Samstag, 27. März 2010

Ich bin die Stewardess

Bei P&C war an sich alles noch ganz schön. Gut, berauschend sah das Kostüm schon im HUGO Store nicht aus, ein blaues Kostüm halt, Rock in A-Linie, schmal geschnittene Jacke, eine Hose gab es auch dazu, obenrum ein weißes Shirt. Das Kostüm ist langweilig und unglaublich asexuell, aber ich brauche langweilige Oberbekleidung, in denen man wie ein Mann aussieht, denn das gehört zu meinem Job. Ich also in die Kabine. Hose 36, Jacke 38, und dann aus der Kabine wieder raus. Das Kostüm passt.

"Wie sehe ich aus?", rief ich über die Kleiderständer hinweg dem J. zu. Dieser wedelte zerstreut Zustimmung, einen Herrensommermantel in der Hand. Hingeschaut haben kann er nicht, denn dann hätte er sicherlich schon bei P&C gesehen, dass das Kostüm und ich miteinander verschmolzen zu dem leise lächerlichen Gesamtbild einer dicklichen Stewardess, die in den schlecht gelüfteten Kurzstreckenflugzeugen privater Luftfahrtunternehmen den spärlichen Passagieren mit leicht verrutschtem Lächeln lauwarme Getränkedosen reicht. Der J. aber sah gerade in just diesem Moment angewidert einem Herrn Lindner beim Telephonieren zu, Generalsekretär einer vom J. aus unterschiedlichen Gründen nicht sehr geschätzten Partei, und so drehte ich mich erst nach rechts und dann nach links, und dann fragte ich eine Angestellte des Hauses.

"Geht das?", vergewisserte ich mich bei der Verkäuferin, die die Zähne bleckte und nickte. Ich bin mir sicher, in der Rückschau, dieser Frau war klar, was sie tat, in diesem Moment aber schenkte ich ihr Glauben: Ich kaufte das Kostüm, ich nahm die Anzughose dazu, eine Frau kam, die Hosenbeine zu kürzen, und dann fuhr ich heim.

Am Montagmorgen stieg ich in das Kostüm. Ein weißes Top, Perlen, ein dezenter Lippenstift, schwarze Pumps, und aus dem Spiegel in meinem Schlafzimmer lächelte mich eine schwarzhaarige Stewardess an, riss kurz die Augen auf, kniff sie zu, schüttelte den Kopf, lächelte nicht mehr, und schaute dann traurig zu Boden. Zum Umziehen war es zu spät. Ich fuhr ins Gericht.

Den ganzen Tag starrte ich in jeden Spiegel und jede Scheibe. "Wir möchten sie mit unseren Sicherheitsvorkehrungen vertraut machen.", probierte ich unterschiedliche Ansagen leise aus. "Darf es noch etwas zu trinken sein?", hörte sich eindeutig richtiger an als "Mein Mandant bestreitet den Vertragsschluss.".

Auf dem Heimweg lächelte ein Passant vor dem Pappa e Ciccia mich freundlich an und murmelte irgendetwas, was ich nicht verstand. "Einen Tomatensaft mit Tabasco.", reimte ich mir das Unverständliche zusammen und ging ein Stück schneller. Vor der Haustür dann traf ich eine Nachbarin. Sie sah mich aufmerksam an. "Hast du den Job gewechselt.", übersetzte ich mir den Blick, flüchtete ins gnädige Halbdunkel meiner Wohnung und hängte das Kostüm ordentlich über einen Bügel.

Eine übergewichtige Stewardess in Unterwäsche schmierte sich ein Brot und ging schlafen.



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