Freitag, 7. Januar 2005

Frau ohne Eigenschaften

Zuerst fiel es mir im Studium auf.

Man hat im Jurastudium jahrelang ohne Ende Zeit; und so tat ich mich ein bißchen um. Einzelne Veranstaltungen in der Philosophie, ein bißchen Germanistik, alte Geschichte und zwei politologische Seminare später war ich zumindest um die Erkenntnis einer Armut reicher: Mir fehlt ein Standpunkt. Ein fester. Das, was man eine Weltanschauung nennt.

Der Hedonismus Birnbachers schien mir einleuchtend. Die Kritische Theorie aber auch. Die Frankfurter Schule beeindruckte, aber ich hatte selten mehr Spaß als beim Seminar zu Schmitts „Politischer Theologie“. -

Gegen den Gottesgedanken habe ich auch nichts einzuwenden. Was ich glaube, ist tagesformabhängig. - Zwar bestach insbesondere das Colloquium zum Kirchenrecht nicht durch besondere intellektuelle Brillanz, aber sei´s drum: Als eine der wenigen Nichtkatholiken dieser Welt verfüge ich über einen Seminarschein, den ich für eine Arbeit über die verfahrensrechtliche Seite der Heiligsprechung erworben habe.

Irgendeine Art des inneren Widerwillens gegen in sich schlüssige Ideen habe ich nie verspürt. Virtuosität einer Gedankenführung imponiert mir, noch mehr indes die des sprachlichen Ausdrucks.

Meine Umgebung, sofern überhaupt in der Lage, nachvollziehbare Positionen zu artikulieren, hatte sich frühzeitig festgelegt. Ich war und blieb für so gut wie alles begeisterungsfähig, und selbst für den baren Humbug blieb mehr über, als ein rein dokumentarisches Interesse.

Gegen Ende des Studiums begann mir dieses Defizit aufzufallen. Ich grub, aber da war nichts. Am Schlimmsten war, dass dieses Fehlen einer Weltanschauung sich auch auf allen anderen Gebieten bemerkbar machte. So gibt es kaum k.o.-Kriterien, mit denen man sich aus meiner Wertschätzung endgültig verabschiedet. Vielleicht abgesehen von Fällen extremer Geschmacklosigkeit und erdrückender Langeweile. Meine persönliche Moral hängt im wesentlichen an der Wertschätzung, die ich demjenigen entgegenbringe, um den es gerade geht.

Praxiserfahrung vermochte an dieser Indifferenz nichts zu ändern. Noch als Sitzungsvertreterin der Staatsanwaltschaft war mir ungefähr jede Position gleich recht. Als Freundin bin ich für meine Freunde, als Familienmitglied für die Familie, und als Liebende für den jeweiligen Mann, solange die Liebe dauert.

Bemühungen, sich auf einer rationalen Grundlage einen Maßstab zu schaffen, bleiben erfolglos. Ich bin und werde zum Glück nicht Richterin, Abwägungen liegen nicht in meiner Hand. Die Diss, die ich schreibe, könnte auch zu einem völlig anderen Ergebnis kommen – es wäre mir egal.

Im Rahmen von Diskussionen bin ich im Allgemeinen für das Gegenteil dessen, was mein Gegenüber vertritt. Oder zumindest für die Minderheit der Anwesenden. Ich bin die geborene Opposition und finde meistens das Haar in der Suppe. Und es ist nicht meine Schuld, dass in den meisten Suppen ganze Perücken schwimmen. Nur – einen festen Standpunkt, den habe ich immer noch nicht. Vielseitig verwendbar nennt man das wohl, und für einen Juristen mag dies gleichermaßen Chance und Gefahr bedeuten. Can´t help it.

Donnerstag, 6. Januar 2005

Traurige Geschichten

Die Frauen meiner Sippe werden gewöhnlich steinalt. Die Lebenserwartung der männlichen Mitglieder der Familie in männlicher Linie beträgt dagegen, gerechnet auf die Sterbefälle der letzten 50 Jahre – mein Vater hat es ausgerechnet – 58 Jahre, neun Monate und ein paar Tage.

