Montag, 9. Mai 2011

Westwärts wehn

Zehn Stunden Bangkok - Berlin sind eigentlich ziemlich gut. Unterwegs döse ich ein bißchen, während unter uns Taschkent, Dushanbe, lauter tolle Namen, dahingleiten. Die Berge kann man sehen, trocken und braun unter den Wolken. Da will ich hin, sage dem J., der neben mir döst und etwas schwer Verständliches murmelt.

Die anderen Leute im Flugzeug sind mir durchweg unsympathisch, denn wenn ich müde bin, neige ich zur Misanthropie und hasse sie alle: Die Leute, die ich schon deswegen für Sextouristen halte, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand freiwillig mit ihnen schläft. Die braungebrannten schrecklich robusten Paare mit zu blonden Haaren und zu großen Zähnen. Die Späthippies mit ihre bescheuerten Batikhängern, die faltigen Frauen, die stolz ihre gefälschten Handtaschen schwenken. Die hässlichen Kinder.

Weil ich schon in Bangkok nichts mehr zu lesen hatte, lese ich jetzt Tender is the Night innerhalb einer Woche zum zweiten Mal. Ich habe das Buch mit 20 schon einmal gelesen und auch damals gemocht. Von der Vergeblichkeit der Liebe schien es mir damals zu handeln, weil sich Dick und Nicole Diver lieben und sich doch nicht retten können. Von dem, was wir verlieren, wenn wir altern, handelt das Buch jetzt, beim Wiederlesen mit 35, und ich schaue mit einem Schauder, der vor 15 Jahren noch nicht da war, Dick Diver auf seinem Weg vor die Hunde zu. Ich habe Angst davor, alt zu werden, denke ich und schaue auf die blendend weißen Wolken herab. Ich will nicht 50 sein.

Unter uns zieht das Schwarze Meer vorbei. Nun geht es schnell. Um mich herum wachen Leute auf. Schon sind wir in Europa, Rumänien müsste das sein. Das schwarze Europa hat kürzlich ein Bekannter diesen Teil der EU genannt, und ich habe verlegen gelacht, weil ich das überheblich fand, unverschämt, und gleichzeitig genau wusste, was er meint.

Und doch schon vorbei. Über Polen sinkt das Flugzeug langsam ab, durchstößt die Wolken, und man kann Seen ausmachen, dunkelgrüne Wälder. Die Leute, die mir vor Müdigkeit so unsympathisch sind, fangen an, in ihren Sachen zu kramen. Solche Leute haben es ja immer so eilig, denke ich, was ungerecht ist, weil ich es auch immer eilig habe und mir nur mehr Mühe gebe als jene, dass man das nicht so merkt.

Am Ende aber sitzen wir im Taxi. "Prenzlauer Berg?", fragt der Taxifahrer, weil man damit bei Leuten um die 35 vermutlich meistens richtig liegt. Wir nicken und fahren heim. Zu müde bin ich um zu schlafen, zu aufgekratzt, um jetzt daheim zu bleiben. "Willkommen Berlin!", denke ich, weil ich nirgendwo so gern bin wie hier, und dann laden wir unser Gepäck zu Hause ab, streicheln die Katzen, ziehen uns um und fahren nach Mitte. Eine Flasche Cygnus, ein Roastbeef von der Temmener Queen Tagliata und eine Zigarette auf der Terrasse des Grill Royal an der Spree, und hinter dem Bode Museum leuchtet der Fernsehturm Heimat und Freude mir zu.

Donnerstag, 5. Mai 2011

Ein Bild von einem Oger

"Das bin doch nicht ich?", rufe ich erschreckt aus und drehe mich nach dem J. um. Auf den Bildern von unserer Wanderung im Dschungel bei Mae Hong Son sieht man ganz deutlich einen Oger. Aus unerklärliche Gründen hat der Oger meine Hosen an, er trägt mein blaues Shirt, einen Rucksack auf dem Rücken und balanciert plump und etwas unbeholfen über einen Baumstamm.

