Samstag, 23. Oktober 2010

Journal :: 21.10.2010

Haben Sie sich eigentlich auch so erschreckt wie ich? Sie nesteln also so gegen 22.00 Uhr in Mitte an meinem Fahrrad herum, sie zerren an der Kette, reißen ein bißchen am Sattel, so etwa, und dann komme ich auf einmal um die Ecke. "Was machen sie denn da?", frage ich, völlig perplex, und Sie schauen auf. Da stehe ich. Drei Meter entfernt. Klein, rundlich, blauer Dufflecoat, schwarze Haare, und schaue Sie an. Sie schauen zurück.

Für zwei, drei Sekunden fällt keinem von uns beiden etwas ein. "Wollen sie etwa mein Fahrrad stehlen?", erscheint mir etwas plump, obwohl ersichtlich gerade dies Sinn und Zweck Ihres Treibens darstellt. Was Sie gern sagen würden, aber es nicht tun, weiß ich natürlich nicht. Vielleicht würden Sie mich gern in Luft auflösen und mit dem Rad verschwinden. Vielleicht bezieht sich Ihr Wunsch mit der Auflösung in Luft aber momentan auch eher auf sich selbst. Sie schauen mich jedenfalls an wie die sprichwörtliche Kuh, wenn's donnert.

"Ist das ihr Rad?", fragen Sie mich irgendwann, als könnte da irgendein Zweifel bestehen. Gut, vielleicht bin ich ja auch nicht die Eigentümerin dieses Gefährts, sondern bloß eine konkurrierende Fahrraddiebin, aber bedenken Sie: Warum sollte jemand, der nicht so fertig aussieht wie Sie, ein dermaßen unscheinbares Fahrrad stehlen? Zur Sicherheit (und weil mir nichts Intelligenteres einfällt dazu) bestätige ich Ihre Vermutung. Sie trotten davon.

Falls mich jemand fragen würde, wie Sie aussehen, könnte ich Sie höchstens ziemlich ungefähr beschreiben. Ich denke, Sie sind so ca. 25. Sie sind so ein eher leptosomer Typ, blond, etwas farblos, und Ihre blaue Daunenjacke steht Ihnen nicht. Sie haben eine ganz ausgesprochen schlechte Haltung.

Sie haben aus meiner Sicht aber ohnehin ein Problem, finde ich. Sie sollten vor allem das mit den Rädern besser lassen. Das kann ziemlich unangenehm werden, wenn Sie mal an den Falschen geraten. Ich sage nur: Staatsanwalt. Vielleicht halten Sie sich einfach besser an ein eigenes Rad oder gehen zu Fuß. Außerdem, aber dies nur am Rande, brauchen Sie einen anständigen Friseur und sollten etwas gegen Ihren Haltungsschaden unternehmen, Sport, was weiß ich, Sie wissen schon, das haben Ihnen bestimmt schon andere gesagt. Ich sage es Ihnen nicht, ich bin schlicht froh, dass Sie weg sind, ich schließe mein Fahrradschloss auf und fahre heim. Es ist dunkel und kalt.

Auf der Torstraße treffe ich einen großen, roten Fuchs, der mich anschaut. Chaos regiert, raunt der Fuchs mir zu, und ich sehe ihm nach auf dem Weg durch die Nacht.



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