Dienstag, 25. Januar 2005

Vorgeschichte oder: Nicht wieder gutzumachende Dummheiten im Verlaufe der letzten Woche

„Wo bleibst du?“, zischt T. ins Telefon. Ich kann mich an keinen Verabredung erinnern, aber „18.1., 13.00 Uhr“ steht auch auf dem gelben Post-It auf meiner Wohnungstür, und so hat T. wohl recht. Mit ziemlich nassem Haar und einer lila Bügelhandtasche zum kirschroten Mantel stürze ich eine knappe halbe Stunde später in das Kreuzberger Restaurant, welches sich der besten Schnitzel Berlins rühmt.

K. und T. sitzen sich gegenüber. Die Atmosphäre am Tisch mit „eisig“ zu beschreiben, wäre fast noch geschmeichelt. Die Versöhnung der beiden, die Zweck dieses Mittagessens war, ist offenbar noch nicht eingetreten.

Dass K. und T. sich nicht gut leiden können würden, war vorhersehbar. Der schlichte, bodenständige K, solider Insolvenzverwalter mit einem akuten Mangel an Phantasie, und der kluge, nervöse T. haben so gut wie kein Interesse gemein. Streiten hätte man sich vielleicht nicht müssen, aber nun sind über Tage böse Worte gefallen, derb von der einen Seite, von der anderen Seite ziselierte Bosheiten.

Ich lese noch in der Karte, als der K. auf die Uhr schaut. Eine Besprechung in der Kanzlei. „Gut“, sage ich. Ich habe ohnehin keinen rechten Hunger und gebe der Kellnerin die Karte ohne Bestellung zurück. Vor der Tür winkt K. einem Taxi.

In der offenen Taxitür dreht sich K. zu mir um, legt mir die Hände an die Wangen und küsst mich auf die Wange, ziemlich lang. Es fühlt sich gut an in diesem Moment, und so lasse ich mich küssen und drehe den Kopf ein wenig zu seinem Mund. Er küsst, atmet, drückt mich an sich und flüstert mir etwas ins Ohr, was ich nicht verstehen will. Mir wird die Kehle eng, ich reiße mich los. K. schaut mich an, und steigt in das Taxi.

Geh bloß weg, denke ich. Du bist es doch keinen Fall, denke ich auch noch und dann drehe ich mich zum T. um, lege ihm die Arme um den Hals und drücke ihm einen Kuss auf den Mund. Schau, K., denke ich, so ein Kuss hat gar nichts zu bedeuten, und ich liebe dich so wenig wie den T. oder sonst irgendwen. Das Taxi mit dem K. fährt weg.

T. könnte mich nun loslassen, aber er küsst weiter und zieht mich dicht an seinen Körper. Da schau her, denke ich. Fließt in diesen Adern also doch noch Blut und kein Frostschutzmittel.

Dann stehen wir einander sprachlos gegenüber und gehen stumm zum Lausitzer Platz, wo der T. parkt. „Bis dann“, sagt er, steigt ein und fährt davon.

Das Singleleben ist nichts für mich.

Montag, 24. Januar 2005

So scheint die Liebe

„Warum bist du gekommen?“, frage ich und schiebe mir ein Stück Weichkrokant zwischen die Zähne.

„Weil du das wolltest.“ Er lacht, aber sein Lachen hört sich an wie Gebell.
„Ich bin gekommen, obwohl du fürchterlich bist. Unzuverlässig. Das Gegenteil von konsequent. Du verzeihst jemandem, der seiner Freundin einen Marmoraschenbecher auf den Kopf haut und wirfst Leute raus, weil sie mit Alpenveilchen vor der Tür stehen. Du hast überhaupt keine Grundsätze. Du kannst fürchterlich austeilen, aber bist sofort beleidigt, wenn du glaubst, dass man dir nahe zu tritt. Du versuchst nicht einmal, dich zu beherrschen und gibst jeder Laune nach. Und man weiß nie, was dir in den nächsten fünf Minuten einfällt.“

Onkel S. findet mich unproblematisch.“, ich lehne meinen Kopf an seine Schulter und sehe ihm zu, wie er ein Nougattütchen vom Stanniol befreit. Sanft legt er es mir auf die Zunge.
„Und dein Vater hält dich für sein persönliches Geschenk an die Menschheit. Und weißt du was? Sie haben unrecht!“, er lacht und diesmal klingt es schon besser.
„Was willst du dann hier?“, frage ich ihn nochmal.
„Dich mit Ingwerstäbchen füttern.“ Knisternd löst sich das Cellophan von der Packung.

Aber auch er hat Fragen: „Warum hast du mir ausgerechnet jetzt geschrieben?“ Er zieht seinen linken Arm hinter meinem Nacken hervor und bricht mit beiden Händen Schokolade, Domori Latte Sal. Mir wird langsam übel. „Nein, wehre ich ab. „Das willst du nicht wissen.“ Oh doch. Er will. Und es dauert lange und ist ein bißchen peinlich.

