Sonntag, 18. September 2011

Unerträglichkeit am Sonntag

Jeden Sonntag steht in der Zeitung, die Gegenwart sei eigentlich nicht auszuhalten. Letzten Wochen heulten irgendwo die Dreißigjährigen, die Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen machten sie depressiv. Heute behauptet ein bücherschreibender Pädagoge oder Kinderpsychiater oder so in der FAS, dass Eltern auch wegen der vielen schlechten Nachrichten in der Zeitung zu unentspannt seien und deswegen ihr Nachwuchs trotz größter Bemühungen psychisch missrate. Man müsse mehr intuitiv erziehen und den Katastrophenmodus verlassen. Nächste Woche weinen dann vermutlich wieder die Sozialverbände.

"Glaubst du, den Leuten geht es wirklich seelisch so dreckig?", frage ich den J. und verteile den restlichen Orangensaft möglichst gerecht auf beide Gläser. "Ausgeschlossen ist das nicht.", gähnt der J. und liest nicht ohne einen Anflug genießerischer Schadenfreude etwas über die Malaisen der Katholischen Kirche. Der geschätzte Gefährte ist evangelisch und freut sich - auch wenn er es nicht zugeben würde - gelegentlich ein bißchen über die schlechte Presse der Konkurrenz. Manche Leute, gibt er dann noch zu bedenken, seien halt einfach etwas empfindlicher als andere.

"Aber wieso schreiben dann immer nur die die Zeitungen voll?", frage ich mehr mich als ihn und schneide möglichst gerade Scheiben vom Stilfser Käse. Der J. zuckt mit den Achseln und sagt nichts, weil man mit vollem Mund nicht sprechen kann, und verzehrt den letzten Rest eines sehr alten, kristallin erstarrten rot-goldenen Goudas.

"Das ist doch bestimmt eine ganz besonders raffinierte Strategie.", fahre ich fort und schaufele mir weiteren Tomatensalat auf den Teller. Es ist doch kein Zufall, dass so etwas immer in den Sonntagsblättern steht. Da sitzen irgendwo die Redaktionen, planen ihr Blatt, und überlegen, was der Sonntagsleser ganz besonders gern lesen will, wenn er da so sitzt, morgens um elf mit wuscheligem Haar und Schlaf in den Augen und einem Latte Macchiato im Glas. Am Sonntag sind die meisten Leute ja mit sich total im Reinen. Alles, was man so machen muss, hat man - wenn man es denn tut - am Samstag erledigt. Der Kühlschrank ist voll. Das Diensthandy liegt saftlos und unbeachtet in einer Schreibtischschublade. Um die Hosenbeine streichen die Katzen, und um dieses Hochgefühl sonntäglichen Müßiggangs noch weiter zu steigern, schreiben die Zeitungen, wie schlecht es anderen Leuten geht, die Entspannungs- oder Entscheidungsprobleme haben.

Der Sonntagszeitungsleser soll sich dabei wohlig gruseln und ein klein wenig überlegen fühlen, weil er sich eigentlich immer und mühelos entspannt, sobald man ihn lässt. Außerdem hat er ein Gesprächsthema, wenn er mit dem Gefährten seines Frühstücks erörtert, ob es eigentlich wirklich Leute gibt, die sich von den Katastrophen, die in der Zeitung stehen, irgendwie beunruhigen lassen, und bestimmt - so vermutlich das Kalkül der Blattmacher - kauft er auch nächstes Wochenende eine Zeitung und freut sich seiner Existenz.



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