Dienstag, 3. Mai 2011

Drei Karten aus dem Paradies

Liebe Mama,

hier ist es sehr schön warm und grün. Wir sind gut untergekommen; Adam war ein paar Stunden vor mir da und hat alles vorbereitet. Auch die Verpflegung ist sehr gut, es gibt jeden Tag all inclusive Fisch, Fleisch und frische Früchte. Das Obst pflücken wir übrigens direkt von den Bäumen. Das Management hat an alles gedacht: Äpfel, Birnen, Ananas, Bananen - auch jede Menge Früchte, von denen ich noch nie gehört habe. Nur von einem Baum dürfen wir nicht essen, der ist dem Management vorbehalten. Reicht ja aber auch so; ich habe schon zwei Kilo zugenommen, die müssen wieder weg!

Alles Liebe, auch vom Adam
Deine Eva

***

Liebe Kollegen,

ist bei Euch auch so schönes Wetter? Wir haben hier rund um die Uhr mindestens 25° C. Geregnet hat es bisher nur nachts. Adam und ich können nur morgens joggen, später wird es zu warm. Leider hat Adam ziemlich zu tun; das Management hat ihn spontan beauftragt, die hier ansässigen Tiere zu benennen. Mit solchen Jobs hat er ja viel Erfahrung. Ich vertreibe mir die Zeit also meistens allein und mache viel Sport. Ab und zu spreche ich mit der Schlange, die ist recht kurzweilig, ansonsten ist es hier etwas einsam, aber natürlich trotzdem sehr schön.

Euch eine ruhige Zeit, macht keine Dummheiten und viele liebe Grüße
Eure Eva

***

Hey Süße,

der Garten Eden ist nichts für mich. Es ist zwar alles da, aber ich weiß schon zwei Stunden nach dem Frühstück nicht mehr, was ich machen soll. Adam muss hier Tiere benennen und lässt sich Namen einfallen, da ist das Ende von ab. Unglaublich. "Opossum" oder "Nasenbär" sind noch das Geringste. Ich weiß nicht, warum er immer noch jeden noch so blöden Job annimmt.

Du fehlst mir! Ohne Freundinnen macht das alles keinen Spaß. Außer der Schlange gibt es hier niemandem, mit dem man mal ein Schwätzchen halten kann, und die spricht immer nur über den Baum, dessen Früchte wir nicht essen dürfen. Auf die Dauer ist das auch kein abendfüllendes Thema, schließlich steht uns hier alles andere zur Verfügung. Ich bin mir außerdem sicher, so gut schmecken die verbotenen Früchte nun auch wieder nicht. Okay, probieren würde ich schon, wenn es keiner mitbekommt, aber Du kennst ja Adam, der geht ja selbst morgens um drei nur bei grün über die Ampel ... Vielleicht spreche ich heute abend mal mit ihm über diesen Baum, aber vermutlich ist es hier wie mit allem: Wenn man ihn nicht vor vollendete Tatsachen stellt, wird nie etwas draus.

So, halb drei: Ich bin mit der Schlange zum Tennis verabredet. Sie spielt ganz gut, aber natürlich nicht so gut wie Du. Alles Liebe jedenfalls und bis bald

Deine Eva

Samstag, 30. April 2011

Latein

"Kein Wunder bei 30° C.", kommentiert der J. meinen Bericht und drapiert ein Stück Zahnpasta auf seiner Bürste. Wahrscheinlich hat er recht. Es ist eindeutig zu heiß hier für ordentliche Träume, aber wenn die Klimaanlage läuft, ist es zum Schlafen zu laut.

So schlimm ist es ja auch nicht, wenn die Blogpolizei (oder eine andere Stelle der öffentlichen Verwaltung) mich verpflichtet, drei Wochen lang ausschließich auf Latein zu posten. Ich schreibe dermaßen wenig, da fallen drei Wochen Blogpause schließlich kaum auf. Notfalls - aber wirklich nur notfalls - würde es vielleicht sogar reichen für ganz, ganz kurze Postings in schönstem Küchenlatein, aber selbst dazu wäre es gar nicht gekommen, denn ich habe Widerspruch eingelegt gegen diese Maßnahme der Blogpolizei, zur Niederschrift bin ich im Amtsgebäude erschienen, das halt so roch, wie Amtsgebäude eben so riechen, und habe einem gelangweilten Beamten im Pullunder meinen Widerspruch diktiert.

Vermutlich auch wegen der Hitze hier hat sich der Traum dann in sonderbaren und ein wenig bruchstückhaften Verästelungen verloren. Ich weiß noch, dass der Widerspruch zurückgewiesen wurde, aber ob ich Klage eingelegt habe, dass ist mir nicht mehr bewusst, werde dem aber nachgehen, wenn ich erneut Gelegenheit haben werde, möglicherweise gleich heute nacht.

