Über Maschinen

Donnerstag, 17. September 2009

Die Lautlosigkeitsmaschine

Als sich im Anna Blume die Mixer drehen und jedes Wort zerhäckseln, fällt mir die Maschine wieder ein.

Maximal mittelgroß müsste sie sein, damit man sie stets dabeihaben könnte. Vielleicht könnte man die Maschine sogar mit dem Telephon kombinieren, das eine Extrataste für Stille haben sollte, vielleicht eine kleine Raute am Rand. Ähnlich wie ein schalldämpfender Teppich sollte die Maschine Geräusche verschlucken. Still würde die Welt, drückte jemand die Maschine, und wer anderen etwas mitzuteilen hat, könnte das nur noch schriftlich tun. Um sehr wichtige und angemessene Konversation nicht zu unterbinden, könnte man (als Vorschlag zur Güte) vielleicht auch das menschliche Wort abweichend von allen anderen, komplett zu eliminierenden Geräuschen nur auf ein leises Flüstern und Zirpen dämpfen. Weil sich "Sie Hornochse" oder so gewispert gar nicht so gut macht, würden Gespräche auch viel weniger aggressiv.

Endlich hätten die meisten Menschen ausgeschlafen. Die Geschlechterbeziehungen würden unendlich profitieren, hörten die meisten Menschen endlich mit den Versuchen auf, sich einander verständlich zu machen. Im Berufsleben würde eine drastische Verkürzung der Arbeitszeiten aus dem Wegfall endloser Meetings resultieren. Statt dessen schrieben Kollegen sich kurze, präzise E-Mails. Auch die Tierhaltung würde weniger strapaziös. Eine gemischte Bebauung auch in urbanen Siedlungsräumen würde reibungsloser und frei von Störungen fast jedweder Art. Die Wirtschaft würde gleichfalls proftieren von dem Boom der Lautlosigkeitsmaschinen, die sich sicher auch als echter Exporthit erweisen würde, und wer die Vorteile der Lautlosigkeit dauerhaft genießen wollen würde, würde sich zum wirtschaftlichen Vorteil der Mediziner auf eigene Kosten die Trommelfelle entfernen lassen.

Falls man es sich anders überlegt, kann man jene ja für den späteren Gebrauch irgendwo aufbewahren lassen.

Montag, 29. Dezember 2008

Bobby Fischer

Am 25. Dezember mache ich die Spülmaschine an, und die Spülmaschine macht merkwürdige Geräusche. Irgendetwas schabt, und das Geschirr bleibt schmutzig. Am 26. Dezember versuche ich es noch mal. Das Ergebnis überzeugt mich nicht: Meine Teller sind nach wie vor nicht sauber, das Besteck schimmelt inzwischen, und der Geschirrspültab liegt unaufgelöst im Sieb. Diese Maschine, soviel ist klar, ist kaputt. Am 29. Dezember rufe ich beim Wartungsdienst an. Man werde, verspricht man, bis sechs jemanden schicken.

Um zehn vor sechs klingelt es an der Tür. „Vierter Stock“, posaune ich in die heftig knackende Gegensprechanlage und bleibe in der Wohnungstür stehen. „Wir haben auch einen Fahrstuhl!“, rufe ich, als ich Treppensteigen höre. „Schon da, schon da.“, keucht es von unten. Dann erscheint - gütiger Gott! - Bobby Fischer. Der Schachweltmeister von 1972 steht selbst, höchstpersönlich und unverkennbar in der Tür. Ich bin überwältigt.

„Sind sie es wirklich?“, verkneife ich mir mühsam, denn hier – das ist mir sofort klar – soll ein Inkognito gewahrt werden. Ganz schön mutig, denke ich, einfach so in einer Monteursjacke durch Berlin zu laufen. Nicht einmal den Bart hat er abgelegt. Auch der leicht irre Blick belegt die Identität mit dem offenbar keineswegs in Island am Nierenleiden Verstorbenen.

Keuchend, schließlich ist Fischer auch nicht mehr der Jüngste, macht sich der Schachmeister an der Maschine zu schaffen. Es sei der Spülkasten, höre ich. Mit irgendwelchen Geräten werkelt Fischer im Inneren meines Haushaltsgeräts herum. 200 Euro, höre ich, koste die Reparatur. Dann taucht Fischer wieder auf. Ob er ein Glas Wasser ....? Aber klar. Ich fülle einen Becher. - „Spielen Sie Schach?“, frage ich nun doch so harmlos wie möglich. Fischer, so meine ich, schaut durchaus ein wenig irritiert. „Früher mehr als heute.“, antwortet er aber tatsächlich. Er scheint sich sehr sicher zu fühlen, schießt es mir durch den Kopf. Nun, denke ich. Vielleicht doch besser nicht bohren. Paranoiker können manchmal unberechenbar sein. Fischer hantiert weiter, diesmal an den Schaltern. Die Elektronik, sagt er, sei okay.

Die Reparatur mache quasi keine Arbeit. Drei Tage würde ich warten müssen, maximal. „Das weden sie schon schaffen!", wird Fischer jovial, zwinkert tatsächlich ein bißchen und hält mir die Auftragsbestätigung hin. "Sie müssen hier unterschreiben.“, deutet er auf eine punktierte Linie. Neben meiner Unterschrift unterschreibt, etwas umständlich, Fischer selbst. Ein unleserlicher Schnörkel. - „Wie heißen sie?“, frage ich, starre auf den Zettel und lächele. Fischer schaut auf, öffnet verlegen ein paar Mal die Spülmaschine, schließt sie wieder und sagt sehr schnell etwas, was Neumann heißen könnte. Oder so ähnlich.

Das müssen sie sich doch vorher überlegt haben, liegt es mir auf der Zunge. Nun, denke ich. Vielleicht ist Fischer noch nicht arg lange hier? Möglicherweise ist dies der erste Auftritt nach dem geheimen Umzug nach Berlin? Oder Fischer ist schon monatelang in der Stadt, hat Hunderte von Spülmaschinen repariert, aber es hat noch nie jemand gefragt? Oder er hat sein Inkognito zwischenzeitlich vergessen?

„Ich fahr’ dann mal.“, beeilt er sich auf einmal, loszukommen. Die Maschine nimmt er mit. Man werde mich anrufen, wenn die Reparatur abgeschlossen sei, teilt er mir zum weiteren Procedere mit und verabschiedet sich mit einem herzhaften "Tschüssikowski."

Mittwoch, 16. April 2008

Besichtigung der Maschinen

Möglicherweise (und dies ist tunlichst zu vermeiden), gerät man auch selbst in den offenen Trichter. Wenn man beispielsweise sich etwas zu weit vorbeugt, um zu sehen, was innerhalb des Gehäuses geschieht, so könnte man – Gott verhüte das – das Gleichgewicht verlieren und fiele nach vorn.

Schon oft hat die Geschäftsführung erwogen, den Trichter durch eine Befestigung zu sichern. An Gitterstäbe hat man gedacht. An einen Zaun. Am sichersten wäre es natürlich, man würde die Besichtigungen ganz und gar verbieten, aber solche Pläne haben mehrfach eine solche ganz unglaubliche und unwiderstehliche Entrüstung der Öffentlichkeit ausgelöst, dass die Geschäftsführung eilig dementierte. Niemand habe vor, die Menschen auszusperren von dem, was hier geschieht.

Die Öffentlichkeit hat, was solche Dinge angeht, ein feines Gespür. Tatsächlich kann man nirgendwo sonst die Maschinen so deutlich arbeiten sehen wie hier. Nur hier sieht man bis auf den Grund. Nur hier, am Rand unseres Trichters, kann man den Druck der Kolben verfolgen über die Schwungräder hinweg bis zum Federwerk, und sogar, wie manche sagen, bis zur Innenkammer und bisweilen hinein.

Nicht jeden lässt die Geschäftsführung ins Maschinenhaus. Die Wartelisten sind lang. Viel mehr Menschen würden zum Trichter drängen, ließe man jeden zu. Nehmen sie es also als eine Auszeichnung, bis hierher vorgedrungen zu sein. Sie werden alles sehen, aus nächster Nähe. Vor ihren eigenen Füßen.

Aber passen sie auf.

Montag, 25. Dezember 2006

Die Maschine

Die Gänse sitzen also auf einer Art Fließband, sagt er und zeigt mit der Hand, wie schnell das Fließband zur Maschine führt. Sehr surreal sehe das aus, die vielen weißen Gänse, die alle zur Maschine fahren. Die Werkshalle hätte übrigens nichts Bäuerliches an sich, keine kopftuchtragende, resche Magd säße da, wie man sich das ja so vorstellt, naiverweise, sondern erst einmal wäre da nichts als eine Art Falltür, aus der jeweils eine einzelne weiße Gans auf das Fließband fällt, und dann geht die Klappe für einen Moment wieder zu, damit die Gänse jeweils im richtigen Abstand zur Maschine fahren.

Das alles sei sehr genau aufeinander abgestimmt. Wenn das Band still stünde, so fielen automatisch keine Gänse mehr aus der Klappe, und umgekehrt. Die ganze Taktung verlaufe aber vollständig maschinell, so dass in der ganzen großen Halle voller Gänse nur zwei Menschen stünden. Einer der beiden säße in einer Art Führerhäuschen und hätte die Aufgabe, die Maschine an- und abzuschalten, wenn Fehler auftreten oder irgendetwas sonst nicht funktioniert. Das sei sehr langweilig, denn an den meisten Tagen verlaufe alles reibungslos, und selbst wenn mal etwas sein sollte, dann hielte der Mann in dem Häuschen eben die Maschine an, die Klappe bliebe verschlossen, und Leute kämen, die die Maschine wieder in Ordnung brächten. Eine wenig anspruchsvolle Arbeit sei das also, genau das richtige für Rentner, die sich etwas dazu verdienen möchten.

Der zweite Mann in der Halle stünde direkt neben der Maschine. Seine Aufgabe sei es, die heranfahrenden Gänse zu packen und ihnen ein langes Rohr in den Hals zu schieben. Dieses Rohr sei mit einem Schlauch verbunden, durch den stetig ein Futterbrei geleitet werde. Dieser Futterbrei sei es, dem die Gänse ihre außerordentliche Konstitution verdanken.

Wenn das Rohr im Hals der Gans stecken würde, so sei es die weitere Aufgabe des Mannes an der Maschine, das Rohr rechtzeitig zu entfernen. Die Gans könne sich gegen die Nahrungsmittelzufuhr nicht wehren und würde Schaden nehmen, wenn ihr mehr Futterbrei eingeführt würde, als in ihren Magen passt. Es seien schon Gänse geplatzt, wenn der Mann an der Maschine unachtsam gewesen sei. Damit dies nicht geschehe, blinken immer dann, wenn der Mann das Rohr in die Gans einführt, Lämpchen auf, die wieder erlöschen, wenn genug Futterbrei geflossen ist.

Die Arbeit dieses Mannes kann nicht durch eine weitere Maschine ersetzt werden. Zwar habe es Versuche gegeben, die Gänse mit einer Art automatisierter Rundzange am Kopf zu packen und ihr den Schnabel zu öffnen. Da die Gänse sich aber in stetiger Bewegung befinden, würde oftmals eine Gans nicht richtig erfasst und deswegen auch nicht gefüttert. Manche Gänse würden sich außerordentlich heftig bewegen, so dass die Greifzange der Maschine sie so unglücklich packen würde, dass es mancher Gans den Kopf abgerissen habe. Dann hätte die Maschine stundenlang stillgestanden, der Mann im Häuschen habe die Wartung rufen müssen, und die anderen Gänse hätten über Stunden keinen Futterbrei erhalten. Nur die menschliche Hand habe das erforderliche Feingefühl für das Zusammenspiel von Gans und Maschine.

Nach der Fütterung durch die Maschine gebe es eigentlich nichts mehr zu berichten. Die Gänse werden auf einem weiteren Fließband wieder abgefahren und landen in ihrem Stall. Dieser sei sehr warm und recht eng, da die Bewegung der Gans dem Prozess unzuträglich sei. Hier würden die Gänse verdauen und Fett ansetzen. Nach einigen Monaten habe die Gans dann ein bestimmtes Gewicht erreicht, und werde abtransportiert.

Das aber sei eine andere Geschichte.

Mittwoch, 7. Juni 2006

Anregung an Wissenschaft und Technik

Verbrennen denkt man sich ja recht appetitlich, wenn man die Alternativen bedenkt, aber ich habe gehört, der Kopf platze, bevor man ganz verbrennt, und selbst wenn ich es nicht mehr erlebe, ist das keine Vorstellung, mit der man sterben möchte. „So, das war’s jetzt offenbar, die Luft wird reichlich knapp, und morgen schieben sie dich in einen großen Ofen und dann platzt dir der Kopf.“ – Nein danke.

Auf der anderen Seite fürchtet man natürlich auch die Würmer. Nimmt das Kopfplatzen immerhin recht wenig Zeit in Anspruch, so schaut es mit den Würmern ja schon anders aus. Die dicken, weißen Maden, die sich aus und in das Fleisch bohren, brrr..., die hässlichen Löcher in der Haut, die ja ohnehin ein wenig leidet in den ersten Monaten, die auf das Ableben folgen, das alles schreckt ja nicht wenig. Auch das Schmatzen, das selbst dann, wenn es keiner hört, als Geräuschkulisse des Endes meines zeitlichen Seins ein wenig unwürdig erscheint.

Die alten Ägypter haben sich bekanntlich aus Angst vor dem Verfall einbalsamieren lassen, auch fürchtete man, seine Überreste im Jenseits eventuell noch zu brauchen. Eines Tages in den Museen späterer Zeitalter herumzuliegen, ist aber keine hübsche Vorstellung, die mir im Übrigen auch ein wenig unbescheiden scheint, denn wo, fragt man sich angesichts einer tatsächlich wachsenden Weltbevölkerung, kämen wir denn hin, wenn sich jeder dahergelaufene Hans und Franz einbalsamieren lässt. Am besten noch mit Aufbewahrung der Mumie in einem riesengroßem Mausoleum, das für Bedürftige in einer einfachen Plattenbauversion von der AOK bezahlt wird. Binnen weniger Jahre wäre Deutschland voller exorbitant hässlicher Totenhäuser, die großen Baumarktketten würden Mausoleen in jedweder Ausstattung zum Selberbauen anbieten, und man kann sich vorstellen, wie ein Mausoleum aussehen würde, das etwa der Praktiker Markt anböte. Oder das in Vorarlberg handgefertigte Bakelitmausoleum von Manufaktum.

Mein Mausoleum wäre dem gegenüber natürlich sehr individuell und äußerst geschmackvoll. Trotzdem dünkt mich die Einbalsamierung nicht als vollkommen angemessen bezüglich der Überreste einer Allerweltsperson wie mir, und nicht nur qualvoll, sondern auch noch unbescheiden zu versterben, ist vielleicht wirklich ein bißchen viel.

Nicht übel wäre es, man löste sich mit dem Moment des Ablebens einfach in seine chemischen Bestandteile auf und würde teilweise durch unauffällige Abflüsse, die findige Architekten unter den Betten der Krankenhäuser anbringen, der Erde zufließen, und zum anderen entwiche man gasförmig einfach in die Luft. Auch in dieser Beziehung erweist sich aber die Schöpfung als durch und durch defizitäres System.

Wie auch immer, auch bezüglich der letzten Maßnahmen, die auf dieser Erde die eigene Person betreffen werden, besteht noch erheblicher Innovationsbedarf, und so rufe ich hiermit die deutsche Wissenschaft und Industrie auf, sich dieses Problems endlich anzunehmen und Lösungen zu entwickeln, die sich als geeignet erweisen, uns einen würdigen und umweltfreundlichen Umgang mit unserem Körper zu ermöglichen, wenn wir ihn eines Tages nicht mehr brauchen.

(Im Rahmen einer noblen Geste an diejenige Dame, die den Anstoß für die Lösung dieses Problems, das so alt ist wie die Menschheit, gegeben hat, dürfen freundliche Ingenieure die Maschine, die irgendetwas Appetitliches, aber Wirkungsvolles mit menschlichen Überresten macht, übrigens gern „Modeste“ nennen.)



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