Familienalbum

Samstag, 3. Dezember 2011

Was schenkt man einem Vater?

Mütter. Ja, Mütter sind leicht. Mütter mögen bauchige Dosen aus italienischem Glas für Kekse. Mütter mögen kleine, silberne, geflochtene Körbchen. Mütter mögen Kalender mit Photos aus englischen Gärten oder Seifen von Yardley oder Nagellack, der eine Spur zu extravagant ist, um ihn sich selbst zu kaufen, und wenn einem für eine Mutter - eine eigene oder fremde - nichts einfällt, kauft man eine Flasche Champagner. Weihnachten sollte man nur Mütter haben, denn Väter sind ein Problem.

Manchmal haben Väter immerhin eine Sammelleidenschaft. Der Vater vom T. beispielsweise sammelt Fayencen. Oder sie stellen den ganzen Keller mit einer Modelleisenbahn voll, für die es gar nicht genug Zubehör geben kann, wie der Vater der K. Manche Väter sind finanziell auch nicht so arg gut aufgestellt, die freuen sich dann auch über zwei Stangen Zigaretten, wie der Vater einer ehemaligen Kollegin im Referendariat, der sich von Geburtstagen über Namenstage bis zu Weihnachten hangelte, um durch Geschenke seiner fünf Kinder seine Nikotinleidenschaft zu befriedigen. Bei meinem Vater ist das aber alles nicht der Fall.

Immerhin liest mein Vater ganz gern und hört gern Musik. Leider kauft er sich das, was haben will, selbst. Ab und zu finde ich einen schönen und ziemlich überflüssigen Bildband über irgendetwas, was ihn besonders interessiert, den kaufe ich dann, aber dieses Jahr scheint es da nichts Neues zu geben.

Für technische Spielereien hat mein Vater schon eher etwas über, aber hier fällt mir partout nichts ein. Einen iMac will er sich kaufen, aber dafür braucht man eigentlich kein Zubehör. Mit dem Rauchen hat er schon vor 20 Jahren aufgehört. Wenn ich ihm Whiskey kaufe, trinkt ihm den meine Mutter weg. Was Schokolade angeht, isst er am liebsten Ritter Sport Voll-Nuss, die zu schenken jetzt nicht so wirklich den Charakter eines liebevoll ausgesuchten Weihnachtspräsents hätte.

Es ist fürchterlich.

Samstag, 25. Dezember 2010

Froh und munter (I)

Jedes Jahr ungefähr zu Allerseelen beginnt die Dame, die meine Schwiegermutter wäre, wären der J. und ich verheiratet, ausdrucksvoll zu schweigen: Sie fragt nicht, was mit Weihnachten ist, sie spricht nicht über Weihnachten, sie erwähnt anstehende Feiertage mit keiner Silbe, denn sie will den J. auf keinen Fall unter Druck setzen, Weihnachten nach Hause zu kommen. Der J. soll vollkommen freiwillig den ICE nach Hannover besteigen, um sich unter dem mütterlichen Tannenbaum verwöhnen zu lassen.

Der J. aber denkt gar nicht daran, eine Woche lang an den mütterlichen Butterfässern zu sitzen. Der J. fährt das ganze Jahr, Krawatte um den Hals und Pilotenkoffer in der Hand, durch die Lande, der J. möchte Weihnachten auf dem Sofa liegen, und zwar umgeben von engen, handverlesenen Freunden auf dem eigenen Sofa im Prenzlauer Berg und nicht in einem Dorf bei Hannover, wo alle zwanzig Minuten jemand fragt, ob es auch warm genug ist, ob der J. etwas trinken möchte, ob er vielleicht Hunger hat, und ob es nicht schön ist, so zusammen zu sitzen. Die Frage nach dem Hunger ist ganz besonders rhetorisch, denn alle zwei Stunden gibt es unheuerliche Mengen zu essen, die zu verschmähen als konkludente persönliche Beleidigung gilt. Die ängstliche Frage, ob das Zusammentreffen nicht ganz besonders schön sei, darf auf keinen Fall wahrheitsgemäß beantwortet werden.

Jedes Jahr ungefähr zu Christkönig hält es die Mutter des J. dann doch nicht mehr aus. Zart, so subtil wie möglich, lässt sie anklingen, sie wolle den J. Weihnachten sehen. Möglicherweise berichtet sie etwas zu nachdrücklich von der Nachbarin, die zehn Tage lang bei ihrer Tochter in München weilen werde, oder sie fragt nach, was meine Eltern Weihnachten machen. Meine Eltern - das weiß die Mutter des J. genau - fahren Weihnachten meistens weg, oft monatelang.

Irgendwann in der Adventszeit gibt die Mutter des J. sich dann einen Stoß. Wie es denn aussieht, fragt sie dann, und bevorzugt fragt sie mich. Die Anspannung bricht ihr aus jeder Pore, ich verfluche den Umstand, dass der J. keine Geschwister hat, die sich die Betreuung der Eltern zu Feiertagen teilen könnten und rede mich raus. Mir sei alles egal, sage ich, auch wenn das nicht stimmt. Der J. sei zuständig, gebe ich zu Protokoll, und lächele übeaus freundlich, weil es nicht schön sein kann, wenn sich die Verdachtsmomente häufen, der eigene Sohn umgebe sich Weihnachten lieber mit seiner Berliner Ersatzfamilie. Die Idee, dass der J. sich deutlich wohler fühlen würde, wenn seine Mutter Weihnachten mit mehr Gelassenheit und weniger Mahlzeiten angehen würde, leuchtet der guten Frau irgendwie nicht ein.

Schließlich bricht der J. ein und lädt seine Mutter zum Stephanstag ein. Seine Mutter ist ein bißchen geknickt, weil sie sich extensivere Zusammenkünfte vorgestellt hat, ich bin ein wenig ärgerlich, weil ich mir eigentlich überhaupt keine Zusammenkünfte vorgestellt habe, und um jede weitere Quelle der Anspanung auszuschließen, reserviere ich einen Tisch in einem Restaurant. Wenn dann das Essen nicht schmeckt, ist wenigstens keiner schuld.

Dass zwischen Realität und Ideal eine Lücke klafft, verdeutlicht die Mutter des J. in den nächsten Wochen telephonisch. So teilt sie mit, keinen Weinachtsbaum zu kaufen. Das lohne sich nicht, denn man sei ja ganz allein. "Aber ihr seid doch zu zweit!", bricht es dann aus mir heraus. Schließlich haben auch wir als ein kinderloses Paar uns einen Weihnachtsbaum erworben. Das sei etwas anderes, schallt es aus dem Hörer. Na dann, denke ich mir und lege auf. Auch eine Gans solle es nicht geben, höre ich, sondern irgendetwas aus dem Römertopf. "Aber wir kommen ja am 2. Weihnachtsfeiertag zu euch und sehen dann den schönen Baum!", zwitschert die Mutter des J. und läd das Zusammentreffen mit Erwartung auf.

Morgen früh werden die Eltern des J. nun erwartet. Wir haben einen Tisch bestellt. Die circa acht Stunden zwischen Ankunft und Essen hat man sich lang vorzustellen, sehr lang, eine bei genauer Betrachtung sozusagen der Ewigkeit nicht vollkommen unvergleichliche Spanne.

Mittwoch, 24. November 2010

Journal :: 22.11.2010

Mit meinem kleinen Cousin und den Frauen lässt es sich nach wie vor nicht so gut an. Ein bißchen mag das an den Frauen liegen, die Sportlichkeit vielleicht mehr schätzen als einen sehr dünnen, sehr blassen, aber dafür ziemlich klugen Jungen, der gut Schach spielt, aber unglücklicherweise immer dann, wenn es darauf ankommt, einewenig vorteilhafte Figur mit leichten Artikulationsproblemen abgibt. Auch ist es generell wenig erfolgversprechend, sich ausgerechnet in seine Arbeitsgemeinschaftsleiterin zu verlieben, die die Anfänger-AG im Strafrecht unterrichtet, und auch wenn das Mädchen mit vielleicht 24 oder so nicht Dezennien, sondern nur ungefähr vier Jahre älter ist als der Kleine: Die Chancen stehen schlecht.

Dabei ist das Mädchen an sich sicherlich nicht dermaßen belagert, dass ein hartnäckiger Bewerber ganz aussichtslos bliebe. Klein sei sie, berichtet mein Cousin, circa 1,60 hoch, dabei auf reizende Weise pausbackig, angetan mit einem roten Mäntelchen mit weißen Punkten, gelben Gummistiefeln, und sie möge Frösche und Affen. "Affen!", wiederhole ich, runzele ich die Stirn und überlege mir, was es wohl zu bedeuten haben mag, wenn ein Mädchen Affen mag. Möglicherweise, so kombiniere ich, ist man hier mehr dem Possierlichen zugewandt, als ich es für angemessen und geschmackvoll halte.

Von einem Freund hat mein Cousin bisher nichts gesehen. Das wundert mich nicht. Mädchen mit einer Vorliebe für Affen und Frösche sind jetzt vielleicht nicht so wahnsinnig gefragt, und dass kleine, dicke Frauen nicht so richtig hoch auf der Toplist der gefragten Damen stehen, weiß ich selbst aus langjährig-leidvoller Erfahrung. Auch die schwarzen Kirschaugen und die dunklen Locken, von denen man mir berichtet, reißen es da wohl nicht mehr so heraus in der Breitenwirkung, und so sitzt das Mädchen meistens mit einer oder mehrerer Freundinnen statt Heerscharen anbetender Kollegen in der Mensa. Seit mein Cousin weiß, wann sie Essen geht, sitzt er meistens in gemessenem Abstand auch an den Futtertrögen der Mensa Nord und starrt die AG-Leiterin so dezent an, wie das halt möglich ist, wenn ein Weltwunder in der Mensa sitzt und isst.

Weil das Mädchen offenbar kein Fleisch isst, isst nun auch mein Cousin vegetarisch für den Fall, dass sie sich vor Fleischessern ekelt. Kürzlich verzehrte mein Cousin also einen Blumenkohlbratling, als das Mädchen - ebenfalls mit einem solchen Bratling versehen - an ihm vorbeiging. Neben ihr ging ihre Freindin. "Hallo L.", grüßte die AG-Leiterin. Mein Cousin würgte ein "Hallo!" zurück. Dann starrte er auf sein langsam erkaltendes Essen.

Eine Tischreihe entfernt nahm das Mädchen Platz. Mein Cousin sah sich nicht um. Mit geschlossenen Augen verfolgte er jeden Laut des Mädchens, ihr Lachen, ihre Gespräche, das leise Schaben des Bestecks, und als sie bei der Quarkspeise angelangt war, stand er auf und ging langsam an ihr vorbei. Die Augen hatte er dabei immerhin wieder geöffnet. "Hallo L.", grüßte das Mädchen nochmal, mein Cousin beschleunigte puterrot und mit heftigem Herzklopfen und wurde erst wieder langsamer, als die Mensa hinter ihm lag.

Es wird nicht einfach mit meinem Cousin und den Mädchen, stelle ich fest und gebe lauter gute, tantenhafte Tipps, an die sich nur hält, wer sie nicht braucht, wie ich mich vage entsinne.

Mittwoch, 22. September 2010

Vom Paradies ein gold'ner Schein

In den Ferien, wenn sonst keiner frei hatte, kamen Schwesterchen und ich zur Oma. Wenn die Oma nicht da war, kamen wir zum Onkel. War aber auch dieser nicht verfügbar, weil die dazugehörige Tante zur Kur war oder verreist, oder weil man nicht zwei Schulferien hintereinander dem Onkel gleich zwei Mädchen zumuten konnte, musste wir zu den Tanten, die eigentlich Großtanten waren, also die beiden ältesten Schwestern des Großvaters, die eine Buchhandlung hatten, über der sie wohnten.

Besonders gut lief die Buchhandlung nicht. Man darf sich das nicht blitzend und gläsern vorstellen, da war nichts mit roten Sesseln und Regelmeter um -meter Lebenshilfe und Reisen auf drei Stockwerken bis nachts um zwölf. Die Buchhandlung meiner Tanten war ein einziger Raum, ein kleines Fenster zur Straße, eine Tür, vor der ein Glockenstrang hing, und dann rechts und links Regale und in der Mitte ein langgezogener Tisch. Ganz hinten stand noch ein kleiner Tisch quer, darauf war die Kasse. Es war so dunkel, dass den ganzen Tag das Licht brannte, und damit möglichst viele Bücher in das finstere Gelass der Tanten passten, hatten mein Vater und mein Onkel A. Regale bis zur Decke gezogen, vor denen eigentlich immer dieselben Kunden standen und sehr, sehr lange brauchten, um Bücher auszusuchen. Besonders viele Kunden gab es nicht.

Ob meine Tanten nicht an Dekoration glaubten, oder ob schlicht nichts mehr in ihre Bücherhöhle passte, ist nicht mehr aufklärbar. Das Schaufenster dekorierten sie jedenfalls ebenfalls ausschließlich mit Büchern, Neuerscheinungen meistens, und wenn es vom Verlag Photographien der Autoren gab, stellten sie die daneben, damit man sehen konnte, wie die Schriftsteller aussahen. Ich kann mich an keinen Ausgestellten konkret erinnern, aber in meiner Erinnerung rauchen sie alle Pfeife, und die wenigen Frauen sahen aus wie Loki Schmidt. Gelegentlich schnitten die Tanten besonders hymnische Kritiken aus der Zeitung aus und stellten diese neben das gepriesene Buch, falls ein Passant zwar in der Zeitung die lobenden Worte der Kritiker verpasst hatte, sich aber beim Spaziergang von den gedruckten Sirenengesängen von Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Hilde Spiel verleiten lassen würde.

Besonders begeistert waren meine Tanten von dem wochenlangen Besuch von Schwesterchen und mir vermutlich eher nicht. Wer lange allein gelebt hat, umgeben nur von seiner ebenfalls etwas schrulligen Schwester, hat sehr jugendlichen Besuch oft nur für einige Stunden ganz gern. Der kindliche Appetit macht alte Damen Sorgen, und der Bewegungsdrang von Zehnjährigen ist für zwei alte Frauen, die niemals Fahrrad fuhren und nicht schwammen, einigermaßen schwer zu beherrschen. Anmerken ließen sie sich das aber nicht. Nur den Ermahnungen meiner Mutter war anzumerken, dass man über der Buchhandlung nicht genauso willkommen war wie woanders. Außerdem bekamen wir zu den Tanten richtige Geschenke mit, nicht nur ein paar Pralinen oder Taschentücher oder so, und irgendwann, der Besuch sollte besonders lange dauern, kaufte mein Vater einen Videorecorder. Das war teuer. Die Tanten hätten sich einen Videorecorder niemals gekauft. Ein vorhandener Videorecorder aber wurde genutzt. Man lieh Videos aus. Man nahm Filme auf, und als ich das nächste Mal erschien, nur für ein zwei Wochen, wie ich meine, lief der Recorder im Hochbetrieb.

Jeden Abend saßen die Tanten auf dem grünem Sofa in dem Wohnzimmer über dem Geschäft. Jeden Abend gab es einen Film, öfter auch einmal dieselben, wie ich wenig später bemerkte, denn das Repertoire war begrenzt. Heinz Rühmann war beliebt, den konnte man ständig sehen. Cary Grant war beliebt, galt aber in den Kreisen meiner Tanten als entschieden zu schön für einen Mann. Willy Fritsch mochten beide Tanten nicht ganz so gern wie Hans Albers. Ungeschlagen und in eigentlich jeder Lebenslage gern gesehen war Peter Alexander. Frauen dagegen mochten meine Tanten nicht so.

In der ersten Woche bei den Tanten saßen die Tanten und wir im Wesentlichen stumm auf dem Sofa und saßen schwarz-weißen Schauspielern beim Handkuss zu. Ab und zu gaben die Tanten spärliche Erklärungen der Handlung ab, erläuterten Schauplätze und ließen längst versunkene Namen fallen. Zu den abendlichen Filmen gab es meistens gebrannte Nüsse, Katzenzungen, Mozartkugeln und Saft. Die Tanten gönnten sich gelegentlich ein Glas Wein. In der zweiten Woche aber entspannten sich die Tanten. Abends gab es nun auch für mich ein sehr kleines Glas Wein mit viel Selters, und außerdem blieben die Tanten nicht länger stumm. Wenn gesungen wurde, sangen sie mit.

Irgendwo auf der Welt, sangen die Tanten, gebe es ein kleines bißchen Glück. Das aber, so entnahm ich dem Trio meiner Tanten mit Lilian Harvey, gebe es nur einmal. Das kommt nicht wieder, sangen die Tanten mit ihren nicht ganz sicheren Altdamenstimmen, und gingen gefährlich in die Höhe, wenn es zu schön war, um wahr zu sein.

Wenn ein junger Mann kommt, hätten meine Tanten vermutlich kaum gewusst, was damit anzufangen, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sie mit ihm in den Himmel hinein hätten tanzen können. Ich bin ja heut' so glücklich, wurde ereignisunabhängig gesungen, auch wenn meine Tanten Renate Müller aus irgendwelchen obskuren Gründen besonders wenig mochten, doch schließlich hat Jede Frau irgendeine Sehnsucht.

Wenn aber der Film aus war, gingen die Tanten einsam zu Bett. Sehr leid taten mir die alten Damen damals, hellwach abends um zehn im Gästezimmer im Bett neben meiner schlafenden Schwester. Dass es doch unschön sei, von Kavalieren - Husarenuniform hin oder her - nur zu träumen. Besser müssten es Frauen haben mit einem echten, eigenen Mann zum Tanzen und Träumen, stellte ich mir vor, denn dass zum Träumen immer etwas übrig bleibt, hate mir keiner gesagt.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Ausgetrickst

Man braucht nicht verheiratet zu sein, um eine Schwiegermutter zu haben. Meine ruft gestern an, es ist 17.30 Uhr, und ich liege auf dem Sofa und amüsiere mich mit einer Tasse Tee über Marina Lewyckas A Short History of Tractors in Ukrainian.

Wenn das Telephon klingelt, nimmt der J. so gut wie nie an, weil er keine Lust hat, aufzustehen. Ich dagegen wuchte mich vom Sofa, wühle in der Wohnung nach dem Fernsprechgerät und belle irgendwann "Modeste!" in den Hörer. - "Ja? Modeste?", flötet die Mutter der J. zurück. "Es ist deine Mutter!", rufe ich dem J. zu, der aber einfach nur nickt und keine Anstalten macht, nach dem Telephon zu greifen. Nach dem letzten komplett misslungenen Besuch reicht es vermutlich auch ihm, denn es gibt kaum etwas Anstrengenderes als den Autofetisch des Vaters vom J. und die schrill-verzweifelten Versuche seiner Mutter, die etwas unterkühlte Stimmung während der Besuche durch demonstrative Fröhlichkeit zu verdecken, wenn nicht gar zu beseitigen. Die Versuche misslingen regelmäßig und machen jeweils alles eigentlich noch viel schlimmer.

"Habt ihr denn auch schon einen Baum?", leitet die Mutter des J. das Gespräch auf das bevorstehende Fest. Ich verneine. Der J. soll den Baum kaufen, ich kümmere mich um das Essen, die Dekoration und die Koordination mit den Freunden, mit denen gefeiert werden soll, und wälze unendlich viele Kochbücher auf der Suche nach Vor- und Zwischengängen, Desserts und befrage das Internet und spezialisierte Händler wegen passender Weine. Nur das Hauptgericht steht fest: Es gibt eine Ente mit Maronen, Knödel und Rotkohl dazu.

"Das klingt ja schön.", jubelt die Mutter, deren Harmoniebedürfnis es verbietet, irgendetwas auf Erden nicht als optimal einzuordnen. Auch Fondue am Heiligabend sei gut, denn das sei ja überhaupt das Beste.

Was denn meine Eltern machen, werde ich weiter befragt, und antworte wahrheitsgemäß, diese feierten auch dieses Jahr am Strand. Es solle, wie ich per E-Mail erfahren habe, ein Elefantenfest geben mit einem festlichen Diner. Meine Eltern feiern seit Jahren außer Landes und bleiben dieses Jahr gleich mehrere Monate da. "Ach schön!", kommentiert die Mutter des J., die selbst niemals im Ausland überwintern würde, und setzt zum Sprung an.

"Wann sollen wir denn kommen?", werde ich also gefragt. "Am 26. oder am 27.?", setzt man mir die Pistole auf die Brust. Ich schnaufe. Mein Familiensinn erstreckt sich höchstens auf meine eigene Familie. Ich brauche außerdem gerade dringend Urlaub, und es gibt kaum etwas, was dem Erholungseffekt so zuwiderläuft wie der angekündigte Besuch.

"Wir machen auch alles so, wie ihr es sagt!", drängt die Mutter des J. weiter. Wir sollen das Programm aussuchen und das aufzusuchende Lokal. Keinesfalls würden sie lange bleiben, wird mir versichert, und die Mutter tut mir ein bißchen leid. Es kann nicht schön sein, so betteln zu müssen, wenn man seinen einzigen Sohn Weihnachten besuchen will.

"Soll deine Mama Samstag oder Sonntag kommen?", frage ich daher den J., statt einfach zu behaupten, wir seien total verplant und hätten keine Zeit. Ich ärgere mich im selben Moment. "Dann Sonntag.", grunzt der J. und sieht auch etwas angestrengt aus.

"Ach schön!", zwitschert die Mutter nun deutlich entspannter. Sie habe auch schon Geschenke gekauft, und ich schiebe die Frage vorerst weg, wo ich weitere Handtücher und Bettwäsche unterbringen soll, die ich seit Jahren in einer Art Festtagsabonnement beziehe. Die letzten liegen noch unausgepackt unter dem Bett, aber das sage ich nicht.

Montag, 23. November 2009

Vor dem Herren beider Länder (1986)

Ich bin verliebt. Leider beachtet der schöne Page mich ebenso wenig wie die S. aus Stuttgart, deren Eltern mit meinen abends an der Bar sitzen. Die S. und Schwesterchen und ich sitzen solange gemeinsam auf dem Balkon und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Weitere Spiele haben wir aus irgendeinem Grund nicht mit.

Es ist wahnsinnig heiß. Rund um Luxor flimmern die roten Berge in der Sonne. Auf allen Photos aus jenem Sommer ist der Himmel so blendend weiß, wie ich mir den Tod vorstelle, irgendwann später, aber in diesem Sommer bin ich noch zehn und unsterblich. Damit das auch so bleibt, haben Schwesterchen und ich strikte Order, was gegessen werden darf und was nicht.

Die honigtriefenden Süßigkeiten vor Ort gehören nicht dazu. Jedesmal, wenn sich mir einer mit klebrigem, triefenden Konfekt nähert, presse ich die Lippen aufeinander und schaue weg. Manche Ägypter lassen dann locker, andere aber versuchen mit Worten und Gesten die Vorzüge ihrer Spezialitäten anzupreisen. Ich bin genervt.

Überhaupt bin ich von den Ägyptern enttäuscht. Ich mag überhaupt keine lauten Leute, ich mag keine Leute, die einen anfassen, ich finde die Zähne der Händler in die Souks widerlich, und die Gerüche in den Straßen gefallen mir auch nicht. Sowieso: Das hunderttorige Theben, teile ich meinem Vater mit, kann mich mal. Auch die Pyramiden habe ich mir größer vorgestellt. Man erträgt mich mit freundichem Stoizismus.

Auf Ausflüge habe ich nur so mittelviel Lust. Ich mag das Hotel mit seinen Samtfauteuils. Ich mag die Quasten, die ein wenig staubig riechen, nähert man sich ihnen mit dem Gesicht, und ich mag die krakelierte Trinkgläser mit dem schmalen, goldenen Rand. Es gibt viel, viel modernere Hotels vor Ort, die größere Pools und eigene Kinderarenen unterhalten, aber ich sitze gern mit S. aus Stuttgart in der Lobby und sehe dem schönen Pagen zu. Irgendwohin zu fahren und da zu schwitzen gefällt mir weit weniger gut.

Ins Tal der Könige komme ich trotzdem mit. Noch viel heißer als in Luxor ist es hier, auf der anderen Seite des Nil, und noch Jahrtausende später tun mir die Arbeiter leid, die die Gräber und Tempel in den Stein gehauen haben. Auf den Grabmalereien sehen die Arbeiter manchmal wie die Ägypter um mich herum aus, wie sie am Straßenrand stehen, den Wagen nachsehen, aufragend aus rötlichem Staub.

Die Grabmalereien und Reliefs habe ich fast alle vergessen. Die Geierkrone, der hundsköpfige Anubis, Arbeiter im Schilf und bunte Kelche, die Diener seltsam steif auf den Armen tragen, habe ich gesehen, Könige vor ihren Richtern und Reliefs mit Tänzerinnen, die Salbkegel auf den Köpfen tragen. Letztere werfen Fragen auf: Ob und wie der sich im Laufe des Abends verflüssigende Kegel den Tänzerinnen wohl in die Augen rann? Und tanzten die Mädchen gern in ihren durchscheinenden Gewändern? Oder war die Freude an Tanz und Gesängen gekauft bloß, künstlich, Geschäft oder gar Zwang, wie bei den Verkäufern von Süßigkeiten und kleinen Gebinden von Blumen, die - kaum älter als ich zum Teil - ununterbrochen, die ganzen zwei Wochen, ihre Waren anpriesen: Bemitleidenswert ebenso wie lästig.

Bewundernd, beeindruckt, staunend gar, hinterlässt mich nichts auf dieser Reise. Müde zwar, doch seltsam achselzuckend, komme ich abends zurück ins Hotel. An kaum einen lebendigen Moment dieses Tages in der Stadt uralter Gräber kann ich mich erinnern, doch die Rückkehr zum Hotel, den Ausstieg auf der Auffahrt und mein hastiger Lauf durch die Halle ist ganz gegenwärtig geblieben: Getrieben vor Angst, der schöne Page könnte mich so sehen, staubig und verschwitzt, und lächerlich sehe ich mich zehnjährig in meiner Sorge um den Eindruck, den einer von mir haben könnte, dem ich so gleichgültig bin wie ein totes, steinernes Bild in einer dunklen, nie geöffneten Kammer.

