Den einen oder anderen meiner verehrten Leser ist es mir offensichtlich gelungen zu täuschen, und immerhin diese Menschen – sieht man einmal ab von meinem verehrten Vater – hegen von meiner Person ein offenbar durchaus idealisiertes Bild. Tatsächlich allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, befindet sich in der DNA, die ein nicht nur gütiger Schöpfer in meine Zellkerne getopft hat, die vollständige Anleitung für den Bau eines Nilpferdes.
Haben Sie schon einmal versucht, einem Nilpferd einen jadegrünen, schmal geschnittenen Rock mit Stickereien drauf anzuziehen? Haben Sie das Nilpferd mit eingezogenem Bauch vor seinem Spiegel fluchen hören? Mit einem herzhaften Aufschrei warf das Nilpferd – also ich – den Rock in eine Ecke, stieg in seine Lieblingsjeans, und verließ das Haus mit dem festen Vorsatz, diesmal aber nun wirklich eine drastische Gewichtsreduzierung vorzunehmen.
Zu der Apfelschorle in der Uni gab es keinen Muffin. „Nein.“, hörte ich mich dann sagen, „ich esse zu Hause.“, und überließ die B. ganz alleine einer unmäßig großen Pizza in den S-Bahnbögen. Ich ging zu Fuß: Die Linden hoch, am Lustgarten vorbei, vorbei am Hackeschen Markt, und dann stracks nach Hause. Kalt war´s, und beim Bäcker Zessin in der Zionskirchstraße, wo der Kuchen besser schmeckt, als man nach dem optischen Eindruck nach glauben sollte, verlangte ich ein halbes Mischbrot und ließ den sahnegefüllten Windbeutel und die Käsetorte einfach so stehen. Drei Kartoffeln gab´s, Magerquark mit gehacktem Harzer Käse, Kümmel, Zwiebel und Paprika dazu, und fast hätte ich mir nicht einmal ein Ei dazu gebraten. In sehnsüchtigen Träumen von sahnigen Saucen und Tortelloni mit Gorgonzolafüllung saß ich sodann vor meinem Rechner, arbeitete ein wenig vor mich hin, und aß den ganzen Nachmittag zwei Nektarinen und einen Kohlrabi, der, wie ich an dieser Stelle einmal mitteilen möchte, ein durchaus überschätztes Gemüse darstellt. Ich bin nicht so für Rohkost.
Eine Essenseinladung sagte ich ab. Die Schokolade habe ich an einen sicheren und außerhalb meiner Wohnung belegenen Ort verbracht. Zu Abend bestrich ich zwei Scheiben des Mischbrotes mit so dünn Butter, dass man durchschauen konnte, und häufte Hüttenkäse und ein paar Tomatenscheiben drauf. Mit einer Schale ungesüsstem Pfefferminztee, meine Damen und Herren, sitze ich vor meinem Rechner, unaufhörlich kreisen meine Gedanken um ein Stück Sachertorte.... oder Pfifferlinge in Rahm mit Semmelknödeln dazu. Ein riesengroßes Stück Käse, Appenzeller vielleicht oder ein Brebiou.
In allen Büchern scheint´s, ist nur von Gelagen die Rede. Das ganze Internet beschäftigt sich monothematisch mit der Frage, was man essen könnte, und jeder meiner Freunde, der mich sehen will, schlägt entweder Mahlzeiten in Restaurants oder zu Hause vor.
Es ist zum Heulen. Und der Rock passt immer noch nicht.
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Modeste Schublade:
Über Übergewicht Datum: 8. Aug. 2005, 22:37 Uhr
Nun, meine Damen und Herren, ich sehe Sie enttäuscht: Aus diesem Hut springt auch diese Woche wieder kein einziges Kaninchen, und überhaupt ist mein Tun und Treiben gegenwärtig arm an Überraschungen, ohne allerdings jenen interessanten weltschmerzlichen Überdruß hervorbringen, welcher sich dann wiederum publikumswirksam ausstellen ließe:
Am Morgen stehe ich auf, den Tag über versuche ich unter Ächzen und geräuschvollen Missfallensbekundungen, die keiner hört, die Berge von Arbeit auf und neben meinem Schreibtisch zu verkleinern, und am Abend verlasse ich das Haus, um mit lieben Freunden an öffentlichen Orten zu essen oder zu trinken und sich dabei ziemlich viel zu erzählen. Des Nachts verstaue ich meine Sehhilfen ordentlich in eigens zu diesem Zweck fabrizierten Döschen aus Plastik und bestreiche mein Gesicht mit einer Creme, die vorzeitiger Hautalterung vorbeugen soll, die, wie man hört durch den Genuss von Tabakwaren gefördert würde, die ich nicht aufhören kann in möglicherweise übertriebenem Maße zu konsumieren.
Um Sie, mein geschätztes Publikum indes nicht vollends zu langweilen, und Sie zu sofortiger Kündigung des Abonnements dieses Blogs zu veranlassen, sehe ich mich also gezwungen, anderer Leute Kaninchen aus meinem Zylinder zu fischen, ein Prachtstück an Kaninchen allerdings, ein glanzvolles Produkt der Zweitverwertung jener Gegenstände, denen Sie oder ich uns vielleicht erst kürzlich entledigt haben.
In ihrer Einzimmerwohnung in Friedrichshain begab es sich nämlich, dass eine Studentin der freien Künste eines Tages begann, ob für´s Studium oder zu rein privaten Zwecken, aus allerlei Abfall eine Skulptur zusammenzukleben. Mag der Müllmann eine Hommage an den großen HA Schult dargestellt haben, oder mag er einfach nur so das Herz seiner Urheberin erfreut haben – aus Röhren, altem Haushaltsgerät und Blechdosen, alten Zeitungen und den Resten eines sogenannten Badezimmerradios in Form eines bunten Fisches entstand nach und nach ein ungefähr 150 Zentimeter hoher Zeitgenosse, der lustige Geräusche machen konnte, kam man dagegen. Weil die Künstlerin am oberen Ende und am unteren Ende des Rumpfes jeweils die Enden eines Plastikrohres angebracht hatte, konnte der Müllmann sogar urinieren, wenn man ihm zu trinken gab. Um Beschädigungen der Dielen durch derart aufgebrachte Feuchtigkeit zu vermeiden, trug der Müllmann eine Windel, die ursprünglich der Versorgung inkontinenter Menschen zu dienen bestimmt war und von einem Freund des Hauses aus einem Seniorenheim entwendet worden war.
Eines Tages aber kam das Unheil über den Müllmann, und wie so oft kündigte auch in diesem Fall das Schicksal sich auf so leisen Sohlen an, dass die Künstlerin keinen Grund sah, eben jenes zu vermeiden. Es wäre ihr indes auch nicht leicht gefallen, dem Übel aus dem Weg zu gehen, das in Gestalt der Hausverwaltung über ihren Müllmann kam, denn jener war mit der Zeit und bedingt durch die nicht allzu feste Verbindung seiner Teile, ein wenig immobil geworden.
Die Hausverwaltung schrieb also, weder durch Art noch Inhalt des Schreibens Misstrauen erregend, die Künstlerin in ihrer Eigenschaft als Mieterin an, und bat um Zugang zu der Wohnung, um einen Mangel an den Balkonen erst begutachten und sodann beseitigen zu können. - Arglos gewährte die Künstlerin der Hausverwaltung Zugang zu ihrem Heim und ließ das Unheil in Gestalt eines Mitarbeiters jenes Unternehmens in jene 38 m², die sie mit dem Müllmann bewohnte.
Was sich so ganz genau während der Besichtigung zwischen der Künstlerin und dem Abgesandten der Hausverwaltung abspielte, darüber können wir mangels genauer Kenntnis nur spekulieren. Fakt ist indes, dass wenige Tage später ein Schreiben der Hausverwaltung bei der Künstlerin einging, den Müllmann „unverzüglich“, so hieß es in jenem Brief „zu entfernen“. - Natürlich kam das gar nicht in Frage.
„Kunst!“, rief markig die Urheberin des Müllmanns. - Hygienische Gründe, gab die Hausverwaltung zurück, verböten indes die langfristige Lagerung von Haus- Sperr- und Sondermüll in zu Wohnzwecken genutzten Räumen. Ihr Müllmann sei nicht schmutzig und ziehe keineswegs Kleintiere an, wandt die Künstlerin wenn auch vergeblich ein. - Fabulierte die Hausverwaltung sogar von Ratten, sprach die Mieterin um so lauter von kreativer Selbstverwirklichung, bis beide Seiten müde der eigenständig geführten Auseiandersetzung jeweils einen Rechtsanwalt einschalteten.
Drohungen mit Kündigung des Mietverhältnisses kreuzten sich mit Ausführungen über den die liberale Gesellschaft geradezu konstituierenden Wert der Freiheit der Kunst. Gütevorschläge, den Müllmann in einer alten Remise unterzubringen, wurden mangels Beweglichkeit des Kunstwerks entrüstet abgelehnt, weitere Kompromisse nach diesem Entgegenkommen weit von sich gewiesen, und gut stehen die Chancen, mit dem Hausgenossen der Kunststudentin dermaleinst noch das rostige Herz des Amtsgerichts zu erfreuen.
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Modeste Schublade:
Liebe Freunde Datum: 8. Aug. 2005, 10:44 Uhr
Ab und an sollte man für ein paar Tage oder Stunden Urlaub nehmen können vom eigenen Leben und ein anderer sein können, mit anderen Erinnerungen, anderen Begabungen und in einem anderen Körper stecken. Heute nacht vielleicht eine vierzigjährige Frau sein, die mit ihrem Mann daheim beim Wein sitzt, einen Film schaut, den ich nicht mögen würde, und hin und wieder mit der linken Hand über seine Schulter streicht, weil das warm ist und gut. Irgendwann müde werden auf dem gemusterten Sofa. Der Mann, ich den ich mich niemals verliebt hätte, schaltet auf Zehenspitzen den Fernseher aus, und zöge die andere, die ich gerade wäre, sanft ins Bad und dann zu Bett. - Vielleicht auch einmal ein Mann sein, mit Freunden durch die Bars zu ziehen, schnalzen, wenn eine Frau den Raum durchquert, und soviel Bier zu trinken, wie ich es niemals könnte noch täte. Einen anderen Gang zu gehen, in aller Selbstverständlichkeit, und genau zu wissen, welcher Fußballverein wann welche Meisterschaft gewonnen hat. Auf dem Heimweg an Lieblingsgerichte zu denken, die ich im Leben nicht essen würde. Schweinekrustenbraten zum Beispiel. Oder gefüllte Milz.
Ein Kind zu sein, das eine fremde Mutter staubige Straßen entlangziehen würde auf dünnen Beinen und weinen wollen, weil es kalt ist, und der Weg noch lange nicht zuende. Auf der Straße sitzen und auf jemanden warten, der mir Geld geben würde für etwas zu essen oder das gefälschte Glück aus den Laboren oder von den Mohnfeldern Afghanistans. Vielleicht ein Tier sein, spielende Muskeln. Ein Stern. Etwas, was im Boden wartet, um irgendwann zu keimen.
Vielleicht, wenn ich jemand wäre in meiner Urlaubsexistenz, der lesen kann und schreiben, würde ich mir eine Postkarte schicken: "Liebe Modeste, die diesjährige Unterkunft ist wirklich schön, über das Essen kann man sich nicht beklagen, und einmal musst auch Du in diesen Zipfel der Welt fahren, in dem es sich zu leben lohnt." - Tage später, wenn ich wieder zurück wäre aus dem anderen Leben, würde ich die Postkarte finden und lächeln, und mich an das fremde Sein erinnern wie an einen fremdartigen und wirren Traum.
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Modeste Schublade: Datum: 6. Aug. 2005, 23:50 Uhr
Aber vielleicht heiraten die Freunde doch noch, die jetzt noch lustig mit den Köpfen schütteln, wenn man sie fragt. Vielleicht bekommen die Frauen doch noch runde Bäuche, kleine Kinder krabbeln unter den Tischen, und auf einmal werden die anderen Mütter aus der Pekip-Gruppe viel öfter angerufen als ich: Gemeinsame Interessen, du weißt ja. Und am Schluss sitze ich in meiner Wohnung, am Abend meines Geburtstags vielleicht, die Kerzen brennen, und keiner kommt. Oder nur zwei, drei Leute, aus Mitleid, und schauen heimlich auf die Uhr, wenn ich es nicht mitbekomme. Nachts, wenn sie weg sind, werfe ich das ganze Essen in einen riesigen, himmelblauen Müllsack.
Am Sonntagmorgen bleibe ich ganz lange im Bett, damit der Tag nicht so lang ist, und danach gehe ich in eine Ausstellung und wandere langsam hin und her zwischen den Bildern. Von Kunst werde ich viel verstehen dann, denn ich werde ja viel lesen, und keiner wird sich mehr berufen fühlen, mir etwas zu erzählen über die Bilder an der Wand. Für die Männer, die so alt sind wie ich, bin ich dann unsichtbar geworden, denn irgendwann beginnt das weibliche Fleisch zu verblassen, und das Verfallsdatum liegt ungefähr zehn bis 15 Jahre vor dem Alter, an dem ein Mann anfangen sollte, sich zu überlegen, ob es wohl noch etwas wird mit einem warmen Bett ein Leben lang.
Unter der Woche kommen ab und zu ein paar meiner verheirateten Freundinnen vorbei, sitzen zwischen meinen Büchern und erzählen mir von den Schulsorgen ihrer Kinder und den ehelichen Problemen, der schwierigen Urlaubsplanung, dem Mann der viel zu viel arbeitet, und dem, der nicht genug Karriere macht für den Geschmack seiner Frau. Am Samstagabend aber gehen sie mit ihrem Mann aus – nein, Ausgehen macht man dann ja nicht mehr. Vielleicht gehen sie essen. Oder sitzen einfach nur so zu Hause herum. - Ich schenke mir selbst jedes Jahr Weihnachten ein Theaterabo und eins für die Oper, und wandere in den Pausen im Foyer herum oder rauche eine Zigarette nach der anderen, um ein bißchen beschäftigt auszusehen.
Ab und zu denke ich an die Männer, die ich mal geliebt habe, und überlege, wer von ihnen wohl bei mir geblieben wäre, wenn ich das gewollt hätte und nicht weggelaufen wäre jedesmal. In einer dunklen Novembernacht gebe ich vielleicht sogar eine Anzeige auf, in der ZEIT oder so, und mache dann den Umschlag mit den Zuschriften nicht auf. Dann sitze ich allein mit einem Glas Wein der Hand auf meinem Sofa und starre aus dem Fenster und überlege, was falsch gelaufen ist in meinem Leben.
Vielleicht, denke ich dann, hätte ich den einen oder anderen Kompromiss schließen sollen. Meine Realität meinen Möglichkeiten anpassen. Das Feuerwerk abschreiben. Aufhören, an Gold und Purpur zu glauben. Vielleicht nicht lange dem einen nachtrauern, sondern sich kurz entschlossen dem anderen an den Hals werfen. Vielleicht die Liebe klein denken zu etwas, was aus gemeinsamen Mahlzeiten besteht, einem Haus mit Garten und einem Mann, der einem morgens die Teetasse in die Hand drückt, und leise ins Ohr flüstert, dass man doch aufstehen muss, weil die Kollegen warten.
Am nächsten Morgen aber, die Teetasse mit dem selbstgebrühten Tee in der Hand, werde ich wissen, dass ich nicht glücklicher wäre, hätte ich das getan. Und die Kompromisse selbst dann nicht geschlossen hätte, hätte ich mich damals so sitzen gesehen:
Eine alternde Frau, die vergeblich versucht, ihrem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe zuzulächeln.
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Modeste Schublade:
Über Liebe Datum: 4. Aug. 2005, 22:55 Uhr
„Als Kind“, sagt
Schwesterchen, „habe ich dich beneidet, bis ich bemerkt habe, dass du von deinen Erfolgen nichts hast.“ Ich widerspreche ein bißchen, meine
Schwester lacht, hell, gurrend und wie ohne Häme, und ich sehe aus dem Fenster den Wolken zu, wie sie um den Alex wehen. Schwesterchen wechselt das Thema und spricht über eine Freundin, die so schrecklich zugenommen habe und nun aussähe wie eine Wurst, alles von Tabletten, den Arzt müsste man verklagen, das sei ja schlimmer als.... also, was die Freundin eben hatte, bevor der Arzt ihr das Katastrophenmedikament verschrieben habe. Das habe sie jetzt vergessen, aber wenn es schlimm gewesen wäre, dann wüsste sie es bestimmt noch.
Am Wochenende plane sie übrigens mit ihrem Freund einen kurzen Besuch bei unserer Mutter, die den Freund richtig ins Herz geschlossen habe. Ich denke einen Moment kurz an die Männer, die ich meiner Mutter irgendwann einmal vorgestellt habe, und die sie alle miteinander als nette, weichliche Versager betrachtete. „Modeste traut sich ja nicht an richtige Kerle.“, oder so ähnlich. „Weißt du,“, unterbricht Schwesterchen meine Überlegungen, „als Kind habe ich immer gedacht, ich müsste mehr leisten oder mehr wissen, aber dass es darauf nicht ankommt, das hat mir keiner gesagt.“ – Tja, denke ich. Darauf kommt es wohl wirklich nicht an. „Ich muss los.“, sage ich Schwesterchen nach einem Blick auf die Uhr. Und: „Süße, mach´s gut.“
Unbedingt wieder einmal treffen – ewig nicht gesehen - öfter mal anrufen. Ich hab´ dich auch lieb. Dann laufe ich los.
Mag sie recht haben, denke ich, die Schwedter Straße hinauf. So gut wie alles, was ich weiß oder kann, nützt mir beruflich nicht die Bohne, und erweist sich privat eher als störend. Selbst diejenigen Menschen, von denen man annehmen würde, sie unterhielten sich gern über das Spätwerk Gottfried Benns, die geliebten Bilder des Hieronymus Bosch oder mittelalterliche Gottesbeweise, ziehen es meiner mühsam erworbenen Erfahrung nach vor, sich von einer schönen, vergnügten Person auslachen zu lachen, die neckend und rein rhetorisch fragt: „Muss ich das jetzt wissen?“ - Im Berufsleben werden alle Kenntnisse, Fertigkeiten und Interessen, die nicht unmittelbar der Berufsausübung dienen, ja ohnehin eher mit Misstrauen beobachtet: Könnte, so fragen sich die Kollegen, das Fräulein Modeste vielleicht Zeit und Energie auf den Besuch öffentlicher Opernhäuser verschwenden, die doch von Rechts wegen der Firma zustünden? - Werde man älter, so spekulierte meine Freundin J. einmal, fände die Bevorzugung der Schönheit und guten Laune doch vermutlich ein natürliches Ende. Indes liegt der Denkfehler dieser Annahme natürlich in der Tatsache begründet, dass zu diesem Zeitpunkt dann eben nicht mehr gleichaltrige plappernde Schönheiten, sondern entsprechend jüngere die begehrten Pokale des Soziallebens nach Hause tragen werden.
Mag es sein, wie es ist. Schon im Mauerpark schwinden die schwarzen Gedanken, und schließlich sitze ich zu viert auf einem knallgrünen, fleckigen Sofa, trinke Bier und esse Chips und schaue mir hintereinander Kill Bill I und II nochmal auf DVD an.
Und fühle mich wohl als Zweitplazierte.
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Modeste Schublade:
Familienalbum Datum: 4. Aug. 2005, 11:39 Uhr
„Hast du jemals daran gedacht, deine Flüge selbst zu buchen?“, fragt der T. und öffnet eine Menge Fenster des Browsers gleichzeitig und wirft prüfende Blicke auf Abflugzeiten und Preise. „Reicht doch, wenn du das kannst!“, sage ich, bestreiche dicke Scheiben Bauernbrot mit sehr viel gesalzener Butter, Roastbeef und raspele Kren in großen Spänen drüber. „Ich weiß nicht, wie du das um diese Uhrzeit essen kannst.“, schüttelt es den T., der ein eigens für ihn angeschafftes Croissant aus der Backstube des
Sowohlalsauch verzehrt, und nach eingehender, ziemlich kompliziert wirkender Suche einen Flug von München nach Hamburg vorschlägt, der € 73,-- kosten soll und achtzig Minuten dauert. „Hört sich gut an.“, sage ich, und krame in den Papierbergen auf dem Schreibtisch nach meiner Kreditkarte.
„Ich hoffe, du bekommst das alleine hin, das richtige Gate zu finden, und rechtzeitig da zu sein.“, sorgt sich der T., dessen Bild meiner Person deutlich unselbständiger zu sein scheint, als es der Realität entspricht. Zwischen zwei großen Stücken Mondseer Käse zähle ich dem T. alle unbegleiteten Flüge meines Lebens vor, weise auf eine eindrucksvolle Karriere als
unaccompanied minor hin, zähle alle beruflich bedingten Flüge großzügig mit, und komme so insgesamt auf zwölf Flüge ohne hilfreichen Begleiter zu meiner Seite. Verpasst, so fahre ich fort, habe ich in all den Jahren einen einzigen Flug im Januar 2004 von Berlin nach Wien, bei dem eine allzu flüchtige Durchsicht der Reiseunterlagen eine Verwechslung von Abflug- und Ankunftsdatum hervorgerufen hat. Bezeichnenderweise war ich bei diesem Flug noch nicht einmal allein.
Ich sei, erinnert der T., aber bei so gut wie allen unbegleiteten Reisen zumindest hingebracht oder abgeholt worden und meistens sowohl bis zum Gate geführt, und unmittelbar nach der Gepäckausgabe wieder eingesammelt worden. Dass meine persönliche Fähigkeit zur Orientierung in unbekannten Gefilden nicht allzu gut entwickelt sei, sei doch schon allein der Tatsache anzusehen, dass ich noch nie allein in Urlaub gefahren sei, noch nicht einmal für zwei oder drei Tage. „Völlig anderes Thema.“, zische ich den T. an, und führe aus, dass seit Erreichen des elternlos reisefähigen Alters bis zur Trennung vom geschätzten ehemaligen Gefährten stets ein sozusagen natürlicher Reisebegleiter zur Verfügung stand. Überdies könne eine Reise mit dem J. als eigentlich unbegleitet gezählt werden, denn die
Orientierungslosigkeit jenes Herrn ist in weiten Kreisen der Hauptstadt geradezu legendär.
„Wofür hältst du mich eigentlich?“, frage ich daher den T., und rufe auf einer der vielen Homepages, die gerade offen sind, verschiedene Flugangebote auf. Startort: Berlin. Zielort: Moskau. „Du spinnst doch.“, sagt der T. und erinnert überdies an eine zeitgleiche Kurzreise mit der C. und der J. nach Ungarn. „Ach ja.“, sage ich, und klicke weiter. Mit der Deutschen BA nach Tiflis? Da wollte ich schon immer mal hin. Für den Anfang meiner Alleinreiselaufbahn ganz gesittet nach Paris oder London? Mit airberlin nach Catania? „Du kannst als Frau nicht allein nach Italien fahren.“, diktiert mir der T. „Bin ich blond?“, gebe ich zurück und erinnere daran, überhaupt bereits jetzt ein Alter erreicht zu haben, in dem ich sogar für unser aller Außenminister schon völlig außer Konkurrenz laufe. „Da wirst du wenig Freude haben.“, behauptet der T., und erzählt eine lange Geschichte von seiner Freundin G., die allein in Rom eine Art Martyrium der schmierigen Kontaktaufnahmeversuche durchlebt habe. „Pah!“, sage ich,
denke mir meinen Teil über die G., und klicke „Jetzt buchen“: Berlin – Venedig und zurück. Eine Erwachsene. Im November. - „Na dann viel Spaß.“, sagt der T., und verabschiedet sich nach weiteren drastischen Prophezeiungen meines Abhandenkommens in und an der Adria.
Wir werden sehen
von:
Modeste Schublade: Datum: 3. Aug. 2005, 11:32 Uhr
Von Wilmersdorf an die Spree und dann fünf Treppen hoch: Die
Party ist nicht zu verfehlen. Die
Spreepiratin muss nette Nachbarn haben, denke ich, der Geräuschentwicklung entgegenlaufend, werde in einen vollen Korridor gezogen, drücke mich an lachenden, tanzenden und quatschenden Gästen vorbei und lasse mich schließlich in Balkonnähe dort nieder, wo
bekannte Gesichter auftauchen. Dann trinke ich Bier und Wein viel zu durcheinander, spreche mit
eigentlich allen, insbesondere der charmanten, lebhaften Gastgeberin (und dem Herrn MC, wir haben, glaube ich, aus unerklärlichen Gründen kein Wort gewechselt) , viel zu wenig, und fahre voller Vorfreude auf eine
nächste Party irgendwann Richtung Prenzlauer Berg.
von:
Modeste Schublade: Datum: 2. Aug. 2005, 11:27 Uhr