Familienalbum

Sonntag, 24. Februar 2013

Sturmtruppen der Reaktion

Im gesamten ersten Lebensjahr hatte der F. nichts. Also so gar nichts. Noch nicht einmal einen Schnupfen, Durchfall oder Koliken oder so. Wir verließen das Krankenhaus vielmehr nach ein paar Tagen mit einem selig schlummernden F. und hatten fortan nur noch anlässlich der vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen mit dem Gesundheitswesen zu tun. Da erschienen der J. oder ich dann also jeweils mit unserem Sohn auf dem Arm beim Arzt, ließen uns bestätigen, dass mit jenem alles stimmt, und dann gingen wir wieder nach Hause.

Mit der Kita änderte sich das auf einen Schlag. Anfang Januar brachten wir den F. in diese an sich segensreiche Gruppeneinrichtung. Zwei Wochen später war er eingewöhnt, hatte sich also damit abgefunden, fortan seine Tage mit den Kindergartentanten und den anderen Kleinkindern der Gruppe zu verbringen, und nach circa zehn weiteren Tagen fing er an zu schniefen. Seitdem ist eigentlich immer irgendwas. Derzeit hustet der F. dermaßen gottserbärmlich, dass ich ernsthaft überlege, künftig mit Ohropax zu schlafen. Außerdem laufen ihm pro Stunde mehrere Deziliter Sekret aus der Nase. Die Bindehautentzündung von letzter Woche ist zum Glück gerade wieder weg.

Nun könnte man das alles unter "Abhärtung" verbuchen. Der Mensch ist vielleicht einfach so gestrickt, dass er das Stahlbad der Infektionskatjuschas als Kleinkind erst einmal braucht, um dann um so gestärkter den Herausforderungen des Lebens entgegentreten zu können. Was aber unter dieser Prämisse keinen wirklichen Sinn ergibt: Der J. und ich schniefen auch. Wir husten alle beide den ganzen Tag wie alte Hunde. Der J. hatte sogar letzte Woche richtig Fieber und Schüttelfrost. Dabei brauchen wir doch gar keine Abhärtung mehr. Wir sind nämlich alle beide den normalen Keimen eines Berliner Alltags durchaus gewachsen, wie die letzten Jahrzehnte zeigen, die wir ja auch irgendwie überlebt haben.

Hier sitzen wir nun also leicht geschwächt auf dem Sofa und rätseln über den evolutionären Sinn dieser Dauererkältung. Handelt es sich - so mutmaßen wir - vielleicht um eine Maßnahme, mit der ER, der große Beweger, verhindern will, dass Schwächlinge mit einem degenerierten Immunsystem ihr erstes Kind überleben und gar weitere Kinder zeugen, die dann auch alle so eine schlechte Immunabwehr haben wie ihre Eltern? Oder benötigt der Körper eine Auffrischung des als Kleinkind erworbenen Immunschutzes alle paar Jahrzehnte, und weil wir bis gegen Ende unseres vierten Lebensjahrzehnts mit dem Kinderkriegen gewartet haben, fällt diese Reimmuniesierung jetzt einfach mal ganz besonders heftig aus? Oder handelt es sich schlicht um ein Komplott, eine Verschwörung, eine biologische Bombe, mit der interessierte Kreise Eltern subtil bestrafen wollen, die ihre Kinder nicht mindestens bis zur Einschulung zu Hause behalten, eine Art Komplementärmaßnahme zum Betreuungsgeld also, die einerseits unsereinen dazu bringen soll, den F. aus der Kita zu nehmen, andererseits andere Leute, die uns kennen, abschrecken soll, eine Fremdbetreuung in Anspruch zu nehmen?

Mehr und mehr leuchtet mir die letztgenannte Alternative ein, und so bleibt mir nur noch zu fragen: Wer genau war der Übeltäter, und wie legt man jenem das Handwerk?

Freitag, 28. Dezember 2012

Frau Modestes Guide zu sehr entspannter Mutterschaft (1)

"Pah!", sage ich, stopfe mir die Kissen wieder ordentlich in den Rücken und schenke Sekt nach. "Mutterschaft ist besser als ihr Ruf. Man bedenke nur einige wenige Regeln.

Zunächst: Überstürzen Sie nichts.

Ich weiß, es ist gerade modern, Studentinnen zum Kinderkriegen aufzufordern. Die hätten, so die Theorie, ja Zeit, und könnten nach dem Abschluss dann mit größeren Kindern ungestört arbeiten.

Jedesmal, wenn ich das lese, frage ich mich: Wie lang soll so ein Studium mit Kind denn eigentlich dauern? Bekommt die Studentin mit 23 ein Kind, schreibt dann (aber wo ist das Kind?) mit 24 eine Masterarbeit, fängt mit 25 an, bei Roland Berger zu arbeiten, während das Kind mit seinen zwei Jahren extrem selbständig morgens in die Kita und abends zurück radelt, während Mama von Montag bis Donnerstag beim Kunden ... da haben wir es: Ein zweijähriges Kind ist mit den meisten Karrieren komplett unvereinbar. Es mag sein, dass ein Baby und ein Studium irgendwie vereinbar sind, aber die meisten Jobs sind es nicht. Zumindest die meisten Jobs, die irgendwas mit Geld und Macht, Leidenschaft und Feuer zu tun haben. Nun muss nicht jeder so etwas machen, aber wenn einen ein Kind im Studium auf Jobs limitiert, die bestenfalls 9 to 5 stattfinden, dann ist das für viele Studiengänge keine echte Alternative. Nicht einmal für Leute, die es nicht stört, mit 23 nur mit einem höllischen Organisationsaufwand ausgehen oder verreisen zu können, und die sich zudem ganz, ganz sicher sind, dass der Mann an ihrer Seite auch in zehn Jahren noch der richtige Mann sein wird.

