Sonntag, 19. März 2006

Die schönen Augen der Marktwirtschaft

"Von den Chefs ist keiner gekommen.“, sagt er und bricht ein Stück Brot aus dem Korb in kleine Stücke. „Wir saßen da zu dritt, ich war der Jüngste, 24, und die beiden anderen 27 oder 28. Vollversammlung, der ganze Standort sollte aufgelöst werden, und wir saßen 150 Mitarbeitern gegenüber, die uns ansahen, als seien wir persönlich verantwortlich für alle Schlechtigkeit der Welt. Die meisten der Männer waren älter, rote Gesichter, vierschrötig, Schnauzbärte. Alte Männer, die ihr Leben lang in der Fertigung gearbeitet hatten, und die wussten, dass es vorbei war mit ihnen.

Die wussten alle, dass wir die Entscheidung nicht getroffen haben, dass eine Consultancy nicht die Entscheidungen trifft, sondern sie höchstens anregt, vielleicht durchsetzt, und dass wir drei bestimmt nicht verantwortlich waren für den Verlust ihres Jobs, die Kündigung ihrer Kredite, die Zwangsversteigerung ihrer Häuser, und was da kommen würde, nun, da es vorbei war. Die hätten sich ausrechnen können, dass wir einfach nur drei Jungs waren, die Geld dafür bekommen, sich anzuhören, was von ihren und unseren Chefs keiner hören will, und dass es keinen Sinn haben würde, uns zu hassen. Wir saßen hinter dem Tisch. Vor dem Tisch, zwei Meter Abstand vielleicht, saßen die gekündigten Mitarbeiter, und die Luft war zum Schneiden dick. Die haben uns so angeschaut, die hätten uns umgebracht, wenn sie gekonnt hätten. Das war nicht mehr die Atmosphäre einer Meinungsverschiedenheit, nicht einmal die Stimmung verunsicherter, vielleicht aufgebrachter Menschen, über deren Kopf hinweg man über ihr Leben entschieden hat. Da saß der blanke Hass und starrte uns an. Das Schlimmste war, die haben uns nicht für unseren Job verachtet, dass kann man tun, wir sind Söldner und wir wissen das. Die saßen da und hassten uns ganz persönlich, ohne uns zu kennen, für überhaupt alles, für unsere Anzüge und die Wagen, Uhren und Frisuren und sogar für’s Hochdeutsch. Da saßen also 150 Männer, und mein Kollege hielt eine kurze Ansprache über notwendige Entscheidungen, die niemandem leichtfallen, und so. Dann war es einen Moment still, und dann fingen alle gemeinsam an zu brüllen, als würde irgendetwas anders, wenn sie uns niederschreien.

Die haben uns persönlich beschimpft, die haben nicht geklagt oder gejammert, das hätte man vielleicht verstanden, aber die haben uns persönlich angegriffen, auf eine Art und Weise, für die man außerhalb dieses Raums, in dem man für’s Beschimpftwerden bezahlt wurde, Anzeige erstattet hätte. Ich dachte, die kommen gleich über den Tisch. Manchmal träume ich nachts von diesen 150 Männern mit ihren roten Gesichtern, wie sie über den Tisch kommen und mich in Stücke reißen.

Sie taten einem nicht mehr leid, wie sie da saßen und pöbelten. Vielleicht war es das, was sie wollten, nicht bemitleidet zu werden, sondern Angst zu verbreiten. Zumindest auf dieser Ebene auf Augenhöhe zu sein, ihr habt Angst vor uns, wir haben Angst vor euch. Ich weiß es nicht. Irgendwann hat mein Kollege die Nerven verloren, sich das Mikrophon gegriffen und zurückgebrüllt: Jeder von euch kostet pro Stunde € 50, und ein Tscheche kostet nur ein Drittel, und ein Chinese so gut wie nichts. Ihr seid zu teuer. Bedankt euch bei eurer Gewerkschaft für die Preistreiberei und geht alle nach Hause.

Für einen Moment war es still, und dann fingen wieder alle an zu schreien, und irgendwann kam ein Assistent der Geschäftsführung, der sagte, der Raum werde nun gebraucht, und wir sind abgezogen.

Ich bin so schnell wie möglich nach Berlin zurückgefahren, und ich habe mich gedemütigt und beschmutzt gefühlt, dass ich mich für Geld irgendwo hinsetze und lasse mich anbrüllen von fremden Leuten.“

„Ihr Essen.“, stellt die Kellnerin die gefüllten Teller auf den Tisch. „Und wenn sie nicht gebrüllt hätten, hätte es auch nichts genützt.“, sage ich, er nickt, und wir essen.



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