Liebe Freunde

Montag, 13. Juli 2009

Montagmittag

Meine Verabredung verpasst eine Bahn und lässt auf sich warten. Zehn Minuten werde es noch dauern, erfahre ich per SMS. Unter Bäumen, an der Hauswand geschützt vor kühler Luft, blättere ich ein wenig in der Zeitung, amüsiere mich über den anlaufenden Wahlkampf, überdenke meine Speisewahl dreimal hin und her, bis ich wieder beim Hühnchen bin, und trinke Tee.

Rund um mich herum wird das Wochenende ausführlich besprochen. Eine große, blonde Frau, vielleicht 25 und so dünn, wie ich so gern wäre, redet schräg vor mir einer kleinen, rundlichen Hübschen mit Grübchen und schwarzen Augen einen Mann aus. Der sei doch unf***bar, erfahre ich, und habe zudem weder Geld noch Geschmack. Die Kleine schaut ein wenig betrübt in ihr Essen. Vermutlich stapeln sich bei ihr zuhause nicht gerade die attraktiven Angebote, so dass es doppelt schade ist, wenn das, was kommt, sich in befreundeten Augen wenig ansehnlich ausnimmt.

Neben mir dagegen geht es erst um ein Konzert und dann um Peer Steinbrück. Die beiden Männer, die sich über eine Band unterhalten, die ich nicht kenne, scheinen einen Sonnebrillencontest auszufechten, bei dem es darum geht, dass der mit der größten sonnbrillenverdeckten Fläche bezogen auf das Gesamtgesicht gewinnt. Elementar, höre ich, sei die Band und das Konzert, das jene am Samstag gegeben habe. Die Parteifreunde des amtierenden Finanzministers dagegen seien - ich horche auf - Hosenscheißer, wie der Mann mit der Gewinnerbrille dem anderen mitteilt. Als das Gespräch sich dem Fußball zuwendet, verliere ich das Interesse.

Vom Tisch mir gegenüber höre ich nur Fetzen. Hier sitzen drei Frauen, erzählen sich etwas halb hinter vorgehaltener Hand und lachen ab und zu plötzlich ziemlich laut, um dann alle auf einmal wieder zu verstummen. Cremig, verstehe ich erst und dann einige Sekunden später Stachelbart. Einen konkreten Anlass zur Heiterkeit scheint es aber gar nicht zu brauchen, denn als der Kellner kommt und den drei Frauen Essen bringt, brüllen alle drei (fast identisch gekleidet mit Tuniken, bunten Leggings, Riesentüchern und Sonnenbrillen) synchron los, während der Kellner die einzelnen beladenen Teller auf den Tisch stellt.

Inzwischen bin ich ein wenig ungeduldig, schreibe E-Mails und telefoniere ein bißchen mit der B., die heute Geburtstag hat. Sie sitze bei ihren Eltern im Garten, erfahre ich. Sie esse Kuchen. Kuchen würde ich auch ganz gern essen, zumindest würde ich irgendetwas gern essen, denn gefrühstückt habe ich nicht und das Abendessen ist sechzehn Stunden her. Damit es ein wenig schneller geht, bestelle ich schon einmal für mich und außerdem das, was meine Verabredung eigentlich immer isst, schaue noch ein bißchen ungeduldiger auf mein Telephon, weil ich sonst keine Uhr dabeihabe, und klopfe schon fast vor Unruhe auf den Tisch, als fast gleichzeitig das Essen und meine Verabredung erscheinen.

"Hey!", sage ich und greife nach meinen Stäbchen. "Wie war dein Wochenende?"

Sonntag, 5. Juli 2009

Die Last der Geschichte

Dass die Deutschen mit ihrer Vergangenheit im Reinen sind, glaube ich erst, wenn sich Szenen wie gestern nicht wiederholen: Der J. und ich stehen also im KaDeWe. Eigentlich sind wir hier auf der Suche nach einer göttlichen Tasche namens BL0494, aber die ist nicht mehr zu haben. Leicht belämmert (ach, hätte ich doch in Stockholm zugeschlagen) schleppen wir uns durch das überfüllte Haus auf der Suche nach anderen Waren, die den weiten Weg durch die völlig verstopfte Stadt nicht als vergeudet erscheinen lassen, und stehen wenige Minuten später im ersten Stock. Hier gibt es Herrenoberbekleidung.

Der J. ist in dieser Hinsicht nicht gerade das gleichgültigste Wesen der Welt. Wer elf Anzüge nicht nur besitzt, sondern gleichsam liebt, und die Vorzüge wie Nachteile aller gängigen Herrenausstatter sogar nachts aus dem Schlaf gerissen repetieren könnte, ist im KaDeWe Schlussverkauf je nach Perspektive entweder genau richtig oder hoffnungslos verloren. Wir stehen also sehr, sehr lange dort, wo es Kleidungsstücke von HUGO gibt, und der J. zieht langsam und mit maximaler Aufmerksamkeit einen Anzug nach dem anderen an und dreht sich in kleinen, eleganten Schwüngen vor dem Spiegel. Leider ist keiner der Anzüge perfekt.

An einer weiteren Stange hängen Mäntel und der J. zieht alle an. Ein beigefarbener Sommermantel ist nicht mehr in Größe 50 zu haben. Ein dunkler Mantel sieht zwar gut aus, passt aber nicht über eine Anzugjacke und scheidet deswegen aus. Ein weiterer, ebenfalls dunkler Mantel aber sitzt. Er sitzt sogar gut. Für einen Moment sehr zufrieden mit sich und der Welt steht der J. vor dem Spiegel und zupft den Mantel zurecht.

Dann aber holt die deutsche Vergangenheit den J. ein. In seinen Mundwinkeln beginnt es zu arbeiten, um seine Augen tritt ein besorgter, leicht gespannter Zug. Der geschätzte Gefährte dreht sich um. Ob ich nicht auch finde, dass der Mantel - wie solle er es sagen: Der Mantel erinnere ihn an eine Uniform. An eine schwarze Uniform, an eine Uniform aus alten Filmen. Die Schulterklappen des Mantels etwa. Das abgesetzte Stück Stoff, das von den Schultern vorn und hinten bis auf Brusthöhe fällt und mit einem Knopf fixiert werden kann wie ein Cape. Der ganze Schnitt des Mantels sei so absolut Leni Riefenstahl. "Vielleicht ist das wieder modern.", gebe ich zu bedenken und wende mich ab. Ich will noch in die Abteilung mit den Sachen für mich. Der J. soll den Mantel kaufen oder weghängen.

Für einen Moment schwankt der J., den Mantel unschlüssig in der Hand. Dann zieht der J. den Mantel wieder aus. Unmöglich könne er einen Mantel tragen, in dem er nicht nur sich selbst, sondern auch alle anderen Leute an einen preußisch schnarrenden SS-Offizier erinnere. Ein einziger Witz gleichgültiger Passanten, und er müsse den Mantel auf der Stelle ausziehen und verbrennen oder zöge ihn zumindest nie wieder an. Zwar sehe der Mantel großartig an ihm aus, wie für ihn geschaffen sozusagen (der J. seufzt), aber die Assoziation, welche dem Mantel anhaftet, sei zu viel für ihn als Mantelträger, und so bleibt der Mantel im KaDeWe.

Auf dem Weg in die Damenabteilung kommen wir bei Karl Lagerfeld vorbei. Auch hier hängt ein ganz ähnlicher Mantel. Die deutschen Designer, stellt der J. fest, würden von der deutschen Vergangenheit auf unselige Weise ästhetisch heimgesucht. Aber er werde sich dem verweigern. Die Deutschen, zumindest der J., stelle ich fest, sind mit schwarzen Unifornmänteln für dieses und das nächste Jahrhundert erst einmal durch.

Ohne Mantel, mit nichts als einer französischen Bluse in einem grau abgetönten Lavendel, verlassen wir den Kurfürstendamm.

Donnerstag, 23. April 2009

Frauenkraulen, Kaninchenreiten

Für Frau Engl

Mit dem Sport ist es ja so eine Sache. Irgendwo habe ich gelesen, man müsse fast eine Stunde laufen, um ein Stück Schwarzwälder Kirsch zu verbrennen. Muskelaufbau mag stattfinden, aber wer sieht denn das unter dem Speck? Und während des Sports sieht - seien wir ehrlich - doch jeder ein bißchen komisch aus. Verpackt in bunte, enganliegende Plastikschläuche, schwitzend, mehr oder weniger rot. Überhaupt Schweiß, diese immer etwas entwürdigend wirkende Flüssigkeit.

Schwimmen dagegen ist schon eine andere Sache. Im Wasser fühlt man sich gleich ein bißchen leichter. Wenn man schwitzt, verteilt sich das irgendwie in dem ganzen Wasser. Schwimmen ist in Ordnung. Gut aussehen im Schwimmbad allerdings kann nur derjenige, der krault, denn elegant und pfeilschnell wirken die Krauler. Schnurgerade und schwerelos ziehen die Krauler an mir vorbei. Schwertern gleich ziehen die Krauler ihre muskulösen Arme durchs Wasser. Kraulen möchte ich können, denke ich dann und sehe den Kraulern nach. Sich drehen, wenden, als sei das Wasser nichts, so schnell schwimmen wie ein silbrig glänzender Fisch. Behäbig indes dem gegenüber wie ein sehr, sehr altes Walross ziehe ich langsam einer Wasserschnecke gleich meine Bahnen im Stadtbad Mitte. Eine Bahn Rücken, eine Brust.

Wo die anderen Leute das Kraulen erlernt haben, frage ich mich. Zeigt einem das einer, wenn man klein ist? Wieso hat mein des Kraulens durchaus mächtiger Vater mir diese Kunst vorenthalten? War Kraulen irgendwann einmal in der Schule dran, aber ich war krank? Wieso eigentlich können mehr Männer kraulen als Frauen? Ist das ein Fall für die doch sicherlich bestallten Frauenbeauftragten des Landes Berlin? Wo lernt man Kraulen, wenn man erwachsen ist, und ansonsten schwimmen kann? Kann man irgendwelche Leute fragen, oder wirkt das möglicherweise übertrieben kontaktfreudig? Merkwürdig? Gar irgendwie komisch?

***

Auch meine liebe Frau Engl hat ihre Last mit dem Sport. Zwar fährt diese Dame mit großen, gefährlich aussehenden Motorrädern durch Berlin. Das Reiten auf Pferden indes, höre ich, gehöre nicht zu den Künsten, welche sie beherrsche. Die Pferde, diese doch an sich sehr angenehmen Tiere, seien der Frau Engl viel zu groß.

Einen Reitkurs werde sie daher auch nicht besuchen. Schließlich werden bedrohlich gigantische Pferde nicht kleiner, besucht man Kurse, in denen man die Besteigung dieser Tiere erlernt. Auch Ponies scheinen den Bedürfnissen der Frau Engl hinsichtlich einer ausreichend niedrigen Höhe nicht zu genügen.

Ein Kaninchen entspreche Frau Engls Wünschen an die Größe von sie umgebenden Tieren eher, wie ich höre. Diese Tiere allerdings werfen andere Probleme auf, wenn man sie zur Fortbewegung nutzen will, so dass ich annehme, dass Frau Engl in nächster Zeit nicht reiten, und ich nicht kraulen werde.

So ist das mit dem Sport.

Sonntag, 19. April 2009

In Würde altern

"Der Lack ist ab.", kommentiert der M. unseren kollektiven Zustand und liegt damit absolut richtig. Das Berufseinstiegsfett, das jeder ansetzt, wenn er seinen ersten Job mit Besprechungskeksen und fettem Business Lunch antritt, wird rund um den Tisch mehr statt weniger. In den irgendwann mal dunkelblonden Haaren des M. sieht man inzwischen ziemlich viele graue Haare und ein bißchen Kopfhaut, und der S., schräg gegenüber an diesem Terassentisch am Ende der Welt entlang der Radstrecke 1 aus S. schlauem Buch über Fahrradfahren in Berlin, hat haupthaarbezogen inzwischen einen Zustand erreicht, den man als "meliert" bezeichnen könnte.

Die I., sagt sie, bekäme langsam feine Fältchen auf der Oberlippe, und die M., wie ich höre, an den Augen. Wenn ich morgens aufwache, wirke ich seit ein, zwei Jahren schon ziemlich zerknittert, weil meine generelle Spannkraft halt nicht mehr dieselbe ist wie vor zehn Jahren, und dass der Kellner in diesem Ausflugslokal irgendwo in der Nähe des Tegeler Sees uns siezt, liegt vermutlich nicht nur daran, dass das "Sie" hier allgemein gebräuchlicher ist als im heimischen Prenzlauer Berg: Ich bin auch in den Innenstadtbezirken inzwischen mehrfach zurückgesiezt worden, wenn ich - unbedacht, man ist ja noch nicht lange alt - Verkäuferinnen oder Kellnerinnen geduzt habe. Man fühlt sich dann immer ein bißchen peinlich und plump.

"Da kommt jetzt nicht mehr viel Neues bis zur Rente.", behauptet die M. ein paar Stunden später in meiner Küche, in der ich Pasta für alle koche, und ich rühre wortlos in der Pfanne mit den Möhren und dem Sellerie, weil mir nichts einfällt, was ehrlich klingt, aber nicht ganz so deprimierend.

Mittwoch, 25. Februar 2009

Das Leben mit Troll

Leider ist es offenbar einer mir bekannten, wenn nicht sogar befreundeten Dame auch diesmal nicht gelungen, den Mann fürs Leben zu finden. Dabei ließ sich alles gut an: Man lernte sich kennen. Man gefiel sich. Man zog – keine sechs Monate ist es her – sogar zusammen und kaufte gemeinsam einen Küchenschrank, eine Waschmaschine, mehrere Garnituren Bettwäsche und lebte alles in allem recht zufrieden selbzweit. Zwar war der Herr ein wenig stubenhockerisch veranlagt, die Dame glich dies indes auf eigene Faust aus, und am Sonntagmorgen lag man glücklich gemeinsam im Bett und las in der FAS.

Das alles ist nun vorbei.

Vor einigen Tagen erwachte also die Dame des Hauses mit einem Kratzen im Hals. Das Kratzen verstärkte sich, Husten trat hierzu, die Körpertemperatur stieg an, und auf eine Krankschreibung hin blieb die Dame – wir wollen sie R. nennen – zu Hause. Zwei Tage schlief die R. eigentlich den ganzen Tag. Am dritten Tage las sie ein bisschen in herumliegenden Illustrierten, am vierten fing sie an zu telefonieren, und abends surfte sie ein bisschen im Internet. Unter anderem suchte und fand sie eine Seite, auf der eine ortsansässige Hutmacherin eigene Kreationen feilbot, die ziemlich gut aussahen und gar nicht so teuer waren, wie man es von handgemachten Hüten generell glaubt.

Am fünften Tag fand die R. diese Seite aber nicht wieder. Sie versuchte es mit ein paar verschiedenen Suchbegriffen wie „Hut kreativ Berlin“ oder so, aber die Hüte waren weg und entzogen sich ihren suchenden Blicken. Die R. war enttäuscht und schlief noch ein bisschen. Am Nachmittag aber fielen der R. die Hüte wieder ein. Erneut öffnete sie den Rechner, erneut suchte sie nach den Hüten, und dann fiel ihr ein, dass die Wege des Herrn zwar unergründlich, die Wege der Sterblichen durch das weltweite Netz aber ziemlich gut dokumentiert sind. Sie öffnete also den Verlauf.

Die Hutseite fand sie schnell. Was sie aber außerdem fand, waren zahlreiche Besuche in irgendwelchen Foren, die etwas mit Spielen und Filmen zu tun haben, und manche Foren, deren Besuch gleichermaßen verzeichnet worden war, beschäftigten sich mit eigentlich nichts., zumindest mit nichts thematisch gebundenem. Ihr das Notebook außerdem und eigentlich hauptsächlich nutzender Freund verbrachte seine Freizeit offenbar ganz gern im angeregten elektronischen Gespräch.

„Das ist doch besser als auf irgendwelchen Seiten mit n*ackten Frauen.“, gebe ich zu bedenken. Die Welt habe schon von unangenehmeren Hobbies gehört. – Indes, wird mir entgegnet, sei das noch nicht alles. Denn natürlich habe die R. die Foren unverzüglich aufgesucht und zumindest teilweise gelesen.

Ziemlich schnell fand sie ihren Freund. Der Nickname war der seines alten Plüschhasen, die Daten der jeweils kommentierten Kinobesuche stimmten, und auch die Schilderungen aus dem gemeinsamen Leben spiegelten die Realität halbwegs zutreffend wieder. Der Zurückhaltung, die sie an ihrem Freund immer als eher schätzenswert erlebt hatte, schien dieser im Netz allerdings ganz und gar nicht in derselben Weise anzuhängen: Seine Beiträge als pointiert anzusehen, wurde mir berichtet, sei schon eher euphemistisch. Auch der Begriff der Polemik bringe es noch nicht ganz auf den Punkt. Ihr Freund, so die R., sei vielmehr ein Troll. Ein Forentroll in des Wortes wahrster Bedeutung.

Und mit einem Troll wolle sie nicht ihr Leben verbringen.

Sonntag, 23. November 2008

Modeste kommt zu spät

(Bitte sprechen sie nach dem Signalton.)

„Ich bin’s. Modeste. Bist du da? Okay, natürlich bist du da, ich wäre ja auch da. Ist die J. schon angekommen? Ich komme etwas später. Also noch später. Ich bin grad’ in der U 2. Ich hoffe, du verstehst mich, ist hier gerade etwas laut. Eine Schulklasse oder so. Die ganze Stadt ist voller Schulklassen.“

(Freundin nimmt ab)

„Ah, super. Da bist du ja. Ich bin gleich da. Ich bin schon fast am Senefelder Platz. Tut mir leid, war nicht so geplant, aber ich war den ganzen Tag auf Achse. Drei Stunden allein bei P&C. Nein, nein: Immerhin auch was gekauft. Die erste Verkäuferin war eine Hexe, ich also abgehauen, aber die zweite war okay. Ein Kostüm, schöner Stoff, tailliert, eng, aber mit so einer Art Glockenrock. Sieht ganz gut aus. Zwei Oberteile, eins hell, eins dunkel, beide mit langem Arm. Sag’ mal, findest du auch mal Oberteile, die nicht entweder nach Klosterschule oder nach Freudenhaus aussehen? Auch nicht? Na, dann liegt’s jedenfalls nicht an mir.

Eine Jeans habe ich auch noch gekauft. Nein, ganz Standard, G-Star, Normalmodell für dicke Damen. War so ungefähr die zehnte, die ich anhatte. Der Wuscheljunge in der Jeansabteilung ist fast irre geworden an mir. Ich hab’ so getan, als würde ich das Augenrollen nicht sehen. Nützt ja nichts, ich muss ja irgendwas anhaben.

Ja, im KaDeWe war ich auch noch. Einmal halt einfach so, und außerdem wegen des Geburtstags der J. Nein, ein Parfum. Hast du auch ...? – Ach gut. Ich dachte schon. Nein, Crabtree & Evelyn. Sarawak. - Wieso? Ich find’ das gut. Na, ist ja auch nicht für dich.

Bisschen herumgeschnuppert halt. La Prairie, falls ich mal reich werde. Und Lalique. Kennst Du Perle de Lalique? Riecht super, aber ein bisschen sehr. Also sehr. Ich will ja nicht, dass neben mir Leute umkippen wegen einer morgendlichen Überdosis Duft. Vielleicht später, na ja. Vielleicht auch nicht.

Nein, ich ess’ nichts. Quatsch Diät, ich bin noch verabredet. Mit den Jungs. Steak essen, halb zehn. - Macht doch nichts, wird dann halt etwas später. Die können ja schon mal anfangen mit der Vorspeise. Kann ich mir eh nicht mehr leisten. Ich platze nämlich demnächst.

So, ich bin jetzt da. Also an der Eberswalder. Wenn ich ein Kurzstreckentaxi kriege, wäre das toll. Ich bin gerade schuhtechnisch etwas indisponiert. Die Schuhe sind super, aber nichts für Füße. Wirst schon sehen. Fast wie deine Schwarzen, aber nicht ganz.

...

So, bin jetzt bei dir vor der Tür. Siehst du mich? Soll ich klingeln, oder geht der Summer auch so? - Ah, gut. Tür ist offen.

Schön dich zu sehen."

Montag, 21. April 2008

Die B. regt sich auf

„Ich sitze also diesem Typ – fünfzig oder so, echt keine Schönheit, nichts als Fett und Falten – Ich sitze also diesem Typ gegenüber, weißt du, im 44, ein Superessen, nach wie vor, und der Kerl sagt:

Frau B., sagt er - haben sie eigentlich keinen Mann?

Mir bleibt fast das Essen im Hals stecken. Kalbskopf mit Fisch. Ziemlich lecker. - Herr Dr. G., hätte ich fast gesagt, sie haben mich als Rechtsanwältin engagiert – nicht als Studienobjekt. Was soll die Fragerei?! – Kommt aber noch schöner:

Frau B., fragt der Mann weiter – woran fehlt’s denn?

Ich hätte dem Kerl fast den Kalbskopf auf die Krawatte gespuckt. Da hört doch alles auf. Was sagt man denn dazu? Was hättest du gesagt? Einigermaßen schlagfertig, aber nicht unverschämt?

Hätte ich mich als Lesbe ausgeben sollen? Glaubt der mir nie. Da hatte ich auch schon zu lange gezögert. Hätte ich mir die Frage verbitten sollen? Nachher beschwert der sich noch über mich. – Ich sitze also einfach so da, löffele vor mich hin, und dann setzt der noch nach:

Frau B. – sie sind doch ein schönes Mädchen!
Sie haben doch bestimmt an jedem Finger zehn.

Und da habe ich gedacht – was soll’s. Lass den Irren reden. Tu so, als sei der Ton aus, konzentrier‘ dich auf’s Essen, und stell dir vor, der Typ wär‘ nicht da.

Oder würde einfach so im 44 sterben. Mit einer Gabel im Hirn. Und das Gesicht im Kalbskopf"

Montag, 7. April 2008

Freundin

Vielleicht, sage ich, kommst du vorbei, und dann könnten wir einfach in der Küche herumsitzen und ziemlich viel Sekt trinken. Einen guten, so einen Super-Alte-Damen-Sekt, und nicht diese saure Brühe, die sie auswärts gern als Sekt ausgeben, und dann kommt man nach Hause und hat ratzekahl keine Magenschleimhaut mehr. Dabei hören wir ganz laut Musik. Vielleicht bringst du dir mit, was du vielleicht anziehen willst, und probierst der Reihe nach alles an.

Wenn mir etwas nicht gefällt, dann werde ich dir das sagen. Das pistaziengrüne Kleid zum Beispiel mit den Glasperlen im Ausschnitt. Das sieht schon ziemlich scheußlich aus. „Mo-odeste!“, wirst du protestieren, und barfuß im grünen Kleid durch meine Wohnung tanzen, um zu zeigen, wie schön das Kleid sein soll, wenn man es nur tragen kann, so wie du.

Bestimmt ziehe ich auch ein paar Sachen an. Den braunen Tüllrock zum Beispiel. Also, ich finde den schön. Und ein schwarzes Oberteil, davon habe ich circa zwanzig, weil ich hoffe, dass Schwarz schlank macht, und ich hab’s doch nötig. Stimmt gar nicht, wirst du sagen, und ich werde mich freuen, auch wenn‘s nicht stimmt.

Du rauchst ja seit Jahren nicht mehr. Ich werde rauchen, bis die Ärzte mich aufgeben, habe ich mir vorgenommen, und zünde mir so viele Zigaretten an, bis sogar die Katze hustet. Ab und zu reiße ich das Fenster auf, und sehe dem Rauch nach, eine dicke graue Wolke, die sich langsam auflöst in der nächtlichen Luft.

Bei mir im Bad kann man sich ja nur im Stehen schminken. Du hast dir vom Flohmarkt einen richtigen Schminktisch mitgebracht, der steht bei dir im Bad, so ein Divenmöbel, vor dem man sitzen und sich bemalen kann, aber du machst das ja auch, und ich nicht. Letztens, erzähle ich dir, während du dir die Augen schminkst, war ich im Lafayette und habe mir zwei sauteure Lidschatten aufschwatzen lassen von Bi*otherm, die wahrscheinlich großartig aussehen, aber nicht an mir. Bei mir geht diesbezüglich irgendwie nichts, bedaure ich, und du nickst nur noch, weil du das jedesmal hörst, wenn wir übers Schönsein reden.

Wenn das Telefon klingelt, schauen wir erst mal nach, wer hier eigentlich anruft. Bei dir rufen mehr Leute als an bei mir, weil du viel mehr Leute kennst, und darum beneide ich dich ein bißchen. Wenn nette Leute anrufen, die wir mögen, gehen wir ran. Ja klar, höre ich dich sagen. Vielleicht später. Vielleicht auch nicht, denke ich, und verteile den restlichen Sekt auf die Gläser.

Wenn die Flasche leer ist, könnte man eigentlich auch schlafen gehen. Statt dessen stehe ich am offenen Fenster, wühle mit den Fingern ein bißchen in meinen Haaren herum, in der Hoffnung auf besseren Sitz, und höre der Warteschleife des Taxifunks zu.

Der nächste freie Annahmeplatz nimmt meinen Anruf gern entgegen, verspricht man mir, und ich sehe dir zu, wie du lachend mit beiden Händen die Katzenhaare von deinem Oberteil zupfst, den letzten Rest aus beiden Gläsern trinkst, dir im Spiegel zulächelst, und die Nacht lacht zurück.

Sonntag, 2. Juli 2006

Ein Dackel namens Satan

Leider, berichtet mir die A., sei ihr Schulfreund D. ja vor kurzem verrückt geworden, und werde, spräche sich das herum, wohl demnächst eingesperrt. Ein klein wenig bedauerlich sei schon, dass ausgerechnet sie sich in den Reihen der Werkzeuge des Wahnsinns wiederfinden habe müssen, allein, sie habe mit den besten, wirklich mit den unschuldigsten Motiven gehandelt, denn nichts zeichnet die anima candida ja mehr aus als die Tierliebe. Reine Tierliebe sei es ja gewesen, die sie vor einigen Wochen ihren Freund D. sie ins Tierheim habe begleiten heißen, denn wenig vorher war ihr Kater Samson gestorben, und Katze Tiffy nun ganz allein. Einen neuen Kater habe sie da erwerben wollen, um die Einsamkeit der verwitweten Katze ein wenig zu lindern.

Bei den Katzen wurde man leider nicht fündig. Uralt waren die ausgestellten Katzen, krank oder irgendwie gestört, und unter lauter lästerlichen Mutmaßungen, was wohl mit den gesunden, jungen Katzen passiere, habe sie dem Ausgang wieder zugestrebt. Es sei also der D. ganz allein gewesen, der den verhängnisvollen Rundgang durch das Hundehaus vorgeschlagen habe, und so zog man also eine Runde vorbei an den Verschlägen der Hunde, die keiner mehr haben will.

Zerfällt die Welt in Hunde- und Katzenliebhaber, so gehört der D. ganz klar in die Kategorie der Hundefreunde, und so zog er also im Zickzack durch die Behausungen der traurigen, herrenlosen Hunde, denn noch mehr als die Katzen belastet die Herrenlosigkeit das hündische Gemüt, und die Hunde wedelten mit Schwanz und drückten ihren Schnauzen eng an das Gitter, damit der D. sich ihrer annehme, um sie mit sich zu führen. Der D. allerdings wohnt irgendwo in Mitte in anderthalb Zimmern, an die Anschaffung eines Hundes war vernünftigerweise nicht zu denken, und so floß ihm zwar das Herz über, aber einen Hund mitzunehmen, fiel ihm zu recht nicht ein.

Auf einmal aber warf der D. sich vor der A. erstaunten Augen fast auf den Boden, gab glucksende Geräusche von sich, und streckte die Hände aus nach einem struppigen, ziemlich grauen Dackel. „Das ist ja Satan!“, ächzte er, strahlte, und das Tier kam ganz nah ans Gitter und ließ sich streicheln. „Satan, bist du wieder da!“, jubelte der D. mit durchaus gesteigerter Phonzahl, und der A. wurde ganz anders.

Satan nämlich hatte einst den Haushalt der Eltern des D. bereichert, damals, als die A. und der D. noch gemeinsam zur Schule gingen, irgendwann in den Achtziger Jahren. Ein ausnehmend hässliches Tier sei Satan gewesen, der Inbegriff des widerspenstigen, schwerhörigen und ungezogenen Dackels, der mit wahrhaft zerstörerischem Furor den D.’schen Haushalt einmal ein- und nicht gleichermaßen unbeschädigt wieder ausgegraben habe, aber der D. liebte den Hund und ließ nichts auf den Dackel kommen. Ein paarmal habe der D. sogar versucht, den Hund in die Schule mitzunehmen, dies sei ihm aber vom Lehrer verwiesen worden, und so wartete der Dackel Satan jeden Tag an der Gartenpforte auf die Rückkehr seines jugendlichen Herrn, um ganze Tänze aufzuführen, kam er um die Ecke.

Doch auch Dackel altern, und eines Tages musste man Satan zum Tierarzt bringen, um das arme Tier zu erlösen. Schwere Schmerzen hatte Satan gelitten, war schon ganz buckelig geworden vor lauter Geschwüren und stank aus dem Mund wie die sprichwörtliche Hure Babylon morgens vorm Zähneputzen. Vor dem jugendlichen D. hatte man dies verheimlicht, um eine Vereitelung des Erlösungsplans zu verhindern, denn ohne weiteres, sagt mir die A., sei jener in der Lage gewesen, mitsamt Hund einfach auszurücken, und den Hund unter Qualen und wesentlich langsamer als in der Praxis des Tierarztes irgendwo verenden zu lassen. – Als der D. also nach der Schule nach Hause kam, war der Hund tot.

Heulend und schreiend habe sich der elfjährige D. auf dem Rasen gewälzt, mit den Fäusten auf den Teppich gehämmert, seine Eltern gelästert und Gott verflucht, der es so eingerichtet hat, dass auch Hunde sterben. Vergeblich versuchten de D.'schen Eltern beruhigend auf ihn einzuwirken, versprachen alles mögliche, wenn er nur aufhöre zu heulen, kündigten den Erwerb eines neuen Hundes an und rangen die Hände. Ein neuer Hund aber, so schluchzte der D., komme ihm nicht ins Haus.

Der Hund aber war und blieb tot, und unter einem Fliederbusch grub man Satans sterbliche Reste in seiner Hundedecke ein, ein großer Stein wurde über das Grab gewälzt, und der D. heulte monatelang jedesmal, wenn er an der leeren Ecke vorbeikam, in der in besseren Tagen die Hundedecke gelegen. Manchmal hörte er des Nachts im Halbschlaf Satans Krallen auf dem Küchenboden. Mitten im Unterricht wurde der D. ab und zu ganz sentimental, und ein paar Tränen rannen über seine Wangen. Ganz generell sackten D.'s Schulleistungen dermaßen ab, dass er erst einmal sitzenblieb, und erst ein Jahr nach der A. Abitur ablegte.

„Satan! Satan! Guter Hund!“, jubelte der D. also vor dem Käfig und drehte sich kurz zur A. um. „Satan ist wieder da!“, verkündete er leuchtenden Auges, und die A. murmelte irgendetwas von einer „wirklich ganz erstaunlichen Ähnlichkeit.“ – Konsterniert starrte der D. zurück. Der Dackel aber sah seine Chance gekommen, aus dem Tierheim zu entkommen, lackte dem D. die Hände, sprang wie närrisch um ihn herum und hatte offenbar beschlossen, aus der Verwechslung den allergrößten Vorteil zu ziehen, den Auszug aus dem Tierheim nämlich, und so kam es denn auch: Der D. verließ das Tierheim mit dem Hund, der Hund war’s zufrieden, und nur der A. war ein wenig mulmig bei der Begeisterung, die der D. an den Tag legte.

Im Wagen hielt die A. den Hund auf den Knien, der D. telefonierte mit seiner Mutter, teilte mit, Satan sei wieder da, und beendete das Gespräch recht brüsk, als die Mutter sich dem Wahrheitsgehalt dieser Behauptung offenbar nicht so aufgeschlossen zeigte, wie der D. es sich vorstellte. „Wir zwei verstehen uns, gell?“, tätschelte er statt dessen dem Dackel den Kopf und enteilte vor seiner Tür mitsamt dem Hunde.

Ob die Hoffnungen des ehemals herrenlosen Dackels sich aber im Haushalte des D. wirklich voll und ganz erfüllt haben, steht zu bezweifeln, denn 60 Qaudratmeter, die einem berufstätigen Single gehören, dürften nicht gerade ein Hundehimmel sein, und so begann Dackel Satan, die Inneneinrichtung des D. langsam zu zernagen. „Immer noch so ungestüm wie immer!“, ließ sich der D. nicht irremachen, und engagierte einen Russen, der täglich mit Satan spazierenzugehen hat, und widmet sich in seiner Freizeit ausführlich dem Hunde. Demnächst, so ist zu vernehmen, plane er den Hund in seinen Heimatort zu Besuch mitzunehmen, wo er, so hofft zumindest die A., in hundegerechter Umgebung auch verbleiben werde. Ob nun als Wiedergänger oder als Nachfolger jenes seligen Satan sei letztlich natürlich völlig egal. Sie habe aber, so teilt die A. mit, die ihr wohlvertraute Mutter des D. einmal angerufen und ihr eingeschärft, die Identität mit dem verstorbenen Hunde auf keinen Fall zu bezweifeln, denn ansonsten werde der D. gegenwärtig ziemlich störrisch.

Sonntag, 7. Mai 2006

Der Haxnfresser

„Wie stehe ich denn da, wenn du das schreibst?“, ringt die B.² am anderen Ende der Leitung hörbar die Hände, und so ist es mir eine Pflicht, bereits an dieser Stelle rein prophylaktisch anzumerken, dass die B.² so etwas ansonsten wirklich nie tut und sich eigentlich immer so korrekt benimmt, wie es ihrer guten Erziehung in einer konfessionellen schwäbischen Mädchenschule entspricht. Die B.² kann man eigentlich überall hin mitnehmen, und ihr Benehmen entspricht vom dunkelblonden, wohlfrisierten Kopf bis zu den dezent beschuhten Füßen voll und ganz dem Leitbild einer reizenden, eloquenten und charmanten Dame, die so gut wie nie aus der Rolle fällt, außer am letzten Donnerstag eben, und das kam so:

Die B.² sucht ja inzwischen schon etwas länger einen Gefährten, einen netten Herrn eben, für nachts und tagsüber auch, und, wenn möglich, diesmal für immer. Berlin indes ist kein gutes Pflaster für die Jagd nach einem ständigen Begleiter, denn der männliche Berliner wird mit zunehmendem Alter nicht etwa häuslicher, sondern bloß neurotischer, und nicht selten bekommen ansonsten nette Leute allein von dem Gedanken an eine feste Beziehung lebensgefährliche Erstickungsanfälle und einen abstoßenden Ausschlag. Dass die meisten männlichen, studierten, berufstätigen, ungefähr dreißigjährigen Berliner deswegen allzu oft keine Beziehung, sondern nur eine unverbindliche, wenn auch intime Bekanntschaft suchen, nimmt deswegen uns, die wir erfahren sind in den wüsten Gewässern der Großstadtpsyche, auch nicht weiter wunder. Es ist also ein etwas ermüdendes Geschäft, die Suche nach dem Mann des Lebens, und der Verzehr von Haxn ist beileibe nicht der größte Fehler, den ein Kandidat aufweisen kann. Die aktuelle Bekanntschaft der B.² aber mag am Donnerstag abend vielleicht wirklich an einer Haxe gescheitert sein.

Eine Haxe nämlich bestellte derjenige Herr, den die B.² bereits in der Vorwoche einmal zum Tee getroffen hatte, in einem Gartenlokal, wo man derlei Dinge essen kann, irgendwo im Westen der Stadt. Die B.² kam direkt von der Arbeit, auch der nette Herr kam direkt aus dem Büro, und so saßen sich die beiden unter blühenden Bäumen gegenüber. „Eine Haxe!“, bestellte der Herr und erzählte von den derben Genüssen seiner Heimat. „Ein großer Salat mit Fetakäse und Oliven!“, bestellte die B.². - „Die Haxe kann ein bißchen dauern.“, kündigte die Kellnerin an, man bestellte deswegen direkt erst einmal ein Bier als Aperitif und erzählte sich allerlei Nettigkeiten, wie es Leute tun, die sich zum zweitenmal treffen und vielleicht verlieben möchten.

Es wurde langsam dunkel, die Biergläser waren leer, man verstand sich bestens und bestellte eine weitere Runde. Einen reizenden Dialekt sprach der Begleiter, und erzählte allerlei Nettes über weite Reisen und seinen Hund. „Gleich kommt die Haxe.“, versprach die Kellnerin, und stellte eine weitere Runde Bier auf den Tisch, die der Begleiter geordert hatte, dessen Großvater einmal eine Brauerei hatte, von der er erzählte. Seit dem Mittagessen – einer Rainbow Roll in Mitte – war es sieben Stunden her. Der Dunst des Bieres vernebelte der B.² Gehirn, und auch ihr Gegenüber wurde zunehmend lauter, gesprächiger, lachte die ganze Zeit und gefiel der B.² eigentlich ganz gut. Dann kam das Essen.

Ein gigantischer Salat, gekrönt von einem Berg Käse und Zwiebelringen, ungefähr ein Glas Oliven obendrauf, stand vor der B.². Vor ihrem Begleiter aber stellte die Kellnerin eine riesige Haxe ab, ein unförmig und rotbraun gebratenes Stück Tier aus Knochen und Fleisch, groß wie ein Volleyball und umgeben von einer knusprigen, festen Schwarte aus reinem Schweinefett. „Hmmm..“, machte der Herr, ergriff die Haxe mit beiden Händen und führte sie zum Mund. Krachend schlugen seine Zähne durch die Schwarte und gruben sich tief in das weiße, glänzende Fett. Die B.² stocherte ein bißchen in ihrem Salat, der bis auf das Fertigdressing von Develey ganz in Ordnung war, die Zwiebelringe vielleicht etwas dick geschnitten, und sah ihrem Begleiter beim Essen zu. Die fettigen Rinnsaale, die über die Schwarte flossen. Das rote Fleisch und der weiße, an den freiliegenden Enden der Haxe braungebratene Knochen. Das Geräusch, mit dem die Kruste der Schwarte brach. - Es grauste die B.² ein wenig, die schon den Anblick eines Brathähnchen nicht gut verträgt und nur ungern Metzgereien besucht wegen des rohen Fleisches, das in diesen Geschäften in der Auslage liegt. Mit der Zunge fuhr ihr Gegenüber über seine fleischsafttropfenden Lippen, riss riesige Stücke Graubrot mit Kümmel und Salz auseinander, stopfte sie dem Fleisch hinterher und spülte all dies mit Unmengen Bier hinunter. Das Bier immerhin schmeckte auch der B.². "Noch zwei Maibock!", bestellte der Begleiter zwischen zwei Bissen, und Maibock ist ein ganz besonders starkes Bier.

„Magst du auch noch was trinken?“, fragte der Haxnfresser eins ums andere Mal, und die B.² nickte. Es war ihr schon ein bißchen anders, die Bäume ragten ein wenig schief in ihr Bewusstsein, der Boden war nicht ganz so fest, wie er es ansonsten zu sein pflegt, und am Salat war ihr der Appetit vergangen angesichts des unglaublichen Mahles ihres Begleiters. „Schmeckt’s dir nicht?“, erkundigte sich dieser, und deutete auf ihren Salat. Die B.² redete sich auf das Fertigdressing heraus und wartete auf das Ende der Mahlzeit ihres Gegenüber. Währenddessen trank sie weiter und stieß mit dem Haxnfresser an auf den Sommer, auf Berlin, auf den bierbrauenden Großvater und den Tegernsee und auf alles Mögliche, was die B.² bierbedingt sofort vergaß.

Schließlich wurde abgeräumt. Erleichtert sah die B.² den abgenagten Knochen verschwinden, der Haxnfresser aß noch ein bißchen Bauernbrot, und der ungegessene Salat wurde gleichfalls abgetragen. Der Begleiter, nun wieder mit leerem Mund, sprach über die Kunst, wie es sich gehört, wenn man Damen beeindrucken möchte, und das Gespräch glitt zunehmend ins Intime. Die Gesprächspausen wurden länger, und irgendwann strich der Haxnfresser der B.² übers Knie und näherte mit gespitzten Lippen sein Gesicht dem ihren.

Die B.² sah ihn an. Fettig glänzte sein Mund, sein Atem roch nach gebratenem Schwein, und die B.² wollte auf einmal nur noch nach Hause. Der Begleiter atmete der B.² die Haxe entgegen, und die B.² drehte den Kopf weg. Ihr war übel. „Lass mich kurz...“, lief die B.² in die Gaststätte hinein und fragte hastig nach den Sanitäranlagen. Die Treppe abwärts und dann links, erklärte man ihr, und die B.² beeilte sich. Ihr war zum Sterben schlecht. Fast wäre sie die Treppe hinuntergefallen, denn das Geländer schwankte und bog sich unter der Macht des Alkohols.

Hinter der verschlossenen Tür unterhalb der Treppe aber wollen wir die B.² nicht stören, denn nicht schön sind Damen, die viel zu viel Bier getrunken haben, und Haxn auch dann nicht gut vertragen, wenn andere Leute sie essen. Bestimmt eine halbe Stunde saß die B.² verzweifelt und betrunken in der Kabine herum und versuchte, ihren bierumfangenen Geist zu sammeln. Mit dem Bier vermischte sich der ganze Jammer der B.², die schon ein bißchen zu lange nach einem warmen Arm um die Schulter sucht, um derlei Ereignisse mit einem Lächeln abzutun, und so saß sie in der verschlossenen Kabine und schluchzte leise, weil es die Liebe für manche Leute vielleicht gar nicht gibt.

Irgendwann klopfte es. Der Begleiter rief die B.² bei ihrem Namen, einmal, zweimal, aber die B.² blieb stumm und fühlte sich elend. "Geht's dir auch gut?", fragte der Haxnfresser, aber der B.² ging es gar nicht gut und so schwieg sie vor lauter Traurigkeit und Scham. Dann ging der Haxfresser und ließ die B.² allein. Irgendwann stieg auch die B.² die Treppe wieder hinauf. Der Haxnfresser war weg.

„Junges Fräulein!“, fasste die Kellnerin die B.² an der Schulter und überreichte ihr einen Zettel. Der Haxnfresser hatte ihn verfasst:

„Liebe B.², es tut mir wirklich leid, da habe ich wohl die Situation falsch eingeschätzt. Sei mir bitte nicht böse. Danke für den trotz allem schönen Abend. Ich rufe dich morgen an, wenn ich darf.“

Krank und unglücklich fuhr die B.² nach Hause und legte sich ins Bett. Als der Haxnfresser am nächsten Abend anrief, war sie nicht daheim. Ob sie den Haxnfresser aber zurückruft, dass weiß sie noch nicht, denn sehr peinlich ist der B.² die ganze Geschichte, der so etwas sonst nie passiert , denn die B.², um noch einmal darauf zurückzukommen, trinkt sonst selten so viel und weiß sich eigentlich immer zu benehmen. So gut wie nie trinkt sie Bier, mit einem Haxnfresser war sie noch nie aus, und das wird vielleicht auch in Zukunft wieder so bleiben.



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