Donnerstag, 6. Juli 2006

Von Wäldern

Vorbei fährt der ICE an offenen Feldern, ein einsamer Hochsitz markiert die Grenze zum Wald, und dicht, verschlungen, zugewuchert vom Unterholz bis in die Wipfel quillt der Laubwald den Schienen entgegen. Schon sind wir weiter, vorbei ein baumumstandener, schattiger See, ein abgeerntetes Feld, eine ausgebrannte Scheune, von der nur noch Balken und Streben stehen, und in der Ferne ein paar Windräder. Windmüller sei er, fällt mir ein, sagte mir vor ein paar Tagen ein Fremder am Telefon, und sagte dies so selbstverständlich, als lägen keine russischen, bunten Märchen in diesem Wort von einem einäugigen Müller vielleicht, der des Nachts den Wind drischt, und die Hexen tanzen geschüttelt von Stürmen um seine Mühle auf einem Hügel abseits vom Dorf.

Rotbraun und kahl streckt ein Nadelwald sich der Sonne entgegen, und ich überlege, wie die Bäume wohl heißen, aber es fällt mir nicht ein. Ein Dorf, schon vorbei, eine geweißte Kirche, der Silo am Ortsausgang, und weiter, weiter, gleichmütig, eine gekühlte Dose, fährt der ICE über Land. Einen Moment nur in der lichten Traurigkeit der Birken, Tschechow, eine slawische Melancholie, und ich fahre heim in meine Stadt aus rohen, geborstenen, scheckigen Traurigkeiten, die östlichste Stadt der Republik, die östlichste Stadt des Westens.

Wie lange, überlege ich und ziehe die Beine eng an den Leib, war ich in keinem Wald. In Stahnsdorf, auf dem Waldfriedhof, im letzten Jahr, der schwarze Wein über den Gräbern, und ich lächele einem Abwesenden zu. Am Ufer des Wannsees wohl, letztes Jahr im August, aber ein wirklicher Wald, Bäume, die harzigen, geschlagenen Stämme, und ich muss lange überlegen. Letztes Jahr im Mai vielleicht, grübele ich, und für einen Moment sehne ich mich nach einem federnden Waldboden, nach dem Geruch nach einer guten Fäule und Chlorophyll, nach der Sauberkeit der Bäume am frühen Morgen, und hielte der Zug, ich stiege aus, nur für eine halbe Stunde.

Dann aber beginnen langsam, nach und nach erst und vereinzelt, die Häuser. Schallschutzwände versperren den Blick, und in einigen Minuten, dröhnt es aus den Lautsprechern, werden wir Berlin Hauptbahnhof erreichen. Zwischen den Bögen der gespannten Röhre aus Glas aber und dem Treiben der Passanten ist der Wald so weit, so unwirklich, als gäbe es ihn nicht, und die Bäume an der Schwedter Straße stehen leblos und stumm, als seien sie von allem Anfang an dazu bestimmt, die Fahrbahn zu markieren und Fahrräder anzuschließen, und Wälder, Wälder seien gar nicht wahr, ein Märchen nur oder eine bunte, phantastische Erfindung der Dichter.



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