Montag, 31. Oktober 2011

Lunch

Er hat sich nicht sehr verändert, denke ich und stehe kurz auf, um ihn zu umarmen. "Hey.", sagt er und drückt mich ganz kurz an seine Brust und dann wieder weg. Noch immer streicht er sich die etwas zu langen Locken mit dem kleinen Finger der linken Hand hinters Ohr.

Neben uns, auf der anderen Seite der marmornen Säule, fuchtelt ein Mann so heftig mit den Armen, dass der Luftzug mich unangenehm an der Wange berührt. Hin und her laufen die Kellner, als gelte es, einen Schnelligkeitswettbewerb zu gewinnen. Es ist kurz vor eins, rundherum isst man genug Schnitzel, um den ganzen Gendarmenmarkt mit Kalbsfleisch zu bedecken, und ich schaue kurz und zerstreut auf die Karte. Ich nehme die Boudin. Wie immer.

Leise ist er nach wie vor. Abends, sagt er, sitze er viel in Hotelzimmern und liest. Horaz habe er kürzlich nochmals gelesen. Mosebach liest er gerade. Ab und zu zwischen zwei Meetings geht er in fremden Städten ein wenig spazieren. Manchmal kehrt er dann in Kirchen ein. Er bete aber selten, sagt er, denn das - so wisse er - stehe ihm nicht an. Ich nicke, denn etwas anderes fällt mir nicht ein.

Er ist viel unterwegs und wenig in Berlin. Er hat ein Haus gekauft. Er fühlt sich wohl auf Flughäfen, in Hotels, beim flüchtigen Gang durch fremde Innenstädte und Parks, und ab und zu fahre er an dem Ort vorbei, an dem wir beide einmal gelebt haben als wir ganz jung waren und glaubten, wir seien ein Paar. Manchmal denke er daran, noch einmal diesen Ort zu besuchen. Niemals mehr seit damals sei er dort gewesen, denn seine Mutter lebe da ja nicht mehr, die er ohnehin, so sagt er und rührt seinen Kaffee, selten sehe, sehr selten: Nur alle paar Jahre.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Ganz egal

"Ach was.", sage ich und zerteile meinen Pancake sorgfältig in vier gleich große Stücke. "Dann haben die Kinder mit den übereifrigen Mamas halt die besseren Abiture." Mein Begleiter nickt mit vollem Mund und bestreicht ein Croissant mit Orangenmarmelade. "Das ist doch egal.", bestätigt er, verrührt einen Löffel Zucker in seinem Tee und winkt dem Kellner um ein Schälchen Honig.

Wir zum Beispiel haben beide kein gutes Abi. Als wir zur Schule gingen, gemeinsam, irgendwann in den Neunziger Jahren, war der Ehrgeiz ja quasi noch nicht erfunden. Niemand von unseren Eltern hatte Angst, dass Inder oder Chinesen mit doppelt soviel Wissen und dreimal so viel Fleiß uns den Rang ablaufen würden. Zwischen meinen Eltern und mir gab es die unausgesprochene Abrede, dass sie sich nicht einmischen und ich nicht sitzen bleiben würde. Weil meine Eltern offenbar überhaupt nicht in Frage stellten, dass ich meine Versprechungen in Hinblick auf eine ungestörte Schullaufbahn auch halten würde, nahm mein Vater pünktlich zu jedem Halbjahrszeugnis die warnenden Briefe zur Kenntnis, in denen stand, dass ich wegen zwei Fünfen in Chemie und Physik versetzungsgefährdet sei. Ich glaube, es hat ihn keinen Tag beunruhigt.

Auch die Mutter meines Begleiters zog Schulversagen nicht weiter in Betracht. Ich glaube, sie wusste nur sehr ungenau, welche Leistungskurse ihr Sohn so besuchte und sprach nie mit ihm über seine auffallend asymmetrischen Zensuren, die entweder (in Latein, Griechisch oder Geschichte) durchweg auf eins oder (in Mathematik, Physik oder Sport) maximal auf einer Gnadenvier für ein freundliches Wesen standen.

Guten Noten maßen wir auch bei anderen keinerlei Bedeutung bei. Wir wussten ziemlich genau, wer geistreich und wer zumindest belesen war und wer sich nur Königs Erläuterungen drei Tage lang merken konnte. Diffus war uns von Anfang an klar, dass aus den fleißigen Mädchen in unserer Klasse keineswegs die erfolgreichsten Erwachsenen werden würden, und wir verachteten die Mädchen mit den sauberen Heften schon vorab ein bißchen für so viel unnütz aufgewandte Arbeit.

Ich habe für mein Abi nicht gelernt. Der NC für Jura war bei 2,5 damals, da war klar, dass jeder spätestens im Nachrückverfahren einen Platz bekommen würde. Mein Begleiter lernte eine Woche für Mathe, weil er ansonsten durchgefallen wäre und ein Jahr verloren hätte. Wir haben beide nie auch nur im Ansatz in Betracht gezogen, dass man uns das Abitur verwehren könnte. Am Ende standen wir in der Aula, ich hielt die Abirede. Er spielte, meine ich, vierhändig Mendelssohn-Bartholdy. Es gab ziemlich salbungsvolle Worte und mittelmäßiges Essen. Ich hatte ein weißes Kleid an und sehe auf den Photos, die es gibt, irgendwie ungebürstet aus.

Das ist nun fünfzehn Jahre her. Wir haben beide ziemlich gute Examina. Seine Diss ist sehr, sehr gut und meine immerhin ansehnlich. Man lädt uns zu Kongressen ein, um dort zu sprechen und wir publizieren ab und zu in Zeitschriften, was wir uns über dies und das so denken. Es läuft, wie man so sagt, alles recht gut.

"Meine Sekretärin hat ein besseres Abi als ich.", sagt er und blättert in der Teekarte. Ich nicke. Es ist ganz egal, was passiert, bevor es losgeht, sage ich laut und korrigiere mich sofort: Nein. Es ist nicht egal. Aber das, was man in Schulen lernt, das ist egal, und die Mühen der Mamas vermutlich ganz vergeblich.

Sonntag, 9. Oktober 2011

Hin und her und Langeweile

Es begab sich aber vor einiger Zeit, dass eine nicht mehr ganz junge Frau vom Prenzlauer Berg - wir wollen sie X. nennen - sich mit ihrem langjährigen Freund schrecklich zu langweilen begann. Alle, die sie kannten, waren erstaunt. Ihr langjähriger Freund war schließlich auch schon in den fünf vergangenen Jahren ziemlich langweilig gewesen, aber irgendwie fiel der X. das erst Mitte 2010 richtig auf.

Nun trennt man sich mit 38 nicht so leicht von einem langjährigen Freund wie mit 28 oder gar mit 18. Die X. trennte sich also nicht. Sie zog nicht aus, sie blieb in der gemeinsamen Wohnung und ging einfach nur etwas häufiger vor die Tür, um sich abzulenken und mit Leuten zu sprechen, die nicht so langweilig waren wie ihr langjähriger Freund.

Eine ganze Weile fiel das niemandem auf. Schließlich kann eine erwachsene Frau einen Haufen Gründe haben, beispielsweise Konzerte und Ausstellungseröffnungen aufzusuchen. Auch ist es weder erstaunlich noch verwerflich, neue Bekanntschaften zu schließen. Irgendwann scheint ihr Freund aber doch Verdacht geschöpft zu haben.

Statt die X. auf ihre Abwesenheiten und insbesondere auf einen gewissen M., einen Kreuzberger Maler, anzusprechen, suchte ihr langjähriger, aber langweiliger Freund allerdings Halt bei einer gewissen Y., einer Arbeitskollegin aus Mahlsdorf, die sich Ende 2010 nach einer kleinen Weile indes ernsthaft in den langjährigen Freund verliebte. Das hatte dieser nun auch wiederum nicht beabsichtigt.

Die abservierte Y. war gekränkt und getroffen und rief unverzüglich die X. an. Diese reagierte halb belustigt, halb aber beleidigt, denn wer wird schon gern hintergangen mit einer dicklichen Sachbearbeiterin mit einer der hässlichsten Brillen Berlins? Die X. machte dem langjährigen Freund also eine fürchterliche Szene und warf ihm alles Mögliche vor, unter anderem seinen fehlenden Unterhaltungswert und die Unscheinbarkeit seiner Affäre. Weil aber die X. dabei ganz außerordentlich in Fahrt geriet, gestand sie im Zuge dieses lautstarken Monologs en passant auch die Liebelei mit dem M.

Der langjährige Freund fuhr unverzüglich beim M. vorbei, um mit diesem zu sprechen. Dieser jedoch war gar nicht zu Hause. Dafür traf der langjährige Freund die Frau des M. an, die sich seine Ausführungen ausgesprochen aufmerksam anhörte. Anschließend sprachen beide sehr, sehr intensiv mit dem M., der daraufhin zu Hause auszog und erst wiederkam, als seine Frau die Wohnung verließ.

Die Frau des M. wohnt, wie man hört, nunmehr mit dem Kind des M. wieder in Wiesbaden. In der Kreuzberger Wohnung des M. wohnt mit ihm gemeinsam die X. Die Y. sucht nach einer großen Enttäuschung im Internet einen ehrlichen und treuen Gefährten, und der langjährige Freund hat beim Verkauf der ehemals gemeinsamen Wohnung im Winskiez einen so großartigen Schnitt gemacht, dass die ganze Sache, immerhin, zumindest finanziell auch ihr Gutes gehabt haben soll.

In Neukölln hat der langjährige Freund nun eine schöne, neue Wohnung, viel größer als die alte, und harrt der nächsten, hoffentlich weniger gelangweilten Frau.

Montag, 3. Oktober 2011

Ruhig sein soll.

Nichts, sage ich. Zumindest nichts Nützliches. Und nicht so viel. Einfach herumliegen würde ich derzeit sehr gern, bevorzugt am See, Wälder rundherum, ein blauer, straff gespannter Himmel.

Niemand sollte anrufen können und keiner kommen. Vielleicht höchstens (am Wochenende gern, gern auch spät abends) der J. Träge glucksend soll Wasser auf Kies und Steine schlagen, ein par Katzen sonnen sich träge auf Stapeln von Holz, und die Stunden wehen unhörbar vorbei wie ein Duft nach frisch geschlagenen Bäumen, nach Harz und Rauch über Hügeln.

Mittwoch, 28. September 2011

Der B., die D. und das Vergessen

"Hey!", begrüßt mich der B. auf dem Markt vorm Stand vom Metzger und schiebt mit der linken Hand seinen kleinen Sohn an einer Frau mit Zwillingswagen vorbei. Es gehe ihm gut, entnehme ich dem kurzen Gespräch in der Schlange, er habe die Kanzlei gewechselt, seine Freundin geheiratet, mit der er das Kind hat, und ganz um die Ecke eine Wohnung gekauft. - "Schöne Grüße an die D., wenn ihr euch noch seht!", lässt er noch ausrichten, als die Verkäuferin mich zum zweiten Mal aufruft, zu bestellen. "Richt' ich aus!", wende ich mich noch einmal kurz nach hinten und ordere dann frische Weißwürste, ein Stück Leberwurst und werfe einen begehrlichen Blick auf die Lammrippchen. Dann gehe ich heim.

"Ach - der!", gluckst die D. am Montag drauf, als ich die Grüße ausrichte. Der, meint sie. Der mit den Halluzinationen. Die D. lacht und auch am Telephon höre ich die D. fröhlich den Kopf schütteln. Dann fällt auch mir alles wieder ein: Der B. und die D. und der nie geklärte Pfingstmontag.

Eines Tages nämlich - das ist schon ziemlich lange her - saßen die D. und ich vor dem 103 in der Kastantienallee. Da gehen wir schon lange nicht mehr hin, aber damals waren wir andauernd da, frühstückten, tranken frischen Pfefferminztee und den schlechtesten Wein der Stadt, und meistens trafen wir irgendwen, weil alle dahingingen. An diesem Tag, es war ein Pfingstmontag, trafen wir irgendwann spät auch den B. Der B. war ein Bekannter von mir, der D. aber sichtbar auf Anhieb sympathisch.

Was wir alles getrunken haben, habe ich vergessen. Irgendwann schloss das 103 und der große, schlanke Kellner, der, glaube ich, Klaus heißt, klapperte so ausdauernd mit Gegenständen, dass wir gingen. Irgendwann waren wir dann in Mitte. Und in Friedrichshain. Und noch später wieder in der Metzer Straße in der Wohnung vom B.

Die Wohnung vom B. war damals eine Art antibürgerliche Installation. Es war wirklich schmutzig, aber es gab noch Bier und Wodka, und als ich ging, war sogar immer noch etwas da. Mit mir brach der K. auf, den hatten wir irgendwo in Mitte aufgelesen, und erzählte mir am Rande des Bauspielplatzes in der Kollwitzstraße eine lange, ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. Während dessen wurde es unfassbar hell.

Ein paar Tage später traf ich die D. wieder irgendwo. Es sei nicht mehr viel passiert in dieser Nacht, meinte sie eher beiläufig. Sie sei irgendwann beim B. auf dem Sofa eingeschlafen und am nächsten Morgen hätte sie mit dem B. im MS Völkerfreundschaft gefrühstückt. "Netter Kerl so an sich.", meinte sie, und dann sprach sie nicht mehr vom B.

Der B. dafür sprach um so mehr von der D. Anders als jene meinte der B. nämlich sich durchaus an bemerkenswerte Vorfälle zu erinnern, auch sei das Frühstück (hier stimmten wenigstens wieder die gemeinschaftlichen Rahmendaten) durchaus romantisch verlaufen, und so fühlte sich der B. wohl durchaus zumindest subjektiv zu recht enttäuscht, dass die D. keinerlei Anstalten machte, sich erneut zu verabreden oder sich zumindest an ihn zu erinnern. Auf ein oder zwei SMS kam wohl keine Antwort.

Die D. dagegen schwor Stein und Bein, da sei nichts gewesen. Die D. gehört auch nicht zu den Leuten, die solcherlei Intermezzi absichtsvoll verschweigen. Man darf der D. daher abnehmen, dass sie sich zu Erinnerungen bekennen würde, besäße sie jene, und auch, dass sie derlei Ereignisse an sich nicht einfach vergisst. So viel, dass das Vergessen pharmakologisch bedingt eingetreten sein könne, habe sie zudem bei weitem nicht getrunken, behauptet die D. bis heute und so schwebt ein Mysterium über diesem Pfingstmontag, ein dunkler Fleck in der Privatgeschichte der D.und des B., unaufklärbar wie alle wahren historischen Rätsel.



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