Was das Biologische angeht: Es ist klar. Irgendwann ist Schluss. Aber so viel Zeit, fertig studiert zu haben und soweit gekommen zu sein, dass man selbst bestimmen kann, ob das Meeting um 10.00 Uhr oder um 18.00 Uhr statfindet, so viel Zeit hat man dann doch.

Sie brauchen einen richtig gut bezahlten Job.

Fragen Sie mal eine beliebige Gruppe Studentinnen mit 20, wie sie sich ihr Leben mit 35 vorstellen. Also so beruflich. Ziemlich viele Mädchen werden ihnen sonstwas erzählen von ihrem Beruf, der irgendwas mit Menschen, Tieren oder Kunst zu tun haben soll. Mädchen werden nämlich gern Tanztherapeutin. Oder studieren Kunstgeschichte. Oder werden Pädagogin.

Meine frühere Freundin (für Kenner: Die N.) hat eine derlei beschaffenen Berufswunsch tatsächlich und mit einigem Erfolg in die Tat umsetzen können. Sie hat damit annähernd nichts verdient. Ihr Mann verdient aber sehr gut. Als die Kinder kamen, blieb deswegen logischerweise die N. daheim. Eine Halbteilung der Elternzeit konnte sich das Paar schlicht nicht leisten. Solche Paare kenne ich nun viele. In fast allen Fällen bleibt es aber auch nach dem ersten Lebensjahr bei dieser Aufteilung. Sie ist - zumindest meistens - daheim. Er arbeitet auswärts.

Das geht so einige Jahre gut. Dann aber fängt einer - manchmal auch beide - an, sich schrecklich zu langweilen. Sie ist vielleicht inzwischen Mitte 40 und hat zehn Jahre nicht oder nur ganz wenig gearbeitet und sich zudem an einen Lebensstil gewöhnt, den sie aus eigener Kraft mit ihrem Studium nie wird erwirtschaften können. In diesem Moment kann sie also nur beten: Möge er sie nie, nie verlassen, denn nach spätestens drei Jahren endet die Unterhaltspflicht, und wenn er dann nicht mehr will, kann sie sehen, wo sie bleibt. Selbst in einer Stadt wie Berlin wird es dann schwer, sich in Prenzlauer Berg oder Wannsee zu halten. Insofern lebt es sich deutlich entspannter, einen Job zu haben, der gut bezahlt wird. Die meisten dieser Jobs hören sich, wenn man mir davon erzählt, auch irgendwie spaßiger an. Zudem ist es mit einem vernünftigen Einkommen deutlich unterhaltsamer, kleine Kinder zu haben. Man kann beispielsweise lange verreisen. Oder sich einen Babysitter leisten, wann immer man ausgehen will. Außerdem ist es gut, wenn man Kindergärten oder Schulen nur danach auszuwählen braucht, ob sie einem gefallen, und man wohnen kann, wo man will.

(Reiche Väter gehen natürlich, alternativ zum Job, auch.)

Vermeiden Sie Hebammen.

Kürzlich stand in der Zeitung, dass es das völlig überzogene Bild der detschen Mutter sei, das Frauen von Kindern abhält. Ich glaube das sofort. Wer wird schon unbesorgt Mutter, wenn damit die Forderung verbunden ist, sich stracks in eine Art Heilige zu verwandeln?

Anders, als ich es erwartet hätte, hat diese Metamorphose aber nicht erst dann zu beginnen, wenn das Kind da ist. Es gibt einen Mutterschaftskult, der mehr oder weniger mit der Nidation der Eizelle einsetzt, und die Hohepriesterinnen dieses Kults sind die Hebammen, die umgeben vom rosa Licht ihrer Salzsteinlampen sofrt anfangen, die unglaublichsten Verhaltensmaßregeln aufzustellen.

So ist für eine ordentliche Hebamme eigentlich jede Form von schulmedizinischer Medikation des Teufels. Nur die Homöopathie und so Kräuterzeug seien gut. Überhaupt ist die Schulmedizin in dieser Welt ein argwöhnisch betrachteter Gegenstand. Hört man Hebammen zu, so ist ein Krankenhaus etwas Ähnliches wie ein Schlachthof. Ich kann mir nicht helfen: Ich fand es ganz okay da, aber ich nehme ja auch keine Globuli und glaube nicht daran, dass es etwas bringt, wenn man einem Sorgenpüppchen seine Ängste erzählt, damit es sie mitnimmt. Oder zwecks Drehung eines ungeborenen Kindes in eine gute Geburtsposition zwischen den Zehen einer Schwangeren Räucherstäbchen abbrennen.

Geht es nach Hebammen, so gibt es außerdem eine ganz klare Hierarchie der Gebärenden. Ganz oben thronen die Hausgeburten. Dann kommt das Geburtshaus. Frauen, die im Krankenhaus ihre Kinder bekommen, lässt man noch mit Mühe gelten. Wer aber eine PDA, also so eine lokale Betäubung für untenrum, erhält, ist eigentlich schon des Teufels und wird nie eine ordentliche Bindung zum Kind aufbauen. Auf Kaierschnittmüttern zuletzt darf man getrost herumtrampeln. Eine gute Mutter hat keinen Kaiserschnitt.