Auch auf den anderen Bildern ist der Oger zu sehen. Er sieht zufrieden aus. Auf manchen Bildern lacht er sogar. Er trinkt Wasser, er macht auf einem großen Stein an einem Wasserfall eine Pause, er schwitzt fürchterlich, wie Oger es eben tun. Der Oger mag den Wald, wie es scheint, klar: Oger leben schließlich immer im Dickicht und verstecken sich in Höhlen. Dies scheint auch auf diesen Oger zuzutreffen, denn er ist dermaßen bleich, als habe er seit Monaten keine Sonne mehr gesehen.

Wie der Oger die lange Wanderung überstanden hat, weiß die Hölle. Der Oger sieht extrem unsportlich aus. Dabei macht der Oger einen zufriedenen Eindruck, vermutlich mag er die riesigen Bäume, den Fluß, die Einsamkeit am Ende der Welt, wo man vier Stunden lang laufen und niemanden treffen kann. Der Oger schaut Schmetterlingen hinterher, der Oger isst einen Keks. Vor der Schlange, die sich über den Trampelpfad schlängelt, hat der Oger sich erschreckt, aber die war so schnell, die hat der J. nicht photographiert.

"Sehe ich wirklich so aus?", frage ich vier Tage später sehr niedergeschlagen den J. und schaue mir die Ogerbilder genau an. Der J. beschwichtigt. Der J. hat es ohnehin nicht leicht mit mir, die ich sehr gern reise und sehr ungern am Strand liege, und nur wegen des J. überhaupt auf diese Insel mitgekommen bin. "Das bin doch nicht ich.", versuche ich noch einmal, den Oger abzuleugnen. Der J. lacht. "Mein kleiner Oger.", zieht er mich freundlich an den Ohren und macht das Licht aus.

Mittwoch, 4. Mai 2011

Der Urlaub der anderen

Morgens um acht wache ich also auf. Die Klimaanlage hat die Raumtemperatur auf angenehme 20° C heruntergekühlt, ohne dabei schrecklich zu lärmen. Der J. wälzt sich neben mir und lächelt mich freundlich an. Irgendwo hinter den noch zugezogenen Vorhängen wuchert ein üppiger tropischer Garten, hinter dem Garten liegt das Meer, überwölbt von einem straff gespannten, azurblauen Himmel.

Der angemietete Bungalow ist aus Teak und sieht wirklich gut aus. Der Pool ist perfekt, das Meer noch besser. Es ist immerzu warm und sonnig, das WiFi läuft tadellos. Heute morgen hat der J. Pancakes gegessen mit gegrillten Bananen, ich habe Eggs Florentine bestellt. Die Kellner lächeln. Es gibt nicht so besonders viele andere Gäste, und die, die es gibt, sind ziemlich ruhig. Der J. ist nicht zuletzt aus diesem Grunde den ganzen Tag gut gelaunt. Nachmittags stellen die Zimmermädchen uns Kekse und Tee auf die Terrasse. Am Strand sind maximal zehn Menschen zu sehen. Diese Menschen baden oder sie lesen.

Auch ich bade und lese. Allerdings dauert das Baden und Lesen maximal zwei Stunden. Auch zum Einkaufen brauche ich nicht mehr als eine Stunde. Ausflüge werden hier zu anderen Stränden angeboten, das reizt mich nicht so, weil ich keine Ahnung habe, was ich da dann machen soll, wenn ich erst da bin. Da sitze ich also, es ist ungefähr zwölf, und frage mich, wie eigentlich die anderen so etwas aushalten, was denen durch den Kopf geht den ganzen Tag, ob sie sich auch langweilen, ob sie auch nach Hause wollen, und ob sie sich jetzt auch in ihren Bungalow unter die Klimaanlage legen und sich Geschichten ausdenken, die natürlich nicht am Strand spielen - was soll da auch schon groß passieren - sondern irgendwo in großen Städten, zum Beispiel in Berlin. Berlin.

Dienstag, 3. Mai 2011

Drei Karten aus dem Paradies

Liebe Mama,

hier ist es sehr schön warm und grün. Wir sind gut untergekommen; Adam war ein paar Stunden vor mir da und hat alles vorbereitet. Auch die Verpflegung ist sehr gut, es gibt jeden Tag all inclusive Fisch, Fleisch und frische Früchte. Das Obst pflücken wir übrigens direkt von den Bäumen. Das Management hat an alles gedacht: Äpfel, Birnen, Ananas, Bananen - auch jede Menge Früchte, von denen ich noch nie gehört habe. Nur von einem Baum dürfen wir nicht essen, der ist dem Management vorbehalten. Reicht ja aber auch so; ich habe schon zwei Kilo zugenommen, die müssen wieder weg!

Alles Liebe, auch vom Adam
Deine Eva

***

Liebe Kollegen,

ist bei Euch auch so schönes Wetter? Wir haben hier rund um die Uhr mindestens 25° C. Geregnet hat es bisher nur nachts. Adam und ich können nur morgens joggen, später wird es zu warm. Leider hat Adam ziemlich zu tun; das Management hat ihn spontan beauftragt, die hier ansässigen Tiere zu benennen. Mit solchen Jobs hat er ja viel Erfahrung. Ich vertreibe mir die Zeit also meistens allein und mache viel Sport. Ab und zu spreche ich mit der Schlange, die ist recht kurzweilig, ansonsten ist es hier etwas einsam, aber natürlich trotzdem sehr schön.

Euch eine ruhige Zeit, macht keine Dummheiten und viele liebe Grüße
Eure Eva

***

Hey Süße,

der Garten Eden ist nichts für mich. Es ist zwar alles da, aber ich weiß schon zwei Stunden nach dem Frühstück nicht mehr, was ich machen soll. Adam muss hier Tiere benennen und lässt sich Namen einfallen, da ist das Ende von ab. Unglaublich. "Opossum" oder "Nasenbär" sind noch das Geringste. Ich weiß nicht, warum er immer noch jeden noch so blöden Job annimmt.

Du fehlst mir! Ohne Freundinnen macht das alles keinen Spaß. Außer der Schlange gibt es hier niemandem, mit dem man mal ein Schwätzchen halten kann, und die spricht immer nur über den Baum, dessen Früchte wir nicht essen dürfen. Auf die Dauer ist das auch kein abendfüllendes Thema, schließlich steht uns hier alles andere zur Verfügung. Ich bin mir außerdem sicher, so gut schmecken die verbotenen Früchte nun auch wieder nicht. Okay, probieren würde ich schon, wenn es keiner mitbekommt, aber Du kennst ja Adam, der geht ja selbst morgens um drei nur bei grün über die Ampel ... Vielleicht spreche ich heute abend mal mit ihm über diesen Baum, aber vermutlich ist es hier wie mit allem: Wenn man ihn nicht vor vollendete Tatsachen stellt, wird nie etwas draus.

So, halb drei: Ich bin mit der Schlange zum Tennis verabredet. Sie spielt ganz gut, aber natürlich nicht so gut wie Du. Alles Liebe jedenfalls und bis bald

Deine Eva

Samstag, 30. April 2011

Latein

"Kein Wunder bei 30° C.", kommentiert der J. meinen Bericht und drapiert ein Stück Zahnpasta auf seiner Bürste. Wahrscheinlich hat er recht. Es ist eindeutig zu heiß hier für ordentliche Träume, aber wenn die Klimaanlage läuft, ist es zum Schlafen zu laut.

So schlimm ist es ja auch nicht, wenn die Blogpolizei (oder eine andere Stelle der öffentlichen Verwaltung) mich verpflichtet, drei Wochen lang ausschließich auf Latein zu posten. Ich schreibe dermaßen wenig, da fallen drei Wochen Blogpause schließlich kaum auf. Notfalls - aber wirklich nur notfalls - würde es vielleicht sogar reichen für ganz, ganz kurze Postings in schönstem Küchenlatein, aber selbst dazu wäre es gar nicht gekommen, denn ich habe Widerspruch eingelegt gegen diese Maßnahme der Blogpolizei, zur Niederschrift bin ich im Amtsgebäude erschienen, das halt so roch, wie Amtsgebäude eben so riechen, und habe einem gelangweilten Beamten im Pullunder meinen Widerspruch diktiert.

Vermutlich auch wegen der Hitze hier hat sich der Traum dann in sonderbaren und ein wenig bruchstückhaften Verästelungen verloren. Ich weiß noch, dass der Widerspruch zurückgewiesen wurde, aber ob ich Klage eingelegt habe, dass ist mir nicht mehr bewusst, werde dem aber nachgehen, wenn ich erneut Gelegenheit haben werde, möglicherweise gleich heute nacht.



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