Samstag, 7. Oktober 2006

Fünf

Frau Gutemine hat gefragt:

1. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber gerne hätte:

Tja, denken Sie, da lässt sich das Fräulein Modeste bestimmt irgendetwas angemessen Originelles einfallen und wünscht sich etwa einen Zwergwombat oder so, gern vielleicht auch einmal etwas ganz altruistisch Immaterielles wie den Weltfrieden. Oder dass die USA das Kyoto-Protokoll unterschreiben, irgendwie so, was ganz nebenbei auch noch in hoffentlich sehr sympathischer Weise zum Ausdruck brächte, dass Madame wie alle intelligenten Leute längst erkannt hätte, das Dinge, die man kaufen kann, nicht glücklich machen, wie man ja immer wieder hört.

In Wirklichkeit ist zumindest letztere Aussage ziemlich unzutreffend: Es gibt kaum etwas Frustrierenderes, als wenn man etwas kaufen will, und es nicht geht, weil es die Kleidungsstücke, die man kaufen will, nicht in der Kleidergröße gibt, die man nun eben einmal hat. Noch schlimmer, wenn die Lücke im Sortiment auch völlig zu recht besteht, weil die Sachen, die man eigentlich ganz gerne tragen würde, an schon eher dicken Frauen einfach schlecht aussehen. Noch schlechter, wenn einem auch bei längerer Überlegung keine als schön bekannte Frau des öffentlichen Lebens einfällt, die dicker ist, als man selber. Insofern: Kleidergröße 34/36. Und einen straffen Bauch.

Im Übrigen würde ich auch gern die Fähigkeit besitzen, Klavierspielen zu können, habe aber keine Lust, lange zu üben. Da der Klavierunterricht meiner Kindheit vollkommen fruchtlos an mir vorbeigegangen ist, und trotz mehrjähriger Qual nie auch nur ein einigermaßen angenehmes Ergebnis bei der ganzen Sache herausgekommen ist, habe ich da allerdings wenig Hoffnung. - Da ein Klavier in meine Wohnung auch gar nicht passen würde, hätte ich bei der Gelegenheit gern noch eine größere Wohnung. In die würde ich, glaube ich, dann gern ein Bild von Andreas Gursky hängen, die Photographien mag ich nämlich, obwohl die derzeit ja jeder mag, außer natürlich denjenigen, die nie mögen, was alle mögen, aber das ist ein anderes Thema.

2. 5 Dinge, die ich habe, aber lieber nicht hätte:

Familienangehörige in dieser Kategorie zu nennen, gilt gemeinhin als bösartig, nicht? Selbst dann, wenn einzelne Familienmitglieder wirklich ziemlich anstrengend sind? Und gern anrufen, wenn man sehr viel zu tun hat und wollen, das man irgend etwas kostenlos für sie macht? Sie schütteln den Kopf? Geht nicht? Okay....

Dann aber sozusagen statt dessen die mir völlig ermangelnde Fähigkeit, sich über den Rest der Welt einfach nicht aufzuregen. Ich rege mich immer auf. Ich bin aufbrausend und launisch, und wenn ich jemals privat Kinder oder beruflich Personalverantwortung hätte, würde es übel ausgehen, weshalb es wohl ziemlich gut ist, wenn diesbezüglich alles so bleibt, wie es ist.

Sehr gern los wäre ich natürlich auch die fünf Kilo Berufsspeck, die ich irgendwann dieses Jahr angesetzt haben muss, was wiederum mit dem stetigen Hunger korrespondiert, den ich immerzu habe, während Menschen, die ich kenne, den ganzen Tag nichts essen als Salat, und von mir um diese Fähigkeit heiß beneidet werden.

In diesem Zusammenhang wäre es natürlich auch sehr nett, nicht jedesmal komplett zusammenzubrechen, wenn irgendwo jemand auftaucht, der wesentlich besser aussieht als ich und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ich verwandele mich in diesen Momenten jedesmal in jemanden, der sehr klein, sehr hässlich und sehr missgünstig mit verschränkten Armen irgendwo in einer Ecke steht und dabei sehr, sehr lächerlich wirkt. Das merkt zum Glück allerdings meistens keiner außer mir selbst, weil ja alle um die auftauchende Schönheit herumstehen und sich an ihrem Lächeln weiden.

Und Schlafstörungen natürlich. Ich wache jeden Morgen nach maximal sechs Stunden mit obskuren Träumen auf und fühle mich den ganzen Tag wie durchgekaut.

3. 5 Dinge, die ich nicht habe, aber auch nicht haben möchte:

Ein Kraftfahrzeug natürlich. Habe ich nicht und brauche ich nicht, ich bleibe Taxifahrerin aus Leidenschaft. Und - lassen Sie mich überlegen: Einen elektrischen Entsafter. Kinder. Ein Haus im Grünen. Und Cellulite hätte ich auch nicht so gern.

4. 5 Dinge, die ich habe und auch weiterhin haben möchte:

Meinen Job, den ich selbst dann noch mag, wenn ich nach 16 Stunden nachts um 1.00 aus dem Büro nach Hause falle. Mein Blog, auch wenn ich zu wenig Zeit habe, die Texte zu aufzuschreiben, deren Fetzen mir ab und zu durchs Hirn rauschen. Den geschätzten Gefährten natürlich, ohne den ich nicht einmal sechs Stunden pro Nacht schlafen könnte. Das Sofa, das ich mir letztlich gekauft habe, um darauf zu liegen, falls ich mal zu Hause bin.

Und Berlin. Sofern ich Berlin habe, und nicht Berlin mich.

Sammeln Sie das Stöckchen auf, wenn Sie möchten.

Mittwoch, 4. Oktober 2006

Logistik und Eitelkeit

Sollten Sie, meine Damen und Herren Berliner, im Laufe des morgigen Tages eine dicke Dame beobachten, die sich alle paar Sekunden hektisch und ein wenig fahrig durchs allzu dichte schwarze Haar fährt, dicke Haarsträhnen zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmt, und vor jedem Spiegel anfängt, ihr Haar nach rechts und links zu schieben, und dann ein bißchen zu schnauben, weil es ja doch nicht besser wird: Sprechen Sie sich ruhig an. Es geht ihr gut. Da wäre nur....

.... die Sache mit den Haaren.

Wie die Fama weiß, wiegen allein meine Haare mehr als manches Model, welches sadistische Modeschöpfer über den Laufsteig schicken. Meine Haare sind schwarz, dick, erinnern nicht nur entfernt an das, was Pferden aus der Haut sprießt, und neigen überdies dazu, nicht glatt und seidig an den Seiten herabzuhängen, sondern strähnenweise abzustehen.

Dies wiederum bedingt, dass das schiere Wachsenlassen keine sonderlich vorteilhafte Alternative darstellt. Da ich auch nicht zu denjenigen Leuten gehöre, die überhaupt immer gut oder zumindest charming zerzaust wirken, gehen allzu lange Absenzen vom Friseur auch stets schwer zu Lasten meiner Gesamterscheinung, die ohnehin derzeit gewichtszunahmebedingt noch weniger meinen Vorstellungen entspricht als sonst.

Dann gehen sie doch zum Friseur, stöhnt es vernehmlich aus den Weiten des Internets. Überhaupt, so ächzt es weiter, sollten sie - also ich - endlich aufhören, ein seriöses Medium wie das Internet durch die Verbreitung ihrer rein privaten und im Maßstab welthistorischer Ereignisse extrem irrelevanter Probleme vollzumüllen. Beschäftigen sie sich endlich mit ernsthaften Dingen, schallt es mir aus den elektronischen Kanälen entgegen, denn meine Privatprobleme fände, wie man weiß, höchstens ich selber interessant.

Dabei, so antworte ich hiermit empört den anonymen Stimmen, ist es doch gerade die Beschäftigung mit ernsthaften Dingen, welche mich davon abhält, dem entwürdigenden und ästhetisch sehr, sehr demütigenden Zustand ein Ende zu bereiten. Nicht die Befüllung des Internets mit rein privaten Petitessen, nein, mein Broterwerb ist es, der mich davon abhält, endlich einmal zum Friseur zu gehen, denn diese Zunft pflegt ausschließlich zu Zeiten zu arbeiten, an denen diejenigen, die wie ich einer Berufstätigkeit nachgehen, in ihren Büros und nicht auf Friseurstühlen sitzen.

„Wann geht ihr eigentlich zum Friseur?“, fragte ich folgerichtig Kollegen, die schon länger berufstätig sind als ich, um herauszufinden, wie jene des Problems Herr werden, nur, um zu erfahren, dass der frühe Morgen sich anbiete, wolle man trotz Beruf halbwegs gepflegt durchs Leben schreiten. – Tätigkeiten, die am frühen Morgen auszuführen sind, verbieten sich mir indes eigentlich von selbst, zudem mag es dem Erfolg eines Friseurbesuchs abträglich sein, wenn die zu Frisierende während der Leistungserbringung einschläft. – „Na, Samstags“, sagten andere Stimmen, „musst halt nur rechtzeitig anrufen.“ – „Ich hasse Friseurbesuche!“, entgegnete ich dann, „und sehe überhaupt nicht ein, meine ohnehin allzu knappe Freizeit vor einem Spiegel zu verbringen, in dem ich immer bleich und ziemlich krötenartig aussehe, während die durchtrainiert-schlanke Friseurin M., halb so breit wie ich selber, vergeblich versucht, den Dschungel auf meinem Kopf in eine französischen Garten zu verwandeln.“

Ein paar Tage lang siegten so die Unlustgefühle am Friseurbesuch über die Unlust an der ausgewachsenen Frisur. Dann aber, da sich das Haareschneiden nicht ewig aufschieben lässt, wird, voraussichtlich morgen, doch angerufen werden müssen. Morgen allerdings sind die Samstagstermine höchstwahrscheinlich bereits ausgebucht, nichts geht mehr, und ich vertage den Friseur schlimmstenfalls gezwungenermaßen für eine Woche, während der die Haare munter weitersprießen, und wühle den ganzen Tag, den ganzen, verdammten Tag, in meinen Haaren herum, bis man mir solches verweist.

Und das sollten auch Sie tun, wenn Sie mich morgen so herumlaufen sehen, die rechte Hand im Haupthaar und die linke am Telephon, während ich vergeblich versuche, einen Termin noch für Samstag zu bekommen, und leicht hysterisch in das Telephon an meinem Ohr kreische, dass man mir das doch nicht antun könne, denn es handele sich um einen wirklichen Notfall, es ginge gar nicht mehr, nein, jetzt geht es auch nicht, aber bitte, bitte diesen Samstag... morgens, abends - egal wann, ja, hat ihre Kollegin auch schon - es ist aber wirklich dringend - nicht einmal, wenn jemand absagt? - Ja, dann rufen sie mich doch einfach an, danke - bitte - vielen Dank, tschüß.

Aufmerksamkeit

Sehr gern lese ich ja gelegentlich Texte aus diesem Weblog anderen Menschen vor, die sich zu diesem Zweck an öffentlichen Orten versammeln, wie erst letztlich, Sonntag nämlich in Wien, wo freundliche Wiener auch mir zuzuhören bereit waren.

Noch schöner für die eigene Eitelkeit ist es natürlich, wenn sogar andere Menschen meine Texte vorlesen mögen, zumal so ansprechend wie Herr Wrobel, der, unterlegt mit ein wenig Musik, diesen Text zum Anhören bei blog:read eingestellt hat.

Sehr gefreut.

Dienstag, 3. Oktober 2006

Anästhesie

Nein, sage ich, heute nicht, und nicht morgen. Ich bin doch völlig leer, mich haben sie doch ausgeräumt, durch mich fließt nur noch ein gleichmäßiges Rauschen, so ein Geräusch, als ob man im Radio keinen Sender findet. Ich habe heute keine Geschichte zu erzählen, vielleicht erzähle ich nie wieder eine Geschichte, weil ich doch alle Geschichten vergessen habe, und neue Geschichten passieren mir nicht, oder sie laufen so unbemerkt neben mir her. Ein schlechtes Gedächtnis hatte ich schon immer.

Vielleicht kann ich noch ein bißchen vor mich hin erzählen, ein wenig aus den alten Zeiten, die ich nicht vergessen habe. Das wäre gut, denn jeden Tag versinke ich weiter, ausgeschlagen mit einem weißen, gleißenden Nichts, mit einer Müdigkeit, die nicht mehr weggeht, weil irgend etwas kaputtgegangen ist, was mit Schlaf zu tun hat: Ein riesengroßer Motor, der den Raum füllt, in dem ich bin, und die Firma ist noch nicht gekommen, ihn abzuholen und zu reparieren.

Gar nicht schlecht ist die Leere, nicht übel fühlt sich das an, dieses leichte Gefühl des Schwindels, der von der Schlaflosigkeit kommt, die Widerstandslosigkeit und das gleichgültige Fließen. - Das ist mir egal, würde ich denken, wenn die Betäubung einen Moment nachließe, und lasse mich hierhin und dorthin schicken, wie ein Paket oder irgendetwas, was einfach nur da ist. Die Welt ist etwas ausgeblichen zur Zeit, ein wenig überbelichtet, die Wirklichkeit ein bißchen zu dünn, und sieht verzogen aus, irgendwie schief, und ich würde mich vielleicht wundern, aber statt dessen schließe ich nur hin und wieder die Augen und versuche mich an jemanden zu erinnern, der ich mal war, und der verschwunden ist, irgendwohin, vielleicht einfach aufgelöst oder verreist in ein trübes Zwischenreich zwischen hier und all den anderen Orten.

Sonntag, 1. Oktober 2006

Erinnerung

Wohlgeratene Texte, gutaussehende Autoren, ein, wie ich vernommen habe, hierzulande wohlbekannter Veranstaltungsort - eigentlich müssen Sie heute abend einfach kommen.

19.00 Uhr. Herbststr. 37. 1160 Wien.

Freitag, 29. September 2006

Was auch nicht geht (4)

„Es sieht schlecht aus, meine Damen.“, resumiert die C. ein wenig vor sich hin und zerbröckelt einen dieser italienischen Kekse zwischen den Fingern, die man verpackt kaufen kann in herrlich bunt bedrucktem Papier. „Und ansonsten gibt das Angebot nichts her?“, frage ich, und versuche mich an andere Herren zu erinnern, die man bei Gelegenheit an öffentlichen Orten kennen zu lernen pflegt. „Naja...“, unterbricht die J. meine Gedanken. In weiten Kreisen der Bevölkerung erfreue sich eines gewissen Bekanntheitsgrades ja auch noch...

Die Canaille

Fragt man einen beliebigen netten Herrn nach demjenigen Freund, den er am meisten beneidet, so wird er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit weder den Wohlhabendsten nennen noch den Erfolgreichsten, und noch nicht einmal den, der am besten ausschaut. Der vielbeneidete, weil vielgeliebte Freund jedes Mannes entspricht vielmehr einem Typus, dessen Anziehungskraft auf Umständen beruht, die nur als wahrhaft dunkel zu bezeichnen sind: Es geht um die Canaille.

Der Erfolg der Canaille beruht zumindest teilweise zwar zweifellos auf seiner Unverschämtheit. Auf die Idee, irgendjemand wolle sich nicht mit ihm treffen, kommt die Canaille nicht einmal, und so spricht auch die arbeitslose, haarlose und übergewichtige Canaille nur diejenigen Frauen an, die jeder ansprechen würde, wenn er denn den Mut besäße. Die Canaille würde auch etwa Kate Moss zu einem gemeinsamen Bier auffordern, die Dame zahlen lassen, und sich nach erfolgreichem Treffen einfach so drei Wochen nicht melden.

Die Canaille hält vielleicht einer alten Dame die Tür auf, junge Damen jedoch, so nimmt es die Canaille an, seien auf seine Hilfe nicht nur nicht angewiesen – sie wären unverschämt, Hilfe zu erwarten, und so taucht die Canaille alle paar Monate auf, frisst den Kühlschrank leer, verschwindet mitten in der Nacht, weil das Telefon klingelt, und sagt nicht, wer angerufen hat. Vielleicht borgt sich die Camaille noch Geld, vielleicht lässt sie sich aber auch nur ein paar Hosen bügeln – jedenfalls ist von der Canaille außer Ärger nichts zu erwarten, und so nimmt es rein nach den Gesetzen der Logik wunder, dass das Telefon der Canaille trotzdem immerzu klingelt.

Frauen würden geradezu schlecht behandelt werden wollen, zieht so mancher Mann seine Schlüsse aus dem unglaublichen Erfolg der Canaille, und versucht es seinerseits mit ein wenig schlechtem Benehmen. Indes scheint außer Rücksichtslosigkeit und einem ungehobelten Wesen die Canaille noch über einen zusätzlichen, schwer zu benennenden und absolut imponderabilen Charme zu verfügen, denn nicht jedem ist es gegeben, von Frauen für sein mieses Betragen geliebt zu werden.

Dass von der Canaille vor diesem Hintergund nur abgeraten werden kann, versteht sich beinahe von selbst. Versuche, die Canaille zu bessern, aus einem solchen Herrn aufrichtige und nachhaltige Gefühlsbezeugungen, Geschenke, die von Herzen kommen oder ähnliche angenehme Dinge herauszupressen, sind daher schon vom Anfang an zum Scheitern verdammt.

Und selbst wenn es gelänge: Was unterschiede die Canaille dann noch von einem normalen Mann, und würde sich nicht vielleicht sein Reiz in diesem Moment ins Nichts verflüchtigen?

„Es sieht wirklich nicht gut aus“, knurrt die C., und öffnet eine letzte Flasche Wein.



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