„Aber wie ist das möglich?“, vermute ich verschwiegene Erbkrankheiten. Mein Vater beruhigt mich. Wenn überhaupt Veranlagung im Spiel sei, so handele es sich vielmehr um - nun, über die markantesten Fälle möge ich selbst urteilen:

Onkel M.

„Du erinnerst dich an M.?“ – Wie könnte man ihn vergessen. Mit seinem Ableben verstummte das schrillste Lachen, mit dem je ein Advokat zwischen Bregenz und Tarnopol die Gerichte bezauberte. Angeblich hat die Salzburger Anwaltschaft bis heute das Prädikat „Die Hyäne“ nicht erneut vergeben.

M. hatte irgendwann in den Sechziger Jahren meine Tante L. geheiratet, eine Schönheit in jungen Jahren, in späteren Jahren der Koloss von Salzburg. Ich erinnere mich auch an seine Beerdigung, für die ich gezwungen wurde, ein Turnier abzubrechen, für das ich wochenlang trainiert hatte.

Was man mir Grundschülerin verschwiegen hatte, war allerdings Ort und Umstand dieses Todes, der weder allein noch auch nur vollständig bekleidet eingetreten war. Immerhin starb M. nicht in Salzburg. Allerdings auch nicht dort, wo Tante L. ihn vermutet hatte. Das Fräulein dagegen, das mit ihm die letzte irdische Reise angetreten hatte (von der sie allein zurückkehrte), durfte nicht zur Bestattungsfeier erscheinen – immerhin war sie ja auch schon beim Todeseintritt dabeigewesen.

Onkel F.

Bei ganz pedantischer Betrachtung gehört F. nicht in diese Reihe. Zwar war F.´s Mutter die Cousine einer Dame, die wiederum...aber seine Anwesenheit bei familiären Ereignissen wurde in erster Linie durch seine Frau vermittelt, eine Halbschwester der zweiten Frau meines Großvaters. F. verzehrte die bescheidene Pension eines Frührentners, in welchen Stand er geradezu unwahrscheinlich jung eingetreten war.

F.´s Ableben trat regelgerecht im Spital ein, indes starb er dortselbst nicht an dem Beinbruch, den er sich beim Segeln zugezogen hatte, als er auf der nassen Reeling ausrutschte. Sondern an einem Stück Hackbraten in der Gurgel. Das Essen im dortigen Krankenhaus soll sich aber seither sehr verbessert haben, wie seine unterdesen 89 Jahre alte Witwe versichert.

Onkel T.

Thomas Bernhard genießt nicht zu unrecht einen Ruf als einer der Großen des Theaters, und auch Claus Peymann soll zu Zeiten seiner Jugend einmal ein Theatermann von Rang gewesen sein. Und so ist es eine tröstliche Vorstellung, dass die letzten Worte, die mein Onkel T. vernahm, die Worte des Dichters waren. Um welche Worte es sich dabei genau handelte, ist so detailliert allerdings nicht mehr zu rekonstruieren. Fest steht, dass er noch zur Pause in verhältnismäßiger Munterkeit im Foyer des Musentempels ein Glas Sekt konsumierte, um dann beim Applaus, der die Vorstellung des Bernhard´schen „Heldenplatzes“ beschloss, durch atypische Apathie aufzufallen.

Wie der Tod ganz genau an Onkel T. herantrat, war im Nachhinein nicht mehr nachzuvollziehen, da es seiner Frau auf verschlungenen Wegen gelungen war, die an sich fällige Obduktion irgendwie zu verhindern.

„Scheiße“, sage ich schwer beeindruckt. „Na,“, sagt mein Vater, „Ich bin über´s kritische Alter ja zum Glück hinaus.“

Und alles Leben wäre unser eigen

„Der da“, sagt T.
„Nein,“ sage ich. Zu jung. Ein Mann soll es sein, kein Junge. Und der da, der zwei Tische weiter seine Reisschüssel isst, ist ein reizender Ephebe, schlank und feingliedrig. Nichts für mich. Ein Prada-Hermes mit einem koketten Armreif.

