Sonntag, 25. Februar 2007

Feinstaub und Liebesleben

Bedauerlicherweise, meine Damen und Herren, hat das Leben für meinen geschätzten Gefährten, den reizenden J., vor kurzem jeden Sinn verloren. Ach, all das Denken und Trachten des J., all sein – zugegeben begrenzter – beruflicher Ehrgeiz richtete sich auf ein einziges Ziel, und hart ist, oh Publikum, denn J. nun traurig, halt- und ziellos durch Berlin taumeln und mit verzweifeltem Blick die Wagen am Straßenrand mustern zu sehen.

„Der nicht.“, hört man ihn murmeln. „Der auch nicht mehr.“, und so in einem fort beklagt mein geschätzter Gefährte das baldige Ausscheiden der schönen, der alten, der massenweise feinstaubemittierenden Kraftfahrzeuge aus dem Berliner Straßenverkehr, und wenn man sehr nah an den J. herangeht, hört man ihn manchmal auch in vollkommen verkehrsfernen Situationen etwas von dem nun verlorenen Traum seiner Jugend röcheln: Der 72er Porsche.

Silbern sollte er sein mit beigefarbenen Sitzen, notfalls auch dunkelgrün, und in langen, mühseligen Stunden in der Universitätsbibliothek, in den unendlichen Fluren der Behörde als ein Rechtsreferendar, stetig, wenn auch schweigend, trieb die Sehnsucht nach einem solchen, dem J. als Krone kraftfahrzeugtechnischen Stilempfindens erscheinenden Wagen den Gefährten meiner Tage um.

Nun aber ist alles aus.

Alle Stadien der Trauer durchlief der J., und als einer jener Männer, die ihren Knabenträumen wahrhaft treu geblieben sind, kann und will der J. die Feinstaubrichtlinie nicht akzeptieren, sich nicht anfreunden mit dem drohenden Fahrverbot innerhalb des Berliner Rings für diese Fahrzeuge, plant Petitionen, gerichtliche Klagen auf Gewähr von Ausnahmegenehmigungen, Massendemonstrationen auf dem Alexanderplatz, und als letzten, allerletzten Ausweg die Anmietung einer Garage außerhalb des Berliner S-Bahnrings, Kauf und Verbringung des ersehnten Zuffenhausener Fahrzeugs in diese Garage, nächtlich-lustvolle Fahrten durch Brandenburger Alleen, und so werde ich, meine Damen und Herren, manchen Sonntag mit Tee und Torte vergeblich auf den J. warten, der währenddessen weit entfernt in obskuren Vororten zärtlich die Kühlerhaube seines Porsche mit einem weichen Tuch poliert.

„Der Porsche oder ich!“, werde ich wettern, wenn der J. Stunden über Stunden später wieder bei mir erscheint. Wegen Vernachlässigung der eigenen Freundin zugunsten eines Haufens Blech, voneinander entzweit durch die Feinstaubrichtlinie, wird der geschätzte Gefährte die dann nicht mehr gemeinsame Wohnung dauerhaft verlassen müssen.

Und schuld ist niemand anders als die Europäische Kommission.

Freitag, 23. Februar 2007

Charlottenburg soll schöner werden

Letzte Woche zum Beispiel: Berlinale, Zoo-Palast, vorher am Savignyplatz ein Glas Wein trinken, und auf einmal sieht man mehr alte Leute, als sonst das ganze Jahr, denn wie die Welt weiß, kommt im Prenzlberg jeder an seinem 45. Geburtstag in die Wurst, der es nicht rechtzeitig schafft, sich irgendwo westlich vom Zoo anzusiedeln.

Gründe, Charlottenburg vor Erreichen seines 45. Lebensjahres aufzusuchen, kenne ich dagegen keine. Das Essen ist teuer und schlecht, mein Eisbecher letzte Woche vor dem Film bestand zum Beispiel vorwiegend aus Dosenfrüchten und Sprühsahne, und für die paar Geschäfte in der Fasanenstraße, in denen es gutaussehende Sachen zu kaufen gibt, braucht man nicht durch die halbe Stadt zu reiten. Charlottenburg, mit einem Wort ist ein Ort, den aufzusuchen man vermeiden sollte. Charlottenburg ist eine No-Go-Area des guten Geschmacks.

No-Go-Areas aber gehören nach Ansicht politisch interessierter Menschen zu dejenigen Dingen, die es eigentlich gar nicht geben sollte. Jeder sollte sich überall wohl fühlen, hört man so, und deswegen habe auch ich mich entschlossen, auf Einladung des großartigen und nicht genug anzupreisenden EXOT-Magazins

am 23.03.2007
um 19.00 Uhr
in der Weekend-Gallery
Schlossstraße 62
14059 (!!!) Berlin

meinen Beitrag zur Aufheiterung Charlottenburgs zu leisten. Ich lese dort mit den Herren Christian Bartel, Tilmann Birr, Olaf Guercke und Anselm Neft voraussichtlich vorwiegend komische Texte und freue mich, wenn Sie kommen.

(Wenn Sie nicht kommen, weil Sie in Leipzig weilen, freue mich einen Tag früher über Ihre Anwesenheit bei dieser Lesung.)

Donnerstag, 22. Februar 2007

Schreckschraube

Haben Sie, meine sehr verehrten Damen, sich eigentlich schon einmal gefragt, warum die Presseorgane, die sich der Abbildung der weiblichen Anatomie verschrieben haben, eigentlich nie nackte Fünfzigjährige photographieren? Oder warum weder die Spieler der Fußballbundesliga noch die Vorstandsvorsitzenden international operierender Konzerne auf dem Höhepunkt ihrer Karriere in zweiter Ehe welterfahrene Damen zu sich nehmen, die schon einiges erlebt und noch mehr gesehen haben? Und sind auch Sie zu dem Ergebnis gelangt, dass das weibliche Verfallsdatum offenbar eine feststehende, kosmetisch nur unwesentlich zu verändernde Größe darstellt, und der Zenit weiblicher Attraktivität deutlich vor Erreichen des 30. Lebensjahres anzusiedeln ist? Und fragen auch Sie sich manchmal, wann der Zeitpunkt gekommen ist, ab dem Ihr geschätzter Gefährte Sie möglicherweise angenehm, keinesfalls aber mehr so attraktiv wie die Damen in der Zeitung finden wird, und wahrscheinlich beginnt, Sie – wenigstens in Gedanken – mit „Mutti“ anzusprechen?

Hadern Sie mit dieser sicherlich eines Tages eintretenden Entwicklung? Zählen Sie die Tage Ihrer verbleibenden Weiblichkeit? Oder haben auch Sie eines Nachts innegehalten, Ihren schlafenden Gefährten sanft hinter den Ohren gekrault, und beschlossen, auch aus dieser Entwicklung nichts als Vorteile zu ziehen?

Ab Ihrem 40. Geburtstag etwa nie wieder eine Waage zu besteigen, weil es als alte Frau eigentlich egal ist, ob man dick oder dünn übersehen wird? Schon morgens Sahnetorte zu essen, und dann alle drei Stunden Lebensmittel nachzufüllen, bis es wirklich nicht mehr geht? Oder eines Tages einfach zu beschließen, insbesondere Männern nur noch die Wahrheit zu sagen. Männliche Freunde etwa, die sich ja gern einmal an der Schulter einer alten Freundin über ihre Misserfolge bei Frauen ausheulen, schonungslos aufzuklären, warum das so ist? Haarausfall, komische Gesichtsverformungen oder Übergewicht – sonst schamhaft und schonungsvoll verschwiegen – könnte man da einfach mal auf den Tisch bringen, oder in Einzelfällen erläutern, wieso es ohne erheblichen Einsatz finanzieller Mittel überhaupt nie hinhauen wird mit den Frauen. Im Anschluss können Sie sich an der Verzweiflung Ihrer – dann wohl ehemaligen – männlichen Freunde weiden, und bei denjenigen, denen Sie in Ihrem früheren Leben als Frau einmal etwas näher gekommen sind, nochmal nachstoßen und erklären, wieso sich die Annäherung an das jeweilige Exemplar aus Damensicht auch nicht lohnt. Seien Sie skrupellos: Die Herren werden sich schon trösten.

Haben Sie ein in dieser Beziehung amüsantes und eher abwechslungsreiches Leben hinter sich, könnten Sie beginnen, Ihre Memoiren zu verfassen, und allen Männern Ihres Lebens auf diesem Wege noch einmal so richtig einen mitzugeben: Selbst diejenigen, die mit Ihnen seit dreißig Jahen nicht mehr gesprochen haben, werden es lesen. Bezeichnen Sie die Herren ruhig mit ihren realen Namen – bis der Prozess wegen Verletzung von Persönlichkeitsrechten ein rechtskräftiges Urteil nach sich gezogen haben wird, sind Sie voraussichtlich tot. Besonders langweilige Episoden, über die zu schreiben nicht einmal dann mehr Spaß macht, wenn sich sonst nichts mehr tut, verbannen Sie in die Fußnoten.

Beginnen Sie ansonsten, schrill und hexenhaft zu lachen, wenn Ihnen etwas nicht gefällt. Die meisten Menschen finden das unangenehm. Stellen Sie junge, schöne, dumme und eitle Mädchen ein, deren Vorgängerinnen sie schon vor dreißig Jahren nicht ausstehen konnten, und schikanieren Sie sie so lange, bis die jungen Hüpfer Esstörungen bekommen oder sich aus dem Fenster stürzen. Gehen Sie auf die Beerdigung und essen während der Messe Chips.

Nutzen Sie Ihren sauer verdienten beruflichen Erfolg! Essen Sie vor ganztägigen Verhandlungen eine ganze rohe Knoblauchknolle und weiden Sie sich an Ihrer Unentbehrlichkeit für den Laden, den Sie aufgebaut haben. Leisten Sie sich einmal wöchentlich einen Temperamentsanfall, der sich gewaschen hat, und zwar so, dass keiner weiß wann. Genießen Sie, dass man Sie hinter Ihrem Rücken hausintern als die „Großmutter des Vesuv“ tituliert, und die Richter zittern, wenn Sie zu Gericht reiten, um wahlweise die Waffenindustrie, die Atomlobby oder die kommunistische Partei zu vertreten.

Gehen Sie abends zu Bett und sagen Sie sich, Ihr Leben sei schön.

Mittwoch, 21. Februar 2007

Für später

Die M. sitzt vor der Heizung, die Beine angezogen, und die Hände vor den Schienbeinen verschränkt. Auf dem Bett rauchen die K., die S. und ich, und auf ihrem einzigen Sessel liegt die C.² mehr als sie sitzt. Es gibt Glühwein aus Tetra-Packs, nur DM 1,29 bei Plus, aber heiß und süß. Auf dem Boden flackern ein paar Teelichter, und die beiden Aschenbecher laufen stündlich über und werden in eine Glasschale geleert, damit es nicht anfängt zu brennen.

Es ist morgens, irgendwann zwischen vier und sechs, und wir kommen von einer Party. Die Party der Wirtschaftswissenschaftler vielleicht, vielleicht die feiernde Sportfakultät. Ganz sicher nicht die Juristen, denn dann säße ich nicht hier mit den „Mäusen“, wie meine Lehrstuhlkollegen aus dem Verfassungsrecht spötteln: Die Mäuse, die alle Deutsch und Englisch auf Lehramt studieren, Slawistik und Geschichte auf Magister oder so ähnlich.

An diesem Abend muss die K. getröstet werden, die mit den größten Hoffnungen zu der Party gefahren war, aber der P., um den es – glaube ich – ging, stellte sich als uninteressiert heraus, und muss der P. nun gründlich miesgemacht werden, damit es nicht so schlimm ist, ihn nicht bekommen zu haben. Immer neue Fehler des P. tischen die S. und die C.² der K. auf, von seinen Augenbrauen bis zu seinem Auto bleibt kein Lebensbereich verschont, und ab und zu piepst die K., alle hätten recht, und es sei sicher besser so. Dann folgt ein langes Schniefen.

Still und etwas abwesend sitzt die M. an der Heizung, tröstet nicht mit, trinkt keinen Glühwein und raucht nur ebenso hastig wie die anderen eine Schachtel Marlboro Lights nach der anderen leer. Irgendwann steht sie auf und geht. „Bis bald, Süße.“, wird sie in der Tür umarmt und verschwindet. Ein, zwei Minuten später hört man ihren Wagen anspringen, erst lauter werden, und sich dann langsam entfernen.

Besonders still sei die M. heute gewesen, bemerkt die C.² nun, als sie gegangen ist. Sicher sei so eine Party kein Spaß für die ruhige, schüchterne M., die ihre neunzig Kilo von Semester zu Semester verzweifelter durch die Parties schiebt, und inzwischen nicht einmal mehr zuhört, wenn die C.² oder die S. oder irgendwer über Töpfe und Deckel, und die unendliche Spannweite des männlichen Geschmacks sprechen. - Sie habe noch nie einen Freund gehabt, erzählt die M. einmal nach sehr, sehr viel Sekt und ich nicke, weil mir sonst nichts einfällt. Nicht so schlimm, möchte ich sagen, aber weil das gelogen wäre, bleibe ich lieber still.

Um geliebt zu werden, müsse man sich auch selber lieben, behauptet die S. und lobt die zarte Haut und die Oberweite der M.. Wenn die M. sich selber erst einmal mögen würde, stünden die Bewerber Schlange, nett, reizend und natürlich, wie die M. sei. Die Problem, doziert die auffällige, gertenschlanke S. vor sich hin, säße im Kopf der M., nicht auf ihren Hüften. Wo aber auch immer die Ursache für den amoureuxen Misserfolg der M. zu verorten ist: Im nächsten Semester ist sie noch schwerer, noch unglücklicher, und geht noch weniger gern zu den Parties der Fakultäten oder gar anderswohin. Allein in ihrem Appartement raucht die M. irrsinnig viele Zigaretten, tröstet sich mit Sekt oder Pralinen, und ab zu bekommt sie Besuch.

Es macht wenig Spaß, der M. beim Unglücklichsein zuzuschauen, und so bleiben die Gäste langsam aus. Irgendwann beginnt die M., immer später aufzustehen, seltener zur Uni zu gehen, und weint manchmal unvermittelt, wenn man sie anruft. Zur Hochzeit ihres Vaters mit einer Frau, die keine zehn Jahre älter ist als die M., sagt sie ab. Der M. müsse geholfen werden, sagen die C.², die S. und die anderen, aber am Ende sitzt die M. wieder allein in ihrer Wohnung, und was sie da tut, weiß keiner mehr so recht, weil keiner nachschaut.

Eines Tages kommt die M. gar nicht mehr in die Uni, und als S. und C.² klingeln, macht niemand auf. Im Krankenhaus sei die M., sagt ihr Vater, den die C.² anruft. Ein paar Tage später ruft wiederum er die C.² an und bittet darum, seiner Tochter eine Tasche zu packen. Seine Tochter ginge es schlecht. Den Schlüssel schickt er der C.² zu.

Am anderen Abend steht die C.² in der Wohnung der M. Im Dämmerlicht hinter geschlossenen Vorhängen liegt alles durcheinander. Das Parkett ist schmutzig. Asche und Stanniol, Papier, Glas und Plastikverpackungen liegen herum, und das Bett ist lange weder gemacht noch die Bettwäsche gewechselt worden. Im Badezimmer riecht es muffig und feucht.

Die Tasche der M. steht auf dem Schrank. Der Schrank selber ist riesengroß, ein fünftüriges, massives Monstrum, und als die C.² die Türen öffnet, hängen Dutzende von Kleidern und Hosen, Blusen und Oberteilen ordentlich nebeneinander, und aus allen Kleidungsstücken, aus jeder Bluse, an jeder Hose hängen die Etiketten der Geschäfte heraus. Ganz neu sind die Kleider der M. Nicht schlecht, denkt die C.², die selbst bei H&M auf die Preise schauen muss, und ihr Geld in einer Buchhandlung verdient, abends und an Samstagen. Nicht schlecht, denkt sie, als sie die Preise sieht. Die M. hat nicht gespart beim Kauf, aber getragen, getragen hat sie die mit Geschmack und Sorgfalt ausgesuchten Kleidungsstücke nie, und die C.² erschrickt: Jedem Etikett, dreißig oder vierzig baumelnde Papierschildchen, ist zu entnehmen, dass dieses Kleidungsstück für schlanke Frauen geschneidert worden ist, für sehr schlanke Frauen: Größe 36 hat die M. gekauft, Spitzenwäsche und Cocktailkleider, knappe Oberteile für abends und Kostüme für wer weiß schon welchen Anlass.

Für später, wird sie der C.² tags drauf im Krankenhaus erklären. Für später, wenn alles anders geworden sei, wenn ihr Leben ihr gefällt, wenn die Anlässe stattfinden, für die man Cocktailkleider und bunte Röcke braucht, habe sie eingekauft, und stumm steht die C.² neben dem Krankenhausbett und sucht nach den richtigen Worten.

Ob es aber dieses Später gegeben hat, ob die M. die vielen Röcke, T-Shirts und Hosen jemals getragen hat, das weiß ich nicht, denn in die Uni kam die M. nicht zurück. Ob sie woanders weiterstudiert hat, weiß ich auch nicht zu sagen, denn bei uns, bei der S., der C.², der K. oder mir hat sie sich nicht mehr gemeldet.

Montag, 19. Februar 2007

Vergesst es, Mädels

Meine Klassenbeste ist Richterin geworden. Manche andere Klassenbeste hat es ins Ministerium geschafft; viele stehen selber als Lehrerin vor der Klasse, aber in die Positionen, von denen aus man die Gipfel des Berufslebens sehen kann, hat es keine geschafft. Vermutlich wird das auch so bleiben.

Bei den Männern sieht es anders aus. Vorstandsassistent sei er, hört man von dem jähzornigen, vorlauten S., der gern auch noch in der Oberstufe wütend aus dem Klassenzimmer gestürmt ist, wenn ihm etwas nicht passte. Habilitieren wird sich irgendwann in den nächsten Jahren der T., wegen dessen Desinteresse an allen Fächern außer Deutsch, Latein und Geschichte Herr Dr. G., der cholerische Mathematiklehrer, fast am Schlaganfall gestorben wäre. Bei einer amerikanischen Großkanzlei verdient der C. jedes Jahr eine S-Klasse, und den anderen, von denen ich selten höre, geht es auch nicht schlecht.

Die Mädchen haben den Anschluss verloren.

Noch zu Studienzeiten sah das anders aus. Die Mädchen hatten die deutlich besseren Noten, waren meist auch nicht nur einseitig gut benotet, sondern saßen stets und in jedem Fach gut vorbereitet in den Seminaren, schrieben alles mit, und verließen die Uni mit Noten, die sich sehen lassen konnten. Zwar, und hier deuteten sich die ersten Brüche an, erwarteten die meisten Professoren nicht viel kreativen Ertrag von den fleißigen Bienen des Unibetriebs. Die Durchschnittsnoten der weiblichen Juristinnen waren gleichwohl mindestens ebenso gut wie die der männlichen Studenten, und auch im Referendariat erhielten die Frauen keine schlechteren Noten als die Männer. Freundlich und ausgeglichen sei die Referendarin, wurde gern testiert. Ihre Arbeiten seien voll verwertbar, die Zusammenarbeit angenehm, und so stellte der öffentliche Dienst die fleißigen Mädchen mit den guten Noten gern ein. Auch die Kanzleien sagten nicht nein, wenn die Noten stimmten, und in den Referendarzimmern der großen Kanzleien saßen Frauen und Männer zu ungefähr gleichen Teilen einträchtig nebeneinander und hackten lange Vermerke ins System.

Bei den ersten Jobs sah es schon anders aus. Was auch immer Frauen in den öffentlichen Dienst treibt – die Möglichkeit langer Kindererziehungszeiten oder die Sicherheit, die in weiblichen Kreisen ein ungeahntes und bei Männern seltenes Ansehen genießt – in denjenigen Berufen, die man gemeinhin mit Geld und Einfluss verbindet, bewarben sich weniger Frauen als Männer. In den ersten Berufsjahren, die die Spreu vom Weizen trennen, wie man sagt, gehören Frauen selten zur Spitze, denen viel zugetraut wird. Ordentliche Arbeiterinnen, aber zu Höherem nicht berufen, dürfte das Urteil sein, das die Vorgesetzten der fleißigen Mädchen fällen würden, wenn man denn diese Urteile ehrlich fällte, und so wird voraussichtlich keine dieser heute dreißigjährigen Frauen einmal Sitz und Stimme dort besitzen, wo die Macht zu Hause ist.

Nach klassisch feministischer Sicht der Dinge hält eine männliche Verschwörung Frauen davon ab, Positionen zu erreichen, die über den Job der akademischen Wasserträgerin hinausgehen. Tatsächlich jedoch tritt die Männerwelt keineswegs regelmäßig zusammen, um begabte und fähige Frauen von dem beruflichen Aufstieg abzuhalten. Statt dessen sabotieren sich die meisten Frauen ganz von selbst.

Ehrgeiz etwa gilt den meisten Frauen als eine Eigenschaft, der etwa derselbe Wert beigemessen wird wie Mundgeruch. Die wenigsten Frauen sind bereit, sich um eine Tagung oder ein Projekt förmlich zu prügeln, laut „hier“ zu schreien, und sich und ihre Leistung unternehmensweit anzupreisen. Die meisten Frauen erwarten vielmehr, dass Aufstieg und Gratifikationen ihnen angetragen werden, und harren der Beförderung wie eine Schülerin des Lobs des Lehrers. Während es aber der Aufgabe eines Lehrers entspricht, Fleiß und die ordnungsgemäße Erfüllung der Anforderungen zu gratifizieren, um zu besseren Leistungen anzuspornen, gehört dies nicht zum Stellenprofil eines Abteilungsleiters oder des Partners einer Kanzlei. Zudem ist es in der Schule oder Uni durchaus von Vorteil, wenn sich möglichst viele Schüler möglichst unauffällig in den Klassenverbund einfügen. In einem Team von lauter Leuten, die positiv auffallen wollen, ist Unauffälligkeit verständlicherweise nicht die beste Strategie. Wer den Anschein erweckt, die Stelle des fleißigen Fußvolks perfekt auszufüllen, qualifiziert sich in dadurch nicht automatisch zur Leitung dieses Fußvolks.

Den meisten Frauen ist diese Falle durchaus bekannt. Gleichwohl wird sich das Verhältnis zwischen Männern und Frauen in Machtpositionen so schnell nicht ändern. Denn um die Beine der Frauen wickelt sich zumeist nicht eine persönliche oder generelle Unfähigkeit. Zum Stolperstein wird statt dessen das gründlich anerzogene Bedürfnis, von aller Welt gemocht und gelobt zu werden, und hier mag den Frauen auf die Füße fallen, dass das Anerkennungsbedürfnis der kleinen Mädchen in den meist grässlich tantenhaften Grundschullehrerinnen dankbaren Widerhall gefunden hat. Eine gute Schülerin war nicht das Kind, das konnte, was der Stoff vorgab. Eine gute Schülerin war dazu auch vernünftig, krakeelte weder wild durch den Raum, noch leistete sie sich unbeherrschte Anfälle gegenüber schwächeren Schülern oder träumte einfach ein paar Minuten in die Blätter der Kastanie auf dem Hof. Fachliche Anerkennung setze Anpassung an externe und nicht leistungsbezogene Erwartungen voraus, haben die meisten der guten Schülerinnen aus diesen Jahren mitgenommen. Fachliche Anerkennung im Berufsleben fußt aber reichlich oft auf dem Gegenteil von Anpassung, und gemocht zu werden ist im Preis meist nicht inbegriffen.

Gerade dies aber fällt vielen Frauen schwer. Als Mädchen macht man sich nicht eben beliebt, wenn man genau diejenigen Eigenschaften auslebt, die im Berufsleben nützlich sind: Ein ausgeprägtes Wettbewerbsdenken, den fairen Einsatz manipulativer Fähigkeiten, ein spielerischer Umgang mit den eigenen Fähigkeiten und dem Können anderer, und die Bereitschaft, es sich – wenn es sein muss – mit einem Haufen Leute von Grund auf und für immer zu verderben. Es zu ertragen, wenn man in den Feierabendgesprächen der Konkurrenz als aggressive Ziege figuriert. Dosiert unangenehm zu werden, und mit der Antipathie der Gesprächspartner zu leben. Es nicht zuletzt hinzunehmen, dass fachliche Überlegenheit es nahezu ausschließt, als feminin und attraktiv wahrgenommen zu werden.

Gemocht oder mächtig, lautet letztlich die Alternative, und solange die meisten Frauen diese Wahl mit allen ihren Konsequenzen scheuen – solange wird man sich wundern, warum den guten Studienleistungen, der angenehmen Zusammenarbeit und dem ganzen Drumherum, das am Ende doch nicht zählt, nicht viel nachkommt.

(Aber Frauen sind Macht und Erfolg, hört man, ja nicht so wichtig, nicht wahr, meine Damen?)



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