Mittwoch, 29. Juni 2005

Ein paar Worte zur Evolution

Wer bin ich, dem großen Darwin, dem verdienten Schöpfer der Evolutionslehre, zu widersprechen! Gleichwohl sei an dieser Stelle einmal schüchtern ausgesprochen, dass mich nicht alle Aspekte seiner Evolutionslehre, soweit mir in groben Zügen bekannt, vollkommen zu überzeugen in der Lage sind.

Im Tierreich, so zwischen Fell und Federn, da geht es meinetwegen noch halbwegs an: Frau Giraffe nämlich liebt immer den Giraffenmann mit dem längsten Hals, der am meisten Futter aus den Bäumen klauben kann, und so werden pro Generation die Hälse länger und länger. Die Pfauendame gibt sich dem prächtigsten Gefieder hin, und die schwachen Störche fallen ins Mittelmeer, ersaufen und geben ihre schwächlichen Gene im nächsten Sommer nicht mehr weiter.

In meiner unmittelbaren Umgebung jedoch sind Tiere – abgesehen von den beiden kastrierten Katern im zweiten Stock – schon eher selten, und bei den Menschen mag es einfach nicht hinhauen. Ginge es nach Darwin, dann müssten doch die Frauen den besten Ernährern hinterherlaufen, die Seniorpartner großer Kanzleien und Vorstände international agierender Konzerne müssten sich vor paarungswilligen Damen kaum mehr retten können, und vor der Deutschen Börse in Frankfurt am Main würden leicht bekleidete Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit der anzugjackerten Investmentbanker zu erregen.

Aber nichts.

Diejenigen Männer meines Bekanntenkreises, die aus der Schar ihrer Anbeterinnen wohlgestaltete weibliche Fußballmannschaften zusammenstellen könnten, können, soweit ich das beurteilen kann, nur auf spärliche Qualitäten als Ernährer verweisen. Und die meisten erwecken noch nicht einmal optisch den Eindruck, optimale Gene zu besitzen. Welche Qualitäten etwa mögen es sein, die ausgewachsene Frauen dazu bewegen, sich um die Gene eines maximal mittelgroßen, dünnen und meistens arbeitslosen Romanisten mit spärlichem schwarzen Haar zu schlagen? Und wieso verschmäht die weibliche Welt einen im Großen und Ganzen wohlgestalteten Richter am Finanzgericht, der Geige spielen kann?

Andersherum indes schaut es auch nicht besser aus: Von den beiden schönsten Frauen, die ich kenne, ist augenblicklich eine Single, und die andere schlägt sich herum mit einem Mann, der sich hartnäckig gegen die Weitergabe seiner und ihrer Gene sträubt. Weibliche Ernährerqualitäten sind ohnehin nicht in der Lage, Männer zu betören, und bezeichnend ist überhaupt, dass nicht die schönsten, erfolgreichsten und klügsten Leute die meisten Kinder haben, sondern sozusagen das Gegenteil der Fall ist – zumindest aus meiner Abiturklasse haben sich bisher nur jene Menschen verheiratet und teilweise sogar reproduziert, die ich nicht ganz grundlos für aussichtslose Fälle auf dem Heiratsmarkt gehalten habe.

Darwin muss sich geirrt haben.

Dienstag, 28. Juni 2005

Die Liebe der Penthesilea

Wer mit der S-Bahn nach Wannsee herausfährt, heraus zur Bismarckstraße, der kann beim Ruderclub den Weg zwischen den Eiben auch herauf laufen, und steht nur wenig später vor einem schlichten Grabstein. Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein, verkündet die Inschrift dem Wanderer an jener Stelle, an der im November 1811 Heinrich von Kleist die Unruhe der Welt per Pistolenschuss verließ: Ein grelles und bizarres Ende, die belanglose, zufällige Gefährtin, das ausgelassene Picknick im November am grauen See, und die Abschiedsbriefe, die voll der Würde und der Trauer dessen, der sich falsch ins Leben gestellt sieht, die Misere dieser 34 Jahre währenden Flucht noch einmal scharf beleuchten. Ein Ende, das dem Werk gut zu Gesicht steht, und, an einem sommerlichen Sonntag fast zweihundert Jahre später, etwas Tröstliches ausstrahlt, als habe der, der hier liegt, am Ende einen Frieden gefunden, der zwischen den zuckenden Gegensätzen seines Werkes wie in dem von stetem Ortswechsel und erfolglosen Ansätzen zu Tätigkeit geprägten Leben keinen Raum gefunden hat.

Der zerbrochene Krug, glaube ich, wird bisweilen aufgeführt. Vorm Prinzen von Homburg schreckt die Bühne offenbar ein wenig zurück, auch wenn dieses Stück Passagen einer reinen und schwerelosen Schönheit enthält, ein hastiger Tanz um den Tod herum, den der Prinz ersehnt, um dann wieder ängstlich zurückzuschrecken. Das Gewand von Pflichterfüllung und Kriegsruhm hängt nur lose um diesen Totentanz eines Getriebenen, und der Bühne vielleicht am Rosa-Luxemburg-Platz würde das Stück gut zu Gesicht stehen. Das Käthchen, nun gut, das mag für andere reizend sein. - Von den Novellen liest man die eine oder andere in der Schule zu einem Zeitpunkt, an dem die Kälte von Verhängnis und verderblichem Schicksal dem Leser noch fremd sein muss, und so entschwindet uns Kleist in einem Maße, wie es angesichts dieses todblitzenden, sehnsuchtsvoll eruptiven Werkes kaum zu erklären ist.

Gefällig mag der Tote nicht gewesen sein, der sich mit fast allen Freunden nach hastiger Annäherung entzweite. Körperliche Schönheit war ihm, den wenigen Abbildungen nach, nicht zu eigen. Ausstrahlung muss er besessen haben, und die Gabe, geliebt zu werden. Dass er, der keine Ehe eingehen konnte oder mochte, von der Liebe trotzdem mehr verstand, als es dem 19. Jahrhundert meist zu eigen ist, zeigt die Penthesilea, dieses großartige, brutale und lyrische Drama über die Liebe. Dass dieses Drama, voll der Schönheiten und einer tiefen Wahrhaftigkeit, den Weg auf die Bühne so selten findet, dass es nicht mehr geliebt, nicht mehr gelesen wird, kann ich mir kaum erklären.

Die Klimax des Verfallenseins, Stolz und Gier der Liebe reiner Ausdruck: Wie im vierten Auftritt Achilles schwört, nicht ins Lage der Griechen zurückzukehren, bis er Penthesilea erobert haben wird.

Doch müßt´ ich auch durch ganze Monden noch,
Und Jahre um sie frein: den Wagen dort
Nicht eh´r zu meinen Freunden will ich lenken,
Ich schwör´s, und Pergamos nicht wiedersehn,
Als bis ich sie zu meiner Braut gemacht,
Und sie, die Stirn bekränzt mit Todeswunden,
Kann durch die Straßen häuptlings mit mir schleifen.


Wie Penthesilea den Kampf aufnimmt,

den einen heißersehnten Jüngling siegreich
Zum Staub mir noch der Füße hinzuwerfen.


Wie er sie unterwirft. Wie sie ihn lieben kann nur in dem Glauben, ihn ihrerseits besiegt zu haben. Die Unerträglichkeit des Irrtums, ihm unterlegen zu sein, das Losreißen aus der Verfallenheit, und schließlich das Dahinschlachten, die Rache für die Unterwerfung durch den Helden, der den Kampf herausgefordert hat, mit Hunden und Sichelwagen. Das Rasen der Penthesilea, der Donner rollt heftig, die törichte Verständnislosigkeit des Achilles, der glaubt, die Liebe der Penthesilea bewahre ihn vor ihrem Schwert. Er naht sich ihr, nur leicht bewaffnet, bemerkt den Ernst der Rasenden zu spät, und hebt die Händ´ empor, und duckt und birgt in eine Fichte sich, der Unglücksel´ge, den man auf der Bühne nicht bedauern wird, weil es Lohn genug sein mag, so geliebt zu werden. - Sie aber

...spannt, mit Kraft der Rasenden, sogleich
Den Bogen an, dass sich die Enden küssen,
Und hebt den Bogen auf und zielt und schießt,
Und jagt den Pfeil ihm durch den Hals...


