Sonntag, 10. August 2008

Die Sommerdecken seiner Eltern

"Man fängt ja
gar nichts mit der Verwandtschaft an – die
Verwandtschaft besorgt das ganz allein."

Kurt Tucholsky

Nun, meine Liebe, Sie suchen einen Mann. Das Leben mit einem Mann stellen Sie sich recht angenehm vor. Dabei sind Sie nicht naiv. Sie wissen, dass Männer auch Nachteile haben, dass alles auf Erden auch Nachteile hat, und dass das Zusammenleben mit jemandem, der möglicherweise – nein, ganz bestimmt – andere Lebensgewohnheiten hat als Sie, andere Verhaltensweisen für normal hält, und noch andere für wünschenswert, sich nicht immer einfach gestalten wird.

Auch dass Ihr zukünftiger Gefährte eine Familie hat, erscheint Ihnen ziemlich normal. Hätte er keine, Sie wären befremdet. Hätte er ganz merkwürdige Eltern, die beispielsweise komisch tätowiert wären oder rechtsradikal, Sie wären auch nicht begeistert, und dass ältere Leute – wie es die Eltern Ihres geschätzten Gefährten naturgemäß wären – manchmal ein bisschen sonderbar sind, dass nehmen Sie hin. Ihre Eltern, Verehrteste, sind ja auch nicht ohne, und niemand wüsste das besser als Sie.

Was es aber bedeutet, dass Ihr Gefährte Eltern hat, dass erfahren Sie nicht beim ersten Treffen, nicht beim ersten gemeinsamen Weihnachtsfest, und nicht einmal dann, wenn seine Eltern das erste Mal überraschend zu einem vollkommen unpassenden Zeitpunkt bei Ihnen erscheinen. Die ganze Bodenlosigkeit seiner Familie teilt sich Ihnen auch noch nicht mit, wenn Sie jedes Mal, wenn seine Eltern die inzwischen gemeinsame Wohnstatt verlassen haben, riesige Mengen fettiger Speisen verklappen müssen, die Sie nicht essen und überhaupt niemand zu sich nehmen würde, der noch nicht 70 ist und kein Teilnehmer eines Wettbewerbs, bei dem es um den höchsten Cholesterinspiegel Berlins geht.

Dann aber ist es soweit. Denn eines Tages kommen Sie nach Hause, krumm und schief von des Tages Last, und finden einen Benachrichtigungszettel vor, wie Paketdienste sie hinterlassen, wenn keiner zu Hause ist. Mit dem Zettel in der Hand gehen Sie zu den Nachbarn, die Nachbarn überreichen Ihnen ein riesenhaftes, aber verhältnismäßig leichtes Paket, und mit diesem Paket betreten Sie Ihre Wohnung. Sie wundern sich. Sie haben gar nichts bestellt.

Das Paket, wie Sie bei genauerer Untersuchung feststellen müssen, stammt aus einem Hannoveraner Geschäft, welches sogenannte Heimtextilien und Miederwaren führt. In Hannover gibt es so was noch. In dem Paket befinden sich zwei Bettdecken und eine Rechnung. Diese Rechnung sollen Sie bezahlen, unter den Decken sollen Sie schlafen, und weil es nur zwei Menschen auf Erden gibt, die in Ihrem Namen einfach so Hannoveraner Bettdecken bestellen, rufen Sie (nein, eigentlich Ihr Gefährte) auf der Stelle seine Eltern an.

Was das soll, fragt dieser mit der Direktheit, die nur ein Sohn des Hauses aufbringt. Man brauche keine Decken. Man schlafe ausreichend bedeckt, man habe genug Zeug auf den 85 qm, auf denen man sich ohnehin mehr schlecht als recht zusammenquetscht, weil man zu faul ist umzuziehen, und außerdem habe man es nicht gern, wenn über den eigenen Kopf hinweg Anschaffungen getätigt würden.

„Aber sie waren so günstig!“, entgegnet die ganz und gar nicht schuldbewusste Mutter ihrem Sohn. Dies möge zutreffen, antwortet jener. Indes sei nicht alles, was günstig sei, auch willkommen. Nicht einmal jede Aquisition, welche ein hervorragendes Verhältnis von Qualität und Kaufpreis aufweise, müsse deswegen auch getätigt werden, und daher werde man weder die Rechnung bezahlen noch die Decken abnehmen.

Die Rückabwicklung allerdings hat ihren Preis. Denn lang sind des geschätzten Gefährten Arbeitstage, Sie selbst arbeiten eigentlich auch immer, und wenn Sie abends nicht mehr arbeiten, arbeitet auch keine Post. Am Samstag hätten Sie zwar Zeit, aber keine Lust, die sperrige Sendung aufzugeben. Die Eltern sollten das Paket selber abholen und benutzen, dies aber hätte den Nachteil ihres wahrlich strapaziösen Besuchs, und so wuchtet Ihr Gefährte die Bettdecken samt Umverpackung erst einmal auf Ihren Kleiderschrank. So vergehen Wochen. In diesen Wochen bezahlt seine Mutter die Bettdecken bei dem versendenden Geschäft. Ansonsten passiert diesbezüglich nichts.

Am 9. August dann ruft seine Mutter an. Seine Mutter ruft ständig an, möglicherweise ist der Telephonapparat eigens für seine Mutter erfunden worden, aber aktuell hat seine Mutter ein besonderes Anliegen, denn sie wird nach Berlin fahren. Hier wird sie aber nicht ihren Sohn mitsamt seiner widerborstigen Freundin besuchen, denn aufdrängen will seine Mutter sich natürlich nicht. Stattdessen will sie per Bahn mit einer Freundin anreisen und vor Ort eine Ausstellung besuchen, welche sich mit der babylonischen Hochkultur beschäftigt, und nur an kurzen, absichtsvollen Gesprächspausen bemerken Sie, dass seine Mutter eine Einladung zum Tee erwartet.

Nun ist das Teetrinken mit der Mutter des geschätzten Gefährten nur so mittelmäßig amüsant, und so überlegen Sie für einen Moment, nur für eine Sekunde, ob es nicht nett wäre, seiner Mutter anlässlich dieser Einladung bei der Verabschiedung rein zu pädagogischen Zwecken mit dem ernsthaftesten Gesichtsausdruck der Welt das Paket zu übergeben, auf dass sie es im Zug nach Hannover transportiere.

Dann aber verwerfen Sie den Gedanken. Schließlich verschwinden seine Eltern nicht einfach so, das nächste Familienwochenende kommt bestimmt, und wenn die größten Fehler Ihres geschätzten Gefährte, denken Sie sich, 200 Kilometer weit weg in Hannover wohnen,

dann hat sich seine Anschaffung ja im Großen und Ganzen gelohnt.

Montag, 4. August 2008

Wir haben nichts genossen

Bei Dussmann in der Friedrichstraße auf einmal immer kleiner werden wie der Elephant in einer Short Story von Haruki Murakami. Nur schneller. 1,67 -- 165 -- 1,63 und immer so weiter. Nach einigen Sekunden schon nur noch ganz knapp über den Tisch schauen können, auf dem die Neuerscheinungen liegen. Links Clemens Meyer, rechts Juli Zeh.

Sich beherrschen zu müssen, um keine Angst zu bekommen vor den anderen Leuten, denn immer mehr Menschen drängen sich um die Tische, stoßen sich gegenseitig an, schieben sich die Rolltreppe nach oben und schreien sich gegenseitig abgehackte, knappe Sätze in die Ohren, die wie Kommandos klingen. Hoch zu den Ratgebern. Nur noch kurz zur Kunst. Ab nach unten.

Der Versuchung nachgeben, ein paar Minuten auf der Toilette die Augen zu schließen. Unsichtbare Hände trommeln gegen die Tür. Sich beruhigende Worte vorsagen. Abend etwa. Sonne, Brunnen und Licht. Sich zu erinnern versuchen, was man hier eigentlich will. Suchen, finden und ganz schnell bezahlen.

Vor der Tür weglaufen vor dem Stand mit den Billig-CDs. In die nächste Seitenstraße und kurz stehen bleiben. Atmen. Die Hände zusammenpressen, den eigenen Pulsschlag zählen, wie er sich langsam beruhigt und wieder größer werden, wachsen, lächeln und nach Hause gehen

Immer nach Hause.

Freitag, 1. August 2008

Die B. wird offensiv (Anfang Juli, Teil 3)

Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wer A sage, auch B sagen müsse. Tatsächlich kann, wer einmal A gesagt hat, natürlich auch einfach G sagen oder Z, oder etwas ganz anderes, also etwa „ich finde, du solltest jetzt einfach nach Hause gehen.“. Sehr populär ist das allerdings nicht.

Der Adressat dieser Äußerung reagierte daher auch etwas verstimmt. Eigentlich reagierte er sogar ziemlich angesäuert, und was er der B. so ganz genau erwiderte über vertane Zeit und die Natur der Frauen im Allgemeinen, darf daher an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden. Nach einigem Hin und Her jedenfalls zog er ab.

Offenbar hatte er sich den Ausklang des Abends anders vorgestellt. Beim Kennenlernen offensive Damen, so scheint es, wecken bei manchen Herren Angstgefühle, bei anderen aber den Glauben, die restliche Bekanntschaft werde nicht minder forsch verlaufen, und insbesondere hinsichtlich des Zeithorizonts scheint die Offensive der B. außergewöhnliche Erwartungen geweckt zu haben, die trotz des abrupten Endes des gemütlichen Beisammenseins auch am nächsten Tage fortgewirkt haben müssen, denn bereits gegen zehn Uhr morgens klingelte das Telephon.

Man habe – so der wieder besänftigte Anrufer – am Vorabend vielleicht etwas vorschnell die weitere Bekanntschaft abgebrochen. So nette Menschen träfe man ja nicht jeden Tag. Falls die B. beleidigt sei - nun, dann könne er auch nichts dagegen tun. Wenn sie indes an einer Fortsetzung der Bekanntschaft interessiert sei, so möge sie einfach anrufen.

Für einfach nur reden oder so sei der Anrufer indes zu alt.

Dienstag, 29. Juli 2008

Der entschwundene Garten

Schmal und ziemlich langgestreckt war der Garten meiner Großmutter, und je weiter man sich vom Haus entfernte, umso struppiger wurde der Rasen. Ganz hinten, wo früher, als mein Vater noch klein gewesen war, Hühner gehalten worden waren, taten sich sogar handtellergroße kahle Stellen auf, und das Gras war so gelb wie Stroh. Zwei- oder dreimal pro Jahr mähte ein hiermit beauftragter Bauer hier hinten, niemals wurde gesprengt, und das Obst der drei, vier verkrüppelten Apfelbäume reifte vergeblich der Fäulnis und den Wespen entgegen, die schwer, satt und schwankend vor Gärung über den Früchten kreisten.

Bis aber der August die Äpfel auf den Rasen warf, saß ich von Juni an im fleckigen Schatten der Bäume und las den ganzen Tag auf dem straff gespannten Stoff einer Liege, die rot war, glaube ich, und ab und zu kam meine Großmutter an den Blumen und den Erdbeeren, den Gurken und den Zuckerschoten vorbei bis zu mir und brachte mir Käsebrote oder etwas zu trinken, Jahr für Jahr. Ferien für Ferien.

Irgendwann aber kam die Großmutter nicht mehr bis hinten in den Garten, weil der Rücken ihr weh tat und die Füße auch. Im Sommer drauf kam sie auch nicht mehr bis zu den Beeten und schickte mich ab und zu nach einem Bund Petersilie oder einer Handvoll Dill. Am Ende dann, zwei Jahre später, setzte der mobile Pflegedienst die Großmutter nur noch auf die Terrasse, wo sie den Blumen zusah, den weiß-roten Tulpen, den Pfingstrosen, dem Rittersporn, den Dahlien zuletzt, und bevor die Astern blühten, war sie tot.

Acht Wochen später gehörte das Haus anderen Leuten.

Vier Jahre wohnten die ersten Käufer im Haus und strichen nicht mal den Zaun. Der Sturm fällte den Nussbaum, und sie taten monatelang nichts, den Stumpf zu entfernen. Dann gingen sie pleite und das Haus stand leer. Zwei Jahre lang hausten dann gleich zwei Familien in dem Haus, die in Unterwäsche durch den Garten liefen und die Nachbarn erschreckten. Nicht ganz vier weitere Jahre gehörte das Haus einer kinderreichen Familie, die auszog, als die Frau den Mann verließ, und dieser anfing zu trinken. Dann gehörte das Haus wieder der Bank, und die fand keinen Käufer.

Das Haus sei zu groß, hieß es in der Bank, für eine Familie und zu klein für zwei. Besonders der Riesengarten sei nicht verkäuflich, hieß es, denn niemand wolle heute so etwas noch haben, und so teilte die Bank das Grundstück in ein großes, auf dem sich das Haus befand, und drei kleine: den hinteren Garten.

Ein Jahr lang tat sich gar nichts. Nun aber, erzählen die Nachbarn, seien Bagger erschienen. Bauwagen stünden auf dem Gelände. Ein provisorischer Zaun werde errichtet, wo stets nur Hecken und Büsche waren. Die Bäume würden gefällt, und wo das gelbe Gras spross, wo die Liege stand, wo die Erdbeeren, die Gurken und die Zuckerschoten wuchsen, würden Fundamente gegossen für drei kleine, viereckige Häuser mit kleinen, viereckigen Gärten, ein bisschen Rasen, ein einziges Beet und kein Baum weit und breit, in seinem Schatten zu sitzen.

Montag, 28. Juli 2008

Madame Modeste Alzheimer

Mich kennt und schätzt man unter anderem für die Fähigkeit, kalte Platten herzustellen, die ganz genau so aussehen wie 1950. Für die Neigung, auch dann nicht nach Hause zu gehen, wenn ich in drei Stunden aufzustehen habe, und ganz generell für einen Leichtsinn, den Phrasenverliebte unter uns als sträflich bezeichnen. Menschen, die mit mir zusammenleben oder arbeiten mögen an mir ansonsten auch die gute Erkennbarkeit meiner Anwesenheit. Mein Büro ist ebenso wie mein Heim ein Hort verborgener Schätze verschüttet unter Unmengen Papier.

In den weiteren Kontext dieser Fähigkeit gehört der Umstand, dass Passwörter, Telephonnummern, sonstige Nummern und andere Sachen, auf die man gut aufpassen sollte, mir öfters entgleiten, gerade waren sie noch da, aber dann ...

Im Regelfall richte ich mir dann neue Accounts ein, rufe bei Banken an, frage Dritte, aber wenn man das nicht machen will, es wohl auch nichts brächte, bei ICQ anzurufen, man gleichwohl seinen Account mal wieder in Betrieb nehmen möchte, dann -

bittet man um Mitteilung der Nummer und des Namens, mit dem man mal irgendwann da teilgenommen hat. Bitte an die E-Mail in der Seitenleiste. Deren Passwort weiß ich noch.



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