Verehrung

Samstag, 20. Mai 2006

Pour de nouvelles Aventures

Zum Grand Meaulnes von Henri Alain-Fournier

An manche Bücher mag man nicht mehr gehen, wie man auch vormals geliebte Männer manchmal nicht wiedersehen mag, um die Erinnerung an ein Gefühl nicht mit einem unreinen Tropfen zu verfärben. Aber mehr zehn Jahre nach der ersten Lektüre greift man doch noch einmal zum Grand Meaulnes, weil man ihn einmal so geliebt hat vor vielen Jahren, und hat nur ein wenig Angst, der schmale, 1913 erstmals erschienene Band, möge beim Wiederlesen ein wenig enttäuschen, wie es ja manchmal zu gehen pflegt, wenn man weiter gewachsen ist seit der ersten Lektüre, als die Grenzen eines Buches reichen.

Eine ländliche, fast märchenhaft unberührte Welt des ländlichen Frankreichs in der Neige des 19. Jahrhunderts zeichnet Henri Alain-Fournier: Die Schule, deren Schulmeister der Vater des Ich-Erzählers Seurel ist, der nicht ausziehen wird zu jenen Abenteuern des Augustin Meaulnes, diesem jugendlichen, späten Vetter des Taugenichts. Aber die Moderne, die Stadt, so fern sie zu rauschen scheint, hat doch ihre Kompliziertheit, ihre Skrupel und ihre Halbheiten in diesem abenteuerlichen Geist hinterlassen, der achtzehnjährig in der Schule auftaucht als neuer Schüler, die anderen Schüler fasziniert, sie um sich sammelt und sich anfreundet mit dem, der die Geschichte erzählt. An deren Ende wird es ein Paar geben in der Zurückgezogenheit eines Kindheitshauses, nur ein einziges Paar also findet sich, auf dessen Glück wir hoffen, aber Augustin wird ebenso wenig sein Glück finden wie der Ich-Erzähler, und so ersteht ein schmerzliches, zartes Arkadien in der Sonne dieses Romans.

Lauter Träumen laufen die Protagonisten hinterher, deren wehenden, schnell verwehten Abglanz sie gesehen zu haben meinen. Ein Fest in einem falschen Sommer, in das Augustin Meaulnes gerät aus Zufall und Verirrung wie wohl ein reiner Tor ein Schloss finden mag, und es nicht wiederzufinden vermag aus eigenen Kräften. Eine Hochzeit soll gefeiert werden, und pittoresk, romantisch verkleidet wie diese ganze, leise, in ihrer Lebenslust doch dezente Geschichte, warten die Gäste auf das Brautpaar, doch die Braut, wiewohl liebend und geliebt, ist auf und davon. Der Bräutigam, Franz de Galais, wird sich eine Kugel in den Kopf schießen und, überlebend, Jahre umherirren auf der Suche nach der verlorenen Braut. Eine weitere geliebte Frau verschwindet, kaum hat Meaulnes sie gesehen. In die Schwester des Bräutigams, Yvonne de Galais, verliebt er sich, ohne sie zu kennen, und sie zu finden treibt ihn wieder und wieder auf die Suche nach dem Schloss, als er längst zurück ist in der Schule und es nicht wiederzufinden vermag. Der Traum von einem Paradies, als das das Schloss Eingang findet in die Phantasie nicht nur des Meaulnes, der einen Abend und eine Nacht im Schloss verbracht, der Traum von einer stillen, innigen Liebe, von einer Ruhe zwischen Feldern, Wasser und einem befriedeten, schweigenden Himmel, die dem Meaulnes nicht vergönnt sein wird, denn die Suche nach dem Abenteuer, die ihn, noch halb unbewusst, als Schüler erstmals hinaustreibt, wird ihn auch am Ende nicht loslassen. Wie Franz wird wohl auch er über die Straßen Deutschlands treiben, auf der Suche nach einer Ganzheit, die untergegangen war schon in den Jahren, in denen Fournier ihn erfand.

Die Gärung und die Nervosität der Jahrhundertwende, die an unerfüllbaren Sehnsüchten entzündeten Nerven einer späten und allzu filigranen Welt mögen es sein, die den Kosmos des Meaulnes unterscheidet von der Welt der deutschen Romantik. War dem Taugenichts aber noch das Glück etwas Erreichbares, wenn die geliebte Frau die dem Handwerksburschen erreichbare Kammerzofe war statt der Gräfin, und das Sehnsuchtsland Italien ein Ort, an dem man fahren konnte, so ist das Schloss des Meaulnes aber nicht mehr ein bloßes Gebäude irgendwo am Land, wohin man sich einfach wenden könnte, denn nur für einen Abend, einen vergeblichen Anlass, hat ein flüchtiger Moment, eine dekorative, pittoreske Laune, Stein und Mörtel vergoldet, und mit dem Abend verschwindet das Paradies, das die Protagonisten doch nicht aufhören können zu suchen.

Auf der Suche wird eine Freundschaft zerbrechen. Die Ehe der Yvonne de Galais mit Augustin Meaulnes wird nur einen einzigen Tag dauern, an dem Yvonne sterben wird. Der Ich-Erzähler verrät den Meaulnes, dieser wird den Franz de Galais verraten, der verstoßen durch sein eigenes Unglück in unwürdiger Gesellschaft krank und verstört über Land zieht, und ob das unsichere Glück, das schließlich ein erreichbares Glück zerstören wird, den Tod und die Flucht und die Heimatlosigkeit wert gewesen sein wird - wir wissen es nicht, und Fournier lässt es uns nicht wissen.

Keine Idylle ist es also am Ende, was Fournier als einzigen vollendeten Roman hinterlassen hat, und doch scheint durch den Spalt in der Schlosstür, am Ende der Straßen, auf denen Meaulnes Franz de Galais suchen wird, und selbst in der Kläglichkeit der stehlenden Komödianten, der oft stumpfen und brutalen anderen Schüler, der Enge der Provinz, die Möglichkeit eines Glücks auf, das zu suchen wir nicht mehr kraftvoll genug sind, und dessen Zerbrechlichkeit und schneller Verfall, so leidvoll wenig mehr als eine Augentäuschung, es uns doch greifbarer erscheinen lässt als die Welt der rotbackigen Romantik, für deren Abenteuer uns der Glaube fehlt an die goldenen Töpfe am Ende des Regenbogens.

Und so sitzt man denn zwischen Feldern und Bäumen über Hügelketten, so weit das Auge reicht, irgendwo im Nichts im Bergischen Land in einem Wagen vier Stunden lang im Stau, und liest sich wieder zehn Jahre zurück in eine blühende, fließende, schimmernde Vergangenheit, und möchte wieder mit Meaulnes auf Abenteuer ziehen, bei denen es um Liebe geht, um sommerliches Glück, Erlösung und all diese Dinge, von denen wir wissen, das es sie meistens nicht gibt.

Samstag, 26. November 2005

Thy Pale, Lost Lilies Out Of Mind

So, wie bei einer Flut ein Haus erst rissig wird, Feuchtigkeit seinen Keller überschwemmt, und schließlich die Wände nachgeben, steht das 19. Jahrhundert nur scheinbar sicher auf den festgefügten Mauern, nach denen sich ein blutiges halbes Jahrhundert später ein Stefan Zweig sehnen wird. In den Großstädten sammeln sich die, die von sich mit nicht unberechtigtem Selbstbewusstsein behaupten werden, das Bewusstsein einer Zeit zu sein, die langsam beginnt, aus ihrem Innersten die fleischigen Gesichter zu zersetzen, die von den Portraits dieser letzten Jahrhundertwende aus ihren überladenen Rahmen auf uns herunterschauen.

Die Städte Europas sind in diesen Jahren auf ihrem Scheitelpunkt angelangt: Der ganze Glanz der Urbanität, eine üppige Sinnlichkeit, gewürzt mit dem Hautgout einer entfesslten, derben Genussucht, die einer allzu schnell zu Wohlstand gekommenen Gesellschaft entspringt. Es ist das Europa der rotgesichtigen, reichen Kaufleute, der Bel Ami des Zeitungswesens, der Väter, die in den Autobiographien ihrer verfeinerten, schlanken Söhne ein fratzenhaftes, verzerrtes Nachleben von grauenerregender Vitalität noch lange nach ihrem Tode führen.

Unter den fragilen Kaufmannssöhnen, die in den literarischen Journalen Londons veröffentlichen, findet sich auch der Name des 1867 geborenen Ernest Christopher Dowson, der nach gescheitertem Studium mit 21 Jahren dem väterlichen Unternehmen beitritt, um fortan ein zweites, nächtliches Leben in London zu führen. In den Katakomben der Hauptstadt des Empire verschmelzen in jenen Jahren eine robuste Lebensfreude mit einer vibrierenden Lust am Exzess, der Sehnsucht nach einem überschießenden Untergang in Pracht und blendenden Kaskaden, die sich nur in ihren Erscheinungsformen, nicht aber in ihrem Kern gleichen.

Vom Grunde dieses schwarzen, irisierenden Stroms, aus dem Schlamm des glänzenden, aufstrebenden London, fördern die Autoren jener Journale, in denen auch Dowson publiziert, eine üppige, rauschhafte Schönheit, und versuchen, das Ungezügelte, Bacchantische in Formen zu gießen, in deren kühler Strenge alles Erlebte, Erträumte, Erfahrene erstarrt wie heißes Metall zu üppigen Ranken. The Yellow Book, The Savoy drucken seine Gedichte, Aubrey Beardsley illustriert, ein Roman misslingt, und kränklich, zart inmitten dieser blutvollen, dämonischen Welt, meißelt Dowson eine Handvoll, ach: weniger als eine Handvoll Gedichte von makelloser, erhabener Schönheit.

Die dämmerige, reine Erhabenheit des Klosterlebens jenseits der Verworrenheit der Welt: And it is one with them when evening falls, and one with them the cold return of day. Das Verblassen der Erinnerung, der schmerzhafte Fall der Rosen, ...Rain of their starry blossoms – To make you a coronet? Do you ever remember, Yvonne, As I remember yet?. Die Gegenwart der vergangenen Liebe zu einer Toten.

I cried for madder music and for stronger wine,
But when the feast is finished and the lamps expire,
Then falls thy shadow, Cynara! the night is thine
...

Das Vergehen der Liebe überhaupt, nach deren Reinheit der ausschweifende Katholik zu suchen vermeint. Die geliebte, zwölfjährige Gastwirtstochter, die einen Kellner heiraten wird, eine kleine Madonna, und der Herzschlag und die Lippen derjenigen auf der anderen Seite, die im Werk jenes Viktorianers keinen Namen tragen. Surely the kisses of her bought red mouth were sweet; But I was desolate and sick of an old passion, When I awoke and found the dawn was gray...

Grau mag der Morgen tatsächlich gewesen sein, das schwere Erwachen an der Seite von gleichgültigen Fremden. Die Nacht, in der Robert Sherard den Betrunkenen ohne einen Penny in einer Bar auflas, und mit sich nahm in sein Cottage weit ab der großen Stadt, wo Dowson sechs Wochen später starb, 32 Jahre alt, in jenem Jahr, in dem Oscar Wilde die Augen schloss, ein paar Monate vor dem Tod der Königin Victoria, und knappe anderthalb Jahrzehnte, bevor die Spannungen, die Europa ein halbes Jahrhundert lang ausgebrütet hatte, sich blutig entluden, und das Haus einstürzte, dessen feine Risse sich in den wenigen Seiten Lyrik als ein gewundenes, seltsames Muster von großer Schönheit darbieten.

Montag, 26. September 2005

Du fändest Ruhe dort

Nicht auf der Stelle, nicht in einem einzigen, stahlblitzenden, kristallinen Moment vergeht der Mensch, und auch das Sterben soll ein mühsames Geschäft sein, und das Totsein kann vielleicht erst recht eines werden: Auf einer langen Wanderung gen Hades vorbei an den grünen Himbeeren und den Feuern, die nicht wärmen, über den Styx in jene Sphären, von denen wir nicht wissen, um erst dort richtig tot zu sein und endgültig vergangen.

In dieses Zwischenreich zwischen Tod und Leben, das wir das Sterben nennen, hat Franz Schubert im Herbst 1827, nur ein Jahr vor seinem eigenen Tod, einen namenlosen Wanderer ausgeschickt, der die 24 Sterbestationen der Winterreise durchläuft und durchleidet, eine menschenleere Welt voll Eis und Kälte in dem blendendem Weiß, von dem ich mir vorstelle, dass es jene letzte Farbe ist, in der alle Farben der Welt einmal verschwinden. Vom romantischen Dekor, das noch die Welt der Schönen Müllerin 1823 verziert und die scharfen Schneiden der heißen, aus dem Überschwange tödlichen Liebe abschleift und rundet, ist dieser Zyklus frei, die Zeit und die Verzweiflung haben das warme Fleisch von den Zeilen geschält, und die Höhen ebenso abgeschliffen wie die weichen, ziehenden Melodien. Hier bindet kein schönes, grünes Band den Wanderer mehr an die Oberwelt: Nackt, aus leeren Augenhöhlen, lacht der Tod seiner Beute ins Gesicht.

Will er umkehren? Träumt er sich noch einmal zurück in die warmen, grünen Auen, ins Dur des Frühlingstraums? Hier wird kein Frühling mehr, hier schickt das barmherzige, warme Leben keinen Brief mit der Post, und ganz vergeblich fragt der aus der Welt Gewiesene, wann endlich er sein Liebchen im Arm hält: Nimmermehr, denn so krächzen die Raben, die die Singvögel nicht sind, von denen einer noch träumt.

Längst sind die Tränen zu Eis geworden, und hinter dem Wanderer schließen sich die Wege. Längst ziehen und locken die Zweige des Lindenbaums in den Frieden, und in dem scharfen, in seiner Schönheit schmerzhaften Gesang der Brigitte Fassbaender, in der scheinbaren Süße der Mitsuko Shirai hat der Tod schon die Augen aufgeschlagen und auf allen Wegweisern geht es zum Hades. Gnade sagt man jenem nach, der denen, denen er wohlwill, die Sinne verwirrt, aber es leidet, so schneidet es die Musik in die mitleidigen Ohren, der Wanderer auch an jenen drei Sonnen, die am Horizont erscheinen, als es schon fast dem Ende zugeht. Schon hat der Tod den Willen des Ermüdeten überwunden, schon ist nicht mehr die Rede von Blumen, wenn´s auch Eisblumen sind, schon ist die Liebe zu einer, die sich als Wetterfahne erweisen sollte, kein Ort mehr, der auch nur wirklich wäre. Das Obdach, das eine barmherzige Seele noch gewährt, vermag nicht mehr zu halten und zu heilen, der Totenacker, auf dem die grünen Kränze locken, zieht den Wanderer, und so lockt ein Licht schließlich den Wanderer dorthin, wo jedem einmal sein Gott gegenübersteht, und es ist doch dieser Hermes Psychopompos so erbärmlich wie einer nur sein kann, der doch ein Göttlicher ist, wenn auch barfuß und verlacht.

Schüchtern, sagt man, sei Schubert gewesen, und so tastend, wie wohl ein Ungeliebter, spricht sein Wanderer den Leiermann schließlich an und wird ihm folgen, wenn die Musik verstummt, und uns zurücklässt mit jenem mitleidigem Schmerz, dass nicht einmal der Tod ein sanftes Mädchenantlitz trägt, den Frieden der Abwesenheit auf die Lider zu senken, die die Krähen aus den Lindenzweigen fressen, und benommen, ermüdet von dem fremden Tod, verlassen wir den Saal, und es mag ein bißchen dauern, bis die Welt wieder warm und wirklich scheint.

(Mit Dank an Frau Sopran)

Dienstag, 6. September 2005

Aurelius Augustinus

Schon etwas abgeblüht ist das Römische Reich, schon etwas welk seine Kraft, und filigran sind die Hände geworden, die das Reich regieren. Die nervöse Üppigkeit des Orients hat sich schon so lange vermischt mit den derben Instinkten der Bauern, die vor Jahrhunderten ein Weltreich eroberten, und bringt nun Generationen hervor, die statt zu erobern - oder auch nur zu regieren – vergeblich etwas suchen, was jenseits der purpurroten, faulig-irisierenden Üppigkeit jener Jahre liegt, die wir die Spätantike nennen: Nur noch wenige Generationen, und die verästelte, spannungsreiche Hinfälligkeit dieser Welt wird unter den Schwertstreichen der Germanen verenden, und jener, der Mitte des 4. Jahrhunderts im Süden des im wesentlichen intakten Reichs geboren wird, wird am Ende seines Lebens in Hippo unter der Belagerung der Vandalen seine Augen schließen.

