Freitag, 23. Mai 2008

In der langweiligsten Landschaft der Welt

Jemand musste uns einen falschen, vielleicht sogar arglistigen Ratschlag gegeben haben, denn einfach so wären wir niemals ausgestiegen in diesem Ort, in dem es vielleicht gar keine Menschen gab, oder nur solche, die das Haus nicht verließen. Viel zu sehen gab es freilich auch nicht, weswegen man das Haus hätte verlassen sollen, wenn man hier schon wohnte. Schnurgerade reihte sich Haus an Haus, schorfrot geziegelte Doppelhaushälften mit ordentlichen Vorgärten, in denen ab und zu ein magerer Busch stand mit dünnen, schadhaften Blättern, und manchmal nur ein paar Blumen, deren Blüten sich blass einer schwächlichen Sonne entgegenstreckten, versteckt hinter einer weißen, gleichmäßigen Decke aus Wolken und Dunst.

Das ganze Dorf, wusste ich, bestand nur aus dieser Straße, die zur Fabrik führte, aber die Fabrik konnten wir nicht sehen. Überhaupt war nichts Genaues auszumachen. Die Bewohner versteckten sich gleichgültig hinter grauen Gardinen, kein einziges Kind spielte auf der Straße, kein Auto fuhr, und es war vollkommen still. Wind würde es hier nie geben.

Unser Gepäck war im Bus geblieben und fuhr nun ohne uns dahin, wo wir eigentlich hatten hinfahren wollen. Wo das war, war mir nicht bewusst. Immerhin unsere Katzen waren bei uns, auch ein Hund begleitete uns, und so liefen wir die Straße entlang und hielten Ausschau nach jemandem, der uns helfen sollte, hier wieder wegzukommen, und zwar mit unserem Gepäck.

Später irgendwann, so erfuhren wir (von wem?), würde der Bus erneut erscheinen. Bestiegen wir ihn, so würde unser Gepäck sich schon wieder anfinden, und alles würde gut. Nur, dass die Katzen immer wegliefen, dass der Hund uns voran- und dann wieder nachlief, dass auch der J. immer wieder verschwand, verschwamm, unscharf wurde und durchsichtig sogar, verwehend über der staubigen Straße, und erst Minuten später hinter einem der Büsche oder einer zerfallenden Mauer wieder erschien, konnte unsere Abreise vielleicht noch verhindern.

Ob wir am Ende wieder abfuhren, weiß ich nicht. Nur eine Grube habe ich behalten, ein Erdloch, zwei Meter lang und tief, in der neben der Bushaltestelle ein Tiger saß, der langsam sein Junges fraß, bis nur noch der Rücken da war, und der Bauch leer und rot glänzte wie eine pralle, reife und giftige Frucht. Ganz ohne Grauen, interessiert sogar, stand ich am Grubenrand und sah dem Tiger beim Fressen zu, und dann beim verkrümmten, schnaufenden Schlaf.

Sonntag, 18. Mai 2008

Miese Mode

Sie, sofern Sie eine Dame sind, die nicht älter als 20 und nicht schwerer als 50 Kilo ist, dürfen sich glücklich schätzen. Bitte genießen Sie diesen Moment, der sich – abgesehen von seltenen Fällen – in Ihrem Leben nicht wiederholen wird. Dieser Sommer, mein junges Fräulein, ist der Sommer, in denen Ihnen alles steht.

Diese Unter-der-Brust-Taillen-Teile etwa, die im Fachhandel als Boho-Babydolls gehandelt und mit Röhrenhosen oder Leggings getragen werden. Wenn diese Mode das nächste mal in den Schaufenstern liegt, werden sie 15 Kilo schwerer sein, und mit einem solchen Oberteil aussehen, als seien sie schwanger. Möglicherweise bekommen Sie ihre Oberschenkel in die Hosen auch gar nicht mehr hinein.

Unter Umständen sehen Sie sogar in den Schlauch-Oberteilen gut aus, die aus so einem geriffelten, mit Gummizügen elastisch gehaltenen Material bestehen. Jeder, der dicker ist als Sie, sieht in diesen Dingern gern aus wie eine bunte Wurst, und auch die großformatigen Blumenmuster sehen nur an Ihnen richtig gut aus. Ich beispielsweise wirke in einem solchen Kleid wie eine dicke Frau in einer langen, weiten Kittelschürze.

Auch Ballerinas sehen an Ihren Füßen super aus. Na gut, Sie sind auch mindestens 1,80 Meter groß. Tatsächlich hat man, gerät man unversehens in eine Schulklasse auf Berlin-Ausflug, das Gefühl, die Evolution mache beim Längenwachstum junger Mädchen derartig unmäßige Fortschritte, dass in zehn bis zwanzig Jahren die Durchschnittsdeutsche die Zweimetergrenze durchbrechen werde.

Vielleicht haben Sie auch den ganzen Sommer nichts zu tun und liegen in der Sonne. Dann – und nur dann – werden Sie die Gelegenheit haben, eine Bräune zu erwerben, die unerlässlich ist, um Knallgelb, Hellrot oder dieses Mordspink zu tragen, welches gegenwärtig die Geschäfte ziert.

Nun, und wenn Sie nicht 20 sind, und wenn Sie schwerer sind als besagte 50 Kilo, und kürzer als 1,80 – wenn Sie also beispielsweise nur 1,67 zählen und ungezählte Kilos auf die Waage bringen, dann bleibt es Ihnen unbenommen, im zweiten und dritten Stock von P&C, wo die alten Damen zeitlos schlichte Oberbekleidung erwerben, sich von resoluten und sehr patenten Verkäuferinnen Kleidungsstücke bringen zu lassen, die zwar nicht aktuell sind, nicht besonders elegant, aber immerhin passen.

Und wenn Sie zu Hause sind, vergraben Sie alles im Schrank und hoffen auf den nächsten Sommer.

Sonntag, 4. Mai 2008

Vom Besten ganz viel

Diesen Sommer, nimmst du dir vor, wirst du tanzen, bis es hell wird. Jedem, der lächelt, wirst du zulachen, bis er wegläuft oder zurücklacht, und alles, was die Welt zu bieten hat, wirst du von den schweren Ästen der Bäume pflücken und Nektar und Ambrosia trinken, bis es dir rot aus den Mundwinkeln läuft.

Mit nackten Füßen wirst du über Gras laufen und den Puls der Erde spüren. Den Morgen wirst du singen hören, hoch über Stadt. Alle Gläser wirst du heben auf ein Glück, das warm neben dir sitzen wird, und im Wind werden Laternen schwanken, gelb und rund und voll wie der Sommermond, und zum Greifen nah wie jener.

Dienstag, 29. April 2008

Nur das

Diese Jahre, in denen der Frühling einen nicht leichter macht, nicht durchsichtiger, einherwehend durch die Straßen der Stadt. So ein Jahr wie dieses, in dem man dem Licht entgegenblinzelt, aufgeschreckt, schwer vor bleicher Masse und all den Jahren, die wie Sandsäcke auf den Schultern liegen, und die ganze Welt voller Chancen, die nicht die meinen sind, und es vielleicht niemals waren.

Erbarmungslos ausgeleuchtet, knocked out by the summer, und dann den Mädchen zuschauen, auf der Kastanienallee, die der Welt entgegenlächeln, als sei all das, was kommt, ein Freund und komme nicht zu strafen.

Samstag, 26. April 2008

Oh mein Gott!

Sehen Sie hier, meine Damen und Herren, eine am Boden zerstörte, zunehmend hektische, noch nicht einmal (und zwar seit Stunden) ganz aufgestandene Dame, die zum ungefähr zehnten Mal versucht, das Profil ihres Thunderbird vom Acer auf den Mac zu bringen.

Tatsächlich scheint es zunächst vorgeblich zu funktionieren. Der Mac täuscht an. Die Dame entspannt sich. Dann aber, beim Versuch den Thunderbird mit den geänderten Profildateien zu öffnen, versagt das Progamm den Dienst: Statt den Thunderbird zu öffnen, erscheint ein Feld, welchem zu entnehmen ist:

Thunderbird beenden.

Eine Thunderbird–Kopie wird bereits ausgeführt. Es können nicht mehrere Thunderbird-Kopien gleichzeitig ausgeführt werden.

Ich schwöre, ich habe den Thunderbird nur einmal geöffnet. Weiß jemand Rat?



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