Montag, 18. Juli 2005

Selbstbestimmte Mutterschaft

Zwischen Männer und Frauen, so sagt man, soll es ja ganz wesentliche Unterschiede geben, die ich nach monatelangem Dasein als Single allerdings so gut wie alle vergessen habe. Einer dieser Unterschiede indes, an den ich mich schwach erinnern kann, besteht in dem signifikant unterschiedlichem Maß, in dem Frauen und Männer um die dreißig der Fortpflanzung zuneigen: Frauen, etwas generalisiert gesagt, wollen sich zumeist immerzu fortpflanzen, Männer aber zeigen diesbezüglich keinerlei Neigung und verschieben die Familiengründung auf einen imaginären Zeitpunkt, der irgendwann in der Zukunft liegt und vielfach überhaupt nie eintritt: Es gibt also einen ernsthaften Mangel an potentiellen Kindsvätern.

Dieser Mangel erfährt eine Verstärkung durch die leidige Tatsache, dass sich die fortpflanzungswilligen Männer so gut wie alle mit denselben Frauen reproduzieren möchten, zu der die Bekannte einer Freundin aus vielfältigen ästhetischen Gründen offenbar ganz ausgesprochen nicht gehört. Ende dreißig, meistens berufslos und in Kreuzberg beheimatet, sah jene Bekannte mit den Jahren die Chancen auf erfüllte Mutterschaft davonschwimmen.

Rettung nahte jener Bekannten indes aus einer Gruppe, deren Reproduktionsfreudigkeit offenbar gesellschaftlich noch nicht hinreichend ausgeschöpft wurde, denn die Neigung, sein Leben mit dem eigenen Geschlecht zu verbringen, scheint nicht in jedem Fall einen freiwilligen Verzicht auf die Elternschaft zu beinhalten. Die Bekannte wandte sich also an einen schwulen Freund, und stieß bei diesem durchaus auf Zustimmung zu ihren Plänen.

Wie zwischen beiden Parteien die Abrede, ein gemeinsames Kind zu erzeugen und zu versorgen, getroffen wurde, entzieht sich der Kenntnis nicht nur meiner Person, sondern auch derjenigen meiner glücklicherweise äußerst indiskreten Freundin. Wie auch immer die Vereinbarung auch erfolgt sein mag – die mangels verfügbarer Finanzmittel für eine künstliche Befruchtung auf natürlichem Wege eingeleitete Zeugung verlief erfolgreich, und schon bald trug die glückliche werdende Mutter ihren schwellenden Bauch über den Marheinekenplatz. Die Niederkunft steht unterdessen unmittelbar bevor.

Ob es die mit der Zeugung verbundenen Vorgänge waren, oder die Tatsache der gemeinsamen reifenden Elternschaft – zwischen Kindsvater und werdender Mutter entspannen sich bald Bande, die über das Verhältnis zwischen Freunden um einiges hinausgingen. Die zunehmende Innigkeit im Verhältnis zwischen den zukünftigen Elternteilen rief jedoch eine Person auf den Plan, die im ohnehin nicht spannungsfreien Verhältnis zwischen den Geschlechtern zumeist eher nicht vorgesehen ist: Den Lebensgefährten des Kindsvaters.

Was jener Herr, über siebzig und als einziger Beteiligter mit einem hinreichenden Einkommen gesegnet, an der Situation ganz genau als störend empfand, ist weder meiner Freundin noch mir bekannt, und so sind auch wir verwiesen auf bloße Spekulation: Mag es die Tatsache sein, in hohem Alter noch einmal Onkel (?) zu werden? Fürchtet hier ein Mann an der Schwelle zum Greisenalter, den 38 Jahre jüngeren Gefährten zu verlieren, der ausersehen war, ihm das Alter zu verschönern? Oder stört sich jener Herr an den Finanzmitteln, die aus dem Kreislauf der Beziehung abfließen, da schließlich kein Mann die Mutter seines Kindes darben lassen kann, und zum Unterhalt auch dann berufen ist, wenn es nicht sein eigenes Einkommen ist, dass der Hege und Pflege der Kindsmutter zuteil wird?

Dunkel und verschlungen verlaufen die Pfade des Lebens.


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