„Dann vielleicht der“
Der auch nicht. Zu wenig Haar ist egal, ein bißchen Körperfülle stört nicht. Ein Genießer soll es sein. Aber das Gesicht ist ein wenig grob, ein bißchen brutal. Jemand, der an die Phrasen glaubt, die er jeden Tag drischt, der keine Frau sucht, sondern ein Accessoire des Lebens, das er sich ausgemalt hat, damals, als er achtzehn war und die Mädchen noch nicht einmal über ihn lachten. Der Mann an der Bar ist kein Herr. Und ein Herr soll es sein.

„Dann doch der K.?“, T. lacht über meine Schulter hinweg einer Frau zu, die er irgendwo schon einmal gesehen haben will. Die Frau schaut stoisch in ihre Bierflasche.

Nein, sage ich. Der K. ist korrekt und untadelig. Er wäre niemals grausam. Aber die Bühne sollte mehr sein als eine halbjährlich absolvierte Pflichtveranstaltung, und die frivolen Plaudereien der Brüder Goncourt eine größere Dichte besitzen als ein Geschäftsbericht. Er sollte das kalte Feuer des Augustinus im Nacken spüren können, und alle Sinnlichkeit der Welt in den ersten Takten des „Tristan“.

T. wiegt lachend das Haupt und bringt einen Toast aus. Auf die eierlegenden Wollmilchsäue unter den Männern. Als er das Glas senkt, wird er ernst. „Du, meine Modeste,“ sagt mir der T., „Du suchst keinen Mann. Du suchst die Erlösung. Du suchst nicht den Ritter, sondern den Gral.“

Nein, sage ich. Und meine es ernst.

Dienstag, 4. Januar 2005

Erzieherische Misserfolge

Die Verdammung der 68´er, die ihre Chefsessel einfach nicht räumen wollen, ist ja derzeit sehr en vogue – und so angesagt, dass man sich kaum beteiligen möchte. Nun tritt man in diesem Falle ja keinen Fallenden, im Gegenteil, und so seien nach einer ganzen Reihe von Gesprächen doch ein paar Worte über Sophie Dannenbergs „Bleiches Herz der Revolution“ verloren. Ober besser: Über ihr sujet. Denn das Buch ist schlecht, zu holzschnittartig und alles in allem...nicht sehr interessant.

Kein Zweifel besteht, dass die Autorin keinen ganz kleinen Splitter jenes Zauberspiegels ins Auge bekommen hat, der die Betrachtung auf bekannt unangenehme Art und Weise verzerrt. So war sie nun auch wieder nicht, die befreite Kindheit und Jugend. Oder sagen wir: So war meine Kindheit nicht. So flach und eindimensional sind weder meine Eltern noch ihre Freunde jemals gewesen. Und der Traum von Glück und Freiheit in einem postrevolutionären Arkadien ist mir angenehmer als der Traum von Benz und Villa. Dass es bei den meisten letztlich ein renoviertes Bauernhaus und ein Saab geworden ist...geschenkt.

Besonders antiautoritär war die befreite Kindheit allerdings nicht. Der im Buch beschriebene Befreiungszwang fand im Hause meiner Eltern zwar nicht in dieser Form statt. Der Zusammenprall zwischen den Erwartungen der Erwachsenen und den Möglichkeiten eines Kindes bleibt wohl keinem Kind erspart. Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Erwartungen einer konservativen Erziehung und dem familiären Befreiungskonzept dürfte allerdings in der Tatsache liegen, dass sich die konventionelle Erwartung im wesentlichen auf äußere Umstände richtet. Sofern Schulleistungen und sportliche Erfolge einigermaßen hinhauen und die Nachbarn sich nicht beschweren, ist für den Vorstadtrotarier die familiäre Welt in Ordnung. Die Persönlichkeit des eigenen Nachwuchses dagegen ist ihm in aller Regel schon aus Phantasielosigkeit komplett egal.

Der Versuch, die Befreiung des Menschen am eigenen Nachwuchs auszuprobieren, soll prächtige Ergebnisse gezeitigt haben – allerdings nicht bei mir. Ob man diesen Misserfolg dem Konzept vorwerfen kann, oder mein etwa vierzehnjähriges Selbst einfach befreiungsresistent war – ich kann es nicht mehr sagen. Ich war einfach nicht Pippi Langstrumpf. Ich war nicht laut, frech und rebellisch. Ich war krankhaft schüchtern und äußerst kompliziert und habe mich für so gut wie alles geschämt. Insbesondere für die eigene Kompliziertheit, von der ich annahm, sie stünde mir aus irgendwelchen Gründen nicht zu. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich zwischen zwölf und 22 unsichtbar gewesen. War ich aber leider nicht.

Wieso die Befreiung der eigenen Körperlichkeit dermaßen schiefgegangen ist, weiß ich nicht. Ich habe nie ein selbstverständliches Verhältnis zum nackten Körper entwickelt. Und jeder, der unbekleidet durch unseren Garten gelaufen ist, hat mir nicht die Freude am eigenen Körper vermittelt, sondern das Gefühl einer Schamverletzung. Ich würde niemals eine gemischte Sauna aufsuchen und nicht nackt baden. Und die gönnerhaften Komplimente meiner Onkel und diverser Gäste für meinen Körper, gehören zu den peinlichsten Erinnerungen meiner Kindheit. Allerdings habe ich auch nicht den Mumm aufgebracht, als einzige einen Badeanzug zu tragen. Klar, dass es mit dem Ausleben einer entspannten Sexualität entsprechend auch nicht geklappt hat. Zum einen wollten nie diejenigen, in die ich verliebt war, das Reich der Erotik mit mir erobern. Zum anderen hat die Überfrachtung des Sexuallebens als eines Refugiums absoluter Freiheit und unglaublicher Ekstasen bei mir in erster Linie einen Leistungsdruck ausgelöst, der der ganzen Angelegenheit nicht gutgetan hat, als es dann soweit war.

Ob der pädagogische Misserfolg dem Konzept antiautoritärer Erziehung zur Last gelegt werden kann, dürfte allerdings eher zweifelhaft sein. Vielleicht bin ich einfach so. Vielleicht ist die Erziehung für die persönliche Entwicklung einfach ziemlich egal. Vielleicht liegt der einzige Sinn der Pädagogik in dem Bemühen, die Jahre, in denen man so ausgeliefert ist, wie später nur noch in der Liebe, nicht über Gebühr quälend zu gestalten.

Montag, 3. Januar 2005

Ostdeutsche Mädchen

Die Menschen in meinem Leben, die ich in meine Wohnung lasse, weisen einen eher weniger umfangreichen Alterskorridor auf – und so ist G. minor der erste Minderjährige, der jemals mein Bad benutzt. Frischgeduscht und halbbekleidet spaziert der zwölf Jahre jüngere Vetter meines weiland Tanzstundenfreundes G. maior also durch meine Wohnung.

„Das ist furchtbar nett, dass ich bei dir wohnen kann.“, bedankt sich der kleine G. und plaudert mir ein bißchen vor. Lateinlehrer Dr. D. scheint in den letzten zehn Jahren nicht unbedingt zur Altersmilde gefunden zu haben; der dicke Herr L. ist schon wieder pleite, und die Ex-Frau des Gynäkologen ist knappe vier Monate nach der Scheidung schwanger, und keiner weiß von wem.

Dann wird es ernst. Mit zerfurchter Stirn referiert G. minor den Stand seines personal Uni-Contests. Hier werden wichtige Entscheidungen getroffen, ich werde also angemessen ernst und rate dringlich von Berlin ab. Hier kann man gar nicht studieren. Bonn vielleicht, vielleicht Passau. Oder in die neuen Bundesländer? Macht sonst keiner, aber wieso nicht Jena oder Greifswald?

Der kleine G. wehrt ab. Berlin muss nicht, Bonn ist eine Möglichkeit, aber in den Osten, in den Osten geht er nicht. Denn, so der kleine G. im Tonfall einer Selbstverständlichkeit: „Im Osten gibt es keine Mädchen.“

Nach kurzer semantischer Verwirrung stellt sich heraus, dass der Mädchenbegriff sich in den betroffenen Alterskohorten irgendwann in den letzten zehn Jahren geändert haben muss. Ein Mädchen ist demnach nicht mehr nur ein weibliches Wesen so zwischen 12 und 18. Der Mädchenbegriff unterliegt weiteren positiven wie negativen Tatbestandsmerkmalen.

Mädchen, erfahre ich, sind nie tätowiert. Sie lesen weder Science-Fiction noch Bravo. Sie lackieren nie ihre Fingernägel in Rot oder Pink oder überhaupt sichtbar. Sie spielen nie Fußball. Wenn sie sich für Politik interessieren, dann für die GRÜNEN. Sie sind wahnsinnig musikalisch.

Ich verstehe. Der Mädchenbegriff hat offenbar den Bedeutungsinhalt der „höheren Tochter“ angenommen. Aber im Osten gibt es keine? Ich überlege. Kann ich mir nicht vorstellen. Gegenbeispiele sind mir aber auch nicht bekannt, denn potentielle Mädchen kenne ich ja nicht so besonders viele. An ehemaligen Mädchen kommt zwar eine ganze Menge zusammen. Allerdings kenne ich kaum Ostdeutsche. Das liegt aber an den Ostdeutschen und nicht an mir. Als ich nach hergekommen bin, haben sich mir alle denkbaren deutschen Stämme vorgestellt, aber die ostdeutschen waren nicht dabei. Und nach Brandenburg fahre ich nie aus Angst, dass die Ureinwohner gerade ihre rassereinen Wochen feiern.

G. minor, nun ganz in der Pose des jugendlichen Welterklärers erläutert die historischen Hintergründe des Mädchenverschwindens. Klingt logisch. Die SED hat also nicht nur den kulinarischen Tiefstand der Ostberliner und ihre miesen Manieren auf dem Gewissen. Mädchen müssten erst langsam nach und nach nachwachsen. Wenn aber die Mütter nie Mädchen waren, dann wird die Mädchenproduktion auch in Zukunft spärlich bleiben. Das Mädchendefizit - offenbar der letzte Ausläufer östlicher Mangelproduktion.

Sonntag, 2. Januar 2005

The Night Is Thine

Nicht, dass ich ihn geliebt hätte. Als ich ihn das letzte Mal anrief, vor zwei Jahren, hatte ich zwar die ganze Nacht nicht geschlafen. Ursache war aber das Examen ein paar Tage später, mit ihm hatte das rein gar nichts zu tun. Alle waren erleichtert über den Befreiungsschlag, ich war weder erleichtert noch traurig.

An die Details seines Gesichts kann ich mich nicht mehr erinnern. Nach meinen Worten könnte keiner ein Portrait malen, nicht einmal ein Phantombild spränge dabei heraus. Ich kann nicht einmal mehr sagen, ob er Brusthaare gehabt hätte, angewachsene Ohrläppchen und wie er sich angefühlt hat. Photos gibt es nicht für mich. Was ich über ihn geschrieben habe, ein halbes Quartheft voll, hat derjenige zerstört, der Anspruch gehabt hätte auf meine ungeteilte Aufmerksamkeit, und vor dessen Schmerz ich geflohen wäre, wenn er mich gelassen hätte.

Als er nicht mehr anrufen sollte, und alles Spuren seiner Existenz gelöscht waren in meinem Leben, hat er mir nicht einmal gefehlt. Aber dann, wenn ich ihn fast vergessen glaube, wenn ich schon zwei-, dreimal beiläufig und oberflächlich an ihn gedacht habe, wenn ich mich über ihn unterhalten habe, und seine Aufsätze in der todlangweiligen Fachzeitschrift überblättert habe, die auch ich auf den Schreibtisch bekomme –

Dann ist es Nacht, und ich stehe auf der Treppe im neuen Milchhof. Es sind die ersten Stunden des neuen Jahres und ich erörtere, ob wir noch woanders hin fahren. Jemand schiebt sich an mir vorbei, ich drehe mich um, und der Fremde sieht ihm nicht einmal ähnlich. Aber etwas greift mir ans Herz, und für eine Sekunde rieche ich sein Haar.

Dann ist es vorbei. Aber die Bilder an den Wänden sehen wie Tote aus, wie ein Angriff von rasenden, bewusstlos-blutrünstigen Wiedergängern, und so ziehe ich die Freunde nach draußen und trinke auf der Schwedter Straße ein warmes, bitteres Bier, das mir jemand in die Hand gedrückt hat.


Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7750 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren