Mausoleum
Unschön an der Endlichkeit des Lebens ist ja nicht nur, meine Damen und Herren, der Vorgang an sich, obwohl auch die Auslöschung keine angenehme Vorstellung ist – dieser Schrecken, ins Bodenlose zu fallen, und all das, was man jemals gedacht, gesagt, geliebt oder getan hat, einfach weggewischt zu wissen wie man ein Galgenmännchen nach beendetem Spiel von der Tafel wischt, um es ganz und gar zu vergessen. Erschreckend auch die Vorstellung von Schmerzen, die so recht geeignet sein mögen, einem die Seele aus dem Leib zu treiben, und derart arg, dass man ganz zuletzt als ein schwitzendes, entmenschtes Stück Fleisch nach dem Ende schreien mag und bliebe einem auch nichts das schiere Nichts.
Benebst Schmerzen, Schrecken und Dunkelheit, der Einsamkeit auf die letzten Meter selbst in Anwesenheit jener Menschen, mit denen wir doch alles teilen, und immer beieinander bleiben wollten, ist es wohl von untergeordneter Relevanz, aber doch wohl ärgerlich, ab einem Tag, einer Stunde, einem bestimmten Moment nicht mehr zu erfahren, wie es weitergeht, nicht mit einem selbst, das ist ja vorbei, aber doch mit dem Rest der Welt und besonders mit jenen, die uns mehr angehen als andere.
Wann sich der hinterbliebene Witwer trösten mag, und mit wem wohl? Wird er die Neue mehr lieben als dich, wütender begehren, sehnsüchtiger erwarten? Wer wird deine Lieblingskette tragen, wer an deinem Schreibtisch sitzen? Wer wird weinen, und wer wird nur so tun? Wer, den du längst vergessen hättest, wäre dein Gedächtnis nicht besser, als dir lieb ist, wird einen trübsinnigen Abend verbringen, wenn er von der leeren Luft hört, die du bis gestern gefüllt hast, und es nun nicht mehr tust? Wer, über dessen Anruf du dich gefreut hättest, wird nur ein Schulterzucken übrig haben oder gar nicht mehr wissen, wer du bist? Wie ist das Essen bei der Beerdigung, wer wird nächstes Mal Kanzler, und wie hättest du ausgesehen mit 80?
Und hätte sich das Durchhalten gelohnt?
Verbrennen denkt man sich ja recht appetitlich, wenn man die Alternativen bedenkt, aber ich habe gehört, der Kopf platze, bevor man ganz verbrennt, und selbst wenn ich es nicht mehr erlebe, ist das keine Vorstellung, mit der man sterben möchte. „So, das war’s jetzt offenbar, die Luft wird reichlich knapp, und morgen schieben sie dich in einen großen Ofen und dann platzt dir der Kopf.“ – Nein danke.
Auf der anderen Seite fürchtet man natürlich auch die Würmer. Nimmt das Kopfplatzen immerhin recht wenig Zeit in Anspruch, so schaut es mit den Würmern ja schon anders aus. Die dicken, weißen Maden, die sich aus und in das Fleisch bohren, brrr..., die hässlichen Löcher in der Haut, die ja ohnehin ein wenig leidet in den ersten Monaten, die auf das Ableben folgen, das alles schreckt ja nicht wenig. Auch das Schmatzen, das selbst dann, wenn es keiner hört, als Geräuschkulisse des Endes meines zeitlichen Seins ein wenig unwürdig erscheint.
Die alten Ägypter haben sich bekanntlich aus Angst vor dem Verfall einbalsamieren lassen, auch fürchtete man, seine Überreste im Jenseits eventuell noch zu brauchen. Eines Tages in den Museen späterer Zeitalter herumzuliegen, ist aber keine hübsche Vorstellung, die mir im Übrigen auch ein wenig unbescheiden scheint, denn wo, fragt man sich angesichts einer tatsächlich wachsenden Weltbevölkerung, kämen wir denn hin, wenn sich jeder dahergelaufene Hans und Franz einbalsamieren lässt. Am besten noch mit Aufbewahrung der Mumie in einem riesengroßem Mausoleum, das für Bedürftige in einer einfachen Plattenbauversion von der AOK bezahlt wird. Binnen weniger Jahre wäre Deutschland voller exorbitant hässlicher Totenhäuser, die großen Baumarktketten würden Mausoleen in jedweder Ausstattung zum Selberbauen anbieten, und man kann sich vorstellen, wie ein Mausoleum aussehen würde, das etwa der Praktiker Markt anböte. Oder das in Vorarlberg handgefertigte Bakelitmausoleum von Manufaktum.
Mein Mausoleum wäre dem gegenüber natürlich sehr individuell und äußerst geschmackvoll. Trotzdem dünkt mich die Einbalsamierung nicht als vollkommen angemessen bezüglich der Überreste einer Allerweltsperson wie mir, und nicht nur qualvoll, sondern auch noch unbescheiden zu versterben, ist vielleicht wirklich ein bißchen viel.
Nicht übel wäre es, man löste sich mit dem Moment des Ablebens einfach in seine chemischen Bestandteile auf und würde teilweise durch unauffällige Abflüsse, die findige Architekten unter den Betten der Krankenhäuser anbringen, der Erde zufließen, und zum anderen entwiche man gasförmig einfach in die Luft. Auch in dieser Beziehung erweist sich aber die Schöpfung als durch und durch defizitäres System.
Wie auch immer, auch bezüglich der letzten Maßnahmen, die auf dieser Erde die eigene Person betreffen werden, besteht noch erheblicher Innovationsbedarf, und so rufe ich hiermit die deutsche Wissenschaft und Industrie auf, sich dieses Problems endlich anzunehmen und Lösungen zu entwickeln, die sich als geeignet erweisen, uns einen würdigen und umweltfreundlichen Umgang mit unserem Körper zu ermöglichen, wenn wir ihn eines Tages nicht mehr brauchen.
(Im Rahmen einer noblen Geste an diejenige Dame, die den Anstoß für die Lösung dieses Problems, das so alt ist wie die Menschheit, gegeben hat, dürfen freundliche Ingenieure die Maschine, die irgendetwas Appetitliches, aber Wirkungsvolles mit menschlichen Überresten macht, übrigens gern „Modeste“ nennen.)
Aber manchmal steigst du herab, die Treppen sind verhangen von Spinnweben, und feucht liegt der Moder auf dem nackten Beton. „Sie waren lange nicht da.“, sagt der Mann an der Rezeption, dessen Züge langsam in der Haut versinken und wirft dir das Wechselgeld auf den Tresen, als sei es nichts wert. Seine Augen aber siehst du nicht mehr, und nur noch Haut, Haut, Haut deckt den blanken Schädel ohne Höhen und Senken. „Hast du denn gar kein Gesicht?“, fragst du ihn, als würdest du ihn kennen, aber er lacht dich nur aus. „Wozu noch, mein Engel?“, legt er seine Hand aufs Herz, und du gehst schnell weiter.
Hinter der Tür schnappt ein Hund nach dir, und ein Fluß rauscht schwarzes Vergessen. Hier scheint die Sonne nicht hin, hier ist der Himmel nichts als ein doppelter Boden, und du gehst schneller. Einen Schafbock zerrst du an der Leine hinter dir her, der Hund heult dir nach, und die grünen Himbeeren rechts und links des Weges leuchten entzündet und grell und zeigen sinnlose, eiserne Dornen. Kehr um, flüstert dir ein Geflügelter zu, aber du läufst weiter, weiter, bis zur Schädelstätte, bis zur Mitte des Nichts, wo die schwarzen Blätter zu Boden fallen, eng beschrieben, aber du willst sie nicht lesen.
Der Schafbock zerrt an seiner Leine, und ein Wind ist aufgekommen, der an deinen Haaren reißt, als sei der, den du rufen willst, schon wieder zurück. „Komm her!“, befiehlst du ihm, und der Sturm drückt dich näher zur Mitte. Der Schafbock schaut dich an aus angstvollen Augen und wendet sich um, als gäbe es noch einen Weg zurück zu Sonne und Gras, aber du rufst den Verschwundenen dreimal beim Namen, und der Bock senkt den Kopf. Du rufst einen Namen, du schwenkst dein mitgebrachtes Messer, und der Bock schwankt, um zu fallen. Aus seiner Kehle lässt du das Blut fließen, dessen Dunst die Luft reinigen wird mit blanken, roten Eisen. „Komm her!“, befiehlst du wieder, und die Schatten drängen sich näher. „Wir sind so schmerzliche, durchseuchte Götter....“, singt ein Chor dir vor, und ein Schatten löst sich aus den Reihen der Tenöre.
„Da bin ich.“, sagt er, und taucht seine Fingerspitzen in das frische Blut. „Erzähl‘ mir was.“, bitte ich, und ungeduldig sehe ich ihn trinken. Rot steigt es auf von seinem Mund, bunt und leuchtend, schillernd in allen Farben einer Sommerlüge, und erst, wenn das Blut getrocknet sein wird, frierend am Ende aller Geschichten, steigst du wieder hinauf, und hinter dir schließen sich die Pforten, bis sie so glatt sind wie die Wand.
"Auf bald.", sagt der Rezeptionist, und du schüttelst den Kopf.
Tiefer sinke ich, immer tiefer dem Schlaf entgegen. Die Dunkelheit umfängt mich wie warmes, brackiges Wasser, und ich falle der Nacht und den Träumen entgegen, die ihre Finger ausstrecken nach mir. Auf einmal aber schiebt eine Hand sich empor von ganz unten, aus dem Bodensatz der Nacht, und setzt einen schwarzen Traum ab auf meinen Dielen. Dichter wird die Dunkelheit, fester und schwer, und klumpt sich zusammen zu Schatten erst, zu Traumfleisch dann und Knochen.
Langsam und tastend, wie jemand in fremden, dunklen Räumen umhergeht, höre ich seine Schritte, recke mich angstvoll nach oben, versuche, dem Schlaf zu entkommen und dem Knacken des Bodens unter seinem Fuß. Die Hände aber, die nach mir greifen, die Müdigkeit in mir, sie sind stärker als ich, und ich falle wieder, gleite dahin, meinem Traum entgegen, dessen Schritte lauter werden, sicherer sein Gang, und ich höre ihn atmen.
Dass er verschwinden wird, öffnete ich nur die Augen, das weiß ich genau, aber ich kann nicht erwachen, ich sinke, falle immer weiter, und sein Schritt nähert sich dem Bett. Laut knacken die Dielen, sein Ärmel streift die rote Wand an meinem Bett, und ich kneife die Augen zu, um ihn nicht zu sehen. Aufwachen will ich, ihn zurückschicken dahin, wo er mich nicht fassen kann, aber immer tiefer wird mein Schlaf, und immer lauter sein Atem. Sprich, denke ich, und gib dich zu erkennen, obwohl ich weiß, wer er ist, und was er sagen wird.
Tief vergrabe ich meinen Kopf im Kissen, ziehe die Decke über mich, damit er mich nicht anfassen kann mit seinen kalten, feuchten Fingern. Er aber steht an der Wand, wartet auf mich, atmet, und ich höre sein Räuspern. Sprich endlich, fahre ich ihn an, damit ich antworten kann, und dich zurückjagen in die Hölle, aus der du kommst. Näher kommt sein Schritt, bewegt die Luft an meinem Bett, und als er sich setzt, als er seine Hand auf meine Schulter legt, öffne ich die Augen.
Du bist ja immer noch da, sage ich, und sehe ihm in die Augen, streife versehentlich sein weißes, blutleeres Fleisch, und er starrt an mir vorbei zum Fenster. Du hast mich gerufen, sagt er, und ich schüttele den Kopf. Du hast mich doch gerufen, beharrt er und streicht mir mit einem Finger den Unterarm aufwärts zur Armbeuge.
Verschwinde, schreie ich ihn an, reiße die Augen auf, und höre seinen Schritt leiser werden, sich entfernen, bis ich die Augen wieder schließe, und der Schlaf mich wiederum umfängt und sinken lässt, fallen lässt, und seine Hand wiederum nach meiner greift, wenn ich schlafe.
Später aber, als die Musik ausgegangen war, und nur noch die Boxen knackten, irgendwann nach dem letzten Rest von warmen Wodka, riss die Nacht auf, ihre Eingeweide quollen blau aus den offenen Flanken, und wir fuhren noch einmal los, die Torstraße entlang, die Friedrichstraße hinunter und weiter gegen Westen, der Nacht hinterher, die in unserem Rücken schon fadenscheinig wurde, trüb, als habe jemand einen Tropfen grauer Milch in den Himmel gegossen. Der Morgen drückte uns schwer in die Kurven auf dem Weg aus der Stadt. Irgendwo in der verbrauchten Luft im Fond des Taxis flossen meine Gedanken ineinander, verknoteten sich, verbanden sich neu, und mir verschwammen Namen, Orte und Zeit, während der Fahrer mit einer Hand am Steuer einen anderen Radiosender suchte und hin und wieder ohne Anlass auflachte, als glitte auch er dahin auf einem zähen Strom aus Müdigkeit und lauter Gegenwarten zugleich.
Das Fleisch des Mannes an der Tankstelle, bei dem wir Wein kauften und noch mehr Zigaretten, drückte sich aus seinem roten Overall, und unter dem gelben Base-Cap leuchtete seine Haut wie ein roher Schinken. Sein linkes Augen war verklebt mit einem krümeligen, gelben Sediment. „Da war ich mal als Kind.“, sagte mein Begleiter auf dem Weg zurück ins wartende Taxi und deutete auf das Etikett der Weinflasche, und ich nickte, schaute nicht einmal mehr hin, und trank von dem sauren, dünnen Wein, den er mir nach hinten reichte.
„Halten sie an.“, sagte er, und der Wind fuhr übers offene Feld, zog uns weiter zwischen die Bäume, und in der Feuchtigkeit eines Morgens, der der Sauberkeit entbehrte, als sei der Tag schon schillernd vor Fäulnis und verdorben von unserer Gegenwart geboren, stolperten wir zwischen den Grabsteinen entlang. Tief bohrte sich mein Absatz zwischen die Gehsteigplatten. Die Wände der Mausoleen rechts und links von unserem Weg schwitzten Vergänglichkeit und stinkendes Moos.
Wie Teehäuser bargen sich die Mausoleen im Wald, all die Teehäuser der Toten, die auf unser Verschwinden warteten unter den glitschigen Böden, und die kalte Nässe des Waldes drang zwischen Rock und Stiefeln durch die Strumpfhosen in meine Haut und durchtränkte erst meine Beine, um dann mich ganz und gar anzufüllen mit schwarzem, übelriechenden Wasser. Die letzten Tropfen Wein aus der ersten Flasche gossen wir den Toten als Miete auf ihr Grab, öffneten eine weitere Flasche und bliesen den Rauch unserer Zigaretten in die Luft wie ein Brandopfer für die, die vor uns da waren, und deren Namen in Stein gegraben sind, während uns, flüchtigen Passanten einer hastigen Zeit, keine Grabsteine für hundert Jahre mehr aufgestellt werden, wenn wir einmal so tot sein werden wie jene.
Als die Weinflaschen leer waren, gingen wir zur Straße zurück und fuhren heim durch den trüben Morgen, und wie von jeder unserer Nächte sollte uns nichts bleiben als die Gewissheit, das alle unsere Stunden nicht mehr enthalten würden als den Rausch vergeblicher Exzesse und eine Traurigkeit, die gleißend hinter den Dingen steht wie die Wände verrottender Mausoleen weit hinter der Stadt.
Aber eines Morgens werde ich erwachen, und die Wände meiner Wohnung werden voller Leichenflecken sein, und von den Decken fällt der Stuck wie die mürben, gelben Zähne der Toten aus faulendem Fleisch. Vorbei wird es sein mit den guten Jahren in Berlin, und mein Schlaf wird unruhig und fahrig und ausgeschlagen sein mit dem Lärm rollender Räder. Durchsichtig werden dann die Silhouetten derer, die ich liebe, und der Himmel über der Stadt wird immer trüber werden, geschwollen erst, und dann nekrotisch von den Rändern her.
"Schön war's hier.", wird sich mein Berliner Leben beschweren, wenn ich die Sachen in die Kisten packe. "Du hast es doch einmal gut hier gehabt.", füstert mein Berliner Selbst mir in die Ohren. "Erinnere dich", beschwört mich mein Berliner Leben, "an die leuchtenden Nächte in Mitte, den gläsernen Glanz eines Morgens am Kleinen Wannsee, die warmen Abende in den Küchen der Freunde!", und hält mich mit entfleischter Hand noch fest am Ärmel, damit ich wieder auspacke und noch ein Jahr bleibe oder zwei. "Wenn du jetzt gehst, wirst du niemals ankommen.", wird sich mein altes Ich mir in den Weg stellen und mich anschauen mit seinen starren Augen, und ich werde es, sanft erst und dann erst kräftig, an den Schultern packen und beiseite schieben. "Du bist doch längst gestorben.", schreie ich mich an und trete dieses Leben in die Dielenbretter vor meinem Bett. "Bleib doch einmal bei dir.", brüllt mein verwestes Ich, und ich schlage ein mit meinen Fäusten auf all die Jahre, steche mich nieder, renne die Treppe herab in ein neues, reineres Leben und schieße mein Berliner Selbst mitten ins Gesicht, damit es liegenbleibt. Vorbei und vergangen.
Vielleicht schreibe ich noch ein paar Postkarten an die verblassenden Freunde. Vielleicht kommt noch ein Weihnachtsgruß von mir, vielleicht noch der eine oder andere Anruf, bis dieses Leben ganz vergessen, und ein neues Leben woanders so fleckig und faltig sein wird wie dieses hier an irgendeinem Tag.
„Da bist du ja.“, werde ich ihn begrüßen, und er wird an meinem Bett sitzen, an dem hoffentlich keine Schläuche hängen, weil ich Angst habe vor Krankenhäusern. Müde wird er aussehen, und sogar etwas heruntergekommen in einem fadenscheinigen Anzug, und für einen Moment wird es still sein im Raum. „Warum kommst du erst jetzt?“, werde ich ihn fragen, und die tiefen Falten in seinem Gesicht mit dem Zeigefinger nachzeichnen.
„Ich war immer bei dir.“, wird er sagen, und mir die Hand auf die Stirn legen. Damals, mit 17, wird er mich erinnern, einen ganzen Sommer lang, im Weißdorn am Ferienhaus der Eltern des B. am Meer, das B.²‘s Vater seiner Mutter überlassen hatte bei der Scheidung, und das diese nicht mehr betrat bis zum Verkauf Monate später. Wir tranken alles, was da war, einen ganzen Weinkeller, der völlig verschwendet war an uns, die genausogut hektoliterweise Bier hätten trinken können oder Obstwein oder so, und fuhren nachts im Dunklen auf Motorrädern und ohne Licht immer ums Haus und kreuz und quer über die Insel. Rein gar nichts konnte man sehen. Mit geschlossenen Augen riss ich an der Gabel, und hätte mich nur umdrehen müssen nach ihm, so schnell wäre das gegangen, und nach seiner Hand greifen.
„Du wolltest mich ja nicht.“, wird er lächeln.
Von den langen Nächten wird er erzählen, in denen er im Waffenschrank saß, und uns zuhörte, wie wir über ihn sprachen, und ihn mit fließender Seide bekleideten, behängt mit Gold und lauter funkelnden roten Steinen. Von festen Händen, die zugreifen hätten können, und einer Verabredung, zu der ich nicht ging. „Solange haben wir auf dich gewartet.“, wird er erzählen von diesem Abend, an dem ich nicht kam, und jemanden nie wieder sah, meine Sachen packte statt dessen, um fortzuziehen, und ein Lachen nur noch nachts zu hören, wenn die Wände dünn werden im Mondlicht.
„Ich habe dich gesehen.“, werde ich sagen, und er wird den Kopf schütteln und lachen. „Du doch nicht, meine Liebe.“, wird er antworten, und seine Schuhe ausziehen. Mit angezogenen Beinen wird er neben mir auf der Matratze sitzen, und vielleicht lege ich meinen Kopf in seinen Schoß. „Gut siehst du aus.“, werde ich lügen, und er wird sich amüsieren über mich.
„Das hättest du anders haben können.“, flüstert er mir dann zu, und ich schließe die Augen. Von der Nacht in Schweden wird er sprechen, als wir so müde waren vom Streiten, und uns an der Kante des flaches Daches schlafen legten, sechs Meter hoch, und im Einschlafen überlegten, um wen es mehr schade wäre, und er im Garten stand, neben dem Zaun, und mir zusah.
„Sei jetzt ruhig.“, werde ich sagen, und die anderen Geschichten nicht mehr hören wollen, und er wird den Arm um mich legen, und ich schlafe ein an seiner Schulter.
Des Nachts sitzt er auf einmal an meinem Bett. „Du bist doch tot.“, sage ich ihm und lege meine Hand auf die Leichenflecken auf seiner Brust. „Man trinkt nicht einfach so von fremdem Blut.“, sagt er, lacht, zeigt seine schiefen, spitzen Zähne und streicht mir mit kalten, feuchten Fingern den Hals abwärts.
„Mir geht´s nicht gut.“, sage ich, damit er verschwindet und reiße den Rachen weit auf, um ihn in mein Inneres schauen zu lassen, dass er Mitleid hat mit mir. Mit offenem Mund lacht er mich aus, legt sich zu mir und drückt mir die kalten Glieder an den Leib. „Ich hab dich nie geliebt.“, sage ich, damit er weint, ablässt von mir und wieder verschwindet in jenen Hohlraum zwischen Haut und Adern, wo er herkommt, und wohin er wieder verschwinden soll.
Er aber legt mir den Arm um die Schulter, und tief sinke ich ein in sein mürbes Fleisch. Geschichten erzählt er mir, so viele Geschichten von ihm und mir, die so lange vorbei sind, dass ich sie vergessen habe, wenn ich nicht schlafe, gekreuzigt von der Nacht auf trockenem, splitternden, schlafblauem Holz. „Ich habe dir doch nichts getan.“, behaupte ich, und er lacht, lacht mich aus, zeigt mir Wunden, die ich nicht geschlagen habe bei Tageslicht und Sonnenschein.
„Du hast bekommen, was du gesucht hast.“, halte ich ihm vor, und er nickt und spricht weiter. „In allen Untergängen haben wir uns gefunden“, sage ich. „Auf dem Weg zur Hölle warst du nicht allein.“
„Du hast mich verraten.“, sagt er, und zieht mir den Kopf zur Strafe so weit nach hinten, bis der Hals in den Wirbeln krachend nach hinten fällt.
Jeder ruiniert sich, wie er kann, denke ich, schaue ihn an und fahre langsam durch sein dichtes, dunkles Haar. Er tut mir nicht leid, wie er nun da sitzt, ausgeliefert unter meiner Hand, die Augen zugekniffen und den Mund halbgeöffnet zwischen blauen Wangen. Hilflos rudern seine Arme in meiner Schlafluft, und die kräftigen Fäuste werden weich. Wie Tentakel ragen seine Finger in den Raum.
„Ich bin dir über.“, halte ich dem Alptraum vor, und er lacht, er lacht so laut, so gellend, dass ich erwache und ihn eine Zigarettenlänge lang noch riechen kann in der Luft über meinem Balkon.
Irgendwo in der Frau, die ich im Spiegel sehen kann, wartet der Tod und versteckt sich einstweilen. Vielleicht eine Lungenzelle, die einstweilen völlig unbeobachtet in meinem Brustkorb vor sich hin atmet, und eines Tages mutiert, klumpt und wuchert, und dann das Krankenhaus, Haarausfall und der achselzuckende Arzt. Oder der Herzfehler, der sich eines Tages von einer Petitesse auswachsen wird zu einem ernsthaften Problem, das Herz will dann nicht mehr, und ohne Herzschlag, heißt es, lebe es sich ja mäßig und meist nicht besonders lang. Oder der Tod wächst mir in einem andern entgegen, einem nachlässigen, betrunkenen Autofahrer, der heute morgen nüchtern an seinem Schreibtisch sitzt, eines Tages mit Freunden ausgeht, vergnügt ist, und die Kosten des Taxis scheut? Oder der Herbeigerufene, Herbeigesehnte, Geliebte und eines Tages vielleicht dann doch Verlassene trägt meinen Tod in seinem Kopf, und steht eines Tages mit dem Messer im Hauseingang, ein kurzer Schreck, ein scharfer Schmerz und das Ende.
In den letzten Momenten, so heißt es, gingen noch einmal spektakuläre Dinge vor, das ganze Leben zöge an einem nochmals vorbei, und es würde hell, ein letztes Mal würden alle Register gezogen, und erst dann sei es aus, man könne sich loslassen, entschwinden ins Nichts, oder in Sphären, von denen ich nicht weiß.
Es mag aber auch sein, dass auch in diesem Augenblick nichts weiter wartet als die letzte, endgültige Enttäuschung: Zu liegen, hilflos, in Schmerzen und nackter Angst. In der Gewissheit, dass diese Schmerzen nicht mehr enden werden, die Welt verglasen zu sehen, schreien zu wollen und nicht zu können. Größtmögliche Einsamkeit. Sich noch einmal aufrichten zu wollen, ein letztes Mal „Ich“ zu denken, und aus dem Dunkel der Schmerzen, allein und in schriller, lähmender Angst in ein Dunkel hinübergezogen zu werden, das nichts Gnädiges an sich hat.
Zweifellos gehört die Vogue zu den tertiären Geschlechtsmerkmalen der Frau – selbst diejenigen, die die auf den werbegesättigten Seiten jener Postille zelebrierten Kleidungsstücke niemals anziehen könnten oder würden, sind in der Lage, auf Abruf unverzüglich Meinung über die Vogue abzusondern. Wen die Vogue kalt lässt, der hat wahrlich ein abgeklärtes Verhältnis zur äußeren Welt gefunden, um den man ihn beneiden darf.
Der Wechsel der Moden im Wandel der Zeit soll jedoch auch seine negativen Seiten haben. Insbesondere ein ganz wesentlicher Bestandteil des menschlichen Seins hat bisher noch keine zufriedenstellende Lösung gefunden, und sogar die Vogue bleibt die Antwort auf die Bekleidungsfragen in diesem Zusammenhang schuldig: Ich spreche vom Tod. Genauer gesagt: Vom Begräbnis.
Als Mann hat man es leicht. Stilvoll verrottet der Herr im Gesellschaftsanzug, auch im schlichten dreiteiligen Anzug tritt der berufstätige Mann die Reise in die Unterwelt in seiner gewohnten Kluft an. Niemals jedoch möchte seine Gefährtin im Hosenanzug Lethe trinken. Wer sich im Kostüm beerdigen lässt, kann sich auch gleich in Jeans der Ewigkeit anheimgeben. Allein die minimale Chance auf die leibliche Auferstehung sollte jeden Gedanken an eine solche Gewandung verbieten.
Wer seine Bestattungsanordnungen nicht jedes Jahr ändert, dem wird aber auch die Vogue nicht weiter helfen, denn was dieses Jahr schön ist, wird in drei Jahren so abgegriffen sein, dass es unmöglich auch nur für einen Tag, geschweige denn für die Ewigkeit tragbar sein wird. Und wechselt man im Elysium eigentlich auch mal die Kleider? Oder legt man die Gewänder am Eingang ab und wandelt in griechischer Nacktheit durch die seligen Gefilde? Die mannigfaltigen Unsicherheiten von unser aller Zukunft gebieten äußerste Vorsicht in dieser delikaten Frage.
Als junges Mädchen hat man es auch leicht. Mit ungefähr 15 fabulierte ich mir etwas von elfenbeinfarbenen Empirebrautkleidern zusammen – allerdings kommt so langsam das Alter, in dem selbst eine lebendige Braut in der Auswahl ihrer Tracht vorsichtig werden sollte.
Und selbst für den Fall, dass dem Dunkel kein strahlender Morgen nachfolgen sollte – wer möchte dermaleinst durch einen unglücklichen Zufall naturmumifiziert schlecht angezogen über Jahrzehnte in einem Glaskasten zukünftiger Museen liegen, versehen mit einem hämischen Kommentar über die Kümmerlichkeit der Grabbeigaben und der armseligen Gewandung dieser bestimmt besonders unbedeutenden Leiche.