Sonntag, 25. Juni 2006

Alte Frauen

Aus den Augenwinkeln sehe ich, schon sitzend, einer dicken Frau zu, die ihre Tasche in der Gepäckablage verstaut. Gutmütig schaut sie aus, vielleicht lacht sie viel, wenn es nicht so heiß ist wie heute, und unter ihren Achselhöhlen sich dicke, dunkle Schweißflecken ausbreiten. Ihre Oberschenkel spannen die weiße Caprihose, und über dem Top, unter dem sich zwei Fettrollen wölben, weht eine leichte Bluse. Neben ihr steht ein Mann und hält eine weitere Tasche.

Ganz mager ist der Mann, vielleicht 45 wie seine Frau, ein bißchen ausgemergelt mit einem struppigen Bart, und schaut so in der Gegend herum, bis sein Blick an einem Mädchen hängenbleibt, das sich schlank, mit langen, braunen Haaren über den Korridor des ICE an den schwitzenden Menschen vorbeischlängelt. Auch sie trägt weiße Hosen, ein Top, auf dem „Brazil“ steht, und in ihren Ohren stecken zwei Stöpsel. Mit denen hört sie Musik.

Lieber, denke ich, würde der dünne Mann wohl mit dem Mädchen weitergehen, ins nächste Abteil, und ihr etwas erzählen, und sich freuen, wenn sie lacht. Vielleicht würde er sie in die schlanken Seiten stupsen, die nicht wirken, als gäbe da etwas nach. Vielleicht möchte der magere Mann das Mädchen küssen, vielleicht träumt er nächste Nacht von ihr, wenn er neben der dicken Frau liegt, die bestimmt schnarcht, wenn sie auf dem Rücken liegt, und die dicke Frau tut mir leid.

Dann aber hat die Frau ihre Taschen fertig verstaut, der Mann setzt sich neben sie, und zieht eine Zeitschrift aus seiner Tasche. Wenn das Mädchen, denke ich mir, ihm zugelächelt hätte, wenn er eine Chance sehen würde, mit so einem Mädchen durchzugehen - dann würde er vielleicht nicht neben der dicken Frau sitzen bleiben, und vielleicht bliebe er nicht einmal, wenn seine Frau dünn wäre und noch leidlich hübsch, aber eben 45 und nicht ungefähr 18.

Ein bißchen Angst wird mir da bei der Vorstellung, eines Tages auch 45 zu sein, und mit einem Mann an der Hand durch die Stadt zu laufen, der lieber als mit mir mit irgendeinem Mädchen davonginge, das schlechte Musik hören mag, dumm sein mag, ein bißchen ordinär vielleicht mit riesengroßen Ohrgehängen, aber jung und mit einer glatten Haut, die ich nicht mehr habe. Dass alle Liebe und die ganze gemeinsame Zeit nicht mehr ins Gewicht fallen werden, wenn es darum geht, begehrt zu werden. Dass das Lächeln eines Tages ausbleiben wird, wenn man einen Raum betritt und strahlt, weil es Sommer ist und warm. Dass man eines Tages nicht mehr mitspielen kann, wenn die Männer doch noch gut im Geschäft sind, weil Klugheit, Charme und das alles bei Frauen nichts mehr wert sind, wenn sie erst einmal 45, sind, 50 vielleicht, und die Wünsche noch lebendig. Dass man zur lächerlichen Figur wird, wenn man nicht wahrhaben mag, dass die Zeiten vorbei sind, in denen irgendwer darauf wartet, dass man ihn anruft.

Dass das alles vorbei sein wird, lange bevor erst die Wünsche sterben, und dann wir. Dass vielleicht eine Kameradschaft bleibt, vielleicht etwas, was auch zur Liebe gehört, aber nicht der Rausch, nicht das goldene Leuchten, dass niemand für einen sterben würde, und niemand für einen umziehen bis ans Ende der Welt. Und dass man eines Tages noch froh sein muss, wenn das, was dann noch bleibt, ausreicht, jemanden zu halten, der von schlanken, jungen Körpern träumt, und dass er nicht eines Tages seine Sachen packt, wenn er noch kann, und man selbst kann nicht mehr.



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