Im Normalfall verbringe ich den Großteil meiner Tage auch in der Wohnung. Aber beim Arbeiten kann man sich schlecht langweilen, ohne Kopfschmerzen kann man lesen, und - wer nicht keucht wie die Kameliendame auf den letzten Seiten - darf Leute anrufen und sich besuchen lassen. Außerdem darf man abends raus.
Solange man sich fühlt wie der Dreck im Abfluss, ist die Isolation auch kein Problem. Aber heute, nachdem ich wieder einigermaßen aufrecht stehe...Immerhin gibt es mehrere Möglichkeiten:
- gutgläubigen Besuch per SMS ohne verräterischen Husten herlocken
- Lesen (leider ist kaum mehr was im Haus)
- bei den netten Nachbarn fragen, ob man sich vor ihren Fernseher packen darf und alle anstecken
Oder einfach ins Bett gehen, Leute anrufen, die viel zu lange nicht angerufen worden sind. Schlafen und von Dingen träumen, die nur der fiebrige Wächter ins Traumbewusstsein lässt.
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Modeste Schublade: Datum: 2. Dez. 2004, 22:26 Uhr
Nachts im Bett zu liegen und sich angenehm und schwer zu spüren. Mit den Händen über die Hüftknochen zu fahren und über den Bauch, der leider fester sein könnte. Die Haarspitzen zwischen den Fingern prüfen. Fühlen, wie sich die Steppdecke mit jedem Atemzug etwas auf der Haut verschiebt.
Und auf einmal, ohne ein Geräusch, ohne Bewegung, kippt die Atmosphäre im leeren Raum. Irgendwo in meinem Körper, unter der Haut, im Knochenmark oder in der Lunge, sitzt die Zelle, die den todbringenden Tumor auslösen wird. Das noch gleichmäßig pochende Herz wird sich verkrampfen und stocken und niemand wird die Zeit anhalten zwischen dem Erschrecken und dem Dunkel und dem Zusammensturz meiner Welt.
Wäre nur einer da, könnte ich jemanden rufen, so würde die Stimmung im Schlafzimmer schnell wieder hell. Aber wenn es soweit sein wird, morgen, nächstes Jahr oder irgendwann, werden die, die ich liebe, am Bett stehen und ratlos zuschauen, wie ich vergeblich atme, schreie, und die Zeit stehenbleiben wird als ein großes Dunkel ohne mich.
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Modeste Schublade: Datum: 2. Dez. 2004, 17:10 Uhr
Es war spät und der Rauch der Zigaretten schimmerte im Kerzenlicht wie ein Heiligenschein. Der Wein ging zur Neige, und ich ging in die Küche, um Gin Tonic zu mixen. C. ereifert sich über ihren Friseur. M. und ich stritten über die "Entführung aus dem Serail" in der Komischen Oper, die ich zweimal gesehen habe und über die ich mir bei der Premiere fast die Hände blutig geklatscht habe.
T., der schon Stunden nichts mehr gesprochen zu haben scheint, begleitet mich in die Küche. Ich schneide Zitronen. T. nörgelt, das tut er eigentlich immer. Seine Tiraden über die Friseure und Metzger von Berlin habe ich öfter gehört als die Zauberflöte. Seine ergebnislose Suche nach dem perfekten italienischen Restaurant von Mitte langweilt mich inzwischen mehr, als sie mich amüsiert. Heute bin ich dran.
T. sagt, Ich bin unpolitisch. Das ist ok. Ich bin ein Snob, sagt er, aber das ist nicht wahr. Ich gebe zuviel Geld aus, aber was andere Leute ausgeben, ist mir egal. Dann holt T. zum Schlag aus. Ich sei in der Realität nie angekommen. Auffordernd und ein bißchen kokett schaut er mir ins Gesicht.
Nun würge ich T. ab und drücke ihm zwei Gläser in die Hand, die er ins Wohnzimmer tragen soll. Wir streiten und trinken, wir verabschieden uns.
Allein stehe ich auf eine letzte Zigarette auf dem Balkon. Ich ärgere mich über T. Vermutlich hat er recht. Aber ich bin der Realität nicht ausgewichen. Sie ist nicht zu mir gekommen, das harte, wahre, authentische Leben hat mich ausgelassen:
Die Wirtschaftskrise hat mein Umfeld irgendwie nicht erfasst. Obwohl ich in Berlin wohne. Niemand, den ich kenne, hat schwere Krankheiten oder sonst Lebenskämpfe auszufechten, die über unerwiderte Liebe oder Übergewicht hinausgingen. Ich hege keine Bedenken bezüglich meiner beruflichen und sonstigen Zukunft.
Ich weiß, dass meine Lage mehr als nur ein bißchen privilegiert ist. Ich lese Zeitung und kann mir vorstellen, dass das Leben ziemlich unangenehme Seiten haben kann. Ich habe es nur nie gesehen oder gespürt. In der Öffentlichkeit artikulieren sich andauernd Betroffene. Ich bin von komplett nichts betroffen. Und um über dieses Faktum glücklich zu sein, ist es mir zu selbstverständlich.
T.´s Vorwurf hätte vielleicht lauten sollen: Ich bin in der Realität anderer Leute nicht angekommen.
Ich schaue dem Zigarettenstummel nach, der ziemlich langsam in den Hinterhof fällt. Ich schließe die Tür. Wieso, frage ich mich, soll ich in der Realität anderer Leute verkehren? Warum soll ich mich für Menschen interessieren, die sich auch nicht für mich interessieren?
Ich erschrecke.
"Aber", spricht der Zyniker in meinem Kopf, "was macht es für einen Unterschied, ob du dich für den Rest der Welt interessierst oder nicht. Ob du über Hartz IV sprichst oder über ein Revival der Persianerjacke, das ist doch ganz egal."
Ein großer Unterschied ist das, fahre ich ihn an. Und er schüttelt den Kopf und lacht.
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Modeste Schublade: Datum: 28. Nov. 2004, 20:13 Uhr
Langsam, auch weil es dunkler wird, verschwimmen die Tage und Tageszeiten. Ich weiß nicht mehr, ob gerade Sonntag oder Dienstag ist. Den ganzen Tag ist es halb fünf. Und hinter mir und vor mir streckt sich die Zeit wie ein träges Tier mit staubigem Fell.
Am Abend gehe ich vor die Tür, atme kalte scharfe Luft und gehe irgendwohin, wo zumindest Bewegung und Lärm ist, der den Stillstand kaschiert. Nachts wogt die Zeit um die Füße meines Bettes. Ich lade mir Menschen ein, die mir von ihrem immergleichen Alltag erzählen, garniert mit Anekdoten. Irgendwo, gar nicht weit weg, feiern andere Erfolge, weinen über Niederlagen, verlieben sich und trennen sich wieder.
Hier ist es ganz still.
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Modeste Schublade: Datum: 11. Nov. 2004, 23:57 Uhr
Was Männer wirklich suchen - wenn diese Verallgemeinerung überhaupt ihre Berechtigung haben sollte - liegt eigentlich auf der Hand. So bitter das ist. Und trotz aller Beteuerungen, Humor, Intelligenz oder sonstwas gebe den Ausschlag. Das ist nämlich alles nicht wahr.
Gibt es eigentlich überhaupt irgendeinen Mann auf Erden (oder zumindest in Berlin), der sich jemals von einer bildhübschen Bratze getrennt hat, um sein Leben sodann mit einer schlauen (optischen) Durchschnittsfrau zu verbringen? Ich kenne keinen, zumindest keinen, bei dem der Wechsel freiwillig gewesen wäre. Und wieso verstehen Männer unter einer "Mordsfrau" immer eine Titelblattschönheit? Und warum treffe ich nie auf Kerle, denen die Enttäuschung nicht auf der Stirn geschrieben stünde, wenn sich ihr Freund mit meiner schönen Freundin oder noch schöneren Schwester unterhält, und er mit mir sein Bier kippen muss?
Nee,
Frau Fragmente, wäre schön, wenn sich das ändern würde. Ändert sich aber nicht. Glaube ich nicht dran. Ist zu schmerzhaft, immer wieder drauf zu hoffen, und dann ist es doch...so.
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Modeste Schublade: Datum: 10. Nov. 2004, 16:48 Uhr
Wochenenden, die damit enden, dass ich mir in der Badewanne fast den Hals breche, sollte es sowieso nicht geben. Immerhin der passende Abschlus zur "Langen Nacht der abwegigen Kurzfilme" in der Volksbühne und dem Treffen mit einer der unangenehmeren Seiten meiner Vergangenheit (siehe unten). Immerhin hat mir beim Brunch heute morgen nur fast ein Kind auf die Schuhe gekotzt.
von:
Modeste Schublade: Datum: 8. Nov. 2004, 0:00 Uhr