Die Gewalttätigkeit der lodernden Liebe: Wie sie die Hunde auf den Sterbenden hetzt. Ihn mit Zähnen zerfleischt, ihn gleichsam aufisst,

Sie schlägt, die Rüstung ihm vom Leibe reißend,
Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust,
Sie und die Hunde, die wetteifernden


Besser beobachtet gibt es die bewusstlose, blutige Ekstase nicht, die von der Liebe aus dunklen Gründen nicht zu trennen ist, gibt man sich dem anderen ganz preis: Mehr, als wir wissen, muss Kleist geliebt haben, denn allein aus der Imagination ist diese tiefe Erkenntnis kaum vorstellbar.

Das Finale schließlich, fällt schon deutlich ab: Der Tod der Penthesilea, die kalte Verzweiflung, dass die Erfüllung der Liebe auch stets ihr Untergang sein muss, und dann der Dolch und das jähe Ende. Besser, intimer, wahrhaftiger, hat das 19. Jahrhundert den Rausch der Liebe an keiner Stelle geformt. Die Besinnungslosigkeit der Begierde, den zerstörerischen Wunsch, einander vor lauter Liebe in Stücke zu hacken, und zu hoffen, dass die blutigen Brocken diesmal ein heiles Ganzes ergeben – kein zweites Beispiel der Literatur jener Epoche ist mir bekannt, in dem die schwarze, widrige Seite der Liebe so ergreifende, wahrhaftige Bilder gefunden hat.

Ach, und was es Tristes aussagt über uns und unsere Welt, die tieferen Schichten auf der Grenze zwischen Hell und Dunkel nicht auf der Bühne sehen zu wollen. Und so geht man denn, an einem sonnigen Sonntag, am kleinen Wannsee am Grab Heinrich von Kleists vorbei, lächelt der Unsterblichkeit, und lege eine schwarze Rose auf den Grabstein.

Wunschliste

Kaum etwas verrät soviel über einen Menschen wie seine Bücher, und so steht man beim ersten Besuch in fremden Wohnungen oftmals fast ein wenig ängstlich vor den Regalen: Lass, oh Himmel, denkt man, diesen reizenden Jüngling bitte nicht das Gesamtwerk von Douglas Adams und alles von Tolkien in vieltausendmal zerlesenen Ausgaben besitzen, und an jener Stelle, wo von Rechts wegen die Recherche ihren Platz hätte, das blanke Nichts den Betrachter anlachen. Stehen Nick Hornby und Benjamin von Stuckrad-Barre auf drei kümmerlichen Regalbrettern? Liebt da einer Grillparzer oder Raabe? Kann man jemanden küssen, der Grass verehrt und Martin Walser als lesbar erachtet? - Und überhaupt - welchen Regelmäßigkeiten folgt die Anordnung der Bücher - sind´s die Anfangsbuchstaben, ist´s die Vorliebe oder ist es gar der Zufall, der die Bücher regellos in die Reihen spült? Stammen die Bücher von Flohmarkt und Antiquariat, zusammengesucht von der zufälligen Hand des Liebhabers und Sammlers, der die eine oder andere mühsam erschlagene Ausgabe zärtlich und stolz vorführt?

Steht Besuch prüfenden Blicks vor meinen Regalen, so halte ich manchmal, ist´s wichtig, auch ein wenig den Atem an. Welches Buch wird er herausziehen? Was als trivial abtun, was aus welchen Gründen loben, und an welchen Büchern geht er gänzlich vorbei? Besteht mein lesendes Selbst vor kritischen Augen? Man erfährt einiges über mich vor diesen Büchern, und so erfährt man auch einiges über mich, liest man ein wenig in der Wunschliste herum, die ich bei amazon vor ein oder zwei Jahren einmal zusammengestellt - und gestern ein zweites Mal für alter ego Modeste angelegt - habe, um Familie und Freunden das Beschenken ein wenig zu erleichtern.

Ob der Betrachter nicht vielleicht mehr erfährt, als mir lieb ist, kamen die Bedenken vor der fertigen Liste, und die Frage, ob zwischen dem schreibenden Fräulein Modeste und der Leserin auf dem grünen Sofa wirklich jenes Maß an Koinzidenz besteht, das ich vielleicht nur aufgrund mangelnder Distanz annehme? Ob ich überhaupt will, dass der Leser im Verlaufe der Zeit mehr und mehr über mich erfährt, sei es durch eine Bücherliste, sei es durch Alltagsgeschichten, ein Photo - ob mir diese Verwandlung in kleinen Schritten in eine - wenn auch für einen glücklicherweise begrenzten Personenkreis - öffentliche Person möchte, der mit der Führung eines persönlichen Blogs zwangsläufig verbunden ist.

Aber sei´s drum: Ich liebe Geschenke.

Montag, 27. Juni 2005

Auflösung folgt nicht nach

Schade ist auch, dass, anders als bei manchem Erzeugnis der Literatur oder auch in Filmen, im echten Leben die Erklärungen meist nicht nachgeliefert werden. Auflösungen dergestalt etwa, dass ein am Geschehen unbeteiligter, aber umfassend informierter Dritter am Ende daherkommt und erklärt die Motive und verborgenen Handlungen der Akteure, kommen praktisch nicht vor. - Dass nicht die damals durchaus minderjährige Modeste, sondern höchstwahrscheinlich ihre kleine Schwester an den Kühlschrank geschlichen war und alle Cocktailkirschen von der großmütterlichen Geburtstagstorte genommen hat, wird sich so wohl nie aufklären vor den Augen der Welt. Und gleichfalls nie wird ans Licht kommen, wer damals, im Sommer 1992, zum Englischlehrer Dr. F. gegangen war und diesem erzählt haben muss, was ich von ihm und seinen Haaren in den Ohren und überhaupt von der englischen Sprache wirklich hielt.

Könnte in derartigen Fällen vielleicht noch ein fleißiger Kommissar ein bißchen spüren und graben, so schaut es in anderen Fällen noch einmal anders aus. Unwegsam ist nämlich das weite Land der Seele, verschlossen hält der Mund in vielen Fällen die Gedanken, und zu gern wüsste man aber trotzdem, ob der X. sich nur nicht getraut hat, mich zu küssen, oder einfach kein Interesse hatte. Ob der Y. sich wohl gemeldet hätte, hätte ich ihm am Morgen der Abreise aus nicht mehr völlig nachvollziehbaren Gründen nicht nur einen Gruß an die Tür geklebt, sondern meine Telephonnummer dazu? Im Film, auf der Bühne, würde der X. einen Monolog halten, beim Rasieren etwa, und den Zuschauern wäre völlig klar, was der X. vom Fräulein Modeste hält. Der Y. würde so ungefähr in der zweiten Hälfte eines Romans einer Freundin im Park erzählen, was ihm beim Anblick des kontaktmöglichkeitslosen Klebezettels durch den Kopf gegangen, und der Leser wüsste Bescheid. Auch in dieser Hinsicht erweist sich das echte Leben wieder einmal als der Kunst hoffnungslos unterlegen.

Könnte in den Fällen von X. und Y. immerhin noch der jeweilige Herr zumindest theoretisch Aufklärung schaffen, so ist dies in einer weiteren Kategorie der Unwissenheit vollends unmöglich. Ob ich gut daran getan habe, die Rechte zu studieren, und nicht etwa Klassische Philologie? Welche Wendungen mein Leben genommen hätte, wäre ich letzte Woche nicht nach Riga , sondern nach Wales gefahren, weiß kein menschliches Wesen zu sagen. Ein zweites Leben, nur um die Alternative einmal auszuprobieren, steht mir zumindest meines Wissens auch nicht zur Verfügung, und so wird es unklar bleiben, ob es klug und längst überfällig war, Hannover damals zu verlassen, oder ein blödsinniger Kardinalfehler, nicht wieder gut zu machen, und jetzt ist alles vorbei mit Glück und Liebe? War der J. vielleicht der Richtige, oder war´s der E.? War es keiner von beiden, und wahres Glück wartet auf mich hinter tibetanischen Klostermauern?

Zumindest zu Lebzeiten wird mir keiner verraten, welche Wege sich eröffnet hätten, und noch am Ende wird es dunkel werden, ohne dass mir einer sagt, ob nun die Lungenembolie oder eine mörderische Krankenschwester mit Giftspritze das Ende herbeigeführt haben wird, und wer, statt mit meiner Leiche auf den Friedhof, fröhlich pfeifend ins Kaffeehaus geht.

