Samstag, 31. Dezember 2005

Rausch und Traurigkeit

Immer hastiger fahren wir dahin auf dem Blut der Stadt, und hinter uns raucht der Schutt aller unserer Nächte. So hoch wachsen die Trümmer und arbeiten sich langsam durch unsere Haut, bläuliche Verfärbungen, Sendboten einer Zukunft, die schon nächstes Jahr, schon heute Nacht, anbrechen kann, und in der es vorbei sein wird mit jenem goldenen Glanz, jener Makellosigkeit der schimmernden Tage, für die wir aufstehen, wenn es fast schon dunkel ist. Und nur der Schnee auf den Dächern von Berlin leuchtet rein wie ein neues Leben.

Müde am letzten Tag des Jahres und überdrüssig der vielen Stimmen, des allzu lauten Lachens, so sehnsüchtig nach einer wunschlosen, schmerzlosen Ruhe, packen wir unsere Kisten, in der das Jahr verstaut sein wird für die späteren Tage, in denen alles, was uns durch die Adern dieser aufgedunsenen, schmutzigen Straßen treibt, nur noch eine Erinnerung sein wird: In Harz gegossen und leuchtend einmal für einen Nachmittag in vielen Jahren, wenn die Rosen blühen, und ich den Toten zuprosten werde mit einem Glas Wein aus einem falschen, späten Sommer.

Ach, die Heimkehr vom Flughafen Schönefeld am frühen Morgen, der Himmel gleißend vor Übermüdung. In der S 9 zu sitzen, die schlafende Freundin auf dem Nebensitz, und „Willkommen daheim!“, flüstert die Stadt mir ins Ohr: Eine Insel im Fluß der vielen Fluchten, eine falsche Heimat aus grauem Beton. „Hier bin ich.“, zu antworten, und nicht mehr weiter zu müssen für dieses Jahr und vielleicht für die nächsten. - Ein durchscheinender Septembernachmittag im Volkspark Friedrichshain, und im noch warmen, eben noch sommerlichen, gelben Licht am Schwanenteich zu sitzen und die Worte träge fließen zu lassen, müde wie der späte Sommer, und einem Pärchen zuzuschauen, dass sich küsst, vierzehn Jahre alt vielleicht, und einem Glück zuzulächeln, an dessen Kern alle Kugeln abgleiten werden. - Ein später Abend in der Oderberger Straße, Roseneis zu essen, bezaubert, hingerissen, und durch die Kühle der Nacht über die Kastanienallee nach Hause zu gehen. Im Taxi die Frankfurter Allee Richtung Osten zu fahren, der Grenzenlosigkeit entgegen. Der Duft weißer Lilien, vermischt mit dem Rauch indonesischer Zigaretten. Käse und Wein. Das Brummen der Espressomaschine am frühen Morgen, und mit geschlossenen Augen den Becher in Empfang nehmen, während sich langsam der Tag beschleunigt, und zwischen den roten Vorhängen das Licht helle Streifen auf die Tapete wirft. Der Rauch der letzten Zigaretten am Morgen, der entzündete Himmel über der Stadt. Der Geruch von Napfkuchen und Orangen, und alle Lügen der Welt fühlen sich glatt an, so seidig und neu.

Und dann noch einmal einen Blick in die Kiste, eine Schleife aus roter Seide, und das sich neigende Jahr in die Regale stellen für jenen Tag voll schimmernder Erinnerungen, wenn dieses Zeitalter vorbei sein wird, und wir immer noch da.

Ihnen allen ein gesegnetes Jahr 2006.



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