Über öffentliche Angelegenheiten

Sonntag, 23. Oktober 2011

Ganz egal

"Ach was.", sage ich und zerteile meinen Pancake sorgfältig in vier gleich große Stücke. "Dann haben die Kinder mit den übereifrigen Mamas halt die besseren Abiture." Mein Begleiter nickt mit vollem Mund und bestreicht ein Croissant mit Orangenmarmelade. "Das ist doch egal.", bestätigt er, verrührt einen Löffel Zucker in seinem Tee und winkt dem Kellner um ein Schälchen Honig.

Wir zum Beispiel haben beide kein gutes Abi. Als wir zur Schule gingen, gemeinsam, irgendwann in den Neunziger Jahren, war der Ehrgeiz ja quasi noch nicht erfunden. Niemand von unseren Eltern hatte Angst, dass Inder oder Chinesen mit doppelt soviel Wissen und dreimal so viel Fleiß uns den Rang ablaufen würden. Zwischen meinen Eltern und mir gab es die unausgesprochene Abrede, dass sie sich nicht einmischen und ich nicht sitzen bleiben würde. Weil meine Eltern offenbar überhaupt nicht in Frage stellten, dass ich meine Versprechungen in Hinblick auf eine ungestörte Schullaufbahn auch halten würde, nahm mein Vater pünktlich zu jedem Halbjahrszeugnis die warnenden Briefe zur Kenntnis, in denen stand, dass ich wegen zwei Fünfen in Chemie und Physik versetzungsgefährdet sei. Ich glaube, es hat ihn keinen Tag beunruhigt.

Auch die Mutter meines Begleiters zog Schulversagen nicht weiter in Betracht. Ich glaube, sie wusste nur sehr ungenau, welche Leistungskurse ihr Sohn so besuchte und sprach nie mit ihm über seine auffallend asymmetrischen Zensuren, die entweder (in Latein, Griechisch oder Geschichte) durchweg auf eins oder (in Mathematik, Physik oder Sport) maximal auf einer Gnadenvier für ein freundliches Wesen standen.

Guten Noten maßen wir auch bei anderen keinerlei Bedeutung bei. Wir wussten ziemlich genau, wer geistreich und wer zumindest belesen war und wer sich nur Königs Erläuterungen drei Tage lang merken konnte. Diffus war uns von Anfang an klar, dass aus den fleißigen Mädchen in unserer Klasse keineswegs die erfolgreichsten Erwachsenen werden würden, und wir verachteten die Mädchen mit den sauberen Heften schon vorab ein bißchen für so viel unnütz aufgewandte Arbeit.

Ich habe für mein Abi nicht gelernt. Der NC für Jura war bei 2,5 damals, da war klar, dass jeder spätestens im Nachrückverfahren einen Platz bekommen würde. Mein Begleiter lernte eine Woche für Mathe, weil er ansonsten durchgefallen wäre und ein Jahr verloren hätte. Wir haben beide nie auch nur im Ansatz in Betracht gezogen, dass man uns das Abitur verwehren könnte. Am Ende standen wir in der Aula, ich hielt die Abirede. Er spielte, meine ich, vierhändig Mendelssohn-Bartholdy. Es gab ziemlich salbungsvolle Worte und mittelmäßiges Essen. Ich hatte ein weißes Kleid an und sehe auf den Photos, die es gibt, irgendwie ungebürstet aus.

Das ist nun fünfzehn Jahre her. Wir haben beide ziemlich gute Examina. Seine Diss ist sehr, sehr gut und meine immerhin ansehnlich. Man lädt uns zu Kongressen ein, um dort zu sprechen und wir publizieren ab und zu in Zeitschriften, was wir uns über dies und das so denken. Es läuft, wie man so sagt, alles recht gut.

"Meine Sekretärin hat ein besseres Abi als ich.", sagt er und blättert in der Teekarte. Ich nicke. Es ist ganz egal, was passiert, bevor es losgeht, sage ich laut und korrigiere mich sofort: Nein. Es ist nicht egal. Aber das, was man in Schulen lernt, das ist egal, und die Mühen der Mamas vermutlich ganz vergeblich.

Sonntag, 14. August 2011

Die Welt von gestern

"Das ist merkwürdig.", sage ich zum J. beim Essen. In den letzten zehn Jahren muss irgendetwas passiert sein, denn als wir so alt waren wie die, die derzeit in der halben Welt demonstrieren, hatten wir diese Angst nicht im Geringsten, mit unseren Examen nichts anfangen zu können.

Anfang, Mitte zwanzig waren wir damals. Die New Economy war gerade vorbei, aber bis auf ein paar Parties haben wir davon nichts mitbekommen. Die Kanzleien wurden gerade groß und stark und international, fusionierten in alle Richtungen und luden uns ein zu Vorträgen oder Essen oder irgendwelchen Events, auf denen die Partner der Kanzleien über Deals und Gehälter sprachen, die wir aufregend fanden und ein bißchen frivol für Leute wie uns, die ja praktisch nichts konnten. Die Unternehmensberatungen stellten ein, wenn jemand etwas eher Exotisches studiert hatte. Die Verbände boten Jobs, die Unternehmen Trainee-Programme, und meine Freundinnen gingen reihenweise zum Staat und wurden Ministerialbeamtin und Richterin oder leiten heute irgendwo ein Finanzamt.

Angst, auf der Straße zu sitzen, hatte niemand von uns. Wir promovierten, weil es noch nicht so schnell losgehen sollte mit dem Erwachsensein, und bekamen alle entweder einen Job an der Uni oder ein Stipendium. Es war genug für alle da.

Dass es damit vorbei zu sein scheint, haben wir nicht bemerkt. Wir wurden Senior, Partner, Richter am Landgericht, Regierungsdirektor. Wir haben uns Wohnungen gekauft und Kinder bekommen. Wir sind 35. Wir fahren ein bißchen herum, wir gehen ins Theater, wir kochen, wir lesen viel und wir sehen kaum fern. Vielleicht haben wir Teile der Welt einfach ausgeblendet, weil sie nicht so schön aussehen und uns ein bißchen ratlos machen. Wir zahlen unsere Steuern, wir wählen am Ende dann doch alle grün, wir wissen auch nicht weiter, und wenn wir uns fragen, wann die Welt sich verändert hat, zucken wir mit den Achseln.

Ich weiß es nicht, sagen wir dann. Ich habe davon nichts mitbekommen.

Montag, 6. Juni 2011

Schönen Tag

"Oha.", sage ich und schüttele den Kopf. Die ausgestreckte Hand mit dem Zettel bleibt in der Luft stehen. "Vermieterterror stoppen! Wir bleiben alle!", steht auf dem Flugblatt, das offenbar die Thesen von Menschen verbreitet, die etwas gegen die marktwirtschaftlichen Gesetze der Preisbildung bei Wohnungen haben.

Den Jungen mit den Flugblättern schaue ich flüchtig an. 19 oder 20 wird er sein, vermutlich Student, schwarzgefärbte Haare und schlechte Haut, schöne Augen, aber die Hände könnten gepflegter sein und das T-Shirt nicht ganz so verwaschen.

Schnell gehe ich weiter. Ich missbillige solche Bestrebungen, wie sie der Junge vertritt. Ich habe mich sehr wenig mit diesen Dingen beschäftigt, weil ich mich für Politik nur eingeschränkt interessiere, aber ich argwöhne, dass sich der Missmut solcher Leute irgendwie auch gegen mich richtet, denn wenn man möchte, dass keine Alteingesessenen durch Zugezogene verdrängt werden, dann meint man vermutlich, dass in meiner Altbauwohnung im Bötzowkiez nicht der J. und ich wohnen sollen, sondern die Ostberliner, die hier früher irgendwann mal gewohnt haben, und die ich gar nicht kenne. Das wiederum würde bedeuten, dass ich ja irgendwo anders wohnen müsste, dabei gefällt es mir da, wo ich bin, extrem gut. Auch abseits meiner persönlichen Abneigung, den Prenzlauer Berg wieder zu verlassen, ist mir ziemlich schleierhaft, wieso es ein Recht auf Fortsetzung von Mietverträgen zu trotz Sanierung unveränderten Konditionen geben soll, nur weil jemand immer schon da war. Dass etwas schon immer so war, ist kein überzeugendes Argument dafür, dass es sich auch künftig nicht ändern solle.

Mit den Tiraden von Leuten, die aus kulturellen Differenzen moralische Überlegenheiten ableiten, beschäftige ich mich schon aus Prinzip nicht. Das ist mir zu gehässig. Ich habe registriert, dass die Gehässigkeit eher auf Seiten der sogenannten Gentrifzierungsgegner zu liegen scheint, jedenfalls habe ich umgekehrt noch keinen Schwaben anti-ostdeutsche Parolen dreschen hören, aber ansonsten finden diese Debatten weit weg von mir statt, die ich im Übrigen auch überhaupt keine Leute kenne, die so aufgeregt-unschöne Worte wie "Vermieterterror" benutzen.

"Schade. Schönen Tag noch!", grüßt der Junge mich auch ohne Flugblatt freundlich und wartet auf den nächsten Passanten. "Man kann doch nicht mit 20 schon dafür sein, dass sich nie etwas ändert.", liegt es mir auf der Zunge, aber dann sage ich nichts. "Viel Spaß und viel Veränderung.", würde ich ihm fürs Leben wünschen, aber das würde er nicht verstehen. So sage ich gar nichts. Außer: "Schönen Tag."

Dienstag, 24. Mai 2011

Die "bürgerliche Partei"

"Ich habe ja nie verstanden, was die CDU an Bürgerlichkeit eigentlich so großartig findet.", sage ich und warte auf die Peking-Suppe, die es in der Ming Dynastie an der Jannowitzbrücke so gut gibt, wie ansonsten selten. "Welchen Wert messen diese Leute Bürgerlichkeit zu, dass sie sich immerzu als "bürgerliche Parteien" vermarkten?", frage ich mein Gegenüber und freue mich über die Suppe, die braun, sauer und pfeffrig und nicht ketchuprot wie woanders vor mich hingestellt wird.

Tatsächlich halte ich Bürgerlichkeit nicht für eine Angelegenheit, der irgendeine Werbewirkung zukommt. Natürlich gibt es Verhaltensweisen, die typisch für das deutsche Bürgertum sind. Darunter gibt es grässliche Angewohnheiten. Ein unangenehmer Stolz auf Geld, Tüchtigkeit und eine humorfreie Redlichkeit etwa. Es gibt auch angenehme Seiten des Bürgertums, aber die, fahre ich fort, verkörpert die CDU eindeutig nicht.

Als positiv empfinde ich etwa den kaufmännischen Wagemut, der im 19. Jahrhundert aus Handwerksgesellen Industrielle geschaffen hat. Die Kreativität, sich in jeder Generation etwas Neues einfallen zu lassen, anders als der Adel, der stolz darauf ist, sich nie zu ändern. Die Freiheiten zu nutzen, die die Moderne mit sich gebracht hat, etwa Zeitungen zu drucken, sich niederzulassen, wo man will, nicht den Beruf zu ergreifen, den der eigene Vater hatte, und viel Geld in Kunst zu investieren. So viele Museen, Kulturvereine, Opernhäuser und Konzertsäle wie hier gibt es in der Welt selten. Die meisten beruhen auf dem guten Geschmack und der Großzügigkeit von Bürgern.

Die CDU aber steht der Moderne und ihren Freiheiten meistens eher ablehnend gegenüber. Letztlich habe ich Interview mit dem Innenminister gelesen, in der dieser eine patriotische Bratkartoffelidylle hat hochleben lassen, die lustig wäre, wäre der Mann nicht Minister. Der bei aller modernen Fassade spürbare Wunsch nach Ehen, die - welches Elend da auch sei - nicht geschieden werden, und nach Frauen, die zu Hause viele Kinder erziehen, steht zu meiner Vorstellung von Freiheit, sein Leben selbst gestalten zu können, in Widerspruch. Ich will nicht eine Lebensform als wünschenswert vorgesetzt bekommen. Ich finde es gut, wenn jeder, der niemandem schadet, auch von niemandem geringgeschätzt wird.

Ach, spreche ich weiter, und schaufele mir Reis und Hühnchen Gong Bao in mein Schälchen. Der feige, rückwartsgewandte Protektionismus, der stets unterscheidet zwischen "wir" und die "anderen". Die nationale Engherzigkeit, die sich als Heimatverbundenheit tarnt, und in Freiheit und Globalisierung immer nur ein Problem sieht und nie die Großartigkeit, die Länder wechseln zu können wie die Berufe, die Ansichten und die Partner. Das provinzielle, selbstgerechte Verhältnis zur Kunst, in der das, was nicht auf den ersten Blick dekorativ aussieht, abgewertet statt erkundet wird.

Nein, sage ich. Die CDU ist keine bürgerliche Partei. Und selbst wenn sie es wäre, fände ich es absurd, sich dessen zu rühmen.

Sonntag, 17. Oktober 2010

Man wird ja noch mal sagen dürfen.

Sie. Ja, Sie an Ihrem häuslichen Rechner. Ich möchte Sie kennenlernen, denn über Leute wie Sie weiß ich bisher nichts.

Gelegentlich begegne ich Ihnen beim Zeitunglesen im Netz, aber bis heute weiß ich nicht einmal, wie man Sie anspricht. Sagt man "Liebe Forennutzer"? Oder ist "sehr geehrte Damen und Herren Kommentatoren" besser? - "Hallo miteinander" erscheint mir etwas informell, denn so, wie Sie sich in den Foren und Kommentarsträngen zu vorwiegend politischen Artikeln etwa bei Spiegel Online, bei faz.net, sueddeutsche.de oder zeit.de äußern, scheinen Sie sich meistens so ernst zu nehmen, dass ein lässig dahingegrüßtes Winken Ihrem Geltungsanspruch möglicherweise nicht gerecht werden wird. Vielleicht sind Sie dann beleidigt. Beleidigt sind Sie - verzeihen Sie mir den Einwurf - schließlich ziemlich oft.

Ich will nicht ungerecht sein, aber der Anteil derer unter Ihnen, die sich von der Welt und der Politik beständig schlecht behandelt oder auf bisweilen diffuse Art und Weise geringgeschätzt, für dumm verkauft oder nicht ernst genommen fühlt, erscheint mir verhältnismäßig hoch. Ich teile diese Empfindung, meine Interessen würden nicht gehört, zum Beispiel nur sehr selten, aber diese Ansicht über die Einrichtung der Welt gilt Ihnen, ich habe es gelesen, entweder als naiv oder ich gehöre in Ihren Augen möglicherweise auch zu denen, die dieses Land zu ihrem Vorteil unter sich aufgeteilt haben. Die Meinung, es gebe eine Art Verschwörung wahlweise von naiven "Gutmenschen" oder von "denen da oben", die an der Mehrheitsgesellschaft vorbei Klientelinteressen bedienen, scheint unter Ihnen deutlich verbreiteter zu sein als unter Menschen, mit denen ich am Tisch sitze und Meinungen austausche, wenn mir einmal danach ist.

Überhaupt Meinungen. Ein schwieriges Thema. Ich bin mir, was die eigene Meinung angeht, oft nicht so sicher, welche Mechanismen Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft bewegen. Was rechts unten passiert, wenn man links oben an einer Strippe zieht, ist für mich oft überraschend. Ich habe mich da auch schon nicht selten geirrt. Zum einen verstehe ich nicht so arg viel von Volkswirtschaft oder Soziologie. Zum anderen ist mein Horizont ein ziemlich spezieller. Ich kenne einen eher engen Ausschnitt der Gesellschaft. Das bringt die Großstadt so mit sich; bei meinen Eltern in einem kleinen Nest von 10.000 Einwohnern ist das noch deutlich anders. Wären alle Menschen so, wie die, die mich umgeben, wäre jeder so ungefähr 35, hätten die Grünen Stimmanteile von 85%, weniger als 25% der Bevölkerung hätte ein Auto, dafür 95% einen geistes- oder gesellschaftswissenschaftlichen Abschluss und gute 75% Wohnungen am Prenzlauer Berg. Es mag deswegen sein, dass die Gesellschaft auf irgendwelche Maßnahmen oder Änderungen völlig anders reagiert, als ich es annehme. Dass das die Belastbarkeit meiner Einschätzungen beeinträchtigt, versteht sich von selbst.

Sie dagegen sind, wie ich Ihren Postings entnehme, von der Allgemeingültigkeit Ihrer Weltsicht oft auf frappierende Weise überzeugt. Andere Ansichten sind deswegen in Ihren Augen meistens keine Anregung, wie man die Welt sonst noch so betrachten kann, sondern schlichtweg falsch. Temperamentvollere Gemüter unter Ihnen sehen angesichts falscher Ansichten dann jedesmal gleich das Abendland in Gefahr. Sie sehen, wenn ich Sie richtig interpretiere, in Diskussionen nicht eine ziemlich gute Methode, die vielen gesellschaftlichen Handlungsoptionen daraufhin abzuklopfen, ob sie einerseits funktionieren und andererseits von tragfähigen Mehrheiten unterstützt werden. Sie gehen stattdessen vielfach davon aus, es gebe einen richtigen Weg zu einer guten Gesellschaft, und wer diesen nicht vertrete, sei entweder böswillig oder dumm.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, wenn Sie Entscheidungsträger in Politik oder Wirtschaft geringschätzen. Wer denkt schon gut über böse oder dämliche Personen. Was ich aber doch gern einmal von Ihnen wüsste: Glauben Sie wirklich, das alles ginge anders? Politik könnte einfach so Ihre persönliche Weltsicht vollstrecken, durchregieren, umsetzen, was Ihnen richtig erscheint? Und halten Sie Ihre Ansicht wirklich für so verbreitet, wie es bisweilen scheint? Sie identifizieren sich ja in verblüffendem Maße mit einer angeblich schweigenden Mehrheit. Woher wollen Sie das eigentlich wissen? Halten Sie es nicht für möglich, dass es Ihnen am Ende geht wie mir: Sie leben umgeben von Personen, die Ihnen vom Herkommen, vom Habitus, von den Lebensumständen und von der Weltsicht stark ähneln und verwechseln ihre persönliche Wahrnehmung mit der Realität einer komplexen Bevölkerung von 80 Mio. Menschen.

Wie diese Lebensumstände aber so aussehen, in denen Sie sich befinden, dass frage ich mich bisweilen dann doch. Ich kenne keine Leute, die mir spontan in den Kopf kommen, wenn ich lese, wie Sie sich austauschen. Oder kenne ich sie doch, aber Sie verschweigen mir Ihre Ansichten, wenn Sie mir gegenüberstehen, weil sie annehmen, dass ich diese nicht teile? Halte ich jedes Gegenüber für einen weltklug-humorvollen Liberalen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass es Leute gibt, die ich nett finde, die aber Weltsichten hegen, die ich unverständlich finde, ein wenig engherzig oder gar verächtlich? Oder leben Sie tatsächlich woanders, in kleinen Städten irgendwo am Land vielleicht oder in Spandau, Köpenick oder Wilmersdorf und ich treffe Sie deswegen nie? Sind Sie vielleicht deutlich älter als ich, vielleicht ein gelangweilter Rentner? Ich kenne quasi niemanden über 50, vielleicht liegt es daran. Ich stelle Sie mir meistens männlich vor, aber vielleicht stimmt das gar nicht? Sind die männlichen Namen, die Sie bei der FAZ angeben, vielleicht Pseudonyme und in Wirklichkeit heißt mancher Gerd Gertrud, Manuela oder Kerstin?

Aber werden wir konkret: Sind Sie verheiratet? Wann waren Sie das letzte Mal verliebt? Sehen Sie gut aus? Ich trage heute Jeans von G-Star, Chucks, ein Top von Zara und einen Cardigan vom Comptoir des Cottoniers. Was haben Sie denn so an? Haben Sie dieses Jahr schon für etwas demonstriert? Wie viel geben Sie pro Jahr für andere Menschen aus? Überhaupt Geld: Sind Sie mit Ihrem Einkommen zufrieden? Ist Ihnen Geld wichtig? Wären Sie als Unternehmer lieber Steve Jobs oder Ferdinand Piëch? Als Schriftsteller lieber Clemens Meyer, Daniel Kehlmann oder Frank Schätzing? Wer würde Sie in einem Biopic angemessen darstellen? Glauben Sie an Gott?

Ich weiß nichts über Sie. Ich würde gern wissen, wer Sie sind.

(Ich glaube, ich werde Sie nicht mögen.)

Montag, 14. September 2009

Nächsten Sonntag: Eine Ratlosigkeit

Aber seien wir ehrlich: Ganz egal ist es natürlich nicht, wer nächsten Sonntag gewinnt, und die Entscheidung fällt mir schwer:

Da hätten wir zunächst einmal die CDU. Ein bißchen unangenehm, das ist wahr, ist mir bereits die kulturelle Heimat der deutschen Konservativen in einer so etwas muffigen Welt aus Schützenkönigen und Hausfrauen und Rentnern, die jede Woche ihren Rasen mähen. Was die Modernisierung der CDU angeht, traue ich dem Braten nicht so recht. Mag sein, man tut der CDU unrecht, aber ich werde das Misstrauen nicht los, dass die Ressentiments gegen die Unordnung der großen Städte, Lebensformen, die anders aussehen als Kleinfamilien mit Kombi, noch ganz dicht unter der aufpolierten Oberfläche lauern, und die CDU, kurz gesagt, für ein anderes Deutschland steht als das meine. Nun soll man Wahlentscheidungen nicht anhand ästhetischer Kriterien treffen. Doch allein schon wegen des Umstandes, dass die CDU die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken befürwortet, geht meine Stimme nächsten Sonntag wohl eher nicht an Frau Merkel.

Die FDP wähle ich nicht. Gegen die FDP spricht - neben der Frage der Kernkraftwerke - ein Grundmisstrauen. Ich habe nichts gegen einen gewissen Unernst und den Wunsch, Karrierre zu machen. In meinen Augen ist es normal, dass jemand, der Politik betreibt, regieren will. Ich habe auch nichts gegen SUV-Fahrer. Ich hege keine Abneigung gegen Zahnärzte. Die intellektuelle Unredlichkeit der FDP aber hinsichtlich der Frage, wie Gesellschaft aussehen soll, empfinde ich als unangenehm und als feige. Wer eine Klientelpolitik betreibt darf nicht sich und anderen weismachen, dies gehe ohne Opfer an anderer Stelle ab. Wer den wirtschaftlich und gesellschaftlich Erfolgreichen weitere Vorteile verschaffen will, handelt unredlich, wenn er dies moralisch auflädt. Es ist jedem normalen Menschen klar, dass Leistung nur sehr teilweise über individuellen Erfolg bestimmt. Erleichterungen für ohnehin nicht sonderlich Belastete als Leistungsprämie auszugeben, widerstrebt mir. Ich werde die FDP - so viel steht fest - nicht wählen.

Mit der SPD ist es ebenfalls nicht einfach. Ich habe an sich gar nichts gegen die SPD. Dass ihr Spitzenkandidat nicht gerade das ist, was man einen Charismatiker nennt, nun gut: Das unterscheidet ihn nicht von der Konkurrenz. Wenn die SPD Klientelpolitik betreibt (von der ich nicht profitiere), dann hat dies zumindest nicht den unangenehmen Beigeschmack wie bei anderen Parteien, hier würde eine gesellschaftliche Gruppe eine ohnehin starke Position ausnutzen, um sich weitere Vorteile zu verschaffen. Auch die Agenda 2010 hat mir einigen Respekt abgenötigt.

Indes: Die Ansichten der Sozialdemokratie über die Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik teile ich ganz ausgesprochen nicht. Die sozialdemokratische Bildungspolitik halte ich für ein Verhängnis. Ich glaube nicht, dass das gemeinsame Lernen Kindern nützt, und sehe Bildung - anders als weite Teile der Sozialdemokratie - nicht als ein Instrument gesellschaftlicher Veränderung. Zudem irritiert mich an der SPD der durchaus beschränkte Radius ihrer Phantasie, das Defensive eines Kampfes um Arbeitsplätze in einer industriellen Welt, die ich als gestrig empfinde, und das Würdelose, wenn die SPD versucht, auf neue Milieus zuzugehen. Ich mag auch die meisten SPD-Politiker nicht. Ich könnte mir eine SPD in der Opposition für die nächsten zwei, drei Wahlperioden gut vorstellen, wenn denn die Alternativen nicht gar so unattraktiv wären. Wählen werde ich die SPD aber schon deswegen nicht, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass das Versprechen, mit der in meinen Augen ganz und gar unseriösen Linken nicht zu koalieren, besonders lange hält.

Mit den Grünen ist es aus diesem Grunde diesmal leider auch schwierig. Kulturell bin ich im grünen Milieu wahrscheinlich am ehesten daheim. Das grüne Personal irritiert mich relativ gesehen noch am wenigsten. Die Betonung ökologischer Fragen auch unabhängig von Nützlichkeitserwägungen halte ich für ebenso richtig wie die grüne Politik im Umgang mit Minderheiten. Was die Bildungspolitik angeht, halte ich die Grünen (sonderbarerweise - im Programm steht bekanntlich etwas anderes) für vernünftigem Zureden empfänglicher als die insgesamt durchaus etwas bildungsferne SPD. Es kann sein, dass ich nächsten Sonntag wieder bei den Grünen lande. Aber die rot-rot-grüne Option gefällt mir dermaßen gar nicht, dass ich vielleicht, möglicherweise und erstmals bei einer Bundestagswahl zu Hause bleibe. Jedoch ist dies natürlich auch keine Alternative, denn regiert, regiert wird am Ende sowieso, ob nun mit oder ohne meine Stimme.

Doch wie die Regierung auch immer aussehen wird: Ich werde nicht glücklich sein, nächsten Sonntag.

Sonntag, 9. August 2009

Die Anderen

Ab und zu spreche ich mit Leuten, die sich beruflich mit Politik beschäftigen, und die Gespräche verlaufen dann oft ein wenig ungut: Ich sage, was ich über irgendetwas denke, und mein Gegenüber verweist auf die Anderen. Die Anderen, die das, was ich will, nicht wollen. Die Anderen finden etwa, wie ich bisweilen höre, Arbeitsplätze seien wichtiger als Ökologie. Sie finden Protektionismus gut. Sie sind stolz auf deutsche Autos. Sie haben mehr Angst vor Kriminalität als vor einem Polizeistaat. Alle diese Annahmen teile ich nicht, aber wie man mir sagt, komme es auf meine Überzeugung nicht an. Die Anderen seien nämlich zahlenmäßig viel, viel stärker als Leute, die ähnlich denken wie ich, und deswegen seien Leute wie ich als Wähler im Grunde zu vernachlässigen.

Dies allein wäre nun an sich unproblematisch. Es gehört zum Wesen einer Demokratie, dass Minderheiten sich selten durchsetzen. Zum Problem wird der Glaube an die Anderen aber durch die Annahme, die Anderen seien ein bißchen blöd. Diesen Hinweis höre ich öfters, etwa, wenn ich das Niveau der politischen Auseinandersetzungen als einen der Gründe benenne, weshalb ich mich mit Politik ungern beschäftige. Mir ist - neben der Abwesenheit wirklicher Diskussionen - zudem die Inszenierung von Politik unangenehm, das Anbiedern, die Schauspielerei, der Politiker (im besten Fall ein Visionär, im schlechteren der unbegabte Leiter einer Behörde) sei eigentlich ein Jedermann und unterscheide sich nicht von seinen Wählern. Ich leide bei derlei Bildern stets ein wenig an der mit Händen zu greifenden Herablassung, die aus solchen Szenen spricht. Die Anderen, sagt man mir, wollen das aber so. Die Anderen wollen Politiker zum Anfassen (wie man so sagt), die auch in der Schrebergartenkolonie eine gute Figur machen. Die Anderen merken dabei angeblich nicht, dass man sie sehr sichtbar nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe betrachtet.

Für die Politik bedeutet dieser Glaube an die Beschaffenheit der Anderen eine große Versuchung, der sie keineswegs standhält. Gilt der größere Teil der Bevölkerung als dumm, so muss und kann das politische Handeln ihnen gegenüber nicht mehr verteidigt, diskutiert und gerechtfertigt werden. Wer glaubt, seine Wähler seien zu dumm, um überzeugt zu werden, wird um so mehr Kinder tätscheln, markige Rede halten oder derlei Dinge mehr. Nimmt man an, der Rest der Bevölkerung sei möglicherweise normal intelligent, aber zu klein, um Wahlen zu entscheiden, so wäre es unökonomisch, die Diskussion mit diesen Leuten zu führen.

Politik wird durch das Axiom der Dummheit der Anderen damit ein unernstes Geschäft, ein bißchen wie Waschmittelwerbung oder das Self-Marketing von Fernsehschauspielern. Diese dem Ernst der zu klärenden Fragen letztlich unangemessene Leichtigkeit ist dem politischen Betrieb nun aber nicht peinlich. Aus irgendwelchen, von außen schlecht durchschaubaren Gründen, ist man vielmehr stolz auf die Annahme, Wahlen würden durch Manipulation dummer, eher ressentimentgetriebener, jedenfalls ein wenig subalterner Menschen gewonnen. Es mag sein, dass hierbei ein gewisses Überlegenheitsgefühl mitspielt, und wie immer, wenn eine These für denjenigen, der sie vertritt, sehr angenehm ist, wird am Glauben an die Dummheit der Anderen auch dann festgehalten, wenn er sich in der Praxis nicht bewährt, und die Anderen nicht dankbar, sondern ablehnend reagieren, wenn die Politik ihre vermeintlichen Affekte bedient: Statt das Axiom von der Dummheit der Anderen fallenzulassen, nimmt der politische Betrieb an, man sei ihr entweder noch nicht weit genug entgegengekommen, oder die Anderen hätten - dämlich wie sie sind - die Erfüllung ihrer Wünsche durch die Politik nicht verstanden. Das ist dann der Zustand, in dem das Schlagwort vom Vermittlungsproblem fällt.

Dass es aber möglicherweise die Anderen in dieser Form nicht gibt, dass die Mehrheit der Leute, die wählen gehen, großmütiger, mutiger, weltoffener und kreativer sind, als ihnen die Gewählten und ihr Tross zutrauen, dass Leute oft dann klug reagieren, wenn man ihre Klugheit anspricht: Dass bezeichnet der Betrieb gern kopfschüttelnd (aber Modeste!) als ein wenig naiv.

Ich glaube aber trotzdem, dass es stimmt.

Sonntag, 8. März 2009

Für ein kluges Mädchen

"Frauen verdienen 23% weniger als Männer."

Sie sind, meine Liebe, eine gute Schülerin, und Ihnen stehen – wie man so sagt – alle Wege offen. Ihr Direktor hat Sie bei der Studienstiftung vorgeschlagen. Ab Herbst studieren Sie Jura. Sie waren vorletztes Jahr Schülersprecherin, und außerdem engagieren Sie sich für den Artenschutz oder für Menschenrechte in China oder sammeln Geld für Kampagnen, damit die Afrikaner endlich aufhören, ihre Töchter zu beschneiden. Ich mag Sie gern.

In den nächsten Jahren werde ich Sie etwas aus den Augen verlieren, weil Sie zwei, dreimal die Uni wechseln, einen Haufen Praktika machen, bei der UNO zum Beispiel oder bei einem bekannten eher linksliberalen Anwalt, der gern beauftragt wird, wenn es um Regierungspfusch oder fiese Großkonzerne geht, derlei Dinge. Vielleicht haben Sie irgendwas mit Attac zu tun, und wenn Ihre Eltern Ihnen vorschlagen, bei mir ein Praktikum zu absolvieren, dann werden Sie ablehnen, weil Sie Wirtschaftskanzleien nicht mögen.

Möglicherweise werde ich Ihnen in vier Jahren auf der Straße begegnen und Sie sind gerade aus Yale zurück, gehen das erste Staatsexamen an, bestehen glänzend und werden dann promovieren. Ich bin mir sicher, Ihre Diss wird gut. Vielleicht bekommen Sie sogar einen Preis. Hübsch werden Sie sein, wenn ich Sie das nächste Mal sehe, nicht allzu sehr, sondern eher auf die lässige, etwas beiläufige Art und Weise, in der Mädchen Mitte 20 gut aussehen: Sie werden Ihr Geld fürs Ausgehen ausgeben und für Reisen nach Südamerika oder Asien, und dafür zupfen Sie Ihre Augenbrauen ab und zu selbst und gehen ziemlich selten zum Friseur. Ihre Tasche ist von H&M. Sie haben einen Freund, der auch irgendetwas studiert, angewandte Kulturwissenschaft vielleicht, Politologie und Geschichte, und den Sie bei irgendeinem Praktikum aufgegabelt haben oder in irgendeinem Aktionsforum für sonst was.

Im Referendariat werden Sie von Kanzleien eingeladen, die gute Absolventen in teure Restaurants führen. Sie werden ein- oder zweimal mitgehen. Es wäre gelogen zu behaupten, dass das Setting Sie nicht beeindruckt, aber die Leute gefallen Ihnen nicht, und was Sie von den Jobs der Rainmaker hören ist alles nicht so, dass Sie es einmal versuchen wollen mit den großen Rädern. Kluge, geldgeile Zyniker sehen Sie in den Leuten, die Ihnen etwas erzählen von den Chancen einer großen Kanzlei. Im Durchschnitt halten es die Leute zwei Jahre bei den Läden aus, erzählt Ihnen jemand, und Sie fröstelt. Das wollen Sie nicht.

Mit Ihrem Freund aus dem Studium sind Sie dann schon lange nicht mehr zusammen. Es wird gar nicht der Job gewesen sein, den Ihr Exfreund gern gehabt hätte und nicht gefunden hat, und auch nicht die miese Laune, die ein angewandter Kulturwissenschaftler nun einmal hat, wenn er den ganzen Tag telefonieren oder Kaffee kochen oder blöde Listen abtippen muss. Es hat nur am Ende – sagen Sie – dann irgendwann nicht mehr gestimmt.

Vielleicht arbeiten Sie in acht oder neun Jahren bei einer NGO. Sie erhalten nicht ganz soviel Geld wie die wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Uni mit ihren halben Stellen, arbeiten dafür aber mehr als Vollzeit, und wenn Ihr Chef vor die Presse tritt und irgendetwas erzählt, was Sie vorher sorgfältig ausgearbeitet haben, dann fühlen Sie sich nicht gut. Sie spüren so langsam, wie Ihre Freunde nach und nach beginnen, sich in Bars zu verabreden, die Ihnen zu teuer sind, und ab und zu ein Wochenende zusammen wegfahren – Shoppen in London, Wellness an der Ostsee oder so – und Sie nicht gefragt werden, weil jeder weiß, dass Sie sich das nicht leisten können.

Sie haben die eine oder andere Freundin, die auch wenig verdient. Bei der einen stimmen die Examina nicht. Die andere arbeitet auch halbtags für irgendeinen guten Zweck, aber ihr Freund ackert sich gerade in irgendeinem Unternehmen einen goldenen Wolf, und wird dann auch flugs geheiratet. Sie sind – knapp vor Ihrem 30. Geburtstag – allein und jammern nur noch halbironisch abends mit einigen Freundinnen beim Wein, dass es so viele großartige Frauen gebe, klug, selbständig und kritisch, und viel zu wenig tolle Männer. Dass auch die halbtollen Männer nicht gerade Schlange stehen, weil irgendwann um das 30. Lebensjahr herum das gute Aussehen ein aufwendigeres und kostspieligeres Projekt wird, als Sie sich leisten können und wollen, wird Ihnen manchmal klar, aber Sie wollen sich – wie Sie sagen – nicht verbiegen. Sie wollen geliebt werden, wie Sie sind. Vielleicht haben Sie Glück, und es haut noch hin – irgendwann zwischen 30 und 40 – mit einem anderen angewandten Kulturwissenschaftler oder Germanisten und vielleicht bekommen Sie ein Kind.

Falls ich Sie dann irgendwo treffe, geht es Ihnen hoffentlich gut. Sie werden 40 sein, und ich bin 53. Wir werden anstoßen, auf das gute Leben, und ich hoffe, der Preis, den Sie gezahlt haben werden für Ihre Konsequenz, ist Ihnen auch in der Rückschau nicht zu hoch. Aber wenn Sie sich fragen, warum mehr Frauen als Männer diesen Preis zu zahlen bereit sind, dann werde ich schweigen und mit den Achseln zucken, denn ich weiß es nicht.

Aber dass dieser Preis fällig wird, sollten Sie wissen. Jetzt und nicht erst 2028.

Montag, 2. Februar 2009

Rede an die alten Männer

Gewiss, Sie können noch. Sie können noch Motorrad fahren. Sie können aus Ihrem Porsche steigen, nicht viel langsamer als vor zwanzig Jahren. Sie können - davon sind Sie überzeugt - beruflich ziemlich viel sogar besser als ein Dreißigjähriger, und dass, was Sie nicht können, erwartet auch keiner von jemandem in Ihrer beruflichen Position.

Die Frauen gefallen Ihnen nach wie vor. Sie sind gut im Spiel, glauben Sie, schließlich verdienen Sie heute besser als jemals in Ihrem Leben, und die Hemmungen von vor dreißig Jahren haben Sie irgendwann am Wegesrand liegen gelassen. Fragen kostet nichts, und Sie wissen, wie man fragt, um im Notfall ohne Gesichtsverlust den Rückzug anzutreten. Die Politik aller Lebensbereiche dagegen langweilt Sie ein bisschen. Sie wissen, wie der Betrieb funktioniert, in dem Sie stecken. Sie wissen, wie jeder sich speziell für das Zentrum der Welt hält, und Sie wissen auch, wie man andere glauben macht, das Zentrum der Welt zu sein. Sie haben bluffen gelernt in den vielen Jahren.

Auf dem Wellenkamm Ihrer Jahre glauben Sie sich damit nach wie vor. Dass Alter Ansichtssache sei, behaupten Sie gegenüber sich und allen anderen, und meistens traut sich niemand, Ihnen zu widersprechen. Indes sei Ihnen versichert: Sie liegen falsch.

Natürlich: Ein alter Mann darf vieles. Ein alter Mann darf Zigarren rauchen und viel, viel Geld ausgeben für gutes Essen. Ein Mann von dreißig, gar ein Junge von zwanzig Jahren wirkt stets ein wenig naseweis und blasiert, kennt er sich mit Wein aus, und diniert er im Vau mit seiner Freundin, so sieht das oft nicht gut aus, ein wenig sehr nach goldener Jugend und Nutzlosigkeit. Ein junger Mann sollte deswegen sorgfältig wählen, wo er isst, stets etwas günstiger, als er es sich eigentlich leisten kann, aber ein alter Mann soll zu leben verstehen, denn es gibt kein gutes Bild, wenn ein alter Mann zu lässig lebt. Ein junger Mann mit einer Bierdose sieht oft nicht einmal schlecht aus, und ein Essen aus dem Pizzakarton gehört zu den verzeihlichen Fehlern der Jugend. Ein alter Mann mit einer Tiefkühllasagne dagegen ist schlechthin erbärmlich.

Das könne sich aber nicht jeder leisten, sagen Sie? Nun, ein alter Mann – und das ist keine populäre Ansicht – hat Geld zu haben, wenn er leben will. Ein junger Mann kann an fremden Buffets schnorren, auf Empfängen herumlungern, auf denen er nichts zu suchen hat, und sich immerzu einladen lassen. Ein alter Mann hat Erfolg gehabt zu haben, und wenn er kein Geld hat, ist das ein erheblicher Schönheitsfehler. Armut hört irgendwann ab 35 auf, pittoresk auszusehen, und es bedarf einiger Anstrengung, um als alter Mann ohne Geld ein gutes Bild abzugeben. Es ist möglich, gewiss, aber einfach ist es nicht, sondern viel, viel schwieriger zu tragen als die kokette Geldverlegenheit eines Zwanzigjährigen.

Keinesfalls aber sollte Sie dies empören. Empörung ist ganz generell eine gefährliche Sache für einen alten Mann, denn Zorn über die bestehenden Verhältnisse, umstürzlerische Reden oder gar Taten sehen leicht ein bisschen lächerlich aus, wenn man Teil dieser herrschenden Verhältnisse ist, und das auch schon ziemlich lange. Ist man es aber nicht, tut man besser daran zu schweigen, denn unfreiwillige Erfolglosigkeit ist im Alter, wenn sich hieran nichts mehr ändern lassen wird, schon fast eine tragische Sache. Haben Sie dagegen den Erfolg nie gesucht, nun gut, dann können Sie aus sicherer Distanz über die Betriebsamkeit Jüngerer spötteln, aber seien Sie vorsichtig: Man wird bemerken, wie es mit der Freiwilligkeit Ihres Lebenslaufs steht.

Überhaupt sollten Sie den scharfen Blick Ihrer Umgebung nicht unterschätzen. Wo sich ein junger Mann auf eine freundlich-augenzwinkernde Nachsicht verlassen darf, was auch immer er treibt, wird man Ihnen auch dann auf Ihr Sollkonto buchen, wenn Sie glauben, dass es keiner merkt. Man sagt Ihnen nicht viel über Ihre Wirkung, etwa auf Ihrem Motorrad oder in Ihrem Wagen, aber seien Sie versichert: Man sieht. Man sieht eine ganze Menge, und dass niemand etwas zu Ihnen sagt, liegt ein bisschen an Respekt vor Ihrer Lebensleistung und in erheblichem Maße daran, dass jeder annimmt, Sie anzusprechen habe ohnehin keinen Zweck. Und: Ja, das gilt auch für die Frauen. Denn machen Sie sich nichts vor: Keineswegs ist Alter kein Hindernis. Natürlich gibt es vereinzelte Frauen, die Alter anzieht, aber das sind seltene Fälle. Die meisten Frauen der Altersstufen, denen Sie sich noch gewachsen fühlen, finden Annährungen dreißig Jahre älterer Männer bisweilen befremdlich, manchmal geradezu abstoßend, und dass Sie nicht mehr angewiderte Blicke ernten, wenn Sie fragen, wie es denn aussehe, liegt im Wesentlichen an der Harmoniebedürftigkeit der meisten Frauen und nicht daran, dass Sie gut gefallen.

Das sei ungerecht, sagen Sie, aber bedenken Sie doch: Frauen geht es schon seit zwanzig Jahren so, und ungefähr das, was Sie als Dreißigjähriger über die Kontaktversuche einer zwanzig Jahre älteren Dame gedacht hätten, wird Ihnen nun entgegengebracht, es sei denn, Sie sind sehr reich oder berühmt, und auch dann sollten Sie sich nicht vormachen, attraktiver zu sein als Sie sind. Überlegen Sie also gut, was Sie sich und Ihrem Gegenüber zumuten.

Was Ihnen dann noch bleibt, wollen Sie wissen? Sie werden es nicht gern hören, aber: Gutes Essen und herbstliche Gespräche vielleicht. Spaziergänge im raschelnden Laub. Die Literatur, Musik (aber hüten Sie sich vor elektrischen Gitarren), und wenn Sie die Frauen nicht lassen können, bewundern Sie auf Abstand. Seien Sie demütig: Wenn Sie wider Erwarten gefallen, seien Sie dankbar. Genießen Sie die letzten vollen, goldenen Tage Ihres Lebens und nehmen Sie Ihren Abschied ohne Bitterkeit. Er lässt sich so oder so nicht vermeiden.

Sonntag, 7. Dezember 2008

Konjunkturfeste

Eine repräsentative Umfrage bei einer Privatveranstaltung hat übrigens ergeben, dass 30 – 35 Jahre alte Juristen aus Westdeutschland mit Erstwohnsitz in Berlin, Prenzlauer Berg, Konjunkturprogramme durch bürgerbezogene Direktzahlungen engagiert befürworten. Gleichzeitig wird die Sorge, dass Schecks nicht den inländischen Unternehmen zugute kommen, sondern den Herstellern bevorzugt fernöstlicher Unterhaltungselektronik zufließen, weithin geteilt. Auch die Befragten würden eigener Aussage zufolge, stünde ihnen das Geld ohne Auflagen zur Verfügung, nur sehr teilweise deutsche Produkte erwerben. Stattdessen wurde von den sechs Teilnehmern der Umfrage in den Abendstunden des gestrigen Tages unter anderem angegeben, sie würden mit staatlichen 500 Euro einen halben Anzug von Prada, ein Abendtäschchen von Gucci oder schlicht mehrere Flaschen Dom Pérignon erwerben.

Dies indes kann nicht Sinn und Zweck eines staatlichen Ausgabeprogramms sein. Die Verfasserin dieser Zeilen empfiehlt daher, die Schecks vom Fiskus mit einer Auflage zu versehen: Dieses Geld ist ausschließlich zu verfeiern.

Die Vorteile einer solchen Auflage wären mannigfaltig. So bliebe – dies zunächst – so gut wie alles Geld im Lande, denn nicht die Produzenten ausländischer Erzeugnisse würden gestützt, nein, der Blutwurstritter in Neukölln oder das Lafayette am Gendarmenmarkt würde mit der Lieferung wohlschmeckender Buffets beauftragt. Räume in deutschen Gaststätten würden gemietet. Heimische DJs würden angeheuert, Blumenhändler mit der Ausschmückung von Festsälen beauftragt, die Pâtisserie Albrecht mit der Lieferung von Mitternachtstorten betraut, und dort, wo die Opulenz der geplanten Feste den Rahmen der staatlichen Zahlung überstiege, täten sich Freunde und Verwandte zusammen.

Unerwartet üppig wäre etwa auch der Absatz der Winzer an Nahe, Mosel und Rhein. Die teuersten Gewächse würden kistenweise geordert, die man sonst aus Kostengründen nur glasweise bestellt. Der deutsche Sekt, sei’s Riesling, sei’s Burgunder, würde in dickem Strahl die Gläser füllen, Kerzenziehereien kämen mit der Ausführung der Orderlisten kaum nach, und die Heißmangeln der Republik würden im Schichtbetrieb Tischdecken und Servietten plätten.

Alle Deutschen wären natürlich immerzu eingeladen, wochen-, ja monatelang. Die Stimmung der Bundesbürger wäre deswegen geradezu berstend grandios. Liebespaare würden sich finden, Freundschaften vertieft oder geschlossen, alte Feindschaften würden im Rheinwein ertränkt, und weil Wirtschaft, habe ich gehört, grundlegend auf Psychologie basiert, würde auch diese von der allgemeinen Befindlichkeitsoptimierung profitieren, denn vor lauter Fröhlichkeit würden die Deutschen ihre sprichwörtlich hohe Sparquote ein wenig absenken und mehr Geld ausgeben für schnelle Kraftfahrzeuge, ansehnliche Kleider oder hübsche Gegenstände für ein schöneres Heim.

Im Ausland würde bedingt durch diese Maßnahmen das deutsche Ansehen drastisch steigen, wie ja auch etwa die Fußballweltmeisterschaft dem Image der ansonsten als etwas verkniffen geltenden Deutschen förderlich gewesen sein soll. Aus aller Welt würden lebenslustige Menschen jeden Alters nach Deutschland kommen, sich unter die feiernden Menschen mischen, Geld ausgeben für Hotelzimmer, Taxis und Friseure und heimgekehrt ihre Regierungen nötigen, Gleiches zu tun.

Die europäische Konjunktur wäre gerettet.



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