Dienstag, 16. Januar 2007

La Polka politique

„Eigentlich“, sagt die C. und schwenkt unschlüssig ihr Weinglas hin und her, „eigentlich sollte man einer Partei beitreten.“ – „Völlig ausgeschlossen.“, schüttele ich den Kopf und stäube ein bißchen Asche ab, die an der Spitze meiner Zigarette erkaltet. An dauerhaften politischen Zusammenschlüssen stieße einen natürlich bereits die Dauerhaftigkeit der Verbindung einer Person mit einer Partei ab – denn wer weiß schon, welche Meinung sowohl er als auch die Partei in drei Monaten oder drei Jahren an den Tag legen? Wer möchte andauernd die Meinungen aller führenden Parteipolitiker verfolgen, um rechtzeitig aus dem Verbund aussteigen zu können, wenn ganz besonders dumme Ansichten über längere Zeiträume geäußert werden, und die maßgeblichen Personen auch noch daran zu glauben scheinen? – Aber natürlich ist das Schlimmste an den derzeit existierenden deutschen Parteien nicht nur ihre grundsätzliche Struktur, ihr absurdes Erscheinungsbild, ihr mitleiderregend dilettantischer Opportunismus und ihre täppische Katzbuckelei vor Leuten, die sich ihrer beruflichen Pflichten auch nicht eleganter, aber immerhin besser bezahlt entledigen: Das Schlimmste an den Parteien sind ihre Mitglieder.

Die CDU zum Beispiel. Man stelle sich eine Versammlung ländlicher Metzgermeister vor, die seit der Eröffnung ihrer zweiten Filiale auf die Frage nach ihrem Beruf angeben, einen Konzern zu leiten. Konzernleitern wie ihnen, so sind die christdemokratischen Metzgermeister überzeugt, stehe die Welt nicht nur offen, nein, sie stehe ihnen vielmehr zu, und so wandelt der parteipolitisch organisierte deutsche Mittelstand einher in der Ansicht, die Posten und Pöstchen der Republik seien quasi ihnen vorbehalten, und die Gegenkandidaten weniger Rivalen als Usurpatoren.

Das politische Denken der Metzgermeister oder ihrer Parteifreunde, der Landwirte, Amtsleiter des Gewerbeaufsichtsamts und der Filialleiter der örtlichen Deutschen Bank, zeichnet sich vor allem durch ihre – nun: Standfestigkeit aus. Niemals kommen dem Christdemokraten Zweifel, dass seine Welt die wahre Welt, und seine Auffassungen von dem Wünschenswerten für Staat und Gesellschaft unzutreffend sein könnten, und so glaubt der Christdemokrat, dass ein anständiger Mensch regelmäßig seinen Rasen mäht, und seinem Sohn Karrieren zustehen, denen die Tochter seiner polnischen Putzfrau ohnehin nicht gewachsen wäre. - Seine Frau ist nicht schön, aber adrett, seine Möbel sind nicht geschmackvoll, aber teuer; worüber er lacht, ist zum Weinen, aber immerhin neigt er nicht zur Weltverbesserung auf Staatskosten, so dass es durchaus möglich ist, ihm aus dem Wege zu gehen, wenn man einen Parteieintritt vermeidet.

Da ist die SPD schon anders unterwegs. Besessen von der schon an und für sich uncharmanten Idee einer Welt, die einer aufgeräumten Zechensiedlung der Sechziger Jahre nicht unähnlich ist, machen einen Sozialdemokraten andere Leute und ihr unordentliches Leben nervös. Sind die unordentlichen Leute arm und ungebildet, so fällt die SPD gern mit einem Haufen tantenhafter Vorschläge über die armen Leute her, denen sie ihr Fernsehglück mit Bier aus irgendwelchen obskuren Gründen nicht gönnt. Sind die unordentlichen Leute dagegen wohlhabend, so reagiert der sozialdemokratische Grundschullehrer oder Sachbearbeiter im Jugendamt mit einem zart verhüllten, pastellgelben Neid und schrecklich phantasielosen Analysen, die sämtlich darauf hinauslaufen, die beneideten Leute in ihrer Unordnung müssten irgendwie unglücklich sein.

Im Gegensatz zur CDU immerhin verfügt die SPD über eine, wenn auch skurril verhutzelte Romantik, die etwas mit harter Arbeit zu tun hat, mit der ehrlichen Haut von Franz Müntefering, schwitzenden Fußballern und Grillabenden in der Schrebergartenkolonie Eintracht. Isst der politische Konservatismus gern Schweinshaxe oder Königsberger Klops, so hängt die Sozialdemokratie – wenn sie nicht gerade Würste grillt – einem geradewegs den Sechziger Jahren entsprungenen Fernweh an. Hier – und nur hier – gilt der Grillteller Akropolis bis heute als eine Speise, gegen die sich nichts einwenden lässt, und Schweinefleisch süß-sauer als Ausweis echter Weltoffenheit.

Mit der Kunst haben es Rechte wie Linke allseits nicht so sehr. Dass man Geschmack nicht kaufen kann, findet die Sozialdemokratie eigentlich skandalös undemokratisch – die Konservativen dagegen fänden, wie man ihren Häusern ansehen kann, diese Auffassung rundheraus falsch, wenn sie sich denn jemals über die Käuflichkeit der Schönheit Gedanken gemacht hätten. Eines aber muss man der SPD lassen: Ihre Intellektuellen wirken stets ein wenig protestantisch-freudlos, aber immerhin wie besonders kluges Fleisch vom eigenen Fleische. Die intellektuelle Rechte dagegen stellt seit den Zwanziger Jahren eine Schimäre dar, eine denkende contradictio in adiecto, und die Vorzeigedenker der Konservativen wirken nicht wie die gesteigert intelligente Version der eigenen Leute, sondern wie vollkommene Fremdkörper, die nur aufgrund ihrer Willfährigkeit nicht als überkandidelt verstoßen werden.

Eine denkende Partei aus evangelischen Professoren wäre dagegen gern die FDP, die in der Realität allerdings aus alten Handwerksmeistern und jungen Gebrauchtwagenhändlern besteht. Im Gegensatz zum strotzend-selbstsicheren Konservativen ist der Liberale in der Welt seiner Wünsche allerdings nie so ganz zu Hause, statt economy möchte er business fliegen, und dieser Wunsch macht ihn hart, spitz und zumindest verbal etwas aggressiv. Der Liberale hadert in aller Regel mit der Welt, die nicht so will er wie er, und ob er sie schlicht als ungerecht gegenüber jungen Gebrauchtwagenhändlern empfindet, oder ob der Ärger vielleicht doch aus purer Besserwisserei herrührt: Die FDP ist eine Partei, bei der man die Differenz zwischen Wille und Wirklichkeit als geradezu komisch empfindet. Man verdankt den Bemühungen ihres Vorsitzenden ergötzliche Stunden der Naturbetrachtung, indes – Mitglied sein kann man da natürlich nicht.

Die GRÜNEN dagegen erträgt man, wie man einen alten Erdkundelehrer erträgt. Gern würde der wirklich nette Pädagoge aus dem Nähkästchen der Befreiungsbewegungen plaudern, gern etwas über seinen heldenhaften Kampf gegen die Errichtung von Flughäfen und für die Erhaltung historischer Bauernhäuser erzählen, allerdings haben ihm Generationen lachlustiger Schüler beigebracht, dass dies nicht das Interesse der nachfolgenden Generationen findet, die oberflächlich zu finden, ihm ein hartnäckiger Jugendwahn zumindest öffentlich verbietet. Um nicht unangenehm aufzufallen, hat er natürlich heute auch keinen Bart mehr, und er trägt betont lässige Anzüge, von denen er annimmt, sie würden ihm ein Air italienischer Lebensart verleihen.

Die GRÜNEN haben in den letzten Jahrzehnten mit einer Menge ihrer Ansichten letztlich recht behalten, und dieser Umstand ist es, der sie unerträglich macht, denn während die Großvätergeneration aus naheliegenden Gründen ihre Heldengeschichten nur selten zum besten gegeben hat, posaunen die GRÜNEN ihre Verdienste gern lauthals in die Welt. Immerhin isst man überraschender Weise in ihren riesigen Küchen oft besser als in den Esszimmern der CDU. Zum Beitritt vermag dies trotzdem kaum zu verleiten, denn immer dann, wenn man die GRÜNEN halbwegs als etwas trocken, aber essbar eingeordnet hat, stellt sich irgendein prominentes Mitglied vor die Presse und erzählt unter dem Beifall seiner räudigen Kreuzberger Mitglieder irgend etwas ganz Unglaubliches.

„Na, das geht natürlich gar nicht.“, zuckt die C. die Schultern, und dann sprechen wir von einer Republik, die es so nicht gibt, die unangestrengt wäre, lächelnd, geschmackvoll in ihren Worten und zurückhaltend mit ihren Taten, und so weit weg, dass man sie nicht einmal bemerkt: Nichts als eine unsichtbare, ordnende Hand hinter den Kulissen und ein würdiger, älterer Herr irgendwo in einem Schloss, der wohlgesetzte Reden im Fernsehen verliest.



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