Sonntag, 15. November 2009

Vor dem Herren beider Länder (1981)

Am Anfang bin ich fast sechs. Ich sitze im Garten auf der Schaukel, der Apfelbaum blüht, blüht, blüht, und ich schwinge immer höher dem Himmel entgegen, bis ich falle und schlage mit dem Kopf auf den Gehwegplatten auf. Ich schreie und blute. Im Krankenhaus werde ich nur ein bißchen betäubt und genäht. Vor Schmerz verschwimmt die Welt zu einem Brei aus Lärm, Putzmittelgestank und einem bösen, grellen Weiß. Ich soll ein großes Mädchen sein, sagt ein junger, strenger Arzt, der mich anschaut, als sei ich nicht nett, sondern nur dumm und lästig. In mir zieht sich alles zusammen, aber ich schweige und atme und weine fast gar nicht.

Als wir das Krankenhaus verlassen, zittert mein Vater viel mehr als ich. Noch immer tapfer laufe ich an seiner Hand die Böschung abwärts zum Parkplatz, reiße selbst die Wagentür auf, aber ich das ganze Blut auf den Sitzen sehe, drehe ich mich um und erbreche in den hellen, gelblichen Kies. Mein Vater lehnt ausgepumpt am Wagen und hält mir den Kopf. Ich würde das Piratenschiff bekommen, verspricht er, wenn alles wieder gut sei. Soft Ice soll es auch geben, das bekomme ich sonst nie. Auch nach Hamburg ins Museum dürfe ich mit, fährt er schwere Geschütze auf, damit ich wieder lache, und würde mehr Gold sehen als je in meinem Leben zuvor. Götter und Könige warten auf mich, hebt mein Vater mich sorgsam auf den Beifahrersitz und fährt ganz langsam an.

Am Sonntag stehen wir vor dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Ich habe noch einen Verband am Kopf, aber sonst geht es mir wieder ganz gut. Vor dem Museum waren wir bei meinem Onkel T., der mit seiner wunderschönen Freundin in Hamburg-Eppendorf wohnt. Ich bin gespannt: Ich war noch nie hier. Nur einmal war ich bisher in einem anderen Museum bei uns zu Haus und habe die Knochen des Sauriers in echt gesehen, der in meinem Was-ist-Was-Buch riesengroß und völlig unglaublich abgebildet ist. Ich kenne alle Saurier mit Vor- und Nachnamen und kann alle Erdzeitalter fast fehlerfrei aufsagen, wenn man mich fragt.

Vor und hinter uns stehen viele, viele Leute. Die Ausstellung ist ein großer Erfolg, wie ich später erfahre. Ich bin zappelig. Zur Vorbereitung habe ich noch am Tag des Unfalls ein weiteres Was-ist-Was-Buch bekommen, eins über Ägypten, und ein anderes Buch, in dem es um einen Jungen geht, der Nechebu heißt, und den das Gedächtnis aufbewahren wird über fast zwanzig Jahre. Ich habe ein rotes Kleid mit weißem Kragen an, das meine Mutter für die Einschulung gekauft hat, und auf die ich mich unsagbar freue, bis dann doch die Rektorin meine Mutter überreden wird, mich zurückzustellen, aber das ist noch sechs lange Wochen hin. Lackschuhe habe ich an, auf die ich stolz bin, und werde von meinem Vater wieder und wieder photograhiert.

Im Museum ist es dunkel und kühl. Eng an meinen Vater gepresst laufe ich von Vitrine zu Vitrine. Auf Kissen oder schwarzen Quadern stehen und liegen kostbare Möbel aus Gold und Holz, uralter Lotos wiegt sich am Nil, irgendwo ragt ein Hundekopf auf, und vor den Särgen stehe ich mit offenem Mund stumm in der ersten, vergoldeten Faszination vor dem Sterben und beeindruckt von der Schönheit, der leuchtenden Perfektion einer Kultur von der ich kaum mehr weiß, als dass es sie nicht mehr gibt. Mein Vater erklärt mir einzelne Exponate mit dem Katalog in der Hand, aber was weiß ich schon von den Wirren der Amarnazeit, was von Restauration und Stilen: Pracht sehe ich, etwas ideal Entrücktes, und dass menschliches Fleisch einmal in diesen Hüllen lag, ist mir so unvorstellbar wie das Zittern der Erde unter den Hufen des Triceratops.

Eine Postkarte bekomme ich am Ausgang mit der Maske Tut-Ench-Amuns auf dunklem Grund und an der Hand meines Vaters werde ich zum Wagen zurückgeführt.

(Es folgt: 1986)

Sonntag, 8. November 2009

Elternbesuch

Eine Groteske

"Das geht doch noch!", teilt man mir mit. Die Eltern meines geschätzten Gefährten J. seien - so ist man sich rund um den Tisch einig - vergleichsweise gemäßigt anstrengend, und etwa gegenüber der Mutter des C.2 eindeutig vorzugswürdig, denn weder hätten sich des J. Eltern auf Berlinbesuch direkt bei ihm eingenistet (was die Mutter des C.2 trotz der etwas beengten Raumverhältnisse bei diesem geschätzten Bekannten regelmäßig zu tun pflegt), noch hätten J.s Eltern versucht, wie die Mutter des C.2 auf die Alltagsgestaltung ihre Nachwuchses durch fremdartige Vorschläge einzuwirken, wie man als allzu ausladend empfundene Arbeitszeiten durch ein Gespräch mit den Vorgesetzten, möglicherweise unter Beteiligung der Gewerkschaft ("der was???") verkürzen könne. Auch sei bisher unter allen lebenden Menschen nur die Mutter des C.2 auf die Idee gekommen, in dessen berufsbedingter Abwesenheit seine Unterwäsche komplett zu bügeln, neu zusammenzulegen, sodann akkurat gefaltet wieder in die hierfür vorgesehenen Schubladen zu legen und dann beleidigt zu sein, weil der Dank für diese gute Tat etwas sparsam ausgefallen sei. Man dürfe sich deswegen nicht beschweren.

Auch im Vergleich mit der Mutter der S. stehen sowohl meine als auch die Mutter des J. eigentlich recht prächtig da. Denn keine der beiden mir nahestehenden Damen hat jemals Zeitungsartikel aus der Welt am Sonntag kopiert und übersandt, in denen die Abnahme der Fruchtbarkeit ab dem 25. Lebensjahr der Frau grafisch aufbereitet und zudem populärwissenschaftlich so erklärt wurde, dass die Mutter der S. den Artikel einfach versenden musste, obwohl, "Schatz, du weisst doch, wie ich's meine", dies natürlich auf keinen Fall als Anspielung auf einen akuten Enkelwunsch gewertet werden darf, zumal ja jeder weiß, dass es hierfür (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) eines Mannes bedarf, der im Leben der S. gerade rein gar nicht existiert.

Auch die Angst vor Kriminalität in der hiesigen Hauptstadt des Verbrechens teilen, wie ich höre, viele Eltern mit den Eltern des J., wie ja auch etwa die Eltern unseres lieben Freundes R. nur nach Berlin kommen, wenn sie in der Tiefgarage der Kulturbrauerei für € 12,-- täglich einen Stellplatz mieten können, damit nicht, wie es ja im Emsland täglich in der Zeitung steht, schlechte Menschen ihr Kraftfahrzeug anzünden und restlos zerstören. Überhaupt alle Eltern, so scheint es, hassen Graffiti.

"Aber wie kann das sein?", frage ich und rühre ebenso belustigt wie ratlos in meinen Reisbandnudeln mit Huhn. Waren die schon immer so? Wird man so, wenn man älter wird? Und blüht auch uns ein Leben inmitten abstruser Fehlvorstellungen hinsichtlich der angemessenen Lebensgestaltung jüngerer Menschen und der Gefahren des Alltags, wenn wir erst einmal sechzig sind, und werden dann dreißig Jahre jüngere Leute beim Lunch über einen lachen? Oder - und ich lasse vor Schreck die Stäbchen sinken - sind wir mit circa 30 bereits jenseits irgendwelcher Grenzen zutreffender Realitätswahrnehmung, und Menschen, die ungefähr 20 sind, sitzen irgendwo, essen und schütteln die Köpfe schon jetzt über uns?

Samstag, 18. Juli 2009

Aus dem Leben einer Katastrophe

Mein Leben ist ja so ungefähr so unterhaltsam wie das eines Bundes Möhren, und es gibt ernsthafte Anzeichen dafür, dass mein Cousin L. die Ursache dieser kaum normal zu nennenden Ereignislosigkeit ist, da dieser die gesamten vom Schicksal für meine ganze Familie vorgesehenen Kapriolen ganz allein aufgebraucht hat. Natürlich streitet der L. alles ab. Die Fakten aber sprechen für sich: Mein Cousin ist eine Katastrophe.

Dabei sei er diesmal, so der L., eigentlich einfach nur so mit einer Bekannten verreist. Nicht einmal besonders unterhaltsam sei das gewesen, weil die Bekannte zu Problemen neige, über die sie die ganze Zeit spreche. Nun ist mein Cousin L. kein Freund von nicht amüsanten Damen. Zwei Tage oder so machte der L. daher mühsam freundliche Miene zum langweiligen Spiel, dann fuhr er wieder heim und beschloss, die Dame künftig zu meiden.

Die Dame aber musste das gemeinsame Wochenende deutlich anders eingeordnet haben als der L., denn mehrfach, ständig sogar, rief sie an, schickte eine E-Mail nach der anderen, und schließlich stand sie sogar vor seiner Bürotür, als der L. Sprechstunde abhielt. Der L. versteckte sich mittelmäßig heldenhaft in seinem Büro. Die Dame erwies sich indes als außerordentlich hartnäckig.

Dem L. wurde das alles zuviel. Nun ist der L., als Cousine darf ich das sagen, kein so besonders direkten Konfrontationen zugewandter Mensch. Eine direkte Ansage dergestalt, dass er die Bekanntschaft künftig nicht weiter pflegen wolle, wollte der L. daher vermeiden und verfiel auf die Idee, statt seiner könnte die K. seiner Bekannten vermitteln, es sei vorbei. Die K., dies sei hinzugefügt, ist eine Art Dauerverhältnis oder auch Immer-Mal-Wieder-Verhältnis, ganz wie man es nimmt, jedenfalls treffen sich die K. und der L. immer dann, wenn die K. sich gerade nicht so gut mit ihrem Mann versteht. Läuft es gut bei der K. daheim, sind die K. und der L. einfach nur so recht gut befreundet.

Die K. rief also die Bekannte an. Über den Inhalt dieses Telephonats weiß ich an sich eher wenig, aber die Bekannte muss sich dermaßen geärgert haben, dass sie beschloss, sich zu revanchieren. Sie rief also wiederum an, allerdings nicht die K., sondern deren Mann. Dieser wiederum fühlte sich von dem Anruf gestört. Ich kenne den Mann der K. nicht, aber übermäßig eifersüchtig scheint er mir nicht zu sein. Übermäßig friedliebend dafür vielleicht schon eher, und so ließ der Mann der K. am Montag nach dem Telephonat gegenüber der Exfrau des L. (beide sind Kollegen) fallen, dies alles missfalle ihm in hohem Grade. Der L. möge sein Liebesleben doch mit etwas weniger hysterischen Leuten verbringen.

Der Exfrau des L. (die mit dem Kind) missfällt das Privatleben meines Cousin nun schon etwas länger. Zwar habe sie, sagt sie, hier keine Beteiligungsrechte mehr, auch fühle sie sich nicht im engeren Sinne gestört. Indes geschmacklos, unreif und des Vaters der gemeinsamen Tochter unwürdig sei das alles, erzählte sie kopfschüttelnd ihrer ehemaligen Schwiegermutter, der Mutter des L., bei der Übergabe meiner kleinen Nichte.

Meine Tante hatte noch nie viel über für die Umtriebe ihres einzigen Sohnes. Nun ist es nicht einfach, einen Vierzigjährigen noch auf seine alten Tage umzuerziehen, daher beließ sie es bei ein paar missbilligenden Worten, die allerdings meinen Cousin unverhältnismäßig verärgerten. Es müssen in der Folge ein paar böse Worte gefallen sein im Laufe der letzten Wochen, alle Beteiligten beschwerten sich bei ihnen nahestehenden Personen, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass schon morgen, auf dem 70. Geburtstag der Tante des L. (von der mir nicht verwandten Seite) die Irritationen zu öffentlichkeitswirksamen Szenen führen werden, von denen ich sicherlich erfahren werde, wenn der L. sie mir erzählt, um mich - gelangweilt, wie gesagt, wie ein Bund Möhren - ein wenig zu erheitern.

Sonntag, 15. Februar 2009

Antifaltencreme im Krieg

(Schwesterchen ruft an):

"Wusstest Du, dass La Prairie zu Beiersdorf gehört? Nein? Ist also quasi eine Art Nivea. Nur teurer. Und besser natürlich. Also schon ganz was anderes, gar nicht miteinander zu vergleichen. Wie'n Smart neben einer S-Klasse.

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Wirklich? Findest du? Finde ich nicht. Schau dir doch mal so Stars an, im Fernsehen. Hier, Nahaufnahme, die rennen seit fünfzig Jahre durchs Bild, und du siehst nichts. Tophaut. Lifting, klar, aber du siehst das schon. Mit Nivea ist da nichts zu wollen. Oder umgekehrt auch, sehr schockierend. Ganz schlimm. Da haben sie doch letztens so eine Frau interviewt, ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Jaja, im Fernsehen. Eine Afghanin. Also so eine Frau, die in Afghanistan wohnt.

Nein, keine Ahnung, was die Frau gesagt hat, ich hatte den Ton aus und habe mit der H. telefoniert, der geht's doch so schlecht, aber da sehe ich doch nebenbei - total hart, Süße, so erschütternd: Da steht da unten im Bild der Name von der Frau, irgendwas Islamisches. Und daneben 37. 37 war die erst. Zwei Jahre älter als Kate Moss und sieht aus wie fünfzig. Runzeln hatte die Frau. Falten und Flecken. Und ganz, ganz schlimme Zähne.

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Na, aber klar ist das auch das Leben. Arbeit, Sonne, vielleicht raucht die Frau ja auch. Sieht man ja nicht. Im Fernsehen hatte sie jedenfalls keine Zigarette im Mund. Aber ich sag' dir, die Hautpflege ist das auch. Das bekommst du mir jetzt nicht ausgeredet. Hautpflege ist das A und O. Und La Prairie zieht da eben ganz anders als Nivea. Wobei - die Frau sah aus, als hätte sie nicht mal Nivea gehabt. Das ist doch Kriegsgebiet. Afghanistan. Liest man doch immer. Ich denk', Modeste, da gibt es wirklich gar nichts. Nicht einmal - also nicht einmal das Billigste vom Billigsten. Und Hautcreme: Da denkt das Rote Kreuz doch nicht mal dran. Essen, klar. Oder Medikamente. Aber Kosmetik - ich bin mir sicher, die Frau hatte nichts für die Haut. Gar nichts. Nicht mal 'ne simple Tagescreme. Kein Wunder, das die so aussah.

Aber das ist so typisch, Modeste: Männer fangen Kriege an. Und Frauen bekommen Falten."

(Schwesterchen legt auf.)



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