Medizinisch ist das natürlich alles Quatsch. Da Hebammen aber eher an so eine Art Mystik glauben, als an - siehe oben - Medizin, reden sie allen Müttern, die sich darauf einlassen, einen hammerharten Versagenskomplex ein. Der setzt sich dann nach der Geburt nahtlos fort: Wer sein Kind nicht zwei Jahre stillt oder Beschwerden beim Zahnen mit Paracetamol und nicht mit Bernsteinketten bekämpft, kommt in die Hölle und hat es nicht verdient, ein Kind zu haben.

Sie glauben, das sei polemisch? Stimmt, aber es ist zu annähernd 100% wahr. Hier gilt: Halten Sie sich fern.

Fortsetzung folgt

Sonntag, 2. September 2012

Mach doch mal was mit Müttern

Das mit der Ernährung, sagt die an sich total nette Mutter, sei ja so schwierig. In einem Buch stehe dies und in dem anderen das. Sie versuche seit Tagen, das Institut für Kinderernährung oder so wegen Tofu und Algen anzurufen, aber der Professor gehe einfach nicht ran.

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Natürlich erwarte sie nichts von dem Kurs, behauptet die eigentlich auch total nette Mutter und schaut ihren zehn Monate alten Sohn liebevoll an. Sie sei aber so verunsichert, da bringe sie es einfach nicht fertig, nicht hinzugehen. Sie fürchte nämlich in diesem Fall, dass sie ihrem Sohn nicht mehr in Augen schauen könne, wenn am Ende alle anderen Kinder gleich Muttersprachlern englisch parlieren würden, und nur ihr Kind spräche ausschließlich deutsch.

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Die X. übertreibe es allerdings ein bisschen, sind sich alle beide total netten Mütter auf der Parkbank neben mir einig. So habe jene doch tatsächlich geweint, als ihre Tochter bei dem Babykurs von dem warmen Kartoffelbrei gegessen habe, in den man sie gesetzt habe, damit sie jenen sinnlich erfahre. Die Tochter sollte nämlich bis zum 1. Geburtstag voll gestillt werden. Nun habe sie den Kartoffelbrei aber so gern gegessen, dass die Mutter sich zurückgestoßen fühle. Das sei natürlich ziemlich albern. Die Ängste einer anderen anwesenden Mutter könne man allerdings nachvollziehen. Schließlich war der Kartoffelbrei wirklich gesalzen, der Kinderarzt sei nicht da, und nun habe die Mutter halt Angst.

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Dass eine ihr vage bekannte Mutter die Bestechungskuchen für die Kitas von ihrer Putzfrau backen lässt, hält die wirklich extrem nette Mutter einer kleinen Tochter ebenfalls ohne Kitaplatzzusage für einen Skandal. Das, so sagt sie zornig, sollte man denen eigentlich mal stecken.

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Eigentlich bin ich total gern im Büro.

Samstag, 28. Juli 2012

Auszugsschmerzen

"Hoffentlich haut das hin mit dem neuen Bett.", sage ich also ungefähr vor sechs Wochen und betrachte kritisch mein Kind. Kind F. aalt sich sehr zufrieden in dem kleinen Beistellbettchen direkt neben mir und sagt irgendetwas Undefinierbares, das klingt wie "Aaarp. Aaargh. Örrööö." Es hört sich irgendwie nicht nach Zustimmung an, fürchte ich. Ich wäre gern mal wieder allein mit dem J., aber der F. scheint den Wunsch nach separaten Schlafstätten nicht zu teilen.

"Hoffentlich haut das hin mit dem Durchschlafen trotz Jet Lag.", sage ich ungefähr vorgestern, weil der F. trotz Rückkehr nach Berlin nach wie vor im Rhythmus der amerikanischen Westküste zu ziemlich blöden Zeiten munter ist. Nachts etwa schläft er zwar ordnungsgemäß ein, wacht dann aber um 3.22 Uhr auf, muss zu uns ins Bett geholt werden und schlummert erst eine halbe Stunde später wieder ein. "Das nervt.", sage ich zum J. Der J. sieht das auch so.

"Hoffentlich klappt es heute.", sage ich gestern zum J. und verpacke den F. sorgfältig in seinen neuen Sommerschlafsack. Dann legt der J. den F. in sein neues, separates Bett. Zwanzig Minuten später schleichen wir uns weg und gehen mit dem Babyphon bewaffnet bei der Bar gegenüber Wein trinken.

Als wir nach Hause kommen, träumt Kind F. selig und lächelt im Schlaf wie eine kleine, fette Putte. "Hoffentlich schläft er heute durch.", sage ich zum F., und dann schlafe ich selbst. In meinen Träumen wandern lauter dicke Tiere im Gäsnemarsch singend durch eine sehr gelbe Sahara.

Um 4.00 Uhr morgens wache ich auf. Es ist irritierend still. Vorbei am selig schlummernden J. schleiche ich mich zum F. und schaue ins Bett. Mit offenen Augen, aber offenbar ruhig und zufrieden, liegt der F. auf dem Rücken und lächelt mich an. "Magst du trinken?", frage ich ihn und verabreiche ihm etwas Milch. Drei Minuten später seufzt der F. zufrieden auf, schließt die Augen und schläft ein. Ich bleibe neben seinem Bett stehen und schaue ihn an. F. scheint selig zu schlummern. Ohne Baby im Arm schlurfe ich ins Bett zurück und lausche. Ich höre: Nichts.

Inzwischen bin ich hellwach. Leer klafft neben mir das Beistellbett. Zwischen dem J. und mir befindet sich nichts als Luft. Auf dem Rücken liegend ziehe ich die Beine an und schaukele ein bißchen hin und her. Dann stehe ich noch einmal auf und gehe zum F. Der F. schläft.

"Was ist denn?", ächzt der J. schlaftrunken, als ich wiederkehre. "Weiß nicht. Ganz komisch ohne Baby.", sage ich und versuche, wieder zu schlafen. Einen letzten Blick werfe ich auf die Uhr. Es ist 4.35 Uhr.

In drei Stunden, rechne ich mir aus, kann ich aufstehen und F. holen.

Samstag, 3. Dezember 2011

Was schenkt man einem Vater?

Mütter. Ja, Mütter sind leicht. Mütter mögen bauchige Dosen aus italienischem Glas für Kekse. Mütter mögen kleine, silberne, geflochtene Körbchen. Mütter mögen Kalender mit Photos aus englischen Gärten oder Seifen von Yardley oder Nagellack, der eine Spur zu extravagant ist, um ihn sich selbst zu kaufen, und wenn einem für eine Mutter - eine eigene oder fremde - nichts einfällt, kauft man eine Flasche Champagner. Weihnachten sollte man nur Mütter haben, denn Väter sind ein Problem.

Manchmal haben Väter immerhin eine Sammelleidenschaft. Der Vater vom T. beispielsweise sammelt Fayencen. Oder sie stellen den ganzen Keller mit einer Modelleisenbahn voll, für die es gar nicht genug Zubehör geben kann, wie der Vater der K. Manche Väter sind finanziell auch nicht so arg gut aufgestellt, die freuen sich dann auch über zwei Stangen Zigaretten, wie der Vater einer ehemaligen Kollegin im Referendariat, der sich von Geburtstagen über Namenstage bis zu Weihnachten hangelte, um durch Geschenke seiner fünf Kinder seine Nikotinleidenschaft zu befriedigen. Bei meinem Vater ist das aber alles nicht der Fall.

Immerhin liest mein Vater ganz gern und hört gern Musik. Leider kauft er sich das, was haben will, selbst. Ab und zu finde ich einen schönen und ziemlich überflüssigen Bildband über irgendetwas, was ihn besonders interessiert, den kaufe ich dann, aber dieses Jahr scheint es da nichts Neues zu geben.

Für technische Spielereien hat mein Vater schon eher etwas über, aber hier fällt mir partout nichts ein. Einen iMac will er sich kaufen, aber dafür braucht man eigentlich kein Zubehör. Mit dem Rauchen hat er schon vor 20 Jahren aufgehört. Wenn ich ihm Whiskey kaufe, trinkt ihm den meine Mutter weg. Was Schokolade angeht, isst er am liebsten Ritter Sport Voll-Nuss, die zu schenken jetzt nicht so wirklich den Charakter eines liebevoll ausgesuchten Weihnachtspräsents hätte.

Es ist fürchterlich.

Samstag, 25. Dezember 2010

Froh und munter (I)

Jedes Jahr ungefähr zu Allerseelen beginnt die Dame, die meine Schwiegermutter wäre, wären der J. und ich verheiratet, ausdrucksvoll zu schweigen: Sie fragt nicht, was mit Weihnachten ist, sie spricht nicht über Weihnachten, sie erwähnt anstehende Feiertage mit keiner Silbe, denn sie will den J. auf keinen Fall unter Druck setzen, Weihnachten nach Hause zu kommen. Der J. soll vollkommen freiwillig den ICE nach Hannover besteigen, um sich unter dem mütterlichen Tannenbaum verwöhnen zu lassen.

Der J. aber denkt gar nicht daran, eine Woche lang an den mütterlichen Butterfässern zu sitzen. Der J. fährt das ganze Jahr, Krawatte um den Hals und Pilotenkoffer in der Hand, durch die Lande, der J. möchte Weihnachten auf dem Sofa liegen, und zwar umgeben von engen, handverlesenen Freunden auf dem eigenen Sofa im Prenzlauer Berg und nicht in einem Dorf bei Hannover, wo alle zwanzig Minuten jemand fragt, ob es auch warm genug ist, ob der J. etwas trinken möchte, ob er vielleicht Hunger hat, und ob es nicht schön ist, so zusammen zu sitzen. Die Frage nach dem Hunger ist ganz besonders rhetorisch, denn alle zwei Stunden gibt es unheuerliche Mengen zu essen, die zu verschmähen als konkludente persönliche Beleidigung gilt. Die ängstliche Frage, ob das Zusammentreffen nicht ganz besonders schön sei, darf auf keinen Fall wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Jedes Jahr ungefähr zu Christkönig hält es die Mutter des J. dann doch nicht mehr aus. Zart, so subtil wie möglich, lässt sie anklingen, sie wolle den J. Weihnachten sehen. Möglicherweise berichtet sie etwas zu nachdrücklich von der Nachbarin, die zehn Tage lang bei ihrer Tochter in München weilen werde, oder sie fragt nach, was meine Eltern Weihnachten machen. Meine Eltern - das weiß die Mutter des J. genau - fahren Weihnachten meistens weg, oft monatelang.

Irgendwann in der Adventszeit gibt die Mutter des J. sich dann einen Stoß. Wie es denn aussieht, fragt sie dann, und bevorzugt fragt sie mich. Die Anspannung bricht ihr aus jeder Pore, ich verfluche den Umstand, dass der J. keine Geschwister hat, die sich die Betreuung der Eltern zu Feiertagen teilen könnten und rede mich raus. Mir sei alles egal, sage ich, auch wenn das nicht stimmt. Der J. sei zuständig, gebe ich zu Protokoll, und lächele übeaus freundlich, weil es nicht schön sein kann, wenn sich die Verdachtsmomente häufen, der eigene Sohn umgebe sich Weihnachten lieber mit seiner Berliner Ersatzfamilie. Die Idee, dass der J. sich deutlich wohler fühlen würde, wenn seine Mutter Weihnachten mit mehr Gelassenheit und weniger Mahlzeiten angehen würde, leuchtet der guten Frau irgendwie nicht ein.

Schließlich bricht der J. ein und lädt seine Mutter zum Stephanstag ein. Seine Mutter ist ein bißchen geknickt, weil sie sich extensivere Zusammenkünfte vorgestellt hat, ich bin ein wenig ärgerlich, weil ich mir eigentlich überhaupt keine Zusammenkünfte vorgestellt habe, und um jede weitere Quelle der Anspanung auszuschließen, reserviere ich einen Tisch in einem Restaurant. Wenn dann das Essen nicht schmeckt, ist wenigstens keiner schuld.

Dass zwischen Realität und Ideal eine Lücke klafft, verdeutlicht die Mutter des J. in den nächsten Wochen telephonisch. So teilt sie mit, keinen Weinachtsbaum zu kaufen. Das lohne sich nicht, denn man sei ja ganz allein. "Aber ihr seid doch zu zweit!", bricht es dann aus mir heraus. Schließlich haben auch wir als ein kinderloses Paar uns einen Weihnachtsbaum erworben. Das sei etwas anderes, schallt es aus dem Hörer. Na dann, denke ich mir und lege auf. Auch eine Gans solle es nicht geben, höre ich, sondern irgendetwas aus dem Römertopf. "Aber wir kommen ja am 2. Weihnachtsfeiertag zu euch und sehen dann den schönen Baum!", zwitschert die Mutter des J. und läd das Zusammentreffen mit Erwartung auf.

Morgen früh werden die Eltern des J. nun erwartet. Wir haben einen Tisch bestellt. Die circa acht Stunden zwischen Ankunft und Essen hat man sich lang vorzustellen, sehr lang, eine bei genauer Betrachtung sozusagen der Ewigkeit nicht vollkommen unvergleichliche Spanne.

Mittwoch, 24. November 2010

Journal :: 22.11.2010

Mit meinem kleinen Cousin und den Frauen lässt es sich nach wie vor nicht so gut an. Ein bißchen mag das an den Frauen liegen, die Sportlichkeit vielleicht mehr schätzen als einen sehr dünnen, sehr blassen, aber dafür ziemlich klugen Jungen, der gut Schach spielt, aber unglücklicherweise immer dann, wenn es darauf ankommt, einewenig vorteilhafte Figur mit leichten Artikulationsproblemen abgibt. Auch ist es generell wenig erfolgversprechend, sich ausgerechnet in seine Arbeitsgemeinschaftsleiterin zu verlieben, die die Anfänger-AG im Strafrecht unterrichtet, und auch wenn das Mädchen mit vielleicht 24 oder so nicht Dezennien, sondern nur ungefähr vier Jahre älter ist als der Kleine: Die Chancen stehen schlecht.

Dabei ist das Mädchen an sich sicherlich nicht dermaßen belagert, dass ein hartnäckiger Bewerber ganz aussichtslos bliebe. Klein sei sie, berichtet mein Cousin, circa 1,60 hoch, dabei auf reizende Weise pausbackig, angetan mit einem roten Mäntelchen mit weißen Punkten, gelben Gummistiefeln, und sie möge Frösche und Affen. "Affen!", wiederhole ich, runzele ich die Stirn und überlege mir, was es wohl zu bedeuten haben mag, wenn ein Mädchen Affen mag. Möglicherweise, so kombiniere ich, ist man hier mehr dem Possierlichen zugewandt, als ich es für angemessen und geschmackvoll halte.

Von einem Freund hat mein Cousin bisher nichts gesehen. Das wundert mich nicht. Mädchen mit einer Vorliebe für Affen und Frösche sind jetzt vielleicht nicht so wahnsinnig gefragt, und dass kleine, dicke Frauen nicht so richtig hoch auf der Toplist der gefragten Damen stehen, weiß ich selbst aus langjährig-leidvoller Erfahrung. Auch die schwarzen Kirschaugen und die dunklen Locken, von denen man mir berichtet, reißen es da wohl nicht mehr so heraus in der Breitenwirkung, und so sitzt das Mädchen meistens mit einer oder mehrerer Freundinnen statt Heerscharen anbetender Kollegen in der Mensa. Seit mein Cousin weiß, wann sie Essen geht, sitzt er meistens in gemessenem Abstand auch an den Futtertrögen der Mensa Nord und starrt die AG-Leiterin so dezent an, wie das halt möglich ist, wenn ein Weltwunder in der Mensa sitzt und isst.

Weil das Mädchen offenbar kein Fleisch isst, isst nun auch mein Cousin vegetarisch für den Fall, dass sie sich vor Fleischessern ekelt. Kürzlich verzehrte mein Cousin also einen Blumenkohlbratling, als das Mädchen - ebenfalls mit einem solchen Bratling versehen - an ihm vorbeiging. Neben ihr ging ihre Freindin. "Hallo L.", grüßte die AG-Leiterin. Mein Cousin würgte ein "Hallo!" zurück. Dann starrte er auf sein langsam erkaltendes Essen.

Eine Tischreihe entfernt nahm das Mädchen Platz. Mein Cousin sah sich nicht um. Mit geschlossenen Augen verfolgte er jeden Laut des Mädchens, ihr Lachen, ihre Gespräche, das leise Schaben des Bestecks, und als sie bei der Quarkspeise angelangt war, stand er auf und ging langsam an ihr vorbei. Die Augen hatte er dabei immerhin wieder geöffnet. "Hallo L.", grüßte das Mädchen nochmal, mein Cousin beschleunigte puterrot und mit heftigem Herzklopfen und wurde erst wieder langsamer, als die Mensa hinter ihm lag.

Es wird nicht einfach mit meinem Cousin und den Mädchen, stelle ich fest und gebe lauter gute, tantenhafte Tipps, an die sich nur hält, wer sie nicht braucht, wie ich mich vage entsinne.

Mittwoch, 22. September 2010

Vom Paradies ein gold'ner Schein

In den Ferien, wenn sonst keiner frei hatte, kamen Schwesterchen und ich zur Oma. Wenn die Oma nicht da war, kamen wir zum Onkel. War aber auch dieser nicht verfügbar, weil die dazugehörige Tante zur Kur war oder verreist, oder weil man nicht zwei Schulferien hintereinander dem Onkel gleich zwei Mädchen zumuten konnte, musste wir zu den Tanten, die eigentlich Großtanten waren, also die beiden ältesten Schwestern des Großvaters, die eine Buchhandlung hatten, über der sie wohnten.

Besonders gut lief die Buchhandlung nicht. Man darf sich das nicht blitzend und gläsern vorstellen, da war nichts mit roten Sesseln und Regelmeter um -meter Lebenshilfe und Reisen auf drei Stockwerken bis nachts um zwölf. Die Buchhandlung meiner Tanten war ein einziger Raum, ein kleines Fenster zur Straße, eine Tür, vor der ein Glockenstrang hing, und dann rechts und links Regale und in der Mitte ein langgezogener Tisch. Ganz hinten stand noch ein kleiner Tisch quer, darauf war die Kasse. Es war so dunkel, dass den ganzen Tag das Licht brannte, und damit möglichst viele Bücher in das finstere Gelass der Tanten passten, hatten mein Vater und mein Onkel A. Regale bis zur Decke gezogen, vor denen eigentlich immer dieselben Kunden standen und sehr, sehr lange brauchten, um Bücher auszusuchen. Besonders viele Kunden gab es nicht.

Ob meine Tanten nicht an Dekoration glaubten, oder ob schlicht nichts mehr in ihre Bücherhöhle passte, ist nicht mehr aufklärbar. Das Schaufenster dekorierten sie jedenfalls ebenfalls ausschließlich mit Büchern, Neuerscheinungen meistens, und wenn es vom Verlag Photographien der Autoren gab, stellten sie die daneben, damit man sehen konnte, wie die Schriftsteller aussahen. Ich kann mich an keinen Ausgestellten konkret erinnern, aber in meiner Erinnerung rauchen sie alle Pfeife, und die wenigen Frauen sahen aus wie Loki Schmidt. Gelegentlich schnitten die Tanten besonders hymnische Kritiken aus der Zeitung aus und stellten diese neben das gepriesene Buch, falls ein Passant zwar in der Zeitung die lobenden Worte der Kritiker verpasst hatte, sich aber beim Spaziergang von den gedruckten Sirenengesängen von Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Hilde Spiel verleiten lassen würde.

Besonders begeistert waren meine Tanten von dem wochenlangen Besuch von Schwesterchen und mir vermutlich eher nicht. Wer lange allein gelebt hat, umgeben nur von seiner ebenfalls etwas schrulligen Schwester, hat sehr jugendlichen Besuch oft nur für einige Stunden ganz gern. Der kindliche Appetit macht alte Damen Sorgen, und der Bewegungsdrang von Zehnjährigen ist für zwei alte Frauen, die niemals Fahrrad fuhren und nicht schwammen, einigermaßen schwer zu beherrschen. Anmerken ließen sie sich das aber nicht. Nur den Ermahnungen meiner Mutter war anzumerken, dass man über der Buchhandlung nicht genauso willkommen war wie woanders. Außerdem bekamen wir zu den Tanten richtige Geschenke mit, nicht nur ein paar Pralinen oder Taschentücher oder so, und irgendwann, der Besuch sollte besonders lange dauern, kaufte mein Vater einen Videorecorder. Das war teuer. Die Tanten hätten sich einen Videorecorder niemals gekauft. Ein vorhandener Videorecorder aber wurde genutzt. Man lieh Videos aus. Man nahm Filme auf, und als ich das nächste Mal erschien, nur für ein zwei Wochen, wie ich meine, lief der Recorder im Hochbetrieb.

Jeden Abend saßen die Tanten auf dem grünem Sofa in dem Wohnzimmer über dem Geschäft. Jeden Abend gab es einen Film, öfter auch einmal dieselben, wie ich wenig später bemerkte, denn das Repertoire war begrenzt. Heinz Rühmann war beliebt, den konnte man ständig sehen. Cary Grant war beliebt, galt aber in den Kreisen meiner Tanten als entschieden zu schön für einen Mann. Willy Fritsch mochten beide Tanten nicht ganz so gern wie Hans Albers. Ungeschlagen und in eigentlich jeder Lebenslage gern gesehen war Peter Alexander. Frauen dagegen mochten meine Tanten nicht so.

In der ersten Woche bei den Tanten saßen die Tanten und wir im Wesentlichen stumm auf dem Sofa und saßen schwarz-weißen Schauspielern beim Handkuss zu. Ab und zu gaben die Tanten spärliche Erklärungen der Handlung ab, erläuterten Schauplätze und ließen längst versunkene Namen fallen. Zu den abendlichen Filmen gab es meistens gebrannte Nüsse, Katzenzungen, Mozartkugeln und Saft. Die Tanten gönnten sich gelegentlich ein Glas Wein. In der zweiten Woche aber entspannten sich die Tanten. Abends gab es nun auch für mich ein sehr kleines Glas Wein mit viel Selters, und außerdem blieben die Tanten nicht länger stumm. Wenn gesungen wurde, sangen sie mit.

Irgendwo auf der Welt, sangen die Tanten, gebe es ein kleines bißchen Glück. Das aber, so entnahm ich dem Trio meiner Tanten mit Lilian Harvey, gebe es nur einmal. Das kommt nicht wieder, sangen die Tanten mit ihren nicht ganz sicheren Altdamenstimmen, und gingen gefährlich in die Höhe, wenn es zu schön war, um wahr zu sein.

Wenn ein junger Mann kommt, hätten meine Tanten vermutlich kaum gewusst, was damit anzufangen, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sie mit ihm in den Himmel hinein hätten tanzen können. Ich bin ja heut' so glücklich, wurde ereignisunabhängig gesungen, auch wenn meine Tanten Renate Müller aus irgendwelchen obskuren Gründen besonders wenig mochten, doch schließlich hat Jede Frau irgendeine Sehnsucht.

Wenn aber der Film aus war, gingen die Tanten einsam zu Bett. Sehr leid taten mir die alten Damen damals, hellwach abends um zehn im Gästezimmer im Bett neben meiner schlafenden Schwester. Dass es doch unschön sei, von Kavalieren - Husarenuniform hin oder her - nur zu träumen. Besser müssten es Frauen haben mit einem echten, eigenen Mann zum Tanzen und Träumen, stellte ich mir vor, denn dass zum Träumen immer etwas übrig bleibt, hate mir keiner gesagt.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ausgetrickst

Man braucht nicht verheiratet zu sein, um eine Schwiegermutter zu haben. Meine ruft gestern an, es ist 17.30 Uhr, und ich liege auf dem Sofa und amüsiere mich mit einer Tasse Tee über Marina Lewyckas A Short History of Tractors in Ukrainian.

Wenn das Telephon klingelt, nimmt der J. so gut wie nie an, weil er keine Lust hat, aufzustehen. Ich dagegen wuchte mich vom Sofa, wühle in der Wohnung nach dem Fernsprechgerät und belle irgendwann "Modeste!" in den Hörer. - "Ja? Modeste?", flötet die Mutter der J. zurück. "Es ist deine Mutter!", rufe ich dem J. zu, der aber einfach nur nickt und keine Anstalten macht, nach dem Telephon zu greifen. Nach dem letzten komplett misslungenen Besuch reicht es vermutlich auch ihm, denn es gibt kaum etwas Anstrengenderes als den Autofetisch des Vaters vom J. und die schrill-verzweifelten Versuche seiner Mutter, die etwas unterkühlte Stimmung während der Besuche durch demonstrative Fröhlichkeit zu verdecken, wenn nicht gar zu beseitigen. Die Versuche misslingen regelmäßig und machen jeweils alles eigentlich noch viel schlimmer.

"Habt ihr denn auch schon einen Baum?", leitet die Mutter des J. das Gespräch auf das bevorstehende Fest. Ich verneine. Der J. soll den Baum kaufen, ich kümmere mich um das Essen, die Dekoration und die Koordination mit den Freunden, mit denen gefeiert werden soll, und wälze unendlich viele Kochbücher auf der Suche nach Vor- und Zwischengängen, Desserts und befrage das Internet und spezialisierte Händler wegen passender Weine. Nur das Hauptgericht steht fest: Es gibt eine Ente mit Maronen, Knödel und Rotkohl dazu.

"Das klingt ja schön.", jubelt die Mutter, deren Harmoniebedürfnis es verbietet, irgendetwas auf Erden nicht als optimal einzuordnen. Auch Fondue am Heiligabend sei gut, denn das sei ja überhaupt das Beste.

Was denn meine Eltern machen, werde ich weiter befragt, und antworte wahrheitsgemäß, diese feierten auch dieses Jahr am Strand. Es solle, wie ich per E-Mail erfahren habe, ein Elefantenfest geben mit einem festlichen Diner. Meine Eltern feiern seit Jahren außer Landes und bleiben dieses Jahr gleich mehrere Monate da. "Ach schön!", kommentiert die Mutter des J., die selbst niemals im Ausland überwintern würde, und setzt zum Sprung an.

"Wann sollen wir denn kommen?", werde ich also gefragt. "Am 26. oder am 27.?", setzt man mir die Pistole auf die Brust. Ich schnaufe. Mein Familiensinn erstreckt sich höchstens auf meine eigene Familie. Ich brauche außerdem gerade dringend Urlaub, und es gibt kaum etwas, was dem Erholungseffekt so zuwiderläuft wie der angekündigte Besuch.

"Wir machen auch alles so, wie ihr es sagt!", drängt die Mutter des J. weiter. Wir sollen das Programm aussuchen und das aufzusuchende Lokal. Keinesfalls würden sie lange bleiben, wird mir versichert, und die Mutter tut mir ein bißchen leid. Es kann nicht schön sein, so betteln zu müssen, wenn man seinen einzigen Sohn Weihnachten besuchen will.

"Soll deine Mama Samstag oder Sonntag kommen?", frage ich daher den J., statt einfach zu behaupten, wir seien total verplant und hätten keine Zeit. Ich ärgere mich im selben Moment. "Dann Sonntag.", grunzt der J. und sieht auch etwas angestrengt aus.

"Ach schön!", zwitschert die Mutter nun deutlich entspannter. Sie habe auch schon Geschenke gekauft, und ich schiebe die Frage vorerst weg, wo ich weitere Handtücher und Bettwäsche unterbringen soll, die ich seit Jahren in einer Art Festtagsabonnement beziehe. Die letzten liegen noch unausgepackt unter dem Bett, aber das sage ich nicht.

Montag, 23. November 2009

Vor dem Herren beider Länder (1986)

Ich bin verliebt. Leider beachtet der schöne Page mich ebenso wenig wie die S. aus Stuttgart, deren Eltern mit meinen abends an der Bar sitzen. Die S. und Schwesterchen und ich sitzen solange gemeinsam auf dem Balkon und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Weitere Spiele haben wir aus irgendeinem Grund nicht mit.

Es ist wahnsinnig heiß. Rund um Luxor flimmern die roten Berge in der Sonne. Auf allen Photos aus jenem Sommer ist der Himmel so blendend weiß, wie ich mir den Tod vorstelle, irgendwann später, aber in diesem Sommer bin ich noch zehn und unsterblich. Damit das auch so bleibt, haben Schwesterchen und ich strikte Order, was gegessen werden darf und was nicht.

Die honigtriefenden Süßigkeiten vor Ort gehören nicht dazu. Jedesmal, wenn sich mir einer mit klebrigem, triefenden Konfekt nähert, presse ich die Lippen aufeinander und schaue weg. Manche Ägypter lassen dann locker, andere aber versuchen mit Worten und Gesten die Vorzüge ihrer Spezialitäten anzupreisen. Ich bin genervt.

Überhaupt bin ich von den Ägyptern enttäuscht. Ich mag überhaupt keine lauten Leute, ich mag keine Leute, die einen anfassen, ich finde die Zähne der Händler in die Souks widerlich, und die Gerüche in den Straßen gefallen mir auch nicht. Sowieso: Das hunderttorige Theben, teile ich meinem Vater mit, kann mich mal. Auch die Pyramiden habe ich mir größer vorgestellt. Man erträgt mich mit freundichem Stoizismus.

Auf Ausflüge habe ich nur so mittelviel Lust. Ich mag das Hotel mit seinen Samtfauteuils. Ich mag die Quasten, die ein wenig staubig riechen, nähert man sich ihnen mit dem Gesicht, und ich mag die krakelierte Trinkgläser mit dem schmalen, goldenen Rand. Es gibt viel, viel modernere Hotels vor Ort, die größere Pools und eigene Kinderarenen unterhalten, aber ich sitze gern mit S. aus Stuttgart in der Lobby und sehe dem schönen Pagen zu. Irgendwohin zu fahren und da zu schwitzen gefällt mir weit weniger gut.

Ins Tal der Könige komme ich trotzdem mit. Noch viel heißer als in Luxor ist es hier, auf der anderen Seite des Nil, und noch Jahrtausende später tun mir die Arbeiter leid, die die Gräber und Tempel in den Stein gehauen haben. Auf den Grabmalereien sehen die Arbeiter manchmal wie die Ägypter um mich herum aus, wie sie am Straßenrand stehen, den Wagen nachsehen, aufragend aus rötlichem Staub.

Die Grabmalereien und Reliefs habe ich fast alle vergessen. Die Geierkrone, der hundsköpfige Anubis, Arbeiter im Schilf und bunte Kelche, die Diener seltsam steif auf den Armen tragen, habe ich gesehen, Könige vor ihren Richtern und Reliefs mit Tänzerinnen, die Salbkegel auf den Köpfen tragen. Letztere werfen Fragen auf: Ob und wie der sich im Laufe des Abends verflüssigende Kegel den Tänzerinnen wohl in die Augen rann? Und tanzten die Mädchen gern in ihren durchscheinenden Gewändern? Oder war die Freude an Tanz und Gesängen gekauft bloß, künstlich, Geschäft oder gar Zwang, wie bei den Verkäufern von Süßigkeiten und kleinen Gebinden von Blumen, die - kaum älter als ich zum Teil - ununterbrochen, die ganzen zwei Wochen, ihre Waren anpriesen: Bemitleidenswert ebenso wie lästig.

Bewundernd, beeindruckt, staunend gar, hinterlässt mich nichts auf dieser Reise. Müde zwar, doch seltsam achselzuckend, komme ich abends zurück ins Hotel. An kaum einen lebendigen Moment dieses Tages in der Stadt uralter Gräber kann ich mich erinnern, doch die Rückkehr zum Hotel, den Ausstieg auf der Auffahrt und mein hastiger Lauf durch die Halle ist ganz gegenwärtig geblieben: Getrieben vor Angst, der schöne Page könnte mich so sehen, staubig und verschwitzt, und lächerlich sehe ich mich zehnjährig in meiner Sorge um den Eindruck, den einer von mir haben könnte, dem ich so gleichgültig bin wie ein totes, steinernes Bild in einer dunklen, nie geöffneten Kammer.



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