Samstag, 21. Mai 2005

Vielleicht träumen

Am Abend zog mein Vater die Vorhänge zu, setzte sich in den Sessel, der heute vor meinen Büchern steht, und begann vorzulesen. Von den Gebrüdern Grimm und Erich Kästner über den Rheinischen Hausfreund bis zu C. F. Meyer, Stefan Zweig und Grillparzer wurden die Lesezeiten später und später, und irgendwann, mitten im Maupassant, packte ich meine Sachen und zog aus.

„Lies mir doch vor.“, bat ich mal den einen, mal den anderen, aber der eine erwies sich als unfähig, seine sarkastische Irritation über diese Bitte nicht in jedem gelesenen Wort mitschwingen zu lassen. Ein anderer unterbrach sich ständig beim Lesen, und riss mich mit seinen Anmerkungen und Anekdoten aus dem sanften Schwung der Worte, auf dem ich davongleiten wollte, erzählte dies und das, und schließlich bat ich nicht mehr, sondern las ausschließlich selbst. Der letzte, der geschätzte ehemalige Gefährte J., las nicht vor, und ob ich ihn nicht bat, ob er sich dem Lesen entzog, ist mir entschwunden, und auch er weiß es nicht mehr zu sagen. Gut geschlafen habe ich trotzdem, so warme Arme und den regelmäßigen Atem, das nächtliche, beruhigende Flüstern nach den schlechten Träumen, und am Morgen mit der Tasse Caffé Americano geweckt, die ich damals noch vertrug. „Wie spät ist es?“, war stets die erste Frage, und meist, musste ich nicht arbeiten, war es dann zehn. Oder elf, oder noch später, am kühlen, hellen Morgen nach Hause gelangt, und erst erwacht, wenn die Cafés längst die Markisen ausgerollt hatten zum Schutz gegen die Mittagssonne.

Ob es am Vorlesen liegt, oder am fehlenden Wächter des Schlafes und der Träume? Ob mein Schlafzimmer zu hell ist, oder meine Matratzen nicht optimal? Ob es einfach normal ist, jeden Morgen, aber auch jeden Morgen, um sieben zu erwachen allerspätestens, heimgekommen um drei, hellwach den Rechner noch einmal hochgefahren, oder leise plaudernd auf dem Balkon gesessen, bis auf der schwarzen Silhouette des Alex die hellen und die dunklen Felder sichtbar wurden.

An Naturheilkunde glaube ich schon aus Prinzip nicht, und so helfen Johanniskraut und Baldrian nicht durch die Nächte. Vor den obskuren Mittelchen der pharmazeutischen Wissenschaften graut mir noch ein wenig. Und vielleicht, so sage ich mir, wartet ja irgendwo noch ein Vorleser auf mich, der mich nach wiederum acht Stunden Schlaf mit einer Kanne Tee aus Träumen zieht, die keinen Wächter brauchen.

Freitag, 20. Mai 2005

Der süße Duft der Bücher

Ein Stöckchen vom wahrhaft verehrungswürdigen Herrn Kid kann man natürlich nicht liegenlassen:

1. Du steckst in der Welt von Fahrenheit 451, welches Buch möchtest Du sein?

Vielleicht Hugo von Hoffmannsthal, Der Tor und der Tod. Dabei sind die Schwächen dieses Buches Legion, der Stil kippt manchmal fast ins Süßliche und sein Eklektizismus stößt mit dem Kopf locker gegen die Stratosphäre. Der Verführung, die von dieser klingenden Melange von Schönheit, Sinken und Dämmerung ausgeht, kann ich mich trotzdem nicht entziehen. Die Angst, auf den Oberflächen des Seins letztlich am Lebendigen zu versagen, die halsabschnürende Furcht vor den scharfen Schatten des Nichts, hat in diesem schmalen Bändchen, Insel-Bücherei Nr. 28, einen Ausdruck weichen, goldenen Lichts gefunden, den ich vielleicht gerade seiner Schwächen wegen liebe.

2. Warst du je in eine Figur aus einem Buch verknallt?

Aber selbstverständlich. In Lord Henry Wotton zum Beispiel. Oder in Darcy. Im Allgemeinen in das, was jeweils gerade nicht zur Verfügung stand.

3. Welches Buch hast du zuletzt gekauft?

Von Alexander Lernet Holenia, Die Standarte, die man nicht gelesen haben muss, auch wenn Lernet-Holenia wunderbare Bücher geschrieben hat, den Baron Bagge zum Beispiel oder auch Beide Sizilien; außerdem von Hermann Kasack, Die Stadt hinter dem Strom, die in einem Zwischenreich zwischen Tod und Leben spielt, in dem Erinnerungen und individuelles Sein aus den jüngst Gestorbenen gespült werden, ein Vorwaschgang des Jenseits, und Manfred Fuhrmanns Geschichte der Römischen Literatur, um ein wenig gebildeter zu werden, falls mal jemand fragt.

4. Welches Buch hast du zuletzt gelesen?

Die Standarte, und Nadeschda Mandelstam, Das Jahrhundert der Wölfe, eines jener Bücher über den blutigen Tod des Traumes von Freiheit und Gleichheit im Gulag.

5. Welches Buch liest du gerade?

Die Stadt hinter dem Strom und Hunter S. Thompson, The Rum Diary, das hinter meinen Erwartungen bisher leider ein wenig zurückbleibt – aber Fear And Loathing in Las Vegas hat die Latte auch hoch gehängt.

6. Welche fünf Bücher nähmst du mit auf eine einsame Insel?

Fünf ist bitter. Man kennt ja die Prozedur vor dem offenen Koffer – nur zwanzig Kilo Gepäck und etwas anzuziehen braucht man ja auch noch. Wählen wir also aus:

1. Die Buddenbrooks natürlich. Immer wieder gerne. Wie der Tod die Konsulin Kröger bricht. Was habe ich über Christian Buddenbrook gelacht, mit Toni, dieser Verkörperung fehlgeschlagener guter Absichten, gelitten, dem Konsul Thomas bei der Anstrengung zugesehen, die Fasson zu wahren, und am Ende stirbt es sich dann doch, weil man nicht mehr zubeißen kann. Nur Hanno, den mag ich nicht, und hätte ihn bestimmt gekniffen in der Schule, Weichling, den.

2. Djuna Barnes, Nightwood, meinen magischen Gesang, Müdigkeit und Untergang. Oder doch die Gräfin Reventlow, Von Paul zu Pedro, jenes kleine charmante Büchlein über die Liebe, das ich mit 19 einmal geschenkt bekam von jemandem, der die Wahrheit hinter jenen lächelnden Zeilen bis heute nicht erkennen will.

3. Natürlich Theodor Mommsens Römische Geschichte, diese brillante, unterhaltsame, selbst in den ödesten Teilen zu Ackerbau und Kriegsführung nie langweilige Schilderung des Aufstiegs Roms. Mit Mommsen auf dem Nachttisch werden Generationen von Schülern von einer großen Karriere als Althistoriker geträumt haben – leider scheinen die Träume nicht sehr erfolgreich gewesen zu sein: Die meisten Althistoriker schreiben sturzlangweilige Werke. Ähnlich amüsant zur Neuzeit ist dann wohl nur der geschätzte Friedell, der wiederum der exakten Wissenschaft weniger zuzurechnen ist, aber das kann mir als Leser zum Glück ja egal sein.

4. Proust. Die Suche nach der verlorenen Zeit. Daran lese ich seit Jahren, ein Buch, in dessen ebenso eleganten wie abseitigen Räumen man sich verlieren kann, aber zum sich Verlieren braucht man Zeit und Ruhe. Eine einsame Insel ist da genau das Richtige, um Sodom und Gomorrha zu verlassen und die verlorene Zeit wiederzufinden.

5. Und Eichendorffs Taugenichts natürlich, eine heitere, runde Unschuld, ein vormoderner Sehnsuchtsort, in dem die Zitronen blühen, die Wasser am Mühlbach rauschen und am Ende bekommen sie sich noch dazu.

Ja, und dann stehe ich vor dem Koffer, mein Reisegepäck geht kaum noch zu, hinter mir liegt ein Haufen Bücher – und muss wohl daheim bleiben. Ach, denke ich – was soll ich anfangen ohne den geliebten Doderer. Joseph Roth und Perutz, Virginia Woolf, Kleist, die französischen Naturalisten, denen ich doch gerne auf der Insel einen kleinen Altar aus Sand baute, mit Muscheln drauf. Aber der Koffer ist zu.

Langsam wird´s schwierig – aber Frau Arboretum hat noch kein Stöckchen gefangen. Und die Frau Brittbee soll auch einmal darlegen, was denn auf ihrem Nachttisch liegt. Und was Herr Parka liest, will ich auch mal wissen.

Donnerstag, 19. Mai 2005

Vakuum

„Wir haben uns wieder vertragen.“, berichtet die A., und gießt sich ein wenig Milch in den Tee. Ihr Gefährte habe gelobt, die kleine und vollkommen bedeutungslose Eskapade mit einem äußerst muskulösen Herrn aus seinem Gedächtnis zu streichen, und hätte versprochen, nie wieder dieses leidige Thema anzuschneiden. „Modeste,“, sagt die A. „du kannst dir nicht vorstellen, wie er auf der Sache herumgeritten ist. Als wäre sonstwas vorgefallen.“ Einen Augenblick denke ich mit Mitleid an den klugen und stillen Freund der A., in dessen Koordinatensystem vermutlich tatsächlich nicht nur sonstwas, sondern der größte anzunehmende Unfall stattgefunden hat. „Armer Kerl.“, sage ich deswegen. A. schnaubt.

„Wirklich, Modeste, ich liebe ihn, ich würde ihn morgen heiraten.“ sagt A., und schiebt sich den letzten Rest eines Merveilleux in den Mund. „Aber so hinter dem Mond kann man doch gar nicht leben. Ich habe ihn gefragt – sind deine Eltern treu – ist irgendwer treu, den du kennst? Treu ist keiner, die einen reden nur mehr drüber als die anderen, also bitte.“ Ehrlich entrüstet schaut mich die A. über den Rand ihrer Teetasse an. Die stattgefundenen Diskussionen stehen mir lebhaft vor Augen.

„Und darauf hat er sich eingelassen?“, frage ich die A., die aufgebracht den Kopf schüttelt. „Mit dem Mann kann man ja nicht vernünftig reden.“, meint die A. Sie habe alles versprochen, und sei selber gespannt, wie lange die guten Vorsätze halten.

„Und jetzt gehen wir shoppen, ja?“, fragt die A. und schildert einen dramatischen Mangel an Oberbekleidung.

Mittwoch, 18. Mai 2005

Hochzeitsbilder

„Liebe Modeste,“ steht in der Klappkarte mit dem Brautpaar vorne drauf, „vielen Dank für die schönen Eierlöffel, die wir jeden Morgen benutzen!“ – Nichts zu danken, denke ich, und bewundere ein wenig das Brautkleid mit einem Überwurf aus elfenbeinfarbener Spitze, das geschmackvolle Diadem, und die - mir unbekannte - lächelnde Braut mit rotblonden aufgesteckten Haaren. Ich war nicht auf der Hochzeit.

„Erstklassige Feier“, berichtet der T. auf telephonische Anfrage, und hebt die Familie der Braut hervor, deren Familie schon mit Heinrich dem Löwen gen Osten ritt. Der Bräutigam habe Glück gehabt. „Wieso bist du nicht mitgekommen?“, fragt T., und berichtet, es sei nach mir gefragt worden. Der Bräutigam G. habe sich am Abend mit T. eine ganze Weile über mich unterhalten und bedauert, dass der enge Kontakt nach dem Umzug in der Oberstufe so schnell versiegt sei. Auch die N., enge Freundin sowohl des G als auch von mir, sei leider nicht dagewesen, heirate aber selbst im Herbst in Wien. „Heiratet bestimmt nicht irgendwen, die N.“, beschließt T. das Gespräch, und damit hat er wohl recht.

Damals, frisch in der Obertertia, war die N. meine lässige Nebensitzerin, ein Mädchen wie von Arno Breker in Stein gehauen, und zu ihren Füßen lag die halbe Oberstufe und winselte. Schließlich küsste sie den Schlagmann des Schulachters, um ihn noch vorm Ende des Halbjahres gegen einen athletischen Studenten auszutauschen, der nicht nur adelig war, sondern auch reich. „Du brauchst auch einen Freund.“, sagte die N. nachmittags zu mir, teetrinkend auf unserer Veranda. – Zwar teilte ich diese Auffassung der N., die Anschaffung eines Gefährten allein erwies sich insbesondere vor dem Hintergrund schwierig, dass ich, ganz für mich, mir schon einen Kandidaten ausgesucht hatte, den G. nämlich, jenen inzwischen frisch verheirateten Herrn.

Die Schritte, die Menschen unternehmen, um denen nahe zu sein, die sie verehren, haben es an sich, dass sie nur dann nicht unendlich tölpelhaft, peinlich aufdringlich und unglaublich ridikül wirken, wenn es denn letztendlich klappt, und man sich eines Tages in die Arme sinkt. Diese Erkenntnis jedoch blieb einem späteren Lebensalter vorbehalten, und so begab sich mein fünfzehnjähriges Ich in den Redaktionsraum der Schülerzeitung, um dort die Mittelstufenseite vollzuschreiben, und dem G. näherzukommen. In der Pause zerrte ich N. auf den Raucherschulhof, wo der G. herumstand, und bis heute fürchte ich, dass meine Teilnahme am Finale von „Jugend trainiert“ in gleich drei Wettkampfklassen im wesentlichen auf den Wunsch zurückzuführen war, G. zu begleiten.

Die Kalkulation, G. wenigstens kennenzulernen, ging immerhin auf. Wir gingen ins Kino, ich trank meinen ersten Gin Tonic auf seinem 18. Geburtstag, und G. versuchte mir erfolglos, Chemie beizubringen. Nachts träumte ich vom G., morgens wartete ich auf ihn im Foyer der Schule, und eines Tages fasste ich mir ein Herz, und griff nach seiner Hand. Ein paar Minuten saßen wir so da, ich umklammerte seine Finger, und schließlich zog G., seine Linke vorsichtig weg, alle Himmel stürzten ein, ich heulte eine Woche am Stück und wollte nie mehr in die Schule gehen.

Ein paar Wochen später stand der G. vor unserer Haustür, ich schöpfte neue Hoffnung, kochte eine große Kanne Tee, und erfuhr, dass sich auch G.´s Herz keineswegs auf dem freien Markt befand. Das Mädchen, dem seine Neigung gehörte, war blond, schlank und sportlich, verbrachte seine ganze Freizeit auf Pferden, und sprach so gut wie nie.

„Tja, dann –„, sagte ich, und lächelte vernichtet und ein bißchen geniert vor mich hin. G. nickte, verabschiedete sich, und ein paar Wochen später war die schweigsame Blonde seine Freundin. „Nimm´s dir doch nicht so zu Herzen.“, riet die N., und versuchte, mein Augenmerk auf andere nette Menschen zu lenken. Wer einen nicht liebe, sei einen auch nicht wert. Geradezu eine Notwendigkeit des Stolzes sei daher unverzüglich ein fester Freund, damit weder der G. und auch sonst einer bemerke, dass mir die ganze Sache ja offenbar ein wenig mehr zu Herzen gegangen sei, als man noch als vernünftig bezeichnen könne. Überdies gebe es nichts, was vor den Augen der Welt lächerlicher sei als vergebliches Hinterherlaufen.

Ich schwieg und litt also im vollen Bewusstsein, mich gerade unsterblich zum Depp zu machen, und spazierte ein paar Wochen im Winter neben einem Studenten mit Überbiss über den Weihnachtsmarkt, dessen Namen ich vergessen habe.

Mit dem Hochzeitsphoto in der Hand stehe ich ein paar Minuten am Fenster. Aus dem Hinterhof winkt mir ein Nachbar hoch, ich winke zurück, und setze mich wieder an den Schreibtisch. Irgendwo, in einer Ecke, sitzt mein fünfzehnjähriges Ich und schnieft ein bißchen vor sich hin. „Blöde Bratz´n“, sage ich zu dem kleinen Mädchen, das ich schon so lange nicht mehr bin. Das kleine Mädchen erzählt von Hochzeiten in weiß, Nächten mit dem Kopf an einer warmen Schulter und Zusammenbleiben für immer.

„Schmink´s dir ab.“, sage ich, und schicke die Kleine weg.

Dienstag, 17. Mai 2005

Sic transit

Die Vergänglichkeit, so sagt man, beschäftigt den alten Menschen naturgemäß mehr als den jungen. Nicht nur das weitere Schicksal unserer unsterblichen Seele, sondern auch die Frage, welche künftigen Wege jene irdischen Besitztümer nehmen, die uns teuer sind, stellen auf dem Wege zum Grabe indes Umstände dar, an die gerade ein seit 15 Jahren verwitweter kinderloser Greis von über achtzig Jahren mit Bangen denken mag, und anders ist jener Vorfall des mir ansonsten ziemlich unbekannten Onkel H. auch gar nicht verständlich.

Den Onkel H., ein Vetter meiner Großvater oder so, hatte ich zuletzt auf der Beerdigung meines Großvaters gesehen, damals noch in Begleitung seiner Gattin, und nach jenem letzten gemeinschaftsstiftenden Ereignis der Großfamilie vollkommen aus den Augen verloren. Mit den Jahren, so sagt man sich, sei er ein wenig wunderlich geworden, wie es denn so geht, wenn erst die Gefährtin dahinsinkt, und man sich dann auch noch mit der ganzen restlichen Sippe zerstreitet, ohne in einem ausgedehnten Freundeskreis hinreichenden Ersatz zu finden. Allein mit einer zumindest für einen Privatmann verhältnismäßig umfangreichen Bibliothek verblieb Onkel H. also in seinem Einfamilienhaus und wurde steinalt und ein bißchen komisch. Lange Jahre hörte niemand etwas vom Onkel H.

Eines Tages jedoch klingelt bei einer Person, die ich der Einfachheit halber hier einmal schlicht eine Tante nennen möchte, das Telephon, und des H. Nachbarn sind dran. Onkel H., so berichten diese, grabe seit Anfang März den ganzen Garten einmal sorgfältig um und versenke in den offenen Löchern große, schwere Gegenstände. Oha, dachte meine Tante, und rief den Onkel bei Gelegenheit einmal an. Der Onkel verleugnete sich.

„Was meint du, mit er verleugnete sich?“, frage ich ein wenig irritiert nach. „Naja,“, sagt meine Tante, „stelle dir vor, ich rufe dich an, und du behauptest, du wärest gar nicht du. Sondern deine Mitbewohnerin.“ „Ach so.“, antworte ich, und fürchte das Schlimmste für den Geisteszustand jenes Onkels, das sich dann auch sogleich bestätigen sollte: „Onkel H. ist ja leider verrückt geworden.“, meint meine Tante, und schildert den Besuch beim H. am Wochenende nach dem erfolglosen Versuch telephonischer Aufklärung.

Gegen Mittag biegt die Tante also in die Straße des Onkels ein, und sieht schon an der Ecke das Malheur: Tatsächlich besteht der ganze Vorgarten – und wie sich später herausstellen sollte: der Garten nach hinten heraus auch – aus einer planen, wüsten Ackerfläche. „Hat er dich denn ohne Probleme ins Haus gelassen?“, frage ich, und ernte die Versicherung der Tante, der Onkel sei nachgerade froh gewesen über ihr Auftauchen, und das könne er auch sein, denn einen Geistesgestörten - nicht? – könne man ja unmöglich allein lassen, der müsse unverzüglich unter Aufsicht, und dafür habe sie dann auch gesorgt.

„Woran hast du gemerkt, dass er krank ist?“, frage ich ein bißchen irritiert nach. „Die Bücher!“, trompetet die Tante, und legt die Umstände einer wahrhaft sonderlichen Regelung auf den Todesfall dar: Besagter Onkel also, bar der Nachkommen und ohne nennenswerte literaturbeflissene Bekannte, begann wohl vor einigen Jahren, um jene Bibliothek, die den Quell der Freude seines ansonsten etwas eintönigen Lebens darstellte, zu fürchten. Traurig winkten die Bücherkisten der Trödler dem Einsamen zu, vor seinem geistigen Auge wuchsen starke Männer aus dem Boden, die im Auftrage einer Firma für Wohnungsauflösungen die Bibliothek mitnehmen und sodann auseinanderreißen und für billiges Geld verramschen würden. Weh wurde es dem Onkel, Marbach wollte seine Bibliothek nicht haben, und so beschloss der Onkel die Bücher mit ins Grab zu nehmen wie, so sagt man, Inder bisweilen ihre Ehefrau.

Größe und Benutzungsmodalitäten herkömmlicher Grabstätten verboten indes eine allzu wörtliche Ausführung dieses Plans. Unter die Erde, geschützt vor den raubgierigen Fingern der Wohnungsauflöser und der fleddernden Verwandten, die den gesammelten Kleist mitnehmen, und die Tagebücher Ernst Jüngers wegschmeißen würden, sollten die Bücher gleichwohl, und so erwarb der Onkel große wasserdichte Kisten, und hob an, das Glück seines Lebens einen Meter tief unter seinem Garten für nachfolgende Generationen aufzusparen.

„Ist er sonst denn noch ganz gut beieinander?“, frage ich die Tante, und ernte ein entrüstetes Schnauben. Mit Zähnen und Klauen habe er sich gegen das Altenheim gewehrt, mit Einweisung habe sie drohen müssen, aber so habe es ja nicht gut weitergehen können, und ein gut geführtes Heim habe sie auch gefunden. „Kann er die Bücher da denn mitnehmen?“, frage ich nach, und meine Tante weist auf die immensen Kosten der Wiederausgrabung hin. Den Nachbarsjungen habe sie Geld gegeben, und hoffe demnächst die Kisten wieder vollzählig vorzufinden.

Ins Heim aber, so sagt meine Tante, werde der alte Mann die Bücher kaum mitnehmen können, höchstens eine Auswahl, und so werde sie die Bücher wohl, wie auch das Haus, verkaufen.


Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7747 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren