Sonntag, 7. Oktober 2012

Oktober, 6

Lange hat sich der Sommer gehalten. Wie manchmal ein schon mürber, brüchiger Ast noch an einer letzten Faser hängt, schon zu schwer eigentlich für den Baum, täglich etwas tiefer gebeugt vom Gewicht des toten Holzes, lehnte der Sommer spät und träge noch in den Ecken, saß auf den Bierbänken am Schwanenteich, aß Tag für Tag ein letztes Eis, und musste dann doch mit Sack und Pack verschwinden. Letzte Woche war das. Vielleicht am Freitag. Seine Sandkastenschaufeln nahm er mit, seine kurzen Ärmel und nackten Beine, und so ziehe ich los am Samstagmorgen und kaufe ein: Strumpfhosen. Eine Mütze. Strumpfhosen aus Wolle für den F.

Weil ich schon einmal da bin, kaufe ich noch ganz viel anderes Zeug. Ich habe noch nie so viel Geld bei dm gelassen wie in diesem Jahr. Diese ganzen Drogeriefilialen machen vermutlich 90% ihres Umsatzes mit jungen Müttern, mutmaße ich und fühle mich mit einem Blick auf die anderen Kunden bestätigt. So gut wie jeder hat ein Kind dabei. Nur der Kerl dahinten .... der ist bestimmt allein. Doch auch in dessen Korb: Schmelzflocken. Ein Breisauger. Die Sache ist klar.

Später schlafe ich zwei Stunden und lese ein bißchen und spiele ein bißchen mit dem F. Dann schlafe ich weiter. Erst so gegen sieben werde ich wieder wach und koche hastig Brei. Schnell füttern und los. "Wieso sind wie eigentlich wieder im Alt Wien verabredet?", frage ich den J., der zufrieden und genießerisch schweigt. Wenn es nach dem J. geht, essen wir hier täglich.

Kurz nach uns erscheinen Mek und die K. Heute gibt es Schnitzel, rosé Sekt, danach ungeheuerliche Mengen Mehlspeisen, und wir erzählen und gegenseitig lauter Geschichten, die alle sehr, sehr interessant sind, aber wegen des Sekts habe ich am Ende alles wieder vergessen. Aber schön war's, das vergesse ich nicht.

Hochzufrieden wirkt auch der F. Er muss pappsatt sein nach seinem Brei und dem halben Brotkorb und ein bißchen Kaiserschmarrn zum Schluss, quietscht aber fröhlich und hochaktiv auf dem Weg nach Hause und streckt seine Hände nach den Bäumen aus. "Den bekommen wir heute nicht so schnell ins Bett.", vermute ich vor der Tür, und der J. seufzt ein bißchen vor sich hin. Es ist irgendwie so ungefähr elf.

Dann schläft der F. aber doch sofort ein, und ich selbst schlafe nicht allzu viel später.

Samstag, 6. Oktober 2012

Oktober, 5

Um 18:30 k0mmt die K. Die K. ist Ende 40, weder besonders hübsch noch besonders klug, wie mir scheint, aber liebevoll und erfahren mit kleinen Kindern, vielfach empfohlen im Freundeskreis, und immer, wenn ich in der Zeitung lese, dass es Leute gibt, die für Kleinkindbetreuerinnen Hochschulabschlüsse fordern, denke ich an die K., die keinen Hochschulabschluss hat, aber etwas besitzt, was man nicht studieren kann: Herzenswärme. Kinderliebe. Und einen nie versiegenden Vorrat an Spielchen, Liedern, Reimen und Geschichten.

Als ich die Tür hinter mir zuziehe, steht die K. im Flur. Auf ihrem Arm lacht der F. Den ganzen Abend wird er nicht weinen, erfahre ich, als wir wieder da sind, und der F. selig schlummernd in seinem Bettchen liegt und träumt.

Der J. und ich laufen die Straße herunter. Wir sind um die Ecke verabredet, im Alt Wien, wo es nach Ansicht des J. die besten Schnitzel der Stadt geben soll. Heute gibt es aber keine Schnitzel, zumindest nicht für den J., heute gibt es Reh für ihn und Rostbraten für mich, eine Frittatensuppe vorab, danach Marillenknödel, und mit uns essen Frau Wortschnittchen samt Gemahl und erzählen von Krakau. Und von der kleinen Stadt. Und ich erzähle vermutlich doch viel mehr vom Baby, als ich das irgendwann mal so vorhatte, bevor es da war, das Kind, und außerdem sprechen wir irgendwann über die kleinen Bühnen, die Konzerthäuser in der Provinz, die Zahnarztgattinnen in ihren Pelzen und die gedeckten Tischchen in der Pause mit Piccolo und Schnittchen.

Ein bißchen Heimweh nach besseren Zeiten weckt dieses Gespräch, bemerke ich erstaunt, obwohl ich die Zahnarztgattinen nie mochte und sie und ihre Freundinnen immer verachtet habe für ihre Borniertheit und ihren eklektischen Geschmack. Dass es trotzdem besser ist, es gibt das alles, weiß ich inzwischen, denn wenn die Zahnarztgattinnen fehlen, reicht es nicht mehr in den kleinen Städten für die Kulturvereine, die Lesungen in der Buchhandlung am Marktplatz und die Haumusik für gute Zwecke. Dann gibt es nur noch die Solarien und das Multiplexkino und die Leute, die man sehen kann, wenn man im Alexa etwas kauft.

Gar nicht so spät brechen wir auf. Ich bin müde. Zwanzig Minuten lese ich noch den Bolaño, den mir Mek zum Geburtstag geschenkt hat, und verliere mich dann in Träumen, die ich mir nur angenehm vorstellen kann.

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Oktober, 4

Morgens auf dem Weg zur Arbeit fast in eine Gruppe Schüler hineingefahren, die schwatzend auf der Straße standen und mich unbewegt auf sich zurollen sahen. Ich werfe einen Blick auf das Schild an der Schule, vor der die Dreizehn- oder Vierzehnjährigen warten. Es ist eine Stadtteilschule. So heißen hier die Gesamtschulen. Fühle mich bestätigt. Vor einem altsprachlichen Gymnasium sähe das anders aus, bin ich überzeugt.

Mittagspause entfällt. Hastig esse ich am Schreibtisch, tippe nebenbei zwei SMS, und bevor ich mich umdrehe, muss ich heim. Keine Ahnung, wie Leute in Teilzeit ihre Tage strukturieren, sinniere ich auf dem Weg nach unten und bestelle mir ein Taxi. Es regnet noch immer.

Dem J. ist die Kürbissuppe missraten. Ich bin enttäuscht. Der F. spuckt unglaublich viel Milch auf meine Hose. Die Katze wetzt ihre Krallen an meinem Mantel, lässt sich widerwillig wegjagen, lugt schon wieder halb um die Ecke: Da! Da sitzt sie und macht sich, kaum schaue ich weg, schon wieder über meinen Mantel her. Immerhin lacht und brabbelt der F. Der hat's gut, denke ich mir. Der kann bei schlechter Laune einfach motzen und wenn's nicht schmeckt, wirft er den Brei halt in der Gegend herum.

Abends muss ich arbeiten und bin noch schlechter gelaunt. Wein ist auch nicht mehr da. Wer was will, muss sich etwas holen, sage ich mir, ziehe mir Stiefel an und laufe los. Côtes du Rhône und Rauchmandeln und noch einmal schnell zur Bank.

Schön ist es, schaue ich auf. Mild noch die Luft. Lautlos sinkt das rotgoldene Laub durch den schwarz-stumpfen Himmel.

Mittwoch, 3. Oktober 2012

Oktober, 3

Weil M. und M. irgendwo in Biesdorf grillen, gehen wir allein zum Frühstück. Warm ist es, nutzlos hängen die Jacken über dem Kinderwagen des F., und vor den Cafés sitzen die Nachbarn noch ganz ohne Decken über den Knien und lesen Zeitung. Schwer schon vor Spätsommer und vom Tod schon ganz benommen taumeln die Wespen über den Tischen.

Im Tous le jours frühstücken wir zwei Stunden lang. Der F. isst ein Gläschen leer, verlangt mehr und bekommt eine halbe Semmel in Stücken. "Schreib doch der I.", schlägt der J. vor, und dann brechen wir auf.

Quer durch den Prenzlberg laufen wir durch die Sonne. Am Kollwitzplatz vorbei, wo Leute noch Buffets essen, die ich für Touristen halte, aber man weiß ja nie. Früher haben wir immer Buffet gefrühstückt, erinnere ich den J., und dann zählen wir uns die Lieblingsbuffets auf aus den letzten zehn Jahren. Anastasia, sagt der J. Nolas, sage ich. Pappa e Ciccia sagen wir beide. Früher konnten wir mehr essen als heute, stellen wir fest, und dann laufen wir die Schönhauser herab.

Bei Zeit für Brot isst der J. eine Zimtschnecke. Das geht gerade, weil der F. nämlich schläft, und dann laufen wir so quer durch Mitte, vorbei am scheußlichen Dos Palillos, dann durch die Gipsstraße, so quer durch die Augusstraße und dann bis zum Pauly Saal. Hier waren wir noch nicht, bedauern wir, also mal abgesehen von einem Drink im Winter mit dem F. in der Manduca nach einer Vernissage.

So Höhe Weinbergspark antwortet dann die I. und wird in der Rykestraße getroffen. Ihr Kind schläft im Buggy. Vor Albrecht sitzen wir schließlich, es gibt Törtchen und Rhabarbersaftschorle, auch der R. ist eingetroffen und noch ein Paar mit zwei Kindern, und überglänzt von Sonne, umhüllt vom Air der letzten schönen Tage reden wir so dies und das, vom Urlaub vielleicht, von irgendwelchen Käufen, von unseren Eltern, von Kitas, und, ja, von Weihnachten reden wir auch.

Zu Hause gibt es irgendwann Gulasch. Ich koche nie weniger als drei Kilo Rindfleisch und friere dann ein. Zuzubereiten gibt es also eigentlich nichts. Im Bett liege ich deswegen, neben mir liegt der F. und spielt mit seiner Giraffe, und ich lese Bolaño.

Draußen ist es schon dunkel.

Sonntag, 23. September 2012

Menschenfeindschaft auf Reisen

Menschen, die mich oberflächlich kennen, halten mich manchmal für freundlich und gesellig. Menschen, die mich etwas besser kennen, wissen: Das ist alles Fassade. In Wirklichkeit bin ich misanthrop. Das merkt man mal mehr und mal weniger. Wenn es um Urlaub geht: Eher mehr.

Dass ich keine Animation mag und keine Musik am Strand gehört da noch eher zu den unauffälligen Zügen meiner Menschenfeindlichkeit. Das geht den meisten Leuten so, die ich kenne. Wie ich im Laufe der Jahre festgestellt habe, gehöre ich aber auch unter gesitteten Menschen zu einer Minderheit, weil ich Urlaubsbekanntschaften grundsätzlich ablehne. Der J. und ich möchten auf Reisen wenig sprechen, es sei denn, miteinander. Unsere gemeinschaftliche Abneigung gegen andere Leute erstreckt sich dabei sowohl auf Einheimische als auch auf andere Touristen.

Am besten schweigt es sich eigentlich in Ferienwohnungen, aber da müsste ich selbst aufräumen. Das mache ich nicht mal zu Hause. Insofern: Hotels. Gern auch einmal landestypisch pittoresk, aber am liebsten ein altes Schloss, ein Grandhotel, so etwas mit respektvoll schweigende Lakaien. Spiegelnde Böden, polierte Möbel, Fünf-Uhr-Tee und Bodenvasen. Schwer fallender Chintz vor den Fenstern.

Nun aber gibt es ein Problem: Ich möchte nicht erleben, wie mein Sohn F. einerseits eine Meissner Porzellanfigur zerstört, andererseits aber selbst beim Robben auf den Marmorböden von einer umgekippten Amphore zerstört wird. Außerdem schreiben manche der schönen, alten Hotels schon auf ihrer Homepage, dass sie Kinder aus grundsätzlichen Erwägungen ablehnen. Andere machen es sich einfach und räumen einfach keine Kinderermäßigung ein. Ich bin nicht geizig, aber ein vierstelliger Betrag dafür, dass der F. in einem mitgebrachten Bettchen neben unserem Bett schläft: Nein.

Scheiden damit schöne, alte Hotels aus, weil der F. da unerwünscht ist, und kleine, niedliche, moderne Hotels, weil man da mit den Leuten sprechen muss, so bleiben - soll es warm sein und am Meer - eigentlich nur Strandhotels. Also so große. Da gibt es natürlich auch solche und solche, wie der Volksmund so sagt. All inclusive mit dem damit verbundenen schrecklichen Publikum überlebe ich nicht. Leider fallen da ziemlich viele Hotels gleich weg. Andere sind perfekt, aber schwer erträglich. Es stand also eine längere Suche an nach Hotels, die gut aussehen, einen umfassenden Service bieten, Kinder mögen, aber ansonsten keine Konversationsbereitschaft voraussetzen, und - trotz ihrer Kinderfreundlichkeit - alles für eine ruhige, wenn möglich eher kontemplative Atmosphäre tun. Außerdem soll es Berge und Meer, eine Stadt und Ausgrabungen und nicht zuletzt fabelhaftes Essen geben.

Ich habe gesucht. Die Suche hat sich als schwierig erwiesen. Ich habe trotzdem gebucht. Ich bin gespannt, aber skeptisch.

Ich werde berichten.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7902 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren