Sonntag, 15. April 2012

12.04.2012

Auf dem Rückweg nach Berlin döse ich ein. Unter mir rattern die Schienen, und die Landschaft hinter dem Fenster ist flach und grün und wird selbst durch den Frühling kaum verzaubert. Hier hausen keine Heckenelfen. Hier ist kein Waldgeist zu Hause. Hier werden nur Rüben angebaut, Weizen oder Mais.

Auf meinem Bauch liegt das Kind und schläft, in meiner Cicero steht irgendwie nichts drin, und die Balken im Display meines Telephons sind so klein und schwach, dass sie kein Gespräch tragen würden. Es reicht nicht mal für facebook oder ein paar Mails an Freunde.

Dass Deutschland zum allergrößten Teil aus solchen leeren Räumen besteht, fällt mir ein, halb schon schlafend auf der Fahrt vorbei an ein paar einzelnen Häusern mit Silos und Scheunen und Traktoren auf dem Hof. Dass ich nie verstanden habe, was die Leute hier eigentlich den ganzen Tag machen, wenn es gar nichts gibt, nicht einmal ein lausiges Kino oder ein einziges nettes Café. Dass ich es ganz und gar verstehe, wenn hier weder ein Arzt wohnen will noch ein Lehrer, und dass ich heilfroh bin, dass ich hier nur Passant bin, vorbeigetragen im ICE, auf der Fahrt von einer Stadt zu einer anderen, und ich freue mich auf den Abend mit dem M.2, der mir von seiner Reise durch Indien erzählen wird in einem Restaurant in Mitte.

Dienstag, 10. April 2012

Gefällt mir das?

Gibt es eigentlich irgendeine Möglichkeit, hier eine Art "Gefällt mir"-Button oder so anzubringen?

08.04.2012

Solange man kinderlos durch Berlin eiert, hat man - mit wenigen Ausnahmen - seine Ruhe. Dann aber geht es los. Denn das Kind gehört nicht nur zum J. und zu mir. Mindestens im selben Maße, so meinen wenigstens die Großeltern, gehört ein Kind auch zu ihnen. Ab sofort fallen deswegen alle Schranken der Zurückhaltung. Die Mutter des J. lädt sich die also fortan selbst ein.

Irgendwelche Programmpunkte, Museen oder ähnliche Attraktionen, sind überflüssig. Die größte Atraktion, die Berlin zu bieten hat, liegt ganz offensichtlich auf dem Boden auf einer karierten Krabbeldecke und schaut konzentriert an die Decke. Für die Mutter des J. reicht das vollkommen aus. Stundenlang betrachtet sie das Kind, zupft am Kind, herzt das Kind und lächelt dem Kind zu, das ab und zu gnädig zurücklächelt. Irgendwann zwischen den unterschiedlichen Akten der Anbetung gibt es erst Kuchen und später etwas Warmes. Was und wie ist den Eltern des J. sichtlich egal.

Die Intensität der Anbetung würde vermutlich jeden verrückt machen. Kind F. ist ein recht entspanntes Kind, aber irgendwann zeigt auch Kind F. Ermüdungserscheinungen. Der J. schützt eine Erkältung vor und legt sich eine Stunde zu Bett, und ich bete unhörbare Mantren des Inhalts, dass das ja hoffentlich nicht lange so bleibt und die Mutter des J. ja heute abend wieder abreist.

Als sie weg sind, atme ich erst einmal durch. Kind F. wird heute deutlich schwerer in den Schlaf finden als sonst. Dafür ist der J. nach Abreise seiner Mutter wieder gesundet, sitzt auf dem Sofa, liest Zeitung und behauptet, seine Mutter sei in ihrer Begeisterung doch eigentlich süß.

Sonntag, 8. April 2012

07.04.2012

Eigentlich sollte ich auf der Stelle jede Nahrungsaufnahme einstellen, um irgendwann, möglichst vor Beginn der Bikinisaison, wieder in den Spiegel schauen zu können, ohne zu weinen. Dann aber lande ich doch im Mami Camilla und esse erst eine Antipastiplatte und dann Cannelloni. Ich werde platzen, soviel steht mal fest.

Nach Hause zurückgekehrt, backe ich auch noch eine Torte. Morgen kommen die Eltern des J. Ich erwarte größere Anstrengungen, dann will ich wenigstens gut essen, und so backe ich einen Biskuitboden, verrühre Quark, Ricotta, Schlagsahne und Früchte, und plaudere ein bisschen mit dem J., der im Wohnzimmer auf dem Sofa liegt, Kind F. auf dem Bauch.

Spät abends liege ich im Bett. Neben mir schnarchen der J. und der F., und nach 20 Seiten William Boyd fallen mir die Augen zu. Ich träume von einem Betriebsausflug und von meiner Großmutter. Ich habe meine Großmutter sehr geliebt und - das fällt mir beim Aufwachen ein - Ich hätte ihr gern Kind F. gezeigt.

06.04.2012

Auf der Oberbaumbrücke ist es kalt. Hell, fast metallisch glänzt die Spree Richtung Osten, haufenweise hübsche Italiener laufen zwischen Friedrichshain und Kreuzberg hin und her, und ich schiebe die ganze Strecke bis nach Prenzlberg zu Fuß und lasse die Gedanken laufen. Ich bin um 16.30 Uhr mit dem R. und der I. zum Kuchen essen verabredet, noch habe ich also Zeit.

Alles in allem bin ich recht zufrieden. Es geht gerade auch ganz gut voran mit der Frau, die ich mir ausgedacht habe, und ich überlege, wie sie eigentlich aussieht, und was sie heute täte. In den acht Episoden, die es werden sollen am Schluss, kommt das nämlich nicht mehr vor, denn die enden im September 2011.

Hinter mir liegt ein langer Spaziergang mit Kaffee zum Schluss mit Herrn Glam, flamboyant wie immer, einen wunderschönen Shawl um den Hals. Vielleicht, so fällt es mir ein, sollte auch Glam in den Geschichten über Nora auftauchen, und ich überlege kurz, wie ich ihn beschreiben würde für einen Leser, der ihn nicht kennt. Eine radikale, eine Kreuzberger Eleganz, fällt mir dazu ein, und eine ein wenig unzeitgemäße Vokabel, die sein Wesen, wie ich meine, am besten beschreibt: Glam besitzt Anmut.

Samstag, 7. April 2012

05.04.2012

Ich laufe durch Berlin. Ich will den J. vom Büro abholen und laufe durch die ganze Stadt, am Alex vobei, die Linden entlang, quer durch den Tiergarten und den Kudamm herunter, an den Boutiquen vorbei, bis ich irgendwann vor der Schaubühne stehe. Ein bisschen müde bin ich, und auch die kalte Sonne hat mir Wangen gerötet, der Wind hat mein Haar zersaust.

In allen Lüften schwingt der Frühling und pustet Leichtsinn durch die Straßen. An den Zweigen schaukeln zarte, hellgrüne Tupfen, die Jacken werden hell und leicht, und die Menschen lachen, wenn sie sich begegnen, als teilten sie miteinander ein delikates, duftendes Geheimnis.

Abends bin ich müde. In der Badewanne liegend sehe ich meinen Füßen zu, diefrisch lackierten Nägel inmitten des weißen Schaums. Zum Spaß lasse ich ein paar Fläschchen schwimmen, überlege, was ich von Karen Duves Roman "Taxi" halten soll, und freue mich auf das Treffen mit Glam am nächsten Morgen, das Angrillen am Montag, und denke mir Torten und Salate aus, die ich alle zubereiten will für meine Freunde.

Donnerstag, 5. April 2012

04.04.2012

Ich befinde mich in einem Zwiespalt: Ich habe keine flachen Schuhe. Ich trage derzeit immer entweder ein paar cognacfarbene Stiefel oder Chucks, denn für längere Spaziergänge mit dem Kind eignen sich meine wunderschönen Schuhe ganz und gar nicht. Die sind nämlich nur zum Sitzen und zum Taxifahren da. Schuhe zum Laufen habe ich praktisch nicht.

Natürlich spräche all das dafür, neue Schuhe zu kaufen. Es gibt ja auch flache Schuhe, die nicht aussehen wie Klumpen. Ich bringe es aber nicht über mich, ich bin zu klein für flache Schuhe, und ich tröst mich immer damit, dass die Ballerinasaison ja demnächst beginnt. Ist ja nur noch eine Sache von Wochen. Dann bin ich aus dem Schneider. Und wenn erst mal die Sandalen ...

Aber bis dahin bleibt mir nur: Stiefel. Chucks. Oder Zähne zusammenbeißen und an etwas Schönes denken. Notfalls auch 5 km quer durch die Stadt beim Spaziergang mit ein paar Bekannten.

03.04.2012

Noch vor wenigen Jahren wusste ich ziemlich genau, welche Freunde in welcher Bar anzutreffen waren. Es gab Leute, die traf man mit großer Sicherheit Donnerstag Nacht im Cookies an. Einen Bekannten habe ich immer im Schwarzsauer angetroffen, wo wir uns jedesmal versichert haben, wir wären da nie, außer ausgerechne heute. Dann haben wir - so meine ich mich zu erinnern - Unmengen Bier getrunken und ganz, ganz viel geraucht.

Das Rauchen habe ich leider aufgegeben. In Bars bin ich gerade auch eher selten. Die Bekannten immerhin treffe ich nach wie vor mit derselben vorhersehbaren Zufälligkeit: Auf dem Markt etwa. Beim Kuchen essen. Oder in der LPG. Die LPG am Senefelder Platz ist nämlich der Ort, an dem jeder, ausnahmslos jeder, irgendwann im Laufe einer Woche einzukaufen scheint, und so stehe ich mit drei anderen Bekannten am Dienstag nachmittag irgendwo zwischen den Rollbändern, den Kassen und dem Obst und plaudere über den Urlaub der I., ein Jobangebot der L. und eine vewickelte Intrige, bei der es irgendwie auch um die B. geht, die ich aber nicht genau verstanden habe.

Um den Duchgang nicht total zu verstopfen, schieben wir unsere Kinderwagen immer ein bisschen nach links und rechts. Die Mütter mit Kindern, die schon laufen können, passen aus den Augenwinkeln auf, dass die Kinder nur Sachen essen, die schon im Wagen liegen, und irgendwann verabschieden wir uns und gehen.

Alles in allem hört man nicht weniger, als früher an irgendeinem Tresen, resümiere ich auf dem Weg zum Sushiessen. Ich treffe auch nicht weniger Leute. Nur lustiger, lustiger war's schon, damals unterwegs durch die Stadt, und ich freue mich auf die nächsten langen Nächte, sobald es wieder geht. Lange kann es nicht mehr dauern.

Aber nun gibt es erst einmal Sushi.



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