Montag, 19. März 2007

Befragt

In omnibus requiem quaesivi
et nusquam inveni nisi in angulo cum libro.

Frau Fragmente antworte ich ja immer gern:

Gebunden oder Taschenbuch?

Das ist mir gleich. Ich schleppe in aller Regel riesige Handtaschen mit mir herum, unförmige Beutel, in denen man Kleintiere transportieren könnte, und die so schwer auf meiner Schulter lasten, dass ich mit 50 ganz schief sein werde, aber das ist mir egal. Auf das Gewicht eines Buches kommt es in diesen Taschen auch nicht mehr an. Im Regal finde ich gebundene Bücher schöner.

Amazon oder Buchhandel?

Ich liebe Antiquariate, aber aus Gründen, für die ich keinerlei Verständnis hege, haben abends immer schon alle Geschäfte zu, wenn ich aus dem Büro komme. Dann bleibt mir oft nichts als amazon, aber besonders gern kaufe ich da nicht.

Lesezeichen oder Eselsohr?

Eselsohren. Ich weiß, das macht man nicht, aber Lesezeichen fallen mir immer aus den Büchern.

Ordnen nach Autor, nach Titel oder ungeordnet?

Nach Genre, nach Autor, nach Erscheinungsdatum. Ich habe diesbezüglich einen Knall und kann sehr ungemütlich werden, wenn man meine Bücher verstellt.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?

Behalten. Hier – und nur hier – bin ich raffgierig, und gebe selbst geliehene Bücher nur ungern wieder her.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?

Behalten natürlich.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?

Mit.

Kurzgeschichten oder Roman?

Mit Kurzgeschichten ist es doch immer dasselbe: Kaum hat man die dramatis personae kennengelernt, beginnt Anteil zu nehmen, interessiert sich für ihr weiteres Schicksal – dann ist die Geschichte aus, und man sitzt dumm herum mit nichts als seinem brennendem Interesse. Ich mag keine Kurzgeschichten, lese keine Kurzgeschichten, und finde sogar dünne Romane oft unbefriedigend. Mein Aufruf daher: Schriftsteller dieser Welt, schreibt dickere Bücher!

Sammlung (Kurzgeschichten von einem Autor) oder Anthologie (Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren)?

Nichts dergleichen.

Harry Potter oder Lemony Snicket?

Kenne weder noch.

Aufhören, wenn man müde ist oder wenn das Kapitel endet?


Eine missliche Sache, fast das Ärgerlichste am vorgegebenen Tagesablauf eines berufstätigen Menschen: Nicht weiterlesen können, wenn man doch weiterlesen will.

„Die Nacht war dunkel und stürmisch“ oder „Es war einmal“?


Weder noch, leider. Romane, in denen es dunkelt und stürmt, lassen nur das Schlechteste erwarten. Märchen mag ich auch nicht, glaube ich, möglicherweise mag ich aber auch nur keine Leute, die Märchen mögen. Diese Chai trinkenden, lebensbejahenden, optimistischen und oftmals blonden Geschöpfe, die in ihrer Jugend Wandergitarre gespielt haben und Tierschutz wichtig finden, sollte es meiner Meinung nach gar nicht geben.

Kaufen oder Leihen?

Natürlich kaufen. Ich gebe so ungern wieder her.

Neu oder gebraucht?

Gebraucht. Ich mag den Geruch und das weiche Papier alter Bücher.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?

Schwer zu sagen. Meistens nicht gezielt, sondern in irgendwelchen Kisten auf dem Flohmarkt oder im Antiquariat gefunden.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?

Was für eine idiotische Frage.

Morgens, mittags oder nachts lesen?

Nachts.

Einzelband oder Serie?

Einzelband.

Lieblingsserie?

Keine.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?

Walter Hasenclever, "Irrtum und Leidenschaft". Kennt aus mir schleierhaften Gründen keine Sau. Aus lauter Verehrung wollte ich ja vor einiger Zeit hier einmal eine allgemeine Hasenclever-Renaissance einläuten, leider ist nichts draus geworden.

Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?

Daniel Kehlmann, "Ich und Kaminski". Kehlmann schreibt so gut, dass man sich selbst in ein Buch verliebt, in dem ausschließlich unsympathische Menschen vorkommen. Da sitzt man dann und beschließt, nie wieder eine Zeile zu schreiben, weil der so gut schreiben kann, und man selbst nicht.

Welches Buch lesen Sie gegenwärtig?

Reinhold Schneider, "Der Balkon".

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?

Eins? Das ist Böse. Vielleicht Christian Kracht, "Faserland". Oder doch Oscar Wilde’s "Bildnis des Dorian Gray"? Oder Thomas Mann, denn ich immerzu lesen kann, von morgens bis abends und dann wieder von vorn? Augustinus, von dessen Bekenntnissen es nur vollkommen indiskutable Übersetzungen gibt, und den ich neu übersetzen werde, wenn ich einmal alt bin? Oder Hilde Spiel “Lisas Zimmer“, dessen Mängel einem förmlich ins Gesicht springen, aber das trotzdem etwas besitzt, das ich gerne hätte: Grazie und Anmut.

Weitergeworfen an den charming Herrn SvenK und Frau Arboretum.

Sonntag, 18. März 2007

Die Verwerflichkeit des Eingehens von Ehen

Ich habe es immer gewusst, und nun ist es amtlich: Hochzeiten, meine Damen und Herren, sind das Schlimmste, Hochzeiten sind unbedingt zu vermeidende Ereignisse, und nur sehr, sehr netten Leuten ist es zu verzeihen, wenn sie mitten im Mai, zur besten Reisezeit also, Hochzeit feiern.

Nehmen wir beispielsweise einmal die I. Eine zweifellos reizende Person, ein lustiger, blonder Kugelblitz, eine immer gern gesehene Erscheinung auch ihr fabelhaft freundlicher Bräutigam, indes – die Hochzeit steht in Kürze bevor, und macht bereits jetzt, zwei Monate vor dem großen Tag, nichts als Ärger.

Nichtsahnend sitze ich also letzte Woche an meinem Arbeitsplatz, jonglierend mit Hörer, Stift und Diktiergerät, rechts und links umgeben von riesigen Stapeln Papier, massiven Mittelgebirgen bestehend aus Akten, und nicht eingedenk des mir gleichwohl an sich bereits bekannten Hochzeitstermins der I., da klingelt das Telephon. „Modeste“; melde ich mich, denn es ist mein eigener Apparat, und habe die C. an der Strippe.

„Modeste, was machst du Pfingsten?“, werde ich kalt überrascht, und stammele irgendetwas, was Verfügbarkeit kommuniziert haben muss, denn die C. fährt fort. Nach Madrid könne man fahren, die Flüge seien günstig, ein Hotel auch nicht das Problem, und ich möge buchen. Die rechte Hand am Hörer, die linke auf der Tastatur, taste ich mich durch das Menü, gebe Datum und Uhrzeit ein, Namen und Kreditkartennummer, und beende das Gespräch, denn nervös wippen meine Akten auf papierenen Zehenspitzen hin und her, und erst Stunden später, knapp vor Mitternacht und vollkommen ausgesaugt von den Anforderungen des Tages, stehe ich im heimischen Korridor.

„Pfingsten fahre ich mit der C. nach Madrid.“, teile ich dem geschätzten Gefährten freudig, wenn auch erschöpft, mit und werfe meine Stiefel in die ungefähre Richtung der Schuhschränke.
„Pfingsten hast gesagt?“, gibt der J. zurück und legt sein Gesicht in Falten. Pfingsten werde nirgendwo hingefahren. „Wie jetzt?“, frage ich ein wenig unwillig, überlege, was dem geschätzten Gefährten in den Sinn gekommen sein mag und knülle meinen Mantel auf das Sofa.

„Hast du I.'s Hochzeit vergessen?“, lässt der J. die Bombe platzen. Ziemlich begossen und ein klein wenig fassungslos stehe ich im Wohnzimmer. Verdammt. „Ich will aber lieber nach Spanien!“, lasse ich mich in einen Sessel fallen und ziehe die Füße vor lauter Trotz ganz weit Richtung Kopf.

„Hilft nichts.“, weist der geschätzte Gefährte mein Ansinnen zurück und spricht mir streng zu. So etwas würde man mir nicht verzeihen, heißt es, und im Übrigen gehöre es sich einfach nicht, am Ehrentag lieber Freunde einfach abzuhauen. Das sehe ich dann auch ein, irgendwann, ein paar Stunden später.

Die J., so verabrede ich am darauf folgenden Sonntag, werde mich als Reisebegleitung vertreten. Die C. ist’s zufrieden, die Hochzeit wird mit meiner Beteiligung stattfinden, und nur ich, nur ich sitze daheim, male mir alle Schönheiten Madrids aus und zische leise vor mich hin:

Hochzeiten sind das Schlimmste.