Samstag, 25. Juni 2005

Der brandenburgische S*extourist

Die Umgebung Berlins, so behaupten Einheimische gerne, sei durchaus ansehnlich. Man möge, schlagen diese zumeist aus Ostberlin gebürtigen Menschen von Zeit zu Zeit vor, sich doch einmal einen Wagen mieten, und sodann die idyllischen Alleen Brandenburgs erkunden, auf den Spuren Fontanes wandeln, den Spreewald durchwandern und in den Seen der Mark ein Bad nehmen. Ich schüttele dann stets den Kopf und weise derartige Vorschläge entschieden zurück.

Für Wanderungen, eigentlich egal wo, habe ich ohnehin nichts über. Die Brandenburgische Landschaft zumal ist schon beim Durchqueren öd, und Fontane gehört zu denjenigen Autoren, deren nachhaltigen Erfolg ich mir kaum erklären kaum. Vor allem, und dieses Argument steht jedem Versuch, Brandenburg doch einmal zu erkunden, entgegen, hege ich ein gewisses, durch Medienberichterstattung und persönliche Erfahrung unterfüttertes Misstrauen gegenüber den Brandenburgern, die, wie einschlägigen Presseorganen zu entnehmen ist, sich in regelmäßigen Abständen Gewaltexzessen hingeben, von denen es heißt, sie seien geeignet, auch altgedienten Staatsanwälten und in allen Wassern der verbrecherischen Tuns und Treibens abgebrühten Richtern Alpträume zu verursachen. Als nur mäßig teutonische Erscheinung von einem entfesselten, aber tätowierten Mob in Perleberg oder Frankfurt/Oder in Stücke gerissen zu werden, zählt aber ganz klar nicht zu meinen persönlichen Favoriten unter den Todesarten.

Die Assoziation der Mark Brandenburg mit glatzköpfigen Schlägern wird offenbar indes nicht von allen Menschen geteilt. Der O. beispielsweise, ein aus dem Hessischen gebürtiger blonder Assessor mit eindrucksvollem Schmiss, schätzt den Brandenburgischen Menschenschlag weniger in seinen männlichen, denn in seinen weiblichen Bestandteilen, und rühmt insbesondere die Frühreife und Freizügigkeit der Brandenburgerinnen. Die gleichaltrige Berlinerin würde Annäherungsversuchen bei abendlichen Tanzveranstaltungen meist mit einem kräftigen „Hau ab, Alter!“ begegnen, die Brandenburgerin indes sei gegenüber Kontaktversuchen bei Scheunenfesten und auf den Tanzflächen von Großraumdiscotheken in aller Regel aufgeschlossen. Würde die Berlinerin der einschlägigen Altersklassen auf das Angebot, ihr ein Glas Korn/Cola auszugeben, eher spröde, wenn nicht gar beleidigend reagieren, so wäre dies bei ihrem ländlichen Pendant ganz ein anderes, und sogar die Konversation mit diesem Menschenschlag sei einfach. Das urbane Mädchen, so der O., könne stundenlang über die Ungerechtigkeit ihres Mathelehrers schwadronieren und von dem bevorstehenden Konzert des Landesjugendorchesters berichten, ohne dass der Abend dem von dem O. avisierten Finale näherkäme. Als Freund der mittelmäßig reiferen Jugend sei er, so der O., in Brandenburg dagegen genau richtig.

„Nerven die Mädchen denn nicht, wenn sie mal was sagen?“, frage ich ein wenig irritiert nach. „Aber klar.“, meint der O., und bestreicht sich eine halbe Semmel mit Butter und Frischkäse. Als ein wenig störend erweise sich der Rechtsradikalismus der meisten Mädchen in noch höherem Maße als deren Dummheit und der durchaus vulgäre Dialekt. Der Angabe etwa, aus Berlin zu kommen, werde von nicht wenigen der Mädchen mit der Mitteilung begegnet, dort lebten ihr zu viele Ausländer, und die ungefragten Stellungnahmen einiger Backfische zur Lage der Nation seien überdies durchaus besorgniserregend.

„Sind die Mädchen denn sonst nett?“, fragt die R. nach, und runzelt ein wenig angeekelt die Stirn. In ihren Kaffee zappelt eine kleine Fliege vergeblich um ihr Leben. - Der O. schüttelt den Kopf. Eigentlich nicht. Ein bißchen zu stämmig sei die Brandenburgerin, ein wenig zu schlecht blondiert dazu, und auch die Tätowierungen seien nicht dazu angetan, nachhaltiger Gefallen zu erregen.

„Und was willst du dann von denen?“, fragt die R., und sieht ein wenig erstaunt den O. und mich in ein hyänenartiges Gelächter ausbrechen.

Freitag, 24. Juni 2005

Versteinern

Wie groß war die Welt und ihre Versprechen. Wie strahlend, wie morgenschön erschien, an manchen Tagen, die Erfüllung aller Wünsche. Die erwartungsvolle Freude am ersten Schultag, die Schultüte im Arm, an meines Vaters Hand. Die ersten Freundschaften, stundenlang mit der K. am See zu liegen, und sich alles, alles zu erzählen, und sich wiederzuerkennen in der anderen. Mit einem Markstück gemischte Tüten zu kaufen und alles zweimal zu nehmen. Wie großartig der erste Opernbesuch war, der Freischütz, 1983 war´s, ein paar Wochen später die Zauberflöte, und wegen guter Aufführung ein Jahr später die Meistersinger. Meine Großmutter goß ein wenig Kaffee in die heiße Milch, mit neun oder zehn gab´s morgens Semmeln statt Milchsuppen oder Porridge, und ich fühlte mich erwachsen mit der Buttersemel in der Hand.

Wie schmerzhaft die ersten Abschiede waren, das vergebliche Warten auf Briefe der K., die doch zu schreiben versprochen hatte. Neue Freundschaften, deren Endlichkeit schon weniger schmerzte. Die ersten großen Leseerlebnisse, die ich nicht mehr weiß, nur noch, dass es sie gegeben hat: Bücher, die ich so oft las, dass sie ein zweites Mal gekauft werden mussten, weil die Bindung sich gelöst hatte. Mit zwölf, glaube ich, war ich das erste Mal verliebt, und dachte lange nach, warum dieser Junge, und nicht ein anderer, und fand keine Antwort. Der erste Kuss, der erste Schmerz, weil eine andere geliebt wurde und nach Hause begleitet. Erfolge im Sport und in der Schule, reiner Geschmack des Triumphes, und die Erkenntnis, auf diesem Wege das Glück dann doch nicht zu finden, letztlich ehrgeizlos zu sein, und genug an der Tätigkeit zu haben, ohne siegen zu müssen.

Der ganze Himmel ging auf, als einer, dem ich wochenlang nachgeschaut hatte, mich küsste, und die Welt hätte untergehen mögen, als er schließlich doch gestand, eine andere zu lieben, hinter der die halbe Schule herlief. Die Enttäuschung über das, was ich mir als Himmel gedacht hatte, und dann doch nur ein Stück Erde war, lieblos und brutal. Die Pyramiden zu sehen und Jerusalem, das Kolosseum und die Wüste. Unberührt zu bleiben, und Begeisterung vorzutäuschen, um Erwartungen zu erfüllen, die ich nicht enttäuschen mochte. Verstellung und Verrat, und den Rigorismus der Fünfzehnjährigen in irgendeiner Ecke liegenzulassen.

Den Erwartungen ihr Leuchten abzukratzen. Die Entzauberung der Anfänge, die sarkastischen, nächtlichen Gespräche, die das beiläufige, bittere Ende vorwegnahmen. Anfänge und Enden, die sich zu wiederholen begannen. Zusehen, wie sich auf dem Grunde der Seele ein Bodensatz zu bilden begann, der alles überhaupt schon immer gewusst hatte, nichts erwartete, und das Pragmatismus nannte, für was es hässlichere Namen gibt, die er alle kannte. Durch die Neuheit das immer schon Dagewesene zu sehen, hinter dem Immergleichen wiederum die traurigen Mechanismen der abgenützten Seele, und hinter dieser die Leere und das Nichts. Über die Schichten der Enttäuschung spotten, dem Verlorenen nicht mehr hinterherzutrauern, und am Ende die Erkenntnis zurückzubehalten, dass da nichts ist als ein fließendes, leuchtendes Flirren des Augenblicks, ein warmer Abend im Park, und die Angst, dass nichts mehr kommen mag, die nächsten fünfzig Jahre als die Ödnis der Wiederkehr, und die Gleichmut und eine Versteinerung am Ende, die auch diese Angst nicht mehr kennt.


Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7747 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren