt durch.



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