Donnerstag, 24. September 2009

Chef

"Dieses Jahr ist das Jahr der verliebten Vorgesetzten.", erzählt mir meine liebe Freundin B. und führt gleich mehrere Belege dieser These an. Am Nachbartisch schaut ein älterer Herr interessiert von seinem Hähnchencurry auf und überlegt - es ist ihm deutlich anzusehen - ob und welche Mitarbeiterin ihm am besten gefällt. Die B. beugt sich vor und spricht etwas leiser. Ihre Thesen klingen überzeugend: Nicht nur, dass der Herr, für den B. selbst seit Jahren tätig ist, seit vier Wochen auf einmal in amouröser Angelegenheit auf sie zukommt. Eine jüngst in fremde Lande versetzte Freundin teilte gleichfalls mit, dass ihr früherer langjähriger Vorgesetzte beim ersten Mittagessen nach Ende der Zusammenarbeit ihr seine Liebe gestand, und sogar die A. wird seit kurzem von ihrem Chef verehrt und überlegt derzeit ernsthaft zu kündigen. Künftig, so die A. arbeite sie nur noch für Frauen oder Männer ohne Mundgeruch.

Die B. selbst immerhin, erfahre ich, ist nicht grundsätzlich abgeneigt. Die B. verbringt ihre Tage und Nächte schon ziemlich lange allein, und ein mittelfrisch geschiedener Mann ist möglicherweise selbst dann eine amüsante Alternative zu abendlichen Gesprächen mit dem eigenen Kater, wenn er 52 und schon eher nicht so besonders temperamentvoll ist. Selbst der Umstand, dass ihr Chef ihr den Vorschlag für ein gemeinsames Abendessen per Outlook-Kalender (wenn auch als "privat" gekennzeichnet) übermittelt hat, und seinem Werben die kunstvoll verschlungene schriftliche Versicherung vorangestellt hat, dass Umstände gleichgültig welcher Art, die außerhalb der beruflichen Sphäre anzusiedeln sind, die Qualität der beruflichen Zusammenarbeit auf keinen Fall verkürzen, hat die B. nicht irritiert. Allerdings werde sie den Job wechseln, versichert sie mir, wenn es mit ihrem Chef etwas werde, und für einen Moment überlege ich, ob möglicherweise das Liebeswerben männlicher Vorgesetzter einer der Umstände sein könnte, die der weiblichen Karriere durch beruflich kontraproduktive Anstellungswechsel Steine in den Weg legen und so für die deutlich weniger entwickelten Werdegänge von Frauen verantwortlich sind. Vielleicht haben Gender-Forscherinnen dies bisher übersehen, weil an solchen Fachbereichen männliche Vorgesetzte nicht vorkommen, und ältere Anzugträger am Nachbartisch den Forscherinnen nie beim Aufbruch nach dem Mittagessen bei einem Thai in Mitte so demonstrativ zuzwinkern, dass sie sich bis zur U-Bahn fragen, wessen Vorgesetzter der ältere Herr denn nun gern wäre.



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