Die Jahre sind vorbei, in denen es die Fischer, die Armen, diejenigen vom Rande der Gesellschaft waren, die an die Geschichte von Kreuzestod und Auferstehung ihre Hoffnung hefteten. Längst schon hat der sterbende Kaiser Kontantin die Taufe genommen, das Konzil von Nicäa ist bereits Geschichte, aber noch ist das Christentum eine Religion unter anderen und noch sind es zumeist die Massen aus den Städten, die auf das Herabsteigen des Christus Salvator warten.

Aurelius Augustinus ist keiner von ihnen, aus der Provinz Numidien gebürtig hat er den Bildungsgang eines jungen Mannes aus gutem Hause durchlaufen. Christ ist er nicht. Seine Mutter Monica ist getauft, betet für ihn und seine Bekehrung, und das Denkmal, dass er der Monica im neunten Buch seiner Confessiones errichtet, ist wahrhaft monumentum aere perennius, das von seiner Lebendigkeit und Wärme nichts verloren hat über den Graben der Jahrhunderte.

Lange betet die Monica für die Bekehrung, denn jene lässt auf sich warten. Augustinus ist ein guter Schüler, ein begabter Student, dem die Erfolge zufallen, und der in dem dünnen, duftenden Blut des Zeitalters doch nicht findet, was er sucht. Die Säulen der Welt sind zweifelhaft geworden, der Glaube an die altrömischen Götter hat einer ihrerseits bereits ehrwürdigen Skepsis Platz gemacht, deren Gelassenheit und maliziöse Eleganz erst die Renaissance wieder erreichen wird. Die Schulen der griechischen Lehrer sind gleichfalls Jahrhunderte alt, und ob es der Müßiggang ist oder die Erkenntnissehnsucht, die Roms Jünglinge durch Griechenland treibt: Auch dieser Weg zu Wahrheit und Erkenntnis ist schon so lange beschritten worden, dass auch sein Scheitern bereits patiniert ist von denen, die Generationen zuvor zu Füßen der griechischen Lehrer saßen. Das Überraschende ist Kanon geworden, die Antinomien der Schulen zur Gewohnheit verkommen, und der Mund der Wahrheit spricht mit Greisenstimme zu seinen Jüngern. Eine große Klugheit liegt in jenem Achselzucken, mit dem die damalige Welt der Frage nach ihrem Innersten, nach Seinsgrund und Ziel allen Seins begegnet, aber brausende Wahrheit und Leidenschaft wohnt nicht dort, wo Augustinus sie sucht: Weder bei Cicero noch bei den Manichäern. Am Ende seiner Ausbildung in Karthago und Mailand ist er Hochschullehrer, hat in vielen Schulen die Erlösung von den Zweifeln gesucht, die ihn immer wieder überkommen, ist angesichts der Lücken und Brüche der Lehren stets weitergezogen, und hat die Wahrheit nicht gefunden.

Zum Grübler und Sucher jedoch wird Augustinus nicht, denn die damalige Welt mag auf schwankendem Grunde stehen, Genuss bietet sich einem, der Essen und Wein, Frauen und dem Theater zugetan ist, in reichem Maße, und so ist es auch die Forderung nach Keuschheit, die Augustinus lange von der Konversion abhält, als er, zermürbt schon von den Zweifeln und der Komplexität der Gedankengebäude, schon überzeugt auf die Taufe zuschreitet.

Von einer geisterhaften Kinderstimme schreibt Augustinus, die ihn zum Buch der Bücher hingezogen habe, und ob dies nun ein Bild sein mag, oder einer jener Zufälle, von denen die Welt lebt. Stimmig erscheint es in hohem Maße. Mehr als ein Jahrzehnt hat Augustinus nun nach Wahrheit gesucht, Komplexität gefunden, und er mag der Vielfalt der Wahrheit überdrüssig sein und müde des Suchens gleich den Tangenten, die Grund und Maß nie berühren. Augustinus wirft die Suche von sich: Das Lehramt. Die Suche nach dem wahren Wesen des Seins in immer feineren Differenzierungen. Der Glaube, dem Wesen der Welt mit den Mitteln des Verstandes nahe zu kommen. Ob er die in ihrer Schlichtheit fast rührende Geschichte vom toten Sohn des Zimmermanns glaubt? Ob er seine Wahrheit findet, und die Zweifel zerstieben?

Ob in jener Fama vom reinen Tor, der im unruhigen Jerusalem zwischen die Parteien gerät und umkommen muss, die Wahrheit des Augustinus liegt oder nur der entschlossene Wunsch, die Wahrheit gefunden zu haben: Augustinus entsagt, kehrt der unruhigen, grellen Welt des Altertums den Rücken zu und wird jenes Monument, als das er in den Hallen der una et sancta steht, die ohne ihn nicht wäre, was sie ist.

Die Nervosität jenes Saeculums am Ende einer Epoche, seine Farben und Menschen, seine Zerrissenheit, von der Augustinus sich abgewandt hat, wenden sich indes nicht ab vom Augustinus. In seinen Confessiones, viel gedruckt und zu wenig gelesen, steht sie noch einmal auf, die verwesende Welt des ausgehenden Altertums, die sich in jenem Geist konserviert hat, den sie enttäuschte, der sie von sich stieß, und der ihrem Zauber noch ex negativo nicht entkam in Sphären, die den Geist nichts nötig haben.

Montag, 15. August 2005

Und alle Winde müssen westwärts weh´n

Nach wie vor liegt weit im Osten Europas die Kleinstadt Brody, in der Joseph Roth 1894 geboren wurde, und ist doch gleichwohl untergegangen: Eine jener bröckelnden Schattenstädte der Donaumonarchie, die - im südlichen Polen und in der Ukraine gelegen – im verwaschenen Gelb mancher Amtsgebäude, in verwitterten Grabsteinen und sinkenden Herrenhäusern ein Andenken jener Zeit bewahren, der Roth entstammte, und die er neu und schöner erfand, um ihr geschminktes Abbild wie in Bernstein zu konservieren: Den ländlichen Adel Österreichs in der Schlichtheit und Treue der Freiherrn Trotta, die Sehnsucht nach dem Meer, die den Korallenhändler Nissen Piczenik adelt und letztlich verdirbt, weil es doch die weichen Stellen sind, an denen wir verfaulen. Die einsame Liebe in den Feldern, die bunten Röcke der Frauen, das Wogen der Felder – all das überglänzt und veredelt mit jenem warmen, goldenen Licht des glücklichen Traumes, das die Schlechtigkeit und Kleinlichkeit, die derbe Gier und den Suff der Bauern in der Schankstube nicht unterschlägt, aber mit einem weichen, schmelzenden Timbre versieht:

Sehnsuchtsorte hat Roth erschaffen, und hat jenes Brody doch schon vor der Matura verlassen, um westwärts zu wandern, immer weiter Richtung Westen, Lemberg, Wien, Berlin - einmal durch den Kontinent, weniger geographisch als auf jener geistigen Landkarte, um sich im verfeinerten, nervösen, unendlich filigranen Paris der Dreißiger schließlich totzutrinken als das Abbild jenes Österreichs, das er selber erfunden hat, auf dass es verwechselt würde mit jenem Ort, vor dessen Realität er geflüchtet war, lange bevor es an Kopf und Kragen ging.

Auch in den Romane Roths wird geflüchtet, was das Zeug hält: man flieht vor der Russischen Armee, man flieht vor der eigenen Vergangenheit, vor dem eigenen Schicksal, flieht aus Sehnsucht ans Meer, und landet oft bloß in jenen kleinen, abgewetzten Hotels, irgendwo zwischen dem Hotel Savoy an der Russischen Grenze und jenen Hotels in der großen Stadt Paris, die die schäbigen Provisorien der Heimatlosen sind, Rastplätze auf dem Wege zu jenen Gräbern, die kein Stein mehr deckt. Schauplätze von Abwesenheiten.

Hinfällig ist das Personal der Romane Roths, ermüdet von den Eindrücken und Anstrengungen eines Lebens, die auf eine oft gesteigerte Empfindungsfähigkeit treffen, die kein Ventil mehr in Aktivitäten findet: Die Liebe ist ein schwarzer, hoffnungsloser Ort, der weich und warm nur in der Sehnsucht scheint, um sich aufzulösen, greift man nach den Sternen. Familie als Ort der Geborgenheit gibt es nicht, einsam ist man, die Heimat ist verlassen und verloren, und getrieben von einer aus den Fugen geratenen Zeit wehen die weichen Helden des Roth´schen Kosmos durch ein Europa, das unter den Stößen dieser ersten Nachkriegszeit bebt und zittert. So überflüssig wie er war niemand in der Welt, heißt es vom Franz Tunda, der auf der Flucht ohne Ende zwischen Zentralasien und Russland, Wien und Paris einhergeweht kommt, 1927, und so erweist sich mancher Held Roths als ein nutzloser Mensch im bürgerlichen Sinne. Indes ist es ist nicht böser Wille, nicht das Fehlen von Begabung, sondern ein Zuviel, ein Zuviel an Phantasie, an Imaginationsfähigkeit, die die Helden dieses Kosmos ihren Nachbarn voraus haben, die das Meer nicht lieben, keiner fremden Frau verfallen, wie der Stationschef Fallmerayer, und überhaupt nicht jene überempfindlichen Nerven haben, die zu stark ausschlagen, um das ruhige Gemüt dessen hervorzubringen, der sich einrichtet in seiner Welt und mit Gott und den Menschen nicht hadern muss.

Nach Paris wie Franz Tunda, wie den Trinker Andreas, verschlägt es auch Roth selber. Berlin hat sich verschlossen in diesen Jahren, Wien ist das Wien nicht mehr der frühen Zwanziger, und jenes Wien schon seit Jahrzehnten nicht mehr, wie Roth es mit seinen süßen Mädeln und koketten, trägen Leutnants noch einmal weniger porträtiert denn formt. Müde sind sie geworden, die Gestalten jener Vorkriegszeit Schnitzlers, noch weniger robust, noch verlustiger jener rotbackigen Derbheit, die sich immer zu helfen weiß, und so verderben sich die Helden und Heldinnen töricht das wenige und kleine Glück, das noch durch ihre Hände fließt wie feiner, goldener Sand.

Nicht nur das Törichte aber durchwandert die Romane, das Böse selber hinkt graziös, elegant und schlank durch die Geschichten und sucht den Menschen zu verderben. Auch Jenö Lakatos, der Versucher, der Teufel, indes wirkt kraftlos, weniger elementar selbst als beim Zeitgenossen Thomas Mann, dessen ironischer Teufel körperloser ist, aber dem Grauen, dem Dunkeln näher als dieser Exponent der Hölle, der nur noch leicht, fast neckisch dorthin ziehen kann, wohin die Protagonisten mehrerer Romane ohnehin neigen, schwanken und schließlich versinken.

Die Widerstandskraft gegen das Verderben ist schwach bei den Figuren, denen wir zuschauen dürfen in jenen Romanen. Und schwach erweist sich auch Wille wie Vermögen Roths, dem Rausch, der Abwesenheit und der Flucht vor einer spitzen, klirrenden Wirklichkeit zu widerstehen, und so sinkt er denn, fällt nicht nur in Visionen eines noch einmal kaiserlichen Österreichs, sondern tiefer der Angst und der Heimatlosigkeit entgegen, bis Nerven und Körper 1939 der alkoholischen Betäubung nicht mehr standhalten.

In einem Spital von Paris, nur etwas über vierzig Jahre alt, stirbt Joseph Roth einer Welt zu, die in seinen letzten Büchern dem Traum und dem Märchen glich, golden glänzende Heimat, die sich einer erfindet auf lebenslanger Flucht.

Dienstag, 28. Juni 2005

Die Liebe der Penthesilea

Wer mit der S-Bahn nach Wannsee herausfährt, heraus zur Bismarckstraße, der kann beim Ruderclub den Weg zwischen den Eiben auch herauf laufen, und steht nur wenig später vor einem schlichten Grabstein. Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein, verkündet die Inschrift dem Wanderer an jener Stelle, an der im November 1811 Heinrich von Kleist die Unruhe der Welt per Pistolenschuss verließ: Ein grelles und bizarres Ende, die belanglose, zufällige Gefährtin, das ausgelassene Picknick im November am grauen See, und die Abschiedsbriefe, die voll der Würde und der Trauer dessen, der sich falsch ins Leben gestellt sieht, die Misere dieser 34 Jahre währenden Flucht noch einmal scharf beleuchten. Ein Ende, das dem Werk gut zu Gesicht steht, und, an einem sommerlichen Sonntag fast zweihundert Jahre später, etwas Tröstliches ausstrahlt, als habe der, der hier liegt, am Ende einen Frieden gefunden, der zwischen den zuckenden Gegensätzen seines Werkes wie in dem von stetem Ortswechsel und erfolglosen Ansätzen zu Tätigkeit geprägten Leben keinen Raum gefunden hat.

Der zerbrochene Krug, glaube ich, wird bisweilen aufgeführt. Vorm Prinzen von Homburg schreckt die Bühne offenbar ein wenig zurück, auch wenn dieses Stück Passagen einer reinen und schwerelosen Schönheit enthält, ein hastiger Tanz um den Tod herum, den der Prinz ersehnt, um dann wieder ängstlich zurückzuschrecken. Das Gewand von Pflichterfüllung und Kriegsruhm hängt nur lose um diesen Totentanz eines Getriebenen, und der Bühne vielleicht am Rosa-Luxemburg-Platz würde das Stück gut zu Gesicht stehen. Das Käthchen, nun gut, das mag für andere reizend sein. - Von den Novellen liest man die eine oder andere in der Schule zu einem Zeitpunkt, an dem die Kälte von Verhängnis und verderblichem Schicksal dem Leser noch fremd sein muss, und so entschwindet uns Kleist in einem Maße, wie es angesichts dieses todblitzenden, sehnsuchtsvoll eruptiven Werkes kaum zu erklären ist.

Gefällig mag der Tote nicht gewesen sein, der sich mit fast allen Freunden nach hastiger Annäherung entzweite. Körperliche Schönheit war ihm, den wenigen Abbildungen nach, nicht zu eigen. Ausstrahlung muss er besessen haben, und die Gabe, geliebt zu werden. Dass er, der keine Ehe eingehen konnte oder mochte, von der Liebe trotzdem mehr verstand, als es dem 19. Jahrhundert meist zu eigen ist, zeigt die Penthesilea, dieses großartige, brutale und lyrische Drama über die Liebe. Dass dieses Drama, voll der Schönheiten und einer tiefen Wahrhaftigkeit, den Weg auf die Bühne so selten findet, dass es nicht mehr geliebt, nicht mehr gelesen wird, kann ich mir kaum erklären.

Die Klimax des Verfallenseins, Stolz und Gier der Liebe reiner Ausdruck: Wie im vierten Auftritt Achilles schwört, nicht ins Lage der Griechen zurückzukehren, bis er Penthesilea erobert haben wird.

Doch müßt´ ich auch durch ganze Monden noch,
Und Jahre um sie frein: den Wagen dort
Nicht eh´r zu meinen Freunden will ich lenken,
Ich schwör´s, und Pergamos nicht wiedersehn,
Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,
Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,
Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.


Wie Penthesilea den Kampf aufnimmt,

den einen heißersehnten Jüngling siegreich
Zum Staub mir noch der Füße hinzuwerfen.


Wie er sie unterwirft. Wie sie ihn lieben kann nur in dem Glauben, ihn ihrerseits besiegt zu haben. Die Unerträglichkeit des Irrtums, ihm unterlegen zu sein, das Losreißen aus der Verfallenheit, und schließlich das Dahinschlachten, die Rache für die Unterwerfung durch den Helden, der den Kampf herausgefordert hat, mit Hunden und Sichelwagen. Das Rasen der Penthesilea, der Donner rollt heftig, die törichte Verständnislosigkeit des Achilles, der glaubt, die Liebe der Penthesilea bewahre ihn vor ihrem Schwert. Er naht sich ihr, nur leicht bewaffnet, bemerkt den Ernst der Rasenden zu spät, und hebt die Händ´ empor, und duckt und birgt in eine Fichte sich, der Unglücksel´ge, den man auf der Bühne nicht bedauern wird, weil es Lohn genug sein mag, so geliebt zu werden. - Sie aber

...spannt, mit Kraft der Rasenden, sogleich
Den Bogen an, dass sich die Enden küssen,
Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt,
Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals...


Die Gewalttätigkeit der lodernden Liebe: Wie sie die Hunde auf den Sterbenden hetzt. Ihn mit Zähnen zerfleischt, ihn gleichsam aufisst,

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden


Besser beobachtet gibt es die bewusstlose, blutige Ekstase nicht, die von der Liebe aus dunklen Gründen nicht zu trennen ist, gibt man sich dem anderen ganz preis: Mehr, als wir wissen, muss Kleist geliebt haben, denn allein aus der Imagination ist diese tiefe Erkenntnis kaum vorstellbar.

Das Finale schließlich, fällt schon deutlich ab: Der Tod der Penthesilea, die kalte Verzweiflung, dass die Erfüllung der Liebe auch stets ihr Untergang sein muss, und dann der Dolch und das jähe Ende. Besser, intimer, wahrhaftiger, hat das 19. Jahrhundert den Rausch der Liebe an keiner Stelle geformt. Die Besinnungslosigkeit der Begierde, den zerstörerischen Wunsch, einander vor lauter Liebe in Stücke zu hacken, und zu hoffen, dass die blutigen Brocken diesmal ein heiles Ganzes ergeben – kein zweites Beispiel der Literatur jener Epoche ist mir bekannt, in dem die schwarze, widrige Seite der Liebe so ergreifende, wahrhaftige Bilder gefunden hat.

Ach, und was es Tristes aussagt über uns und unsere Welt, die tieferen Schichten auf der Grenze zwischen Hell und Dunkel nicht auf der Bühne sehen zu wollen. Und so geht man denn, an einem sonnigen Sonntag, am kleinen Wannsee am Grab Heinrich von Kleists vorbei, lächelt der Unsterblichkeit, und lege eine schwarze Rose auf den Grabstein.

Montag, 30. Mai 2005

Die Niedrigkeit der Träume

Die Welt ist kalt und fremd, und der Mensch des Menschen Wolf. Und Glück und Schönheit sind stets eine Verführung zu etwas, was am Ende nicht gut sein wird für alle Beteiligten, aber schade ist´s schon um die Menschen, die Fassbinder vor unseren Augen zugrunde gehen lässt. Gesellschaftskritik mag man das schwitzende, übelriechende Panoptikum der verzweifelten Suche nach dem kleinen Glück kaum nennen, auch wenn es denn meist die Gesellschaft ist, an der man eingeht, sei´s die kriminelle Konkurrenz, seien´s die bösen Nachbarn, oder einfach die Verhältnisse der alten Bundesrepublik, die in diesen Filmen ein dämonischer Ort zu sein scheint, bevölkert von geborstenen, umgetriebenen Untoten mit Hosenträgern und Kittelschürze.

Weich sind nur die Träume und Schatten, die Liebe ist ein ferner Sehnsuchtsort zwischen feindlichen Reichen, über die der Gesang der wunderschönen Hanna Schygulla nicht siegen wird, und die schmierigen Finger des schlechteren Lebens drücken an den Träumen herum, bis die fauligen Stellen auch dieses Glück noch zerstört haben werden. Die Welt fordert Unterordnung, um die Folgsamen dann beiläufig und grausam zu bestrafen. - Die miteinander ihr Leben verbringen, werden sich gegenseitig zur Qual, und wer sich an Irm Hermann als Ehefrau im Händler der vier Jahreszeiten erinnert, wird dieses Bild ehelicher Discordia wohl kaum so schnell vergessen. Der Untergang der Liebe zwischen der alten Putzfrau und ihrem jungen Marokkaner, der Untergang der Effi Briest in einer niemals aufbegehrenden Demut, die man am Ende noch anschreien mag für ihre Vergebung, wäre sie nicht schon ganz und gar hinüber. Die ganze würgende Traurigkeit der Elvira „In einem Jahr mit 13 Monden“, senkt sich gerade im – gelungenen - Zitat auf die Lider: In Oskar Roehlers großartiger „Agnes“ nämlich: Durch die dicke Haut und das Fett der alten Republik platzen die Schäbigkeit der Verhältnisse, wie sie auch sein mögen, und die Gewalt. Keine schöne Welt ist das also, durch die Fassbinder uns führt, und warum, so fragen Sie sich, mag das Fräulein Modeste gerade über diese Filme schreiben, und plaudert nicht ein wenig über Rohmer oder die langen Nächte am Helmholtzplatz unter Sternen?

Warum ich, fernab der Wurzeln des verworrenen Lebens, abhold der Gesellschaftskritik, gleichgültig gegenüber jeglichem Realismus, den Fassbinder liebe, warum ich Filme einmal, zweimal, öfter gesehen habe, die quälen und auf der Haut brennen, mag sein, dass hier hinter der hässlichen Welt der untergegangenen Nachkriegsrepublik eine Eisenschmelze kocht und brodelt, in der alle Leidenschaften der Welt und eine überlebensgroße Sehnsucht lauern. Die ungeheuerliche Lebensfülle dieses Werkes, die Erkenntnis, dass hinter den glatten Dingen der äußeren Welt Abgründe von Schmutz und blutigen Tritten warten, dass alle Schönheit der Grausamkeit abgerungen ist, und zu ihr zurückfließen wird. Dass die Wahrheit hinter den Fassaden nur ein paar Worte, ein paar Gesten entfernt ist. Dass die ganze überschießende und brutale Vitalität des Sein im Banalen droht und lockt zugleich. Diese Angstlust, dass da noch etwas ist hinter den schwebenden Nächten, wird es sein, die in den Filmen bis heute flackert und bisweilen überquillt. Und diese Ahnung von den dunklen Seiten aller Leidenschaften mag es sein, die den Sog ausmacht dieser über vierzig Filme, die ich nicht alle kenne: Einen dreckigen Traum zu zeigen, ohne den ich nicht aufstehen könnte, morgen früh, irgendwann.

Freitag, 15. April 2005

Zehn Jahre „Faserland“

Wir hatten sowas von nichts zu tun den ganzen Sommer. Wir lagen im Garten der Eltern eines Freundes am See, und ab und zu ging einer ins Haus und holte etwas Kaltes zu trinken. Ich lag auf dem Steg, war sogar zum Baden zu träge, und die Sonne hatte mir den Bikini strahlend weiß auf die Haut gemalt, weil ich monatelang kaum etwas anderes trug, bis die Schule wieder anfing.

Ich muss den „Mephisto“ gelesen haben, und mindestens ein Buch von W. S. Maugham, und die Erinnerungen der Lady Diana Cooper dazu, aber meine Erinnerung weiß das nicht mehr, nur in den Büchern steht auf dem Vorsatzblatt „1995“ und mein Name, weil ich damals Bücher noch Leuten auslieh, die sie dann nie zurückgaben.

Von der Ödnis der zeitgenössischen Literatur war ich so überzeugt, dass ich noch nicht einmal darüber nachdachte, und so werde ich Faserland trotz der emphatischen Empfehlungen von irgendeinem dieser längst verwehten Freunde skeptisch begonnen haben, die Füße im kühlen Wasser und langsam die Seiten umschlagend. An die Skepsis kann ich mich indes nicht mehr erinnern, nur noch an die Euphorie des Wiederfindens, die „Faserland“ bei uns allen auf dem Steg auslöste, denn es war unser eigenes Spiegelbild, unsere Traurigkeiten, der Ekel und der Überdruß und die Angst vor etwas Ungenanntem in der Gier. Vor unseren Augen wurde die Reise durch die Republik von Gosch auf Sylt bis Zürich zu einer Höllenfahrt, einem Panoptikum aus Einsamkeit und Verwesung, in dem der Tod in den Falten eines Lebens saß, das ein gutes wäre, wenn es denn nur auf die Umstände eines Lebens ankäme. Jenem namenlosen Erzähler, den Christian Kracht einen nüchtern anmutenden Bericht über eine Reise durch die übersättigte Republik schildern ließ, vorbei an der Hybris und der kalten Lust, umgeben von unendlich einsamen Menschen, waren wir durch eine Selbstreflexion überlegen, von der wir ahnten, dass sie uns nicht zu besseren Menschen machen würde, sondern nur zu abwechslungsreicherer Gesellschaft.

Das schmale Buch, keine 200 Seiten lang, war unsere Hymne, und ich las es auf der Stelle vier- oder fünfmal. Dass „Faserland“ aber unsere Sicht der Welt verändert hätte, war schon deswegen nicht wahr, weil es genau das ausdrückte, was wir schon jahrelang unausgesprochen gespürt hatten: Nicht jenseits der Gärten unserer Welt, sondern in den komfortablen Räumen unserer Kindheit und in jenen Kleidungsstücken, die eine Dauerhaftigkeit vortäuschten, die es nicht mehr geben sollte, brütete ein Untergang, dessen feine Erschütterungen wir spürten. Den Dingen unseres Lebens gab die Vorahnung dieser Vergeblichkeit ein fremdes und vorläufiges Aussehen, und dass ganz am Ende dieser Höllenfahrt in den Wassern des Bodensees nicht Reinheit und ein neues Leben wartet, sondern nur der sinnlose Tod eines Mannes, der ein „Jedermann“ sein könnte, wenn es denn Gott gäbe, erschien uns folgerichtig. Wir waren schon so weit ab von den Träumen eines neuen Lebens auf den Trümmern einer alten Welt, den unsere Eltern folgenlos geträumt hatten.

Ein Jahr später war keiner von uns mehr vor Ort.

Manchmal bekomme ich noch E-Mails von den Freunden vom See. Meistens sind es Umzugsmeldungen, und unentwegt ziehen die Freunde von einst durch die Republik. Viel weiß ich nicht mehr von ihrem Tun und Treiben, und kann nicht sagen, was sie treibt. Treffe ich den einen oder anderen, so erzählen wir uns ein wenig von unseren Leben, in denen alles da sein dürfte, was die Welt noch über ihre Lieblinge auszuschütten pflegt.

Aber zwischen den Sätzen beim Wiedersehen in Cafés, in der Stille der abgebrochenen Wortanfänge und dem kurzen Schweigen bei einem Treffen in Eile auf Flughäfen schwingt mit, dass die Welt auch jene Erwartung nicht enttäuscht hat, von denen dieses Buch einen ersten Schatten auf unsere Welt geworfen hat, die Ahnung, dass wir nicht mehr sein würden, als ein nervöses, feines Geäder auf einer langsam abgewaschenen Goldschicht, dahinter nichts als die Leere, die Einsamkeit und alle Häßlichkeit der Welt.

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