Montag, 1. August 2005

Wie der Hamster starb

„Da ist er.“, flüsterte meine Freundin N. mir ins Ohr, als der G. samt blonder, schlanker Freundin zur Tür hineinkam. Mir fiel fast das Glas aus der Hand, und ich starrte den G. an, der dem Gastgeber dieser Party im Hause seiner Eltern die Hand schüttelte und sodann in der Menge im Foyer des Hauses verschwand. Jedesmal, wenn zwischen den Köpfen der anderen Gäste derjenige des G. einen Moment sichtbar wurde, fingen die Eiswürfel in meinem Glas dermaßen auffällig an zu klirren, dass die N. mich belustigt anstieß.

Die selbstsichere, aparte N. plauderte rechts und links und versicherte aller Welt, es sei ein großartiges Gefühl, durchs Abitur zu fallen, und ich saß neben ihr auf den Treppenstufen und betete, auf der Stelle unsichtbar zu werden oder doch wenigstens auch so schlank wie die N., neben der ich mir ein wenig vorkam wie ein sehr adipöses Nilpferd. Irgendwann küsste die N. einen athletischen Herrn, der sich im Laufe des Abends als medizinstudierender Olympiaruderer erweisen sollte, und im Laufe der nächsten Tage als ein ziemlich psychopathischer, kopflos verliebter Stalker. - Ich stand auf und ging die Treppen hoch.

„Komm rein,“, rief die Schwester einer Klassenkameradin mir durch die halbgeöffnete Tür eines der Gästezimmer dieses mit mehr Geld als Geschmack ausgestatteten Hauses zu, stand auf einer Art Wäschekommode und zog sich vor zwei überdreht lachenden Männern langsam aus, und ich bewunderte sie für ihren Mut noch mehr als für ihren schönen Körper mit der barkenförmigen Blinddarmnarbe, blendendes Weiß auf rotbraunem Grund: Es war Hochsommer, Juli 1992. – Im Wintergarten tanzten ein paar Leute, ab und zu verlor einer der Tänzer die Kontrolle über seine benebelten Glieder und fiel klirrend gegen die Blumentöpfe. Von einer getöpferten Ampel unter der Decke herab sah die Katze der Familie uns feindlich an. Ich trank mehr Kir Royal als jemals wieder in meinem Leben, tanzte ein bißchen, lag in einem Korbsessel herum, und fütterte den Hamster der kleinen Schwester des Gastgebers, dessen Käfig im Wintergarten stand, durch die Gitterstäbe hindurch mit Möhrenstreifen. Ab und zu füllte der J2 mein Glas nach und drehte mir kleine Zöpfe in das damals noch fast hüftlange Haar, die ich im Bad vor dem Spiegel wieder ausbürstete. Irgendwann auf dem Rückweg aus dem Badezimmer kamen mir zwei Klassenkameraden entgegen, den Hamsterkäfig in der Hand.

„Was habt ihr denn vor?“, hielt ich den einen am Ärmel seines Sakko fest. Statt einer Antwort warf der Angesprochene den Käfig gegen die Decke, die Lampen klirrten, und der Hamster wirbelte in seinem Käfig erst hoch, und dann wieder auf den Boden. – Mit dem Hamsterkäfig in der Hand stampften beide Richtung Küche. „Wollen die den Hamster braten?“, fragte ich den J², der in einer Rattanliege verträumt den Perlen im Champagner nachsah, und zog den völlig Weggetretenen hinter mir Richtung Küche.

„Hör auf mit dem Mist.“, rief ich durch die Küchentür, die jemand von innen zuhielt. Von innen dröhnte lautes, rauhes Lachen, es klirrte, etwas zerschellte auf dem Boden, und als man mich einließ, grinste mein blonder Vordersitzer aus dem Lateinkurs mich an, den zappelnden Hamster in der Hand. Wie ein Zauberkünstler zeigte er das sich windende, quiekende Tier vor, legte den Hamster dann langsam auf ein Brett, und schwenkte mit der anderen Hand ein langes Filetiermesser. „Das machst du nicht.“, sagte ich, oder vielleicht war´s auch der J², und möglich ist, dass es diese Äußerung war, die den Ausschlag gab, und das Messer fuhr zwei- oder dreimal in den Hamster, der die Küchenplatte in einem Maße vollblutete, wie man es diesem kleinen Tier niemals zugetraut hätte. Ein bißchen fassungslos sahen die vier oder fünf Gäste in der Küche den Hamstermörder an, und einen Moment lang passierte gar nichts. „Das wird meine Schwester nicht freuen.“, meldete sich schließlich der Gastgeber zu Wort. Wie in Panik riss der Klassenkamerad, das Messer immer noch in der Hand, einen großen Streifen Aluminiumfolie von der Hängevorrichtung an der Dunstabzugshaube, wickelte den toten Hamster ein paarmal ein, und warf die Silberkugel durch das offene Fenster in die Nacht.

„Ich kaufe Montag einen neuen Hamster.“, versprach der Urheber des Problems, und ging nach Hause. Der Gastgeber nickte, und der J² und ich verabschiedeten uns gleichfalls, um nur einige Stunden später mit dem Gastgeber stundenlang den Garten abzusuchen, und so zu verhindern, dass die kleine Schwester nach ihrer Rückkehr die Reste ihres Hamsters irgendwo zwischen Rosenbeet und dichten Stauden finden würde.

Unter dem Flieder gruben wir den Hamster in seiner Aluminiumverpackung einen halben Meter tief ein.

Freitag, 29. Juli 2005

Was noch kommen mag

Alles, was die Liebe zu bieten hat, hat die Marquise von Merteuil gesehen, alles erlebt, und die Empfindungen anderer gehorchen ihr nicht weniger als ihre eigenen. Sie lockt, schmeichelt, und berechnet noch die entlegenste Regung ihres Gegenübers, um eine Langeweile zu vertreiben, die diese Gesellschaft bar der Ziele und Aufgaben am Ende eines Zeitalters betäubt: Vorabend der Revolution.

Zieht sie den einen oder anderen an sich, so wird dies nicht ohne Hintergedanken geschehen, und die interessante Wendung gilt ihr mehr, als die Wahrhaftigkeit eines Gefühls. Die Leere zwischen diesen Vorstellungen, die Einsamkeit inmitten des schillernden Glanzes der Amouren, scheint ein einziges Mal auf in den Briefen, die De Laclos ihr in seinem einzigen, großartigen Werk zugedacht hat, wenn sie, Paris, den 15. Oktober 17**, dem Vicomte Valmont ihre Furcht ausdrückt, ihr Lebenswandel möge dem jungen Ritter Danceny offenbar werden:

... und ich wäre voll Verzweiflung, wenn er im Geringsten ahnte, was vorgeht. Wenigstens in seiner Phantasie will ich mich rein und fleckenlos bieten, so, wie ich sein müsste, um seiner wahrhaft würdig zu sein.

Diese hilflose Regung, der ein Überdruss an Erfahrung zugrundeliegen mag, ein Ekel an der Abgenutztheit der eigenen Empfindung, war dem fremd, der seiner großartigen Übersetzung 1926 eine Einleitung vorangestellt hat, in der er ganz am Ende diese Stelle eine Fälschung heißt, geschuldet der moralischen Vorstellungen des Autors, und man fragt sich ein wenig, ob Heinrich Mann, nicht nur, glaubt man seinem Neffen, nichts von der Politik, sondern auch wenig vom Herzen verstanden haben mag: Nicht eine moralische Regung oder ein Rest von Scham vor den Konventionen bewegt die Marquise. Die Trauer jener Zeilen gilt niemandem andern als sich selbst.

Denn, so will es scheinen, es offenbart sich gerade in jenen Zeilen der Preis, den man zahlen wird für die Suche nach etwas, das durch das schiere Faktum dieser Suche ferner rückt, und entschwindet: Die Liebe als ein Ort der Wahrhaftigkeit, der Reinheit und Unbedingtheit des Gefühls, des Ankommens in einem Land aus Licht und reinen Klängen.

Und auch ich, die ich längst keine Merteuil sein könnte, zweifele in manchen Stunden, ob dieses Land nicht längst untergegangen sein mag unter all dem, was man gesagt, getan und empfunden hat. Ob das, was auf einen noch warten mag, nicht längst verwüstet und verbrannt hinter einem zerrissenen Schleier liegt

Mittwoch, 27. Juli 2005

Auf den Spuren der Vergangenheit

Ahnenforschung soll sich ja gerade bei ansonsten beschäftigungslosen Rentnern gesteigerter Beliebtheit erfreuen, und so wandte sich auch mein Onkel U. nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben vor zwei Jahren der Erforschung der Familiengeschichte zu.

Allzuviel Unterhaltung kann besagter Onkel aus der Vergangenheit unserer insgesamt doch eher unspektakulären Familie, die weder herausragende Geistesgrößen noch bedeutende Krieger hervorgebracht hat, indes nicht gezogen haben, und die Tatsache, dass jener Vorfahr dort, und ein anderer woanders gelebt haben mag, dieser die Tochter eines Geistlichen heiratete, und jener eine Kaufmannswitwe heimführte, muss schon auf ein sehr gelangweiltes Gemüt stoßen, um als interessant gelten zu können. Insbesondere die Tatsache, dass das immerhin bewegte 20. Jahrhundert durch schriftlich wie mündlich außergewöhnlich mitteilsame Familienmitglieder nahezu lückenlos dokumentiert sein dürfte, führte jenen Onkel schnell in fernere Gefilde der Vergangenheit, in der kaum ein mitteleuropäischer bürgerlicher Haushalt etwas Spannenderes unternommen haben dürfte, als zu arbeiten, zu essen und ab und zu zu heiraten.

Besondere Sesshaftigkeit scheint der väterlichen Familie allerdings nicht zu eigen gewesen zu sein, und so fuhr der Onkel U. auf den Spuren der Vorfahren weiter und weiter, um schließlich ein Flugzeug nach Odessa zu besteigen, von wo um 1850 herum ein Vorfahr aufgebrochen war, um sein Glück in Österreich als ein Seidenhändler zu suchen.

Was der Onkel U. in Odessa so ganz konkret suchte, war aus ihm nicht abschließend herauszubringen. Odessa scheint sich, darf man meinem Onkel Glauben schenken, seit 1850 auch ganz erheblich verändert zu haben, und außer einigen Spaziergängen, ein bißchen ergebnislosem Herumlesen in den der Öffentlichkeit zugänglichen Archiven der Stadt und ebenso fruchtlosem Wandern auf verwahrlosten Friedhöfen, scheint der Onkel U. seinem Ziel nicht näher gekommen zu sein: Erkenntnisse über das Leben und die konkreten Verhältnisse der Vorfahren scheint der Onkel U. nicht heimgebracht zu haben.

Gefallen aber habe er an der Stadt durchaus gefunden, so äußerte sich der Onkel gegenüber meinem Vater. Das Hotel sei ein wenig staubig gewesen, insgesamt aber charmant, und auch die alten Frauen, die auf jedem Flur des Hotels gesessen seien, hätten ihn nicht über Gebühr irritiert. Da er keinen Besuch mit heimzubringen pflegte, habe ihn auch die Angewohnheit der weiblichen Wächterinnen nicht gestört, das Kommen und Gehen in dem wenig besuchten Hotel jeweils schriftlich festzuhalten. Was das in allen seinen Einzelteilen in Plastik verpackte Frühstück anging – nun, ein in vielen Flugreisen gestählter Mensch kennt dieses meist wenig wohlschmeckende Phänomen.

„Wesentlich weiter,“, so mein Vater über die Exkursionen seines Bruders, „wird er auf seiner Suche ja ohnehin kaum kommen.“, denn im Dunkel der Vergangenheit seien frühere Wanderungsbewegungen der Familie mangels entsprechender Überlieferungen wie Dokumente kaum mehr auszumachen. Wolle der Onkel U. auch seinen weiteren Ruhestand mit Exkursionen auf der Suche nach verblichenen Familienmitgliedern füllen, so müsse er sich daher wohl in das weite Land reiner Spekulation begeben, auf der Grundlage einer blühenden Phantasie die Kontinente durchwandern, und könne ebenso gut nach Ägypten fahren wie etwa nach Schweden oder gleich zum Mond.

Wohin es andere Familien ja immerhin fast geschafft haben.

Unter Paaren

„Eigentlich,“, sagt meine blondlockige Freundin, und schlingt ihren Arm noch ein wenig fester um ihren Freund, „wollten wir ja schon im Juli noch eine Woche weg.“ Der Freund nickt und ergänzt die unüberwindlichen Hinderungsgründe in Gestalt des Referatsleiters mit drei Kindern, dem bei der Urlaubsplanung leider der Vortritt gelassen werden musste. „Wir“ hätten also keinen Urlaub bekommen. Jetzt also solle es im Oktober losgehen, Portugal oder Sizilien, und „wir“ würden dann eine Woche mit einem Mietwagen herumfahren und anschließend eine Woche baden. - „Das hört sich aber nett an.“, sage ich pflichtschuldig, und beide Köpfe des eng umschlungenen Paares nicken eifrig und begeistert. Mit einem entschuldigenden Schwenken meines leeren Glases eile ich davon.

„Ja, hallo - Modeste!“, spricht mich vor dem Kühlschrank ein anderer Gast der Party an, und zieht mich in den Korridor, um mir seine neue Freundin vorzustellen, die klein, dünn und hennafarben an ihrer Bierflasche saugt. „Freut mich.“, sage ich, schüttele Hände, und plaudere ein bißchen über Art und Güte des Buffets, die Herstellung eines perfekten Käsekuchens, und woher ich die Gastgeber eigentlich kenne. „Wir haben uns ja in der Referendars-AG kennengelernt.“, strahlt die neue Freundin. „Noch jemand ein neues Bier?“, fragt mein Bekannter, küsst seine Freundin auf beide Wangen, um sich für knappe drei Minuten zu verabschieden, und drängelt sich durch den Türrahmen in die übervolle Küche.

„Schatz?,“ ruft eine hohe, weibliche Stimme aus dem Wohnzimmer. „Schaaatz?“, woraufhin sich ein blonder, schlaksiger Jüngling aus einer unter der Last der Weltpolitik wogenden Gruppe vor dem Buffet löst, und dem Rufen folgt. „Schaaatz“ und Freundin, so erfahre ich, seien nur noch zu Besuch in Berlin, und hätten sich in Hamburg gerade eine Wohnung gekauft. „Wir überlegen ja auch, zu kaufen.“, berichtet eine mir unbekannte Kollegin der Gastgeberin, und auf der Stelle beginnt eine längere und lebhafte Diskussion über den Kauf von Immobilien am Prenzlauer Berg, geeignete Quellen für den Erwerb antiker Kacheln, notwendige Bestandteile eines Badezimmers und die Tapetenfrage.

„Ich muss los.“, verabschiede ich mich von der Gastgeberin und erwähne meine unglaubliche Müdigkeit sowie meine außerordentliche Arbeitsbelastung. „Wohl gestern lange unterwegs gewesen?“, lacht die Gastgeberin: „Wir gehen ja gar nicht mehr so häufig aus.“ – Jaja, denke ich, und versuche mich zu erinnern, ob die Gastgeberin eigentlich zu irgendeinem Zeitpunkt eine Freundin der langen Nächte von Mitte war, und kann mich eher nicht erinnern. „Lass´ uns demnächst mal frühstücken gehen,“, schlage ich vor, „vielleicht im Nola´s? Oder im drei?“ „Gern,“, sagt meine Freundin. Nur nächstes Wochenende, da sei es schlecht. „Unsere Eltern kommen.“

„Melde dich einfach.“, sage ich, laufe die Treppe hinab und sage dreimal ganz laut "Ich", zu der Frau in den Spiegeln im Treppenhaus.

Montag, 25. Juli 2005

Flanieren

„Weißt du,“, sagt mein Begleiter, „Berlin ist mir eigentlich zu groß.“ Daheim, so erzählt er, kenne er die Bäckersfrau und den Metzger, alle Nachbarn die Straße hinauf und hinunter, und wenn er den Leichenwagen sehe, wisse er ebenso genau, wer gestorben sei, wie er den Anlass der verstreuten Reiskörner kenne, die vor der einzigen Kirche des Dorfes liegen, in dem er aufgewachsen ist, und in das er zurück möchte, irgendwann. - Auch ich, so antworte ich, während der Tee in lichtem, hellgrünen Strahl in die Tasse fließt, kenne die Verkäuferin beim Bäcker. In denjenigen Bars, in denen ich regelmäßig meinen Wein trinke, fällt mir auf, wenn eine neue Bedienung hinter dem Tresen steht, und meine Nachbarn kenne ich ausnahmslos alle. Die Vorzüge der Großstadt aber, die Opernhäuser, die Konzerte, Lesungen, Parties und Vernissagen, die habe er in seinem Kaff doch keinesfalls, und am Abend in die Stadt fahren zu können, sei nie dasselbe, wie dort schon zu sein. Der eigentlich Reiz einer großen Stadt aber - und hier trinke ich ein wenig vom viel zu heißen Tee – sei aber ein anderer. Ich wisse aber nicht, sage ich, ob er dies verstünde:

Durch die Stadt zu laufen, ziellos, unter den Linden einige Gesprächsfetzen von Passanten aufzufangen und einem Pärchen zuzulächeln, das im Lustgarten auf dem Rasen sitzt. Weiterzulaufen, in die Schaufenster zu schauen, und sich vorzustellen, wer einen prächtigen schilfgrünen, paillettenbesetzten Rock mit Plisseeeinsätzen kaufen wird. Hoffen, dass das Mädchen, dass beim Schuhgeschäft an der Ecke begehrlich ein paar Schuhe in der Hand wiegt, diese auch kaufen kann. Bei einem Antiquar einen Stapel Bücher zu kaufen, und über die Ex Libris ein wenig traurig zu werden, und an denjenigen zu denken, der sich diesen hübschen Linolschnitt im Stil der Neuen Sachlichkeit hat schneiden lassen. Bestimmt ein Arzt, denke ich, denn in einer Ecke prangt ein Stethoskop. Einem offiziell aussehenden Autokonvoi hinterherzuschauen und zu überlegen, wer darin sitzen mag. Durch die Scheibe einigen Männern in einem afrikanischen Telephonladen zuzuschauen, die so heftig diskutieren, dass ihre Rastalocken heftig hin und her schwingen. In einem Café beim Zeitungkesen zuhören, wie die Kellnerin schniefend leise telephoniert, und auf einmal laut wird und brüllt „Du Dreckskerl. Dann hau´ doch ab.“ – Drei, vier U-Bahnstationen von meiner Wohnung entfernt in der Fremde zu sein, eine neugierige Touristin, die den verschleierten Frauen hinterherschaut und überlegt, ob die Frau mit dem safranfarbenem Kopftuch über einem geschmackvollen Mantel glücklich ist. – Vielfalt des fließenden Lebens.

Mein Begleiter schüttelt den Kopf, und ich versuche es mit einer anderen Geschichte.

„Weißt du,“, sage ich, „als ich acht war, hatte mein Vater in London einen Termin bei einem Notar, und ich sollte warten. Irgendwann wurde mir langweilig und ich verließ das Haus, ließ meinem Vater eine Notiz da, ich ginge zum Hotel zurück, und lief die Straße hinab. Ich hätte,“ fuhr ich fort, „das Hotel gefunden, das war ja gar nicht weit. Ich bin aber nicht abgebogen, sondern einfach weitergelaufen, immer weiter, dann in jede lockende Straße hinein, ab und zu in Geschäfte, habe ein wenig geschaut, irgendwann an einem Brunnen an einem ruhigen, baumbestandenen Platz ausgeruht und immer weitergelaufen. Irgendwann veränderten sich die Geschäfte, die Stimmen wurden lauter, die Gerüche andere, und ich hatte schon ganz vergessen, dass ich eigentlich zum Hotel zurücklaufen wollte. Bei einem Bäcker habe ich mir ein bißchen Kuchen gekauft, da muss ich schon lange gelaufen sein, und wie im Rausch bin ich die Straßen im Zick-Zack immer weiter gegangen, stundenlang, und habe mich vergessen und verloren an diese riesige, verführerische Buntheit einer Stadt.“

„Hast du keine Angst bekommen?“, fragt mein Begleiter, der den Reiz, den wirbelnden Zauber der großen Stadt nie verstehen wird, und ich lächle achselzuckend und spreche über Dinge, die wir beide mögen.

Sonntag, 24. Juli 2005

Wo ist die Party?

„Ich bin die dickste Frau in der ganzen Bar.“, nörgele ich ein bißchen herum und betrachte die 1,80 großen, schlanken Frauen, die ihre extravagante Garderobe zwischen den weißen Lederwürfeln zur Schau tragen. Am Nachbartisch erklärt ein schon leicht erschlaffter Mittdreißiger im rosa Hemd einer riesigen, schlangenhaften Blondine die Weltwirtschaft, und als die Gläser leer sind, winkt der T. vor der Tür einem Taxi. Ein dicker, schnauzbärtiger Türke fragt nach dem Ziel der Fahrt, und zwischen den goldfarbenen Blumen am Rückspiegel und auf der Hutablage, und unter dem durchdringenden Leiern der türkischen Musik diskutieren der O., der T. und der S. ein bißchen herum.

Am Wochenende sei der vom S. vorgeschlagene Club eine absolute No-Go-Area, sagt der O. und schildert die Beschaffenheit der Wochenendbesucher in drastischen und überaus abschreckenden Farben. Die Party, die der O. dafür ins Gespräch bringt, ist dem S. wiederum zu geschleckt, und in einem anderen Club war der T. gerade. „Wo soll´s denn jetzt hingehen?“, unterbricht der Taxifahrer die Diskussion. „Auf die Torstraße.“, dirigiert der S.,

Richtung Friedrichshain/Kreuzberg, so viel steht immerhin fest, kann eigentlich nicht falsch sein, und so fährt der Fahrer am Alex vorbei, dessen Spitze heute nacht weich in der feuchten, kühlen Luft verschwimmt. Der T. reicht eine Flasche nach hinten. „Was ist das?“, frage ich, die ein bißchen müde wird, so ganz ohne Musik, denn die Taxifahrermusik hat der T. gerade ausgemacht. „Entre Deux Mers“, antwortet der S., der das Etikett studiert, während der T. und der O. bei irgendwelchen Leuten die Telephone klingeln lassen: Wo ist die Party?

„Hört sich ganz gut an.“, höre ich vom Beifahrersitz, aber links neben mir wird heftig mit dem Kopf geschüttelt. „Kenn´ ich, nicht mein Fall.“, heißt es rechts neben mir zu einer anderen Party. „Da bin ich nicht für angezogen.“, höre ich von vorn, wo es anscheinend gerade um eine Party geht, bei der Jeans und Hemd keine gute Idee darstellen. „Geht´s ein bißchen unkomplizierter?“, frage ich, die ich mit schwarzem, gerafften Oberteil und ingwerfarbenem Rock nicht gerade galatauglich daherkomme. - „Der G. meint, die Party da sei öd. Die gehen gerade.“, meint der O., das Telephon am Ohr, und dirigiert das Taxi weiter Richtung Kreuzberg. - „Mir ist heute mehr nach Mittemädchen.“, sagt der T., und lästert ein bißchen ab über die Prenzl´bergerin, die in sehr individuell bedruckten T-Shirts und Jeans mit Turnschuhen an den Füßen durch die Welt liefe, und Unterwäsche aus Frottee trüge. Frauen, proklamiert der T., sollten sowieso keine Turnschuhe tragen. Der S. findet biertrinkende Turnschuhträgerinnen in Tank-Tops sexy, dem O. ist gerade alles egal, und ich überlege zum hundertsten Mal, die halsbrecherisch hohen, wahnsinnig schönen seidenbespannten Schuhe bei Orlando am Hackeschen Markt zu kaufen, in denen ich keine hundert Meter laufen kann.

„Wo soll ich jetzt hin?“, fragt der inzwischen ziemlich genervte Taxifahrer, und der T. weist ihn weiter über die Spree und dann irgendwann rechts. Der O. spricht über die rätselhafte Wiederkehr der Chucks, und ich frage die Herren nach ihrer Meinung zu Schuhen mit Lederbommeln vorne dran. „Alles besser als Turnschuhe!; sagt der T., der gerade sehr müde aussieht, und das Taxi kommt zum Stehen.

„Da seid ihr ja.“, drückt ein sehr dünnes, sehr großes blondes Mädchen den T. und den S., und einen Moment überlege ich, ob es die Frau aus der Bar von vorhin sein könnte.

Aber wahrscheinlich sehen die alle so aus.


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