Mittwoch, 27. April 2011

Reisen

Es gibt eine Reiseführer-Reihe, die heißt "Richtig Reisen", und jedesmal, wenn ich bei Dussmann davor stehe, schäme ich mich kurz - sehr kurz, nicht länger als ein Wimpernschlag - für den, der sich diesen Namen ausgedacht hat. "Richtig Reisen" ist der absurdeste Reiseführertitel überhaupt, diese schlecht verhohlene Angst, man könne vielleicht etwas falsch machen, gepaart mit verkniffenen Überlegenheitsgefühlen gegenüber allen anderen Leuten, die ganz sicher etwas falsch machen, halbnackt mit einem Eis in der Hand Kirchen heimsuchen zum Beispiel, Handtücher zu Reservierungszwecken auf Liegen legen und All-Inklusive-Hotels in Antalya buchen. Der Wunsch nach "Richtig Reisen" gehört, so scheint es mir, zu den Distinktionsmerkmalen älterer Lehrer in Abgrenzung zu denjenigen Eltern ihrer Schüler, die ihnen unsympathisch sind.

***

Jüngere Menschen, die ich kenne, gehen mit der Last, richtig zu reisen, deutlich diskreter um als die vorgenannten alten Lehrer. Wann immer möglich, behauptet der jüngere Mensch, er besuche vor Ort irgendwelche Leute. Das segnet dann auch Urlaubsorte ab, die der Reisende selbst als irgendwie unpassend empfindet. Die Westtürkei etwa. Ibiza. Der Besuch mag nur ein paar Stunden dauern, es mag sich um ein Kaffeetrinken handeln oder einen Drink an einer Hotelbar, aber einfach so mag offenbar keiner irgendwo hingefahren sein.

***

Der geheime Wunsch aller Reisenden ist es natürlich, so Reporter-Tim-haft irgendwo hinzufahren, also absichtslos in Ereignisse hineingezogen zu werden, die automatisch spektakuläre Ortsveränderungen auslösen (Nepal! Bordurien! Der Mond!), abseits einer Erlebnisse simulierenden Erlebnisindustrie jede Menge zu erleben, alles sieht super aus, und am Ende schreibt man auf den Frontblättern der Zeitungen darüber und erntet unsterblichen Ruhm.

Sonntag, 24. April 2011

Der Sommer der Männer

"Schau mal!", sage ich zur charming Frau Kitty im Heinz Minki im Garten und deute auf einen jungen Mann mit Bart und einer safrangelben Kapuzenjacke. Hübsch sieht er aus. Hübsch sehen viele aus, wie sie gerade durch Kreuzberg oder Mitte laufen, lang und schlank, aber nicht so hager wie in den schrecklichen Hedi-Slimane-Jahren mit den dünnen Beinen. Der Mann 2011 ist zweifellos erwachsen und belegt dies mit einem schönen Bart.

Der Bart des Sommermanns 2011 ist schwarz. Ich habe keine belastbaren Zahlen über die Bartfarbe der Männer dieser Stadt, aber allgemeine Feldstudien letzte Woche in der Mittagspause zwischen Neuer Schönhauser, Münzstraße und S-Bahnschienen haben genau dies ergeben. Über die Augen des Sommermanns kann ich dagegen nichts sagen, denn er trägt Sonnenbrille. Gern noch die vom letzten Jahr mit dem weißen oder mintfarbenen oder lachsfarbenen Gestell, weil er viel zu lässig und viel zu arm ist, um ständig irgendetwas Neues zu kaufen. Selbst wenn er Geld haben sollte, ist davon nichts zu sehen, weil hier Berlin ist und man zumindest so tut, als sei Geld nicht da, aber auch kein Thema. Unabhängig von seiner Muttersprache spricht der Mann des Jahres übrigens oft, trifft man ihn, englisch.

Wenn der Sommermann Locken hat, dann zeigt er sie kurz geschoren und dicht wie ein römischer Kaiser. Hat er keine, trägt er eine Mütze. Diese Mütze ist aus Wolle und liegt nicht so eng an wie eine Mütze, die man zum Skilaufen auf dem Kopf hat. Eher ähnelt seine Mütze (gern oliv oder taupe) dem Beanie seiner Freundin. Die verblasst dieses Jahr so ein bißchen gegen ihn, weil die Damenmode dieses Jahr extrem dämlich aussieht, allein diese Jumpsuits, es ist zum Heulen, so dass die Freundin des Sommermanns nur die Wahl hat, unmodern oder unvorteilhaft auszusehen.

Viele der Männer, die mittags in Mitte essen oder die man abends bei Konzerten sehen kann, wie sie selbstvergessen und glücklich tanzen, sind muskulös. Sind sie sehr muskulös und unbefangen eitel, tragen sie im Sommer gern Unterhemden oder Shirts, die wie Unterhemden aussehen. Ihr Bizeps glänzt dann in der Sonne. Sie sehen super aus so, sehr gern würde man einen der Männer auffordern, die Muskeln einmal anzuspannen, und das feine Spiel der Adern unter der Haut zu bewundern. Ist der Sommermann nicht so muskulös oder sitzt er in Büros, wo man das nicht so macht, trägt er gut gebügelte weiße Hemden. In jedem Fall hat er ein Riesentuch um den Hals. Wenn er sich was traut, gern mit Lurex.

Selbst in Jodhpurhosen sieht er sehr, sehr gut aus. Die Hosen können farbig sein, so ein pudriger Ton, der nach Staub und Hitze aussieht, gut sitzende Jeans gehen auch, und wenn er Flipflops tragen sollte - was es gibt - dann hat er gepflegte Füße. Überhaupt ist der Mann des Jahres 2011 sehr gepflegt und gibt sich keine Mühe, es zu verstecken. Er riecht gut. Creed könnte er tragen oder Blenheim Bouquet. Vielleicht trägt er sogar Schmuck.

Was der Sommermann beruflich macht, weiß ich nicht zu sagen. Ich kenne solche Männer nämlich im Regelfall nicht, weil es in meiner Branche wenig solcher Männer gibt und ich kaum Männer ohne einen solchen Anknüpfungspunkt treffe. Ich rede mir ein, diese Männer hätten Geist und Geschmack, weil ich nur kluge Menschen schön finden möchte. Überraschend oft bestätigt sich diese Hoffnung: Letzte Woche habe ich einen solchen Mann vor YamYam sitzen sehen, der las Robert Byron, strich sich ab und zu eine der Locken aus der Stirn und sah dermaßen sterbensschön aus, dass ich ihn am liebsten photographiert hätte. Am Donnerstagmittag bei Dolores in der Sonne sprach ein anderes Prachtexemplar von Sommermann klug über Jonathan Meese, den ja gerade zu recht keiner mehr mag.

Wie der Sommermann im Winter aussah, kann ich mir nicht mal vorstellen. Ich will's auch nicht wissen, ich will keinen Sommermann haben. Ich will mich nicht einem solchen Mann verabreden und nicht mit ihm sprechen. Ich spreche ja überhaupt manchmal ungern mit Fremden. Nur anschauen will ich den Sommermann, mich an ihm erfreuen wie an einer Orchidee, weil er 2011 so großartig aussieht wie selten sonst.

Mittwoch, 20. April 2011

Ich packe einen Koffer

Nein. Eigentlich packe ich keinen Koffer. Ich werde einen Rucksack packen, den mir die M. Sonntag ausleiht, und mit dem Rucksack werde ich mich als Backpacker verkleiden, weil ich ansonsten ja immer hochseriös mit Rollkoffer herumreise und es ganz lustig finde, mich als jemand auszugeben, der ich nicht bin. Ein Rucksack also.

Weil ich in Asien zwar irgendwie einheimisch, aber in den Augen der Leute da gleichzeitig total fett aussehe, ist es fast egal, was ich anhaben werde. Ich trage deswegen Flip Flops, Sandaletten und ansonsten Chucks. Ich werde Kleider anhaben, so Hängerchen mit Spaghettiträgern, und vielleicht Shorts mit Tanktops. Für die Ortsansässigen bin ich sowieso das Walross, da ist das dann auch egal, und dem J. werde ich verbieten, mich zu photographieren.

Bücher habe ich gekauft. Ich lese E. M. Forsters A Passage to India, weil ich der letzte Mensch bin, der das noch nicht kennt. Es hört sich großartig an. Ich lese Ford Madox Ford. Ich lese Ian Mc Ewan Am Strand. Ich werde Houellebecqs Karte und Gebiet lesen, nachdem ich schon vorletzte Woche die Lesung in Berlin verpasst habe, zu der ich unbedingt hingehen wollte, aber dann war ich auch an diesem Abend bis elf im Büro und habe mich ziemlich geärgert.

F. Scott Fitzgerald lese ich vielleicht schon auf dem Hinweg durch. Ich habe Tender is the Night schon dreimal gelesen, aber wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann möchte ich dieses Buch noch einmal zum ersten Mal mal lesen. Außerdem habe ich den neuen Krausser im Gepäck.

Ein bißchen herumfahren werde ich und schleppe meine Bücher und mich durch das Land. Ein wenig irgendwo im Nichts am Meer werde ich sein, sehr entspannten Menschen bei der Entspannung zuschauen, baden in meinem Bikini, aus dem ich aus allen Seiten herausquelle, aber mit 35 ist das bekanntlich egal. Schreiben werde ich, weil ich mir eine Frau ausgedacht habe, die Dinge für mich tut, damit ich sie nicht erleben muss, und weil ich Berlin vermisse, wenn ich nicht hier bin, lasse ich sie durch Berlin laufen, und es wird Sommer sein dort wie hier.



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