Bewegte Bilder

Sonntag, 20. September 2009

In der Manege

Rigoletto, Komische Oper am 20.09.2009

Es glitzert. Auf der Bühne der Komischen Oper blitzt es aber nicht wie Juwelen oder Ordenssterne, sondern wie die Phantasieuniformen eines Zirkus: Barrie Kosky hat den Hof von Mantua in eine Zirkusmanege verlegt, in der der Herzog (gesanglich schwach: Hector Sandoval) Damen zersägt, wo Clowns herumlaufen, unter einem großen, schwarzen, glitzernden Tuch Personen erscheinen und verschwinden, und wo Rigoletto, der Narr, als Komödiant unter Komödianten seine Witze reißt und die vom Herzog verführten Damen ebenso herzlos verspottet, wie man ihn selbst verspotten wird, wenn im zweiten Akt seine Tochter Gilda trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dem Herzog zum Opfer zum Opfer fällt.

Schön gesungen wird auf der Bühne unter den Linden. Besonders Bruno Caproni als Rigoletto und ganz besonders (ach!) Julia Novikova als Gilda singen großartig, aber trotz vereinzelt hübscher Bilder rührt die Inszenierung mich nicht an. Nun mag dies einerseits daran liegen, dass sowohl eine verlorene Jungfräulichkeit als auch ein mutwillig gebrochenes Herz uns heute gewiss als ein Ärgernis erscheinen mögen, als ein Grund für Trost und Tränen, aber nicht als eine Lebenskatastrophe, und erst recht nicht als eine Katastrophe, die mit unseren Eltern irgendetwas zu tun hätte: Betrügt uns der eine, nun, so wird es ein anderer vielleicht wieder gut machen.

Glauben wir aber nicht mehr an die Irreversibilität des Herzbruchs, so verliert Rigoletto viel von seiner emotional zwingenden Logik, und das tut einem Stück selten gut. Indes ist diese letztlich unüberbrückbare Distanz gegenüber der Gefühlswelt vergangener Zeiten nur ein Teil der Wahrheit, und ein anderer liegt in der Zirkuswelt, die Kosky entfaltet: Ist alles, was auf der Bühne geschieht, ohnehin nur Teil einer Show, so gibt es keinen Grund, den Ernst, den die Musik vielfach transportiert, auch ernst zu nehmen. Ein travestiertes Drama ist keins. Dass - abgesehen von Allgemeinplätzen, wie sie für jede Opernhandlung gelten - keinerlei innerer Zusammenhang zwischen Oper und Inszenierung erkennbar ist, hat die Zurückhaltung des Publikums beim Applaus für die Regie sicher ebenfalls befördert, das - ebenfalls im Einklang mit meinem persönlichen Empfinden - Bruno Caproni und Julia Novikova bejubelt und Hector Sandoval kräftig ausgebuht hat.

Die neuen Stühle und die Textanzeige auf der Rückseite des jeweiligen Vordersitzes immerhin sind ganz und gar zu begrüßen.

Mittwoch, 1. Juli 2009

Journal :: 30.06.

Wie einfach es einmal war, sich zu verlieben. Sich auf einer Party zu küssen, am nächsten Tag miteinander Eis essen zu gehen, sich etwas zu erzählen über sich und alles, was man über die Welt weiß und denkt, und sich wieder zu trennen, wenn es sich nicht ausgehen wollte miteinander. Eine Woche traurig zu sein und dann wieder zu lachen.

Schwierig ist es geworden, sich kennenzulernen in den letzten Jahren. Soviel Vergangenheit klebt an der Haut von Leuten, die dreißig sind oder älter, und man kann sich kaum vorstellen, wie mühsam das Geschäft der Liebe sein muss, wäre man noch einmal zwanzig Jahre älter. Bis zu den Haarwurzeln steckt man in seinem Leben, seinen Ängsten, seiner Rolle, die man nicht mehr ablegen kann, man verlöre sich denn. Viel zu viel erwartet man nach wie vor von der Liebe, und die Statik einer Beziehung auszutarieren erscheint bisweilen so schwer wie die eines Hauses. Dies aber zu verfilmen scheint schwer. Dies so zu verfilmen, dass es gut aussieht, von einer leichten, nur ganz wenig schmerzlichen Melancholie fast unmöglich, und so verlasse ich die Kulturbrauerei nach Alle Anderen mit viel Hochachtung vor Maren Ade, die die Hymnen des Feuilletons, scheint mir, verdient hat.

Vordergründig handelt Alle Anderen von fast nichts. Chris (Lars Eidinger aus der Schaubühne) und Gitti (die großartige Birgit Minichmayr) machen Urlaub auf Sardinien im Haus seiner Eltern. Er ist Architekt, erfolglos und weich. Ein Mann, wie man viele kennt, die das Erwachsenwerden so lange herausgeschoben haben, bis sie über ihrer Unentschiedenheit zwischen vielen Möglichkeiten alle verpassen. Gitti dagegen, PR-Frau bei einem Musiklabel, erscheint tough. Burschikos, ein wenig zu laut, leicht ordinär, betont unkonventionell und dann doch in einem Maße auf die Liebe und Chris bezogen, das erschreckt: Bereit, sich an Erwartungen anzupassen, und dann doch nicht in der Lage, den Rollenwechsel durchzuhalten. Vibrierend vor Vitalität, die keinem anderen Zweck dient als der Liebe. Am Ende wird sie kaum einen Satz ausgesprochen haben, der nichts mit der Beziehung zwischen Chris und Gitti zu tun hat.

Es ist der erste gemeinsame Urlaub. Fast wolkenlos, verspielt und kindlich vor Sommer liegen beide im Ferienhaus. Dort, wo es brechen soll zwischen ihr und ihm, verlaufen feine, kaum sichtbare Markierungen, und erst als ein zweites Paar auftaucht, bröckelt es sichtbar, um dann mit einem hörbaren Krachen zu bersten. Ob und wie es sich wieder zusammenfügt, bleibt offen.

Das zweite Paar zu verabscheuen, liegt nahe. Er ist ein großspuriger, lauter und ungleich erfolgreicherer Kollege von Chris, in dessen Gegenwart Chris wie ein Bub erscheint, kaum männlich zu nennen. Sie ist gepflegt, feminin und konventionell, und himmelt ihren Mann auf eine durchaus etwas quälende Weise an. Man kennt derlei Paare, die man gleichzeitig verachtet und denen man sich unterlegen fühlt für Dinge, denen man doch nicht so gleichgültig gegenübersteht, wie man es gern täte.

Chris reagiert ähnlich ambivalent. Erst versucht er, die Begegnung zu vermeiden, dann lässt er sich in eine Art Kumpanei verwickeln und verrät darüber seine Freundin wie seine Mutter, die das Haus auf eine gleichermaßen komische wie mitleiderregende Weise mit Porzellankatzen und Glasvögeln eigerichtet hat. Ein wenig verachtet man diese Rückgratlosigkeit, bemitleidet Gitti für eine Weile, um dann doch ein wenig genervt zu reagieren ob ihrer theatralischen Seiten, ihrer Hyperaktivität und dieses stetigen Viel-Zuviel.

Ein wenig traurig trotz der vielen Sonne und der bisweilen komischen Sequenzen lässt der Film mich am Ende zurück: Wie schwierig doch die Liebe geworden ist. Und bisweilen: Wie unmöglich, sich so zu lieben, wie man es gern möchte, aber vielleicht (wer weiß das) gar nicht kann.

Alle Anderen
Deutschland 2009

Donnerstag, 25. Juni 2009

Journal :: 24.06.

Thalheimer mag ich manchmal. Thalheimers Orestie etwa würde ich sogar ein zweites Mal sehen, "Was Ihr wollt" in einer Arena aus Schlamm war nicht übel, aber als ich kurz vor zehn das Deutsche Theater nach Thalheimers Wildente verlasse, weiß ich gerade gar nicht so, ob es mir gefallen hat.

In der Wildente geht es um zwei Freunde, oder vielleicht besser: frühere Freunde, von denen der eine der Sohn des Mannes ist, für den der Vater des anderen im Gefängnis war. Das ist bekannt. Nicht bekannt - zumindest dem Betroffenen unbekannt - ist aber, dass der Vater des Freundes auch der Vater des Mädchens ist, das er für seine Tochter hält, und also der frühere Liebhaber seiner Frau. Im Rokoko etwa oder in einem Konversationsstück der Zwanziger wäre dies eine Exposition für eine Komödie mit viel hin und her und Gesang, aber weil die Wildente dem 19. Jahrhundert angehört, als man Probleme ernst zu nehmen pflegte, geht am Ende alles höchst dramatisch in Scherben: Der Freund verrät dem scheinbaren Vater die Wahrheit über seine vermeintliche Familie, die darüber zerbricht, und um das Maß voll zu machen erschießt sich am Ende die Tochter nur halb aus Versehen und liegt tot und blutend auf dem Dachboden herum.

Da es Thalheimers Vorzügen gehört, den Zeithaushalt der stets eiligen Berliner nicht zu überfordern, dauert das Ganze nur so ungefähr zwei Stunden. Damit aber auch in knapp zwei Stunden alles passiert und auch der letzte Zuschauer des Stücks Zusammenhänge und Botschaft mitbekommt, wird jeder Ausdruck, jede Geste, jeder Satz ein bißchen zu sehr aufgedreht, leicht übersteuert, und das nervt. Familienglück muss aussehen wie eine Werbung für Margarine, Unglück krümmt den Unglücklichen wie eine rheumatische Erkrankung, und die Tochter drückt sogar für eine Vierzehnjährige ein wenig sehr intensiv Empfindungen aus, die man vielleicht gerade deswegen kaum teilt. Trotz der Kürze der Inszenierung komme ich am Ende ein wenig ermattet aus dem Zuschauerraum.

Schön immerhin ist das Bühnenbild, eine runde, schwarze, abschüssige Ebene, sehr schlicht. Man sieht das öfter, nicht zu Unrecht, weil es Möglichkeiten bietet, die Räume oft nur mit Hilfsmitteln oder Tricks eröffnen, doch bei allem Können, bei allen überzeugenden Leistungen der Schauspieler (Sven Lehmann sei besonders hervorgehoben), fällt mir auf dem Vorplatz des Theaters bei einer späten Limonade auf, dass die Inszenierung gut war, alles rundherum technisch gelungen, aber gleichwohl zwei Stunden lang nichts auf der Bühne mein Herz berührt hat, und ich weiß nicht, liegt es Thalheimer oder gar an Ibsen.

Donnerstag, 14. Mai 2009

Journal :: 13.05.

John Gabriel Borkmann, Schaubühne

Etwas hakt. Nicht ganz klar ist, ob es an Bierbichler liegt, der zu erdhaft, zu bäuerlich, zu verwachsen mit den Elementen scheint, als dass man ihm den betrügerischen, inhaftierten und entlassenen Bankier John Gabriel Borkmann abnehmen würde. Die Illusionen über sich, über die eigene Bedeutung und die eigene Zukunft - das ja. Nicht aber das geisterhaft verstiegene, das ganz und gar unsinnliche Hingegebensein an die abstrakte Macht des Geldes, das in diesem Stück von Ibsen etwas Dämonisches ausstrahlt, ohne doch die Sinnlichkeit zu gewinnen, die Bierbichler verkörpert.

Vielleicht ist es auch der Sohn, den Sebastian Schwarz mit angemessener Erbärmlichkeit darstellt, denn wie soll auch jemand beschaffen sein, an dem jedes Familienmitgliedes Wünsche hängen wie schwere Steine. Den Freiheitsdrang jedoch, der ihn am Ende das Gespinst fremder Erwartungen zerreißen lässt, ist in der Darstellung der ersten 45 Minuten kaum angelegt. Ein wenig kretinhaft wirkt er, und nicht ganz überzeugend ist, dass Mutter und Tante ihre Erwartungen an jemanden heften, der so ist, wie er scheint. Die Macht der Illusionen, die Kraft unserer Wünsche, die Welt so anmuten zu lassen, wie wir sie gern hätten: Ein wenig Nahrung braucht sie halt doch, und so hätte ein wenig mehr Elastizität diesem Erhard Borkmann gut getan.

Immerhin: Es wird nicht langweilig. Der Abend rauscht mit Tempo und schnellen Wechseln durch nicht ganz zwei Stunden. Auf der karg ausgestatteten Bühne strahlen wenige Möbel der schon leicht museal wirkenden letzten Moderne eine Lebensfeindlichkeit aus, die diesem Stück des endgültigen Ruins nicht nur der Existenz, sondern auch aller Chancen, einen Rahmen bietet, auf dem ich fast mit ein wenig Rührung Kirsten Dene und Angela Winkler als feindlichen Schwestern zusehe, wie sie scheinbar um den Sohn und wirklich um das eigene scheiternde und vergehende Leben kämpfen, um am Ende beide zu verlieren.

"Nett war's.", sage ich schließlich, eine Stunde später in der Bahn, den Hörer am Ohr. Viel zu viel habe ich heute gesprochen, fällt mir auf. Ein Vortrag, vier Telefonate, ein bißchen Geplänkel. Ein Empfang. Ich bin so müde.

"Ich schreibe später auf wie's war.", sage ich und lege auf.

Mittwoch, 22. April 2009

Spaß mit Strindberg

Ein Traumspiel, Deutsches Theater im Berghain

Heute abend, meine Damen und Herren, habe ich eine wirklich amüsante Revue besucht. Grell geschminkte Menschen in Tutus tanzten über die Bühne und zogen sich immerzu um. Es wurden eine Menge unterschiedlicher Musikstücke gesungen, welche - wie ich dem Programmheft entnehme - u. a. von John Dowland, Gesualdo und Mozart stammen, aber auch ein Musical war dabei und ein bißchen Operette.

Wenn aus dem Land des Lächelns gesungen wurde, trug man dazu passend monströse Geisha-Kostüme, einmal erschien der (fabelhafte) Chor mit Anubis-Masken, die reichlich blasse Schauspielerin Stephanie Eidt wurde geheiratet, beschmiert und geschlagen, und gesprochen wurde eher etwas weniger: Barrie Kosky hat den Text ganz offensichtlich erheblich gekürzt, ohne dass dies direkt stören würde.

Wie es sich für eine Revue gehört, war die Beleuchtung mehr als ordentlich. Schwarze Luftballons flogen, Wunderkerzen wurden abgebrannt, der Abend hatte Tempo, und es wurde deutlich mehr gelacht, als es im Berghain, vor dessen strenger Tür es schon Tränen gegeben haben soll, ansonsten der Fall ist.

Wenn Sie Strindberg nicht mögen, sind Sie hier richtig.

Mittwoch, 15. April 2009

Im Dekorationstheater

Shakespeares Sonette im Berliner Ensemble

Es gehört zu den sonderbaren und eher etwas befremdlichen Seiten von Robert Wilsons Theaterkunst, alle Protagonisten in die Gestalten eines jener Kinderbücher zu verwandeln, die unter Rückgriff auf historische Kostüme deren Eigenheiten ins Groteske verzerren. Aus Pluderhosen werden also wahre Ballons, und Keulenärmel erschlagen fast denjenigen, der sie anhat.

Nun ist das Drollig-Puppenhafte ja nun nicht ganz ohne Gefahr für ein Stück, und dann, wenn es – wie aktuell am Berliner Ensemble – nicht um ein Märchenspiel geht, sondern um 24 der Sonette Shakespares, bleibt von der Verzweiflung, der Vergeblichkeit, der Gier und dem Wüten der Liebe nichts über ein lustiges, sehr, sehr harmloses Herumtrippeln in einer wahrhaft erschreckenden Fülle der Bühnenbilder. Man kichert also wie ein ziemlich beschwipster Kindergeburtstag. Gegenstände und Personen fliegen an Schnüren herum, ein fetter Amor tanzt und singt aufs Allerpossierlichste, man wechselt die Bühnenbilder öfter als Paris Hilton die Handtaschen, und die gelegentlich charmante, gelegentlich auch nur ein wenig banale Musik des ansonsten ja sehr schätzenswerten Rufus Wainwright macht die Sache dann auch nicht mehr besser.

Ich habe mich gelangweilt. Und zwar nicht zu knapp und das auch gleich über drei Stunden.

Mittwoch, 4. März 2009

Me voici

Am Ende aber hebt sich die Kulisse, und hinter den Gefängnismauern wartet ein Bankett auf die gerettete Margarete. Dass alle Schuld in solcher Versöhnung mündet, wünscht du dir für fünf Minuten, und vergisst die Ewigkeit des ersten Aktes, die Müdigkeit, und dass du nach Applaus und kurzen zehn Minuten in der Kälte auf den Linden zurück musst in dein Büro, wo die Hölle tobt und alle Teufel tanzen.

Samstag, 28. Februar 2009

Was hat der Berti im Auto gesagt?

Irgendwann so eher in der zweiten Hälfte des Films sitzt also der Berti – Freund und Auftraggeber des Privatdetektivs Brenner (wieder gespielt von Josef Hader) – im Auto. In einem fremden Auto, und zwar hinten, auf der Rückbank. Ein paar Einheimische (der ganze Film spielt in einer ziemlich abgelegenen Gegend der Steiermark) haben ihn mitgenommen, und weil es zu einer Faschingsfeier geht, sind alle, bis auf den Berti natürlich, wüst verkleidet. Fürchterlich sehen die Einheimischen aus und viel spricht dafür, dass das auch unverkleidet so wäre. Alle miteinander wirken leicht deformiert, ein wenig brutal, billig, plump und grell, und so fahren sie also zum Löschenkohl, einem durch den gleichnamigen Wirt betriebenen Landgasthof, berühmt für seine Hendln, um da mal so richtig zu feiern. Immer mehr Leute setzen sich ins Auto, so viele, dass man kaum glauben kann, dass das geht, und dann sagt der Berti irgendetwas, von dem ich annehme, dass es sich auf die Situation in dem herzlich überfüllten Wagen bezieht.

In diesem Moment aber habe ich nicht aufgepasst. Vielleicht hat der J. zu meiner Linken etwas gesagt, vielleicht die C. auf dem Sessel rechts ihre wahrlich grässliche und zudem abstrus teure Burritotasche kommentiert, die sie sich vorm Kino in dem Tapas-Laden rechts unten in der Kulturbrauerei mitgenommen hat, und so ist mir entgangen, wieso die Steirer den Berti aus dem Wagen werfen. Ein blaues Auge hat er auch, als er sich auf der Straße wiederfindet und geht zum Löschenkohl über die verschneiten Straßen durch den Wald sodann zu Fuß.

Angekommen wird es dann wahrhaft finster. Oder vielmehr bunt. Sehr bunt und sehr laut dazu. Wer schon immer eine gesunde Abneigung gegen die robuste Seite des Landlebens hegte, wo die Alleinunterhalter die Hendlstation rocken, wird hier vollauf bestätigt. Wer auch immer den Film ausgestattet hat, hat das Landleben mit ebenso großer Präzision wie - wie ich vermuten darf - Abneigung studiert. Zumindest hinsichtlich der Schankräume darf man sagen: Das Portrait ist voll und ganz gelungen. Wer unter den Besuchern dieses Films zudem Fleischspeisen gegenüber ein gewisses Grundmisstrauen hegt, wird wohl gleichfalls zustimmend nicken, selbst wenn in der Knochenmahlmaschine des Gastwirts Löschenkohl gerade einmal nur Hühnerreste und keine menschlichen Überreste zerkleinert werden, um dann abtransportiert und anderen Hühnern zum Verzehr vorgeworfen zu werden.

Weil es sich bei dem – sehr, sehr lustigen und schön grotesken – Film um einen Krimi handelt, geht es bei dem ganzen Treiben zunächst einmal um die Frage, wo der Leasingnehmer eines Wagens abgeblieben sei, und ob der Privatdetektiv Brenner ihn für besagten Berti findet. Sodann geht es um eine eher zufällig aufgedeckte Erpressung, es geht um mehrere Tote, einen unfähigen Erben und seine derb-attraktive Frau (die großartige Brigit Minichmayr aus der Volksbühne). Am Ende aber geht es um die Liebe, um eine Frau, die der Gastwirt Löschenkohl liebt, um die Vergeblichkeit dieser Liebe wie jeder anderen auch, um die blutige Suche nach dem Ankommen in fremden Armen und den Opfern, die es kostet, geliebt zu werden oder zumindest: Sich geliebt zu glauben.

Dass am Ende alle leer ausgehen, bedarf da kaum noch einer Erwähnung, denn die Liebe wird niemanden retten. Nicht einmal im Film.

Der Knochenmann
Österreich, 2008

Dienstag, 10. Februar 2009

Kutya éji dala (Nachtlied des Hundes)

Berlinale 2009

„Mir ist langweilig.“, flüstert die B. und schaut verstohlen auf die Uhr. Ich langweile mich auch. Auf der Leinwand wechseln sich verschiedene, ziemlich zusammenhanglose Szenen ab, in denen ein Paar sich streitet, ein Priester hält eine Predigt und ein kleiner Junge läuft mit einem Deutschen auf Heimattrip an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei. Das Ganze in den merkwürdigen Rottönen, die manche Filme der Siebziger und der frühenAchtziger angenommen haben. Insbesondere die Gesichter der Leute sind fast durchweg violett. Die englischen Untertitel überzeugen mich auch nicht.

„Willst du den zu Ende sehen?“, fragt die B. weitere zehn Minuten später. „Muss ich nicht haben.“, beschließe ich und taste zwischen meinen Füßen nach meinen Sachen. Vor mir schaut sich eine Frau um, als unterbreche man gerade eine heilige Handlung durch einen schmutzigen Witz.

Als eine Gruppe vier oder fünf Reihen vor uns aufsteht, gehen wir auch. Es ist leer geworden im Foyer des Cinemaxx, und sehr langsam und fast wortlos laufen wir den Potsdamer Platz hinunter zur U-Bahn, denn viel haben wir beide nicht zu erzählen, was wiederzugeben lohnt.

Kutya éji dala
Ungarn 1983
Nochmals Dienstag, 18.30 im Zeughauskino

Montag, 9. Februar 2009

Food Inc.

Berlinale 2009

Es muss Leute geben, die kaufen Kartoffeln in Scheiben. Im Glas. Es gibt Menschen, die tauchen mit tiefgefrorenen Tortellini in Sahnesauce, Kohlrouladen in Dosen, abgepackten, fertig gefüllten Pfannkuchen und tiefgekühlten Salamibaguettes an der Supermarktkasse auf, bezahlen für das Zeug mehr als ich oder jeder andere normale Mensch für ökologisch erzeugte Kartoffeln, Tomaten, Käse, Eier und Salat, und ich möchte wetten, dass diese Leute dieselben sind, die, nach ihren Ernährungsgewohnheiten gefragt, in Umfragen stets behaupten, gesundes Essen sei ihnen zu teuer.

Dass aber der Inhalt eines solchen Einkaufswagens nicht nur viel zu fett, viel zu reich an Nahrungszusatzstoffen, viel zu süß und viel zu viel ist für einen normal bewegungsarmen Mitteleuropäer ist. Dass vielmehr auch die Ausgangsprodukte dieser (zudem nicht besonders anziehenden) Speisen auf eine Art und Weise produziert werden, die qualvoll für die Tiere, demütigend für die Arbeiter in Fabriken und Schlachthöfen und ruinös für die Umwelt und die Bauern ist, ist den meisten Menschen zwar halbwegs bekannt. Gleichwohl verliert der genaue Blick auf die industrielle Nahrungsmittelindustrie nichts an Ekel und Schrecken: Die Hühner, die fußballrund und viel zu schnell gewachsen wegen ihrer besonders fleischigen Brustfilets nach vorn kippen, wenn sie versuchen, aufzustehen. Die Schweine, die zu je 2.000 pro Stunde in einem riesigen Schlachthof getötet werden. Die Arbeiter, die sich illegal in den USA aufhalten und aus Angst vor Abschiebung keine Arbeitnehmerrechte geltend machen. Die Kinder, die an den Folgen einer rein ertragsorientierten Wirtschaftsweise krank werden und sterben, weil Bakterien ins Burgerfleisch geraten. Kühe, die genetisch veränderten Mais fressen statt Gras (laut einem Artikel in der ZEIT von dieser Woche vertragen diese Kühe gar kein Gras mehr). Die hochverschuldeten Bauern, die von Saatgutherstellern abhängig sind wie Leibeigene vom Lehnsherrn und bei aller Plackerei im Jahr gerade einmal $ 20.000 verdienen. Am Ende der Kette dicke Kinder und kranke Erwachsene.

Gute und starke Bilder findet der Filmmacher Robert Kenner für den Skandal, den das Essen aus dem Supermarkt vielfach darstellt. Die Erklärungen und Hintergrundinformationen der Sachbuchautoren Michael Pollan und Eric Schlosser flankieren die Berichte der Bauern, des Gewerkschafters und der Lebensmittelaktivistin, und die Geschichten, die der Film dabei am Rande miterzählt über die verratenen Träume der illegalen Einwanderer und das Ende des ländlichen Amerika wären – man ahnt es – allein wert, einen Abend oder viele zuzuhören, um zu verstehen, wie diese Welt so geworden ist, wie wir sie kennen.

Dass aber die Welt der Nahrungsmittelproduktion anders aussehen könnte, sehen wir auch, illustriert anhand von Biobauern und Handelsketten auf der Suche nach anderem Essen. Dass dies teuer wäre, für viele nicht zu bezahlen, ist allerdings eine weitere Behauptung, die der Film erhebt, indem er eine Familie beim Kauf von Fast Food für $ 10,-- zeigt, die steif und fest behauptet, für besseres Essen reiche das Geld nicht, und hier folge ich dem ansonsten großartigen Film nicht. Denn ich kann wie jeder andere, der kochen kann, für $ 10,-- vier Leute problemlos satt bekommen, ohne auf einziges verarbeitetes Lebensmittel zurückzugreifen, Kochbücher könnte man füllen mit Rezepten, die dies ermöglichen, und so schwächt der Film die vielleicht entscheidende Wahrheit trotz dringenden Qualitätskaufappells im Nachspann leider ab: Wir selbst - niemand sonst - haben es in der Hand, wie mit Boden, Wasser, Tieren und Luft umgegangen wird. Wir müssen nicht essen, was in der Tiefkühltruhe liegt, und dann werden die Produzenten aufhören, derlei Dinge herzustellen. Wir können selber kochen, wir können besser einkaufen. Zudem: Wir brauchen meistens kein Auto und niemals einen Flachbildfernseher, aber schlechtes Essen bringt uns auf die Dauer um. Es ist unsere Schuld, wenn Nahrung so hergestellt wird, wie der Film es zeigt, und niemand wird Menschen von der Gier freisprechen, Schnitzel für € 2,99 zu verlangen, die nur unter den gezeigten Bedingungen produziert werden können.

Und nicht zuletzt (das thematisiert Food Inc. leider nicht): Wir sollten nur Aktien von Firmen kaufen, von denen wir wissen, dass ihr Gewinn uns oder anderen nicht schadet. Denn alle Unternehmen, die hier als gierige, rücksichtslose Profitmaschinen auftauchen, gehören am Ende Aktionären. Man sollte ein bisschen drauf schauen, was die Unternehmen, denen man sein Geld gibt, aus dem Auftrag machen, noch mehr Geld zu verdienen.

Food Inc.
USA 2008
Noch einmal am Montag, um 18.00 Uhr



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