Sonntag, 7. März 2010

Brüsseler Frost

Also ... sage ich und schiebe mir einen Scheibe Aubergine auf die Gabel: Es war wahnsinnig kalt. Schön war es, keine Frage, aber gefroren habe ich wie der sprichwörtliche Schneider, und zwar ein nackter Schneider, und, um den in Brüssel herrschenden Grad der Kälte mit den unvollkommenen Mitteln der Sprache anzudeuten: Wie ein nackter Schneider in Sibirien.

Kalt war es schon im Flugzeug. Die J. und ich also Freitag um 7.05 ab Berlin nach Brüssel, zweite Reihe, natürlich komplett und bodenlos unausgeschlafen, wegen mehr oder weniger aus dem Büro nach Schönefeld. Mag sein, dass auch die Müdigkeit dem Frösteln Vorschub geleistet hat, aber ich habe schon unterwegs gefroren, als hätte ich nicht ein schwarzes Wolloberteil von Kookai an, sondern maximal einen Bikini.

In Brüssel dann weitergefroren. Durch den Flughafen durch, in den Bus, weiter Richtung Innenstadt, und dann an der Place Sablon erst mal gefrühstückt. Die C. noch im Büro, die J. und ich also zu zweit gefroren und hastig, wie man das halt so macht, wenn man elend friert, zunehmend blau durch die Brüsseler Innenstadt. Ich kannte Brüssel bisher quasi nur als Verwaltungssitz, also hin, Taxi, zur KOM, dann zurück und wieder ab nach Tegel. Diesmal dagegen: Sightseeing.

Mittags die C. getroffen und mit ihrem Schlüssel zu ihrer Wohnung. Ein Eispalast, Betonung: Palast. Wunderschön, üppiger Stuck, Stuckatur vom Boden an ein halber Meter, hohe Kamine, Riesenfenster. Die aber einfachverglast, und entsprechend alles sehr, sehr kalt. Die C. scheint wenig daheim zu sein und hat dem entsprechend wenig geheizt.

Trotz der Kälte ein bißchen geschlafen. Irgendwann dann komplett blaugefroren raus, an der Place Bruckman Tee getrunken, weitergefroren, bis dann irgendwann die C. auftaucht. Ab dann also Frieren zu dritt.

Ich ab nachmittags in meinen grauen Pullover. Ich habe nur einen Pullover, der wirklich warm ist, ein grauer Zopfstrick mit Rollkragen von Hugo, den ich trage, wenn Minusgrade herrschen, und ich muss trotzdem raus. Der Pullover ist ungefähr (nicht ganz) so sexy wie eine Burkha, ich fühle mich komplett geschlechtslos in dem guten Stück, und entsprechend trage ich den Pullover auch nur, wenn es wirklich, wirklich, wirklich nicht anders geht. Ich fühle mich dann auch nie so sonderlich wohl in dem Pullover, und habe bei solchen Temperaturen dann also die Wahl: Frieren im Pullover und sich fühlen wie die dicke Frau eines Mullah oder sich fühle wie man selbst, aber ab und zu fällt einem ein blaugefrorener Zeh aus den Schuhen.

Nachts dann bis zur Nase unter einer dicken Decke. Samstags dann weitergefroren, etwas besser immerhin, und beim Spazierengehen immer so ein wohl ausgewogenes Hin und Her zwischen Geschäften (warm), Straßen (kalt) und Cafés (wieder warm). Viel zu viel gegessen, aber das war klar.

Abends dann Muscheln, relativ viel Wein, drei Bars, bis in der letzten dann der J. zwei Schachteln Pralinen gestohlen worden sind, und diesmal nachts geschlafen wie ein Stein. Heute nur ein ganz bißchen gefroren vor einem Museum, auf dem Rückweg dann von Tim Krohn Irinas Buch der leichtfertigen Liebe gelesen und sehr gemocht und schließlich mit dem Taxi vorm Pappa e Ciccia vorgefahren.

Jetzt nach Hause, sage ich und bohre meine Gabel in das letzte Stück Hirsch. Aufwärmen. Nicht mehr frieren unter zwei Decken mit der Heizung auf mindestens 3. Träumen vom Sommer, ja: Vom Sommer.



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