Sonntag, 11. März 2007

Madame Modeste will eine Kur

Manchmal, meine sehr verehrten Damen und Herren, fühle ich mich alt. Wenn ich zwanzig Minuten zügig gehe, lockern sich schwarze Brocken in meiner Lunge und fallen mir aus dem Mund. Meine Magenschleimhaut zieht sich sofort zusammen, wenn ich Sekt trinke, reißt ein und gibt handtellergroße Stellen frei, die sodann von der Magensäure angegriffen und unter unangenehmen Körperempfindungen verdaut werden. Von Tag zu Tag werde ich zudem geräuschempfindlicher und male mir manchmal aus, wie ich Leute, die Lärm veranstalten, mit einer lautlosen, aber tödlichen Waffe zum Schweigen bringe.

Gegen diese Erscheinungen kann man natürlich überhaupt nichts machen. In meinem Alter, sage ich mir dann, ist das eben einfach so, und beobachte sorgfältig Leute, die noch älter sind als ich, ob ihnen ab und zu ein Arm abfällt oder ein paar Zähne im Brot steckenbleiben, wenn sie etwas essen.

Eine Kur müsste man machen, sage ich mir dann manchmal, lege mich ins Bett und male mir ganz genau aus, wie das wäre, in Bad Gastein etwa oder Altaussee oder so. Morgens würde ich um sieben aufstehen, würde joggen oder unter Anleitung Gymnastik machen. Rohkost gäbe es immerzu, so dass ich abnehmen würde, dass die Pfunde nur so krachen. Ab und zu - vielleicht wöchentlich - würde man mich in Schlamm legen oder kalt abspritzen für bessere Haut.

Den ganzen Tag müsste ich Wasser trinken. Angestellte des Kurbetriebs in weißen Kitteln würden sanft zu mir sprechen und mir warme Steine auf den mürben Bauch legen, damit sich mein Kräftezentrum regeneriert. Abends höre ich jeden Tag, denke ich, das Beste von Johann Strauss. Nach drei Wochen wäre ich quasi 22, schlank, straff und furchterregend energiegeladen. Dann fahre ich zurück nach Berlin.

Kuren aber gibt es, soweit ich weiß, nur für noch ältere Leute, krebskranke Rentner, Rekonvaleszenten, denen nicht kleinere Ärgernisse, sondern schwere Gebrechen zur Last fallen, und jemanden wie mich schickt auch ein skrupelloser Arzt nicht so einfach drei Wochen nach Bad Ems.

Zwar wird also, überlege ich, daher wohl nicht die Gemeinschaft aller in meiner Krankenkasse Versicherten meine Kur bezahlen. Aber kann man auch einfach so auf Kur und zahlt das selber? Gibt es die Selbsteinweisung in die Kurklinik? Macht das außer mir vielleicht schon irgendwer? Oder bleibt mir nichts übrig, als eins dieser neumodischen Wellness-Hotels in Anspruch zu nehmen? Sind die Wellness-Hotels gar die Kurkliniken von heute? Oder fahre ich besser ins osteuropäische Ausland und kure da?

Fragen, Fragen, und sogar Google bleibt stumm.

Sonntag, 4. März 2007

Du und ich im Garten Eden

Nach dem Mittag werde ich ein bißchen schlafen, und du schläfst neben mir. Ein alter Mann wirst du sein, mit hängenden Backen und schlaffer Haut. Vielleicht wirst du schnarchen. „Mein Guter, mein Bester“, werde ich dir am Bart zupfen, damit du aufwachst, und du wirst lächeln, als sei ich noch jung. Vielleicht siehst du mich dann manchmal so, wie ich einmal war, du alter Mann ohne Brille in der Nachmittagsdämmerung um vier.

Bevor es dunkel wird, willst du in den Garten. Du harkst die Blätter von den Beeten, und freust dich über die Knospen und Triebe der Büsche und Stauden. Die zeigst du mir und stützt deine Hände auf die Knie, wenn du dich wieder aufrichtest. Du bist zu schwer geworden für deine Muskeln und Gelenke.

Mit einem sehr, sehr alten Hund sitze ich im Wintergarten und schaue dir zu. Von hinten siehst du manchmal aus wie der junge Mann, den ich vor fünfzig Jahren im ersten Semester kennengelernt habe, und ich lächele bei der Erinnerung an den Abend, als dein Freund H. mich zu dir brachte, weil er meine Freundin kennenlernen wollte. Daran erinnere ich mich gut. Die Feuerzangenbowle. Deine Gitarre, das eiskalte Bad, und die braune Couch, mit der du bis Berlin umgezogen bist.

An das, was gestern, vorgestern oder letztes Jahr passiert ist, erinnere ich mich nicht mehr. Vielleicht hat mein Gehirn schon ein paar Löcher, ein bißchen Zeitmottenfraß, ein bißchen mürben, braunen Verfall. Vielleicht lohnt sich das Behalten aber auch nur nicht, weil gestern, vorgestern, letztes Jahr, wenig passiert ist, was ich aufheben will. Wenn du im Garten die Beete harkst, erzähle ich die alten Geschichten dem Hund. Was alles passiert ist, und der Hund gähnt.

Dass wir Königskinder waren, leuchtend in den Nächten der Stadt, flüstere ich dem Hund in die Ohren. Die Kälte und der gleißende Dreck und die großen Zeiten unter dem Rad. Unsere blutende Haut in Fetzen, aber wenn ich zu lange erzähle, steht der Hund auf und trinkt ein bißchen Wasser.

Wenn es dunkel wird, kommst du ins Haus. Die Schuhe stellst du neben die Terrassentür und wäschst dir lange die Hände, die sich langsam ausbeulen. Knoten an den Gelenken hast du, als würden deine Knochen langsam weich und schöben sich hin und her. Ab und zu, wenn wir beisammen sitzen, streichele ich dir über die Hände und ängstige mich vor dem ersten Morgen ohne dich.

Tee werde ich kochen und Kuchen schneiden, den ich selbst gebacken habe. Vielleicht schlage ich Sahne. Du deckst den Tisch und wirst den Kuchen loben. „Meine Liebe, meine Schöne.“, wirst du mich nennen, als sei das noch wahr, und vielleicht küssen wir uns sogar noch, wenn keiner hinsieht. Auch nicht der Hund.

Vielleicht gehen wir später spazieren, zwei sehr alte Leute, langsam, die Straße entlang, wo es gut beleuchtet ist und die Wege glatt. Vielleicht koche ich abends Früchtetee und schmiere Brote, weil du das selbst nicht mehr gut kannst. Du wirst Witze machen, als nähmest du das leicht.

Am Abend gehen wir zu Bett. Ich werde mich nicht mehr ausziehen vor dir, und nur noch selten in den Spiegel schauen, wenn ich mich umziehe, um die alte Frau nicht zu sehen mit dem fleckigen, bleichen Fleisch voller Dellen. Im Nachthemd lege ich mich zu dir ins Bett, denn du bist warm, und ich friere jede Stunde, jede Nacht und überhaupt immer.

Nachts höre ich dir zu. Die Dämonen sind tot, weiß ich, und kann doch nicht schlafen. Sanft streiche ich dir übers Haar, dass du nicht erwachst, und halte manchmal besorgt meine Hand vor dein Gesicht, und atme auf, wenn du noch atmest.

Montag, 26. Februar 2007

Die gläserne Stadt

Über Nacht aber ist die Luft dichter geworden als du. Massiv drückt dir der Sauerstoff von innen und außen gegen das Fleisch und schmerzt beim Atmen, als zögest du Steine scharfkantig durch deine Lungen. Schau mich nicht an, brüllst du aus Angst den fremden Leuten in der Tram nur in Gedanken entgegen. Würdest du laut, die Fremden würden dir noch tiefer ins Fleisch starren, noch schärfere Blicke werfen, und dir die Haut zerschneiden mit der Kraft ihrer Augen. Da sitzt du dann, und die M 1 fährt dich nach Mitte.

Die Stadt scheint dir seltsam entfärbt. Jemand hat etwas aus den Gesichtern der anderen Kunden bei Dussmann entnommen. Das, was du sehen kannst, scheint dir sonderbar leer. Wie immer reichen die Fremden Bücher über die Theken und nehmen Tüten zurück, als sei das normal, aber du weißt Bescheid. - „Da wünsche ich ihnen viel Spaß beim Lesen!“, lächelt der Kassierer und macht sich Notizen. Wenn du weg bist, weißt du genau, wird er melden, was du gekauft, und wann den Laden verlassen.

An der Mittelstraße stolpert eine fremde Frau mit zerschlissenen Tüten betrunken oder behindert den Linden entgegen. Das bist ja du, erschrickst du und wechselst die Seite. Mit kaum maskiertem, gierigem Blick sieht dir die Trunkene nach. Für heute bist du entkommen. „Was haben sie mit mir vor?“, könntest du fragen, aber die Frau ist schon weg. Ganz normal, ohne Fallen und Stolpern, weißt du, schreitet die Fremde fern deiner Blicke die Straße entlang.

Wenn keiner da ist, lachst du ein bißchen, und stößt mit dem Fuß eine leere Verpackung die Straße entlang. Ob man dich prüfen will, durchblätterst du deine Gedanken. Ob die Stadt echt ist, oder eine Attrappe, und die wirkliche Stadt lebt und lächelt fernab von dir, hinter Glas, hinter Stäben, hinter einer Wand vielleicht, getrennt und unerreichbar für dich, warum auch immer.



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