Sein und Bewusstsein

Man sagt, schon seit geraumer Zeit hätten die Herren Marx und Hegel ihre bekannten Streitigkeiten beigelegt, und zwar habe der Herr Professor Hegel auf voller Linie gesiegt. In Erfüllung einer alten Wette habe der Herr Marx auf einen der wackeligen Marmortische des Café Europa steigen und angelegentlich dieser Dialektik, von der man jetzt soviel hört, zugeben müssen, dass der Materialismus ein Quark, und das Bewusstsein der Leute die ganz und gar entscheidende Größe für eigentlich alles sei. Geklatscht und gejubelt hätten, sagt man so, die Gäste des Café Europa, die von den lästigen Streitereien weniger der beiden alten Herren als ihrer Claqueure schon reichlich angefressen gewesen seien, und insbesondere der Ober Alfred, ein schon recht runzliger Herr mit Fliege um den Hals und stets weißem Hemd über dem schwarzen Kragen sei so gerührt gewesen, dass ihm fast die Kaffeetassen heruntergepurzelt seien von seinem Tablett. Dies, so sagen sogar die ältesten anwesenden Gäste, passiere ansonsten eigentlich nie und deute so recht eigentlich das Epochale an der ganzen Sache an, wie ja das Kellnerwesen überhaupt das Verhältnis von Sein und Bewusstsein am besten auszudrücken in der Lage sei.

Hätten nämlich beispielsweise, so hört man diesbezüglich aus allbekannten Kreisen bisweilen nicht ganz ohne Schadenfreude, die Anhänger des Herrn Marx recht gehabt, so wären etwa, um ein ganz beliebiges und vollkommen beiläufiges Thema anzusprechen, die Berliner Kellner, geprägt von ihrem Kellnersein, auch etwa so wie der Ober Alfred. Ganz so wie dieser im Regelfall freundliche ältere Herr würden auch die Berliner Kellner hinter oder vor ihren Tresen stehen, die Blicke schweifen lassen über den Raum, und wenn einer etwas haben möchte, so kämen sie gelaufen.

So wie der Ober Alfred hätten dann zwar auch die Berliner Kellner ihre Vorlieben und Abneigungen. Auch würden sie – ganz wie der Herr Ober Alfred – längst nicht jeden mit Namen begrüßen und wären durchaus unterschiedlich freundlich. So wie aber etwa die Kellnerin aus dem Café *** am Helmholtzplatz, die annähernd bewegungslos, versonnen vor der Espressomaschine steht, Sonntag morgens um halb zwölf und den Mund zu einer demonstrativen Geste des Schmollens verzieht, ruft ein zunehmend hungriger Gast nach Bedienung, so sähe, bestimmte das Sein das Bewusstsein und nicht umgekehrt, niemand die Berliner Kellner mehr mit leeren Hände zwischen den Stühlen herumstehen, sorgfältig darauf bedacht, dem Blickkontakt mit potentiellen Kunden auszuweichen.

Dass – um im vorerwähnten Beispiel zu bleiben – das Roastbeef-Sandwich aus ist, hätte auch ein Ober Alfred vermelden müssen. Dass die Nüsse vom alternativ ausgewählten Gorgonzola-Sandwich nicht abgekratzt werden könnten, hätte ein zu wahrem Kellnertum reformierter Berliner Kellner vermutlich nicht mit derselben schnippischen Betonung mitgeteilt. Dass aber in irgendeiner anderen Galaxie die Bedienung mit einem zu Tode gekränkten Blick die Frage „Haben sie denn irgendwas anderes zu Essen?“, quittiert: Das ist unwahrscheinlich. Dass die nicht mehr vorhandenen Speisen auf der Kreidetafel neben dem Eingang einfach stehen bleiben – nun gut, die Kellnerin kann nicht gleichzeitig die Kaffeemaschine hypnotisieren und die Tafel ändern.

Hier aber, so sagen manche Damen und Herren, ist nicht schiere Unfähigkeit am Werk. Vielmehr belegt diese ganz und gar ungenügende Bedienung den Wahrheitsgehalt des Werks vom Herrn Professor Hegel: Die Kellnerin aus besagtem Café nämlich ist – wie dies den Berliner Kellner charakterisiert – eigentlich keine Kellnerin, sondern irgendetwas anderes, was gerade nicht klappt. Der Berliner Kellner identifiziert sich nun aber ganz und gar nicht mit seinem kellnernden Sein, sondern beansprucht die Identität mit einem nicht-kellnernden Bewusstsein. Sehr, sehr allergisch reagiert er darauf, hält auch nur die Außenwelt den Kellner an seiner Existenz statt an seiner Wunschvorstellung fest. Zwar mag es sein, dass aus dieser Wunschvorstellung eines Daseins als Maler, Architekt, Choreograph oder Model schon ziemlich lange und absehbar auch zukünftig nichts wird. Gleichwohl beansprucht der Berliner Kellner, als Maler in temporären Finanzproblemen behandelt zu werden, als the next big thing kurz vor dem Durchbruch, und ein leicht gereizter Ruf nach der Rechnung, vergeblich geäußert zum dritten Mal, wird schon deswegen nicht als Anlass vertragsgemäßer Dienstleistung angesehen, sondern als menschliche Rohheit, als Rücksichtslosigkeit gegenüber einem Mitmenschen, der doch Schonung, wenn nicht sogar Hochachtung verdient hätte für seine kreative Mission, oder zumindest zarteste Rücksichtnahme und Mitleid für einen Zeitgenossen, den widrige Umstände zu erniedrigender Erwerbstätigkeit zwingen.

Entsprechend ist dem Berliner Kellner egal, ob der Gast zufrieden oder überhaupt nur bedient wird. Die Reklamation dessen aber empört den Berliner Kellner. Behandelt der Gast den Berliner Kellner etwa wie einen richtigen, hundsordinären Kellner und nicht wie ein verkanntes Genie? Kann die dicke Frau vor der Tür nicht froh sein, überhaupt etwas zu trinken zu bekommen? Muss es auch noch der richtige Wein sein, und ist es nicht mächtig unentspannt, diesen auch noch innerhalb von dreißig Minuten einzufordern? – Empört steht der Berliner Kellner in solchen Situationen vor dem Gast und fordert mit wilden Blicken Respekt vor einer imaginären Lebensleistung ein. Hätte irgendjemand, so blitzen der Kellner Augen, Gerhard Richter um Kaffee geschickt? Fände es irgendjemand vorwerfbar, wenn Thomas Mann statt eines Streifens Nussbeugel ein Ochsenauge bringt?

Quod erat demonstrandum, behaupten die siegreichen Gäste des Café Europa und schütteln im Triumph des Idealismus hochragende Fahnen.

(Allerdings sei, flüstern manche Unbelehrbare an den schlechteren Tischen, das Bewusstsein der Berliner Kellner zwar mächtig genug, die Qualität ihrer Dienstleistung erheblich zu schmälern. Dass das schiere Bewusstsein einer künstlerischen Existenz die Berliner Kellner zur Verwirklichung der hierfür erforderlichen Leistungen befähige: So weit reiche es dann doch nicht mit der Macht der Ideen.)

Schwarzmaler - 1. Sep. 2008, 9:10 Uhr

Göttlich.
Modeste - 1. Sep. 2008, 22:28 Uhr

Gott

Ein immer gern gesehener Gast - nur sein Sohn gilt als etwas pathetisch.
Roulette - 2. Sep. 2008, 8:23 Uhr

verlinkt. großartig.
walhalladada - 2. Sep. 2008, 12:16 Uhr

Sein oder Bewusstsein, das war irgendwann einmal die Frage...
Jetzt nicht mehr! Wir alle kellnern doch, mal mehr, mal weniger!
Odber seh ich das falsch?
katiza - 3. Sep. 2008, 13:34 Uhr

Wow!

Sven Erlenborn - 3. Sep. 2008, 18:46 Uhr

Wenn ich die Figur des Butlers Stevens betrachte, war Kazuo Ishiguro wohl eher ein Anhänger Marxs. (Ihr Beispiel erinnerte mich daran.)

Wenn's nach mir ginge, hätte jedes Kaffee einen Ober Alfred, aber auch einen desillusioniert philosophierenden Barmann mit offenem Ohr.

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