„Das sieht dir ähnlich.“, sagt er, als ich fertig bin. „Sieh zu, wie du die Sache mit K. und T. wieder in Ordnung bringst. Ich hänge mich diesmal nicht rein.“.

"Brauchst du auch nicht,“ sage ich, und das ist natürlich ganz und gar gelogen.

Mittwoch, 19. Januar 2005

Warten

Wenn er bis 14.00 Uhr nicht angerufen hat, dann gehe ich Kaffee trinken und warte nicht mehr. Bis 15.00, nein besser: 16.00 Uhr. Die Post war doch schon lange da. - Wenn der nächste Wagen, der um die Ecke kommt, ein Renault ist, dann ruft er gleich an, in den nächsten fünf Minuten. - Verdammt, wieso hab´ ich den Brief geschrieben. Wieso abgeschickt? Jetzt sitzt er am längeren Hebel und kann mich warten lassen. Alles in allem nur fair.

Hast du gedacht, er sitzt neben dem Briefkasten und wartet, ob Du Dich nochmal meldest? „Hey, ich hab´s mir anders überlegt“ – schön blöd wäre er, wenn er sich gleich drauf einließe. Bestimmt ruft er später an. Oder er ist gar nicht in seiner Wohnung, vielleicht ist er auch verreist. Dann hat es nichts zu sagen, wenn er heute nicht anruft, denn dann ist er ja gar nicht daheim. Das wäre gut, denn es ist ja schon drei durch. Aber vielleicht ist er nicht in Urlaub, vielleicht hat er den Brief gelesen, vielleicht hat er ihn weggeworfen und wird nie wieder anrufen. Vielleicht hat er aber auch Termine, kommt später, und der Brief ist noch im Kasten und wartet, ob er sich freut und vielleicht heute abend noch nach Berlin fährt.

Und wenn nicht? Wie lange werd´ ich hier sitzen, nervös, mit kalten Händen, ungeduscht, weil das Telefon ja klingeln könnte. Jeden Anruf nach Sekunden beenden, nicht arbeiten können, weil ich das Telefon anstarren muss, als hätte es die Kraft, ihn wiederzubringen.

Dienstag, 18. Januar 2005

Der Tod kann kein Berliner sein

Waren Sie schon einmal in Wien? Dann haben Sie den Zentralfriedhof gesehen, oder? Und die Hamburger, hört man, gehen am Sonntag in Ohlsdorf spazieren. In den kleinen Städtchen am Lande liegt noch der Gottesacker zu Füßen der Kirche; und in Japan, wo der Platz rar ist, stapeln sich die Toten in vollautomatischen Nekropolen, zu denen die Angehörigen Zugangscodes bekommen mit Plastikkarten oder Nummerncodes.

Aber wo verscharren die Berliner ihre Toten? Auf den paar Friedhöfen, die in den Reiseführern stehen, auf denen Brecht liegt oder Liebermann, da ist kein Platz für die Toten von drei Millionen. Auf diesen Friedhöfen ist kein Grab jünger als vielleicht dreißig, vierzig Jahre. Wo aber ist der Berliner Zentralfriedhof, wo lässt sich die Wilmersdorfer Witwe zu Grabe tragen, wo vergräbt man den Junkie aus dem Dixie-Klo und was passiert, wenn die Nachbarn von dem tagelang stinkenden Rentner aus der Nachbarwohnung endlich erlöst werden?

Wenn die Berliner es wissen, so verraten sie es jedenfalls nicht. Niemals entschuldigt sich der Berliner für sein vorabendliches Fehlen mit einer Beerdigung. Nicht fährt er zu den Gräbern seiner Großeltern. Gehört seine Familie zu den glücklichen Inhabern eines prachtvollen Erbbegräbnisses, gar einer romantischer Gruft? Er wird es nicht erzählen. Überhaupt berichtet der Berliner ungern vom Ableben seiner Umgebung. Bestellen Berliner eigentlich Kränze, wenn es einen Kollegen vorzeitig vom Ledersessel haut? Und wo inseriert der untröstliche Berliner seinen Schmerz um die geliebte Nichte, Schwester, Tante und Großtante?

Aber der Tod lässt die Seinen nicht aus den knochigen Fingern. „Memento mori“, rattert die U 2 dem Berliner in die Ohren. Gerade noch mittten im blühenden Leben, sieht sich der Berliner mit den Todesschwaden der Currywurstbuden konfrontiert. Gellend erinnert das Martinshorn den Berliner daran, dass auch er sterben muss.

Montag, 17. Januar 2005

Öffentliche Einöden

Beate Heine, Dramaturgin der Schaubühne, die ich selten aufsuche, sieht das Gegenwartstheater von der Kritik zu wenig geliebt. Sie moniert eine Rückwärtsgewandtheit der Kritik, die dem Theater als Ort eines politischen Verständnisses von Kultur in enger Anbindung an die Populärkultur und den Zeitgeist nicht gerecht würde.

An diesen Worten ist dabei leider nur eines wahr – die Theaterkritik ist in einem dermaßen niedrigen Zustand, dass der unglaublichen geistigen Einöde der meisten Theaterinszenierungen beim Lesen der Besprechung gleich der nächste Schlag nachfolgt. Das Verständnis des Theaters, das Beate Heine offeriert, dürfte aber ein wesentlicher Grund dafür sein, dass seine öffentliche Rezeption so miserabel geworden ist, dass sich kaum jemand über die unfähige Kritik beschwert.

Bei der Erwähnung eines „politischen Verständnisses von Kultur“ fallen mir auf der Stelle die Augen zu. Es gibt eine Menge politischer Stücke – und darunter sollen sich sogar einige Sehenswerte befinden. Jeder, der „Wilhelm Tell“ dieser Dimension berauben würde und etwa eine Klamotte auf die Bühne brächte, verdient zu recht die volle Verachtung von Frau Heine, und da schmeiße ich meine gern mit dazu. Wer allerdings glaubt, durch plumpe Parallelen im Rahmen der Ausstattung oder textliche Veränderungen oder Einschübe die Aktualität des Stückes dem Publikum wie eine Torte ins Gesicht zu werfen – der hat nicht etwa die politische Dimension des Stückes herausgearbeitet. Der weiß nicht, was Theater ist und hält das Publikum offenbar für eine Versammlung von Volltrotteln, das ohne die Verlesung längerer Passagen der Briefe Rosa Luxemburg´s nicht weiß, was uns der Dichter mit der „Mutter“ mitteilen möchte. Glanz und Scheitern des politischen Theaters sind auch nicht erst seit gestern bekannt. In den Inszenierungen Piscators ist schon alles dabei – inklusive des die Internationale grölenden Bürgertums, das deswegen nicht einen Revolutionär weniger erschießen ließ.

Dass das Theater kein politischer Raum sein sollte, liegt dabei eigentlich auf der Hand. Kein Ort, an dem die Mehrzahl der Anwesenden schweigt, sollte das sein. Es gibt eine Menge denkbarer Labore des gesellschaftlichen Umbruchs, und es ist bedauerlich, dass etwa die Unis diese Aufgabe nicht besser wahrnehmen. Es gibt aber keinen Grund, warum das Theater zu diesen Laboren gehören sollte.

Es versteht sich von selbst, dass Theater nur gegenwartsbezogen denkbar ist. Zur Gegenwart gehört zwingend und unterschiedslos die Populärkultur genauso wie die Hochkultur. Und zur Gegenwart gehört auch die Vergangenheit, die sich in einer Stadt wie Berlin, die aus dreckigen Vergangenheitsmythen und dreckiger Gegenwartswahrheit geradezu gebacken ist, nicht wegdenken lässt. Und zu dieser Vergangenheit gehört natürlich auch die Vergangenheit des Theaters. Es gibt hier keinen Konfrontationskurs, den das Theater abbilden müsste. Und der Akt des Erinnerns braucht auch keine „subversive Kraft“, sondern bloß die Kraft, im Wettstreit der bewegendsten Bilder, der treffsichersten und originellsten Interpretation gut abzuschneiden. Mit Werktreue hat das nichts zu tun, die mag gegeben sein oder auch nicht.

Diejenigen, die auf der Bühne nicht Stücke inszenieren wollen, sondern Botschaften vermitteln, Experimente um ihrer selbst willen wagen oder auf ominöse „Diskurse setzt“, erregen bei mir den Verdacht, eine Unfähigkeit zu bemänteln – die Unfähigkeit, Geschichten zu so zu erzählen, dass ich sie glaube.

Denn das suche ich im Theater. Ich will mir von der Liebe erzählen lassen, und vom Scheitern, das in den hoffnungsvollen Anfängen liegt. Vom Unglück des Altwerdens in einer Dschungelsimulation, die so unecht ist, wie das Leben, das ich manchmal führe. Ich will die Verzweiflung sehen, den Verrat und den Mord, die Macht und das Elend. Bestenfalls: Tua res agitur. Im schlechtesten Fall eine mechanische Vorführung tausendmal gesehener Pseudoprovokationen, ein bißchen politische Rhetorik, ein paar Nackte, und dann hinaus in die Nacht.

Es ist mir völlig egal, welche Haltung das Theater zur Gegenwart und zu sozialen Umbrüchen einnimmt. Aber wenn ich aus dem Portal komme, das in meinem Fall in der Regel am Rosa-Luxemburg Platz steht, dann will ich versucht sein, mich auf der Stelle anbetend auf den Boden zu werfen. Und sollte das nicht der Fall sein, will ich mich wenigstens ordentlich streiten.


Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7749 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren