Montag, 29. Dezember 2008

Bobby Fischer

Am 25. Dezember mache ich die Spülmaschine an, und die Spülmaschine macht merkwürdige Geräusche. Irgendetwas schabt, und das Geschirr bleibt schmutzig. Am 26. Dezember versuche ich es noch mal. Das Ergebnis überzeugt mich nicht: Meine Teller sind nach wie vor nicht sauber, das Besteck schimmelt inzwischen, und der Geschirrspültab liegt unaufgelöst im Sieb. Diese Maschine, soviel ist klar, ist kaputt. Am 29. Dezember rufe ich beim Wartungsdienst an. Man werde, verspricht man, bis sechs jemanden schicken.

Um zehn vor sechs klingelt es an der Tür. „Vierter Stock“, posaune ich in die heftig knackende Gegensprechanlage und bleibe in der Wohnungstür stehen. „Wir haben auch einen Fahrstuhl!“, rufe ich, als ich Treppensteigen höre. „Schon da, schon da.“, keucht es von unten. Dann erscheint - gütiger Gott! - Bobby Fischer. Der Schachweltmeister von 1972 steht selbst, höchstpersönlich und unverkennbar in der Tür. Ich bin überwältigt.

„Sind sie es wirklich?“, verkneife ich mir mühsam, denn hier – das ist mir sofort klar – soll ein Inkognito gewahrt werden. Ganz schön mutig, denke ich, einfach so in einer Monteursjacke durch Berlin zu laufen. Nicht einmal den Bart hat er abgelegt. Auch der leicht irre Blick belegt die Identität mit dem offenbar keineswegs in Island am Nierenleiden Verstorbenen.

Keuchend, schließlich ist Fischer auch nicht mehr der Jüngste, macht sich der Schachmeister an der Maschine zu schaffen. Es sei der Spülkasten, höre ich. Mit irgendwelchen Geräten werkelt Fischer im Inneren meines Haushaltsgeräts herum. 200 Euro, höre ich, koste die Reparatur. Dann taucht Fischer wieder auf. Ob er ein Glas Wasser ....? Aber klar. Ich fülle einen Becher. - „Spielen Sie Schach?“, frage ich nun doch so harmlos wie möglich. Fischer, so meine ich, schaut durchaus ein wenig irritiert. „Früher mehr als heute.“, antwortet er aber tatsächlich. Er scheint sich sehr sicher zu fühlen, schießt es mir durch den Kopf. Nun, denke ich. Vielleicht doch besser nicht bohren. Paranoiker können manchmal unberechenbar sein. Fischer hantiert weiter, diesmal an den Schaltern. Die Elektronik, sagt er, sei okay.

Die Reparatur mache quasi keine Arbeit. Drei Tage würde ich warten müssen, maximal. „Das weden sie schon schaffen!", wird Fischer jovial, zwinkert tatsächlich ein bißchen und hält mir die Auftragsbestätigung hin. "Sie müssen hier unterschreiben.“, deutet er auf eine punktierte Linie. Neben meiner Unterschrift unterschreibt, etwas umständlich, Fischer selbst. Ein unleserlicher Schnörkel. - „Wie heißen sie?“, frage ich, starre auf den Zettel und lächele. Fischer schaut auf, öffnet verlegen ein paar Mal die Spülmaschine, schließt sie wieder und sagt sehr schnell etwas, was Neumann heißen könnte. Oder so ähnlich.

Das müssen sie sich doch vorher überlegt haben, liegt es mir auf der Zunge. Nun, denke ich. Vielleicht ist Fischer noch nicht arg lange hier? Möglicherweise ist dies der erste Auftritt nach dem geheimen Umzug nach Berlin? Oder Fischer ist schon monatelang in der Stadt, hat Hunderte von Spülmaschinen repariert, aber es hat noch nie jemand gefragt? Oder er hat sein Inkognito zwischenzeitlich vergessen?

„Ich fahr’ dann mal.“, beeilt er sich auf einmal, loszukommen. Die Maschine nimmt er mit. Man werde mich anrufen, wenn die Reparatur abgeschlossen sei, teilt er mir zum weiteren Procedere mit und verabschiedet sich mit einem herzhaften "Tschüssikowski."

Sonntag, 28. Dezember 2008

Über Regierung

Christoph Möllers, Demokratie - Zumutungen und Versprechen, Wagenbach 2008, € 9,90

Es gibt ein vielfach verbreitetes Unbehagen an der Art und Weise, wie politische Entscheidungen in der Bundesrepublik getroffen werden. Oft steht hinter diesen Äußerungen die Vorstellung, es gebe eine „richtige“ Politik, die es nur zu erkennen (statt erst zu gestalten) gelte, und die bisweilen verschlungenen Wege demokratischer Willensbildung würden diesen Erkenntnisprozess eher behindern als fördern. In einer solchen Weltsicht erscheint dann weniger der manchmal fast unendliche Diskussionsprozess parlamentarischer Abläufe wünschenswert, sondern eine Art autoritäres Expertentum, das – beamtet oder bestellt – aus der Vielzahl denkbarer Handlungsalternativen die beste aussucht und verwirklicht. Ausfluss dieser sehr verbreiteten Ansicht ist neben dem bisweilen etwas hypertrophen Selbstbewusstsein der Ministerialbürokratie etwa das Kommissionsunwesen, das seit der Regierung Schröder die politische Willensbildung verschmiert.

Tatsächlich gibt es wenig Hinweise darauf, dass eine Expertenrepublik zu „besserer“ Politik führen würde, als der parlamentarische Betrieb. Wer dies annimmt, verkennt, dass es bei der Frage, wie regiert werden soll, grundlegende Vorfragen gibt, die nicht durch Sachkunde, sondern nur durch politische Entscheidungen getroffen werden können: Sollen die Belange der Tierschützer verwirklicht werden oder doch eher die der finanzschwachen Fleischesser mit ihrem Interesse an Schweinskoteletts zu € 2,99? Sind Arbeitsplätze in der Schwerindustrie wichtiger als der Schutz seltener, aber gutaussehender Kröten? Sollen die öffentlichen Schulen optimal auf die Bedürfnisse schwacher Schüler eingehen oder sollten die begrenzten Finanzen des Staates für die Spitzenförderung ausnehmend schlauer Kinder verwandt werden? Und wenn das Geld nicht reicht: Soll man Ausgaben kürzen, auch wenn die Gelder für an und für sich wünschenswerte Ziele ausgegeben werden sollen, oder sollen Steuern erhöht werden, und wenn ja: für wen? - Dass diese Fragen zu entscheiden nicht Sache von Experten sein kann, liegt an sich auf der Hand, denn niemand ist Experte für die Frage, welche Ziele eine Gesellschaft verfolgen soll, sondern höchstens dafür, wie man die einmal beschlossenen Ziele erreicht.

Bedauerlicherweise gibt es wenig lesbare Literatur, die das vorerwähnte Unbehagen thematisiert und auf seinen undemokratischen Kern hin untersucht. Eine Vielzahl politischer Bücher beschäftigt sich diesbezüglich mit Einzelfragen, und macht sich dabei den Wunsch mancher Bürger wie auch anderer Akteure nach einer Art Abschaffung der Politik nicht selten sogar zunutze. Manche andere, sicherlich verdienstvollen Werke scheitern an ihrer schlechten Verständlichkeit, zumal kaum jemand, dessen Beruf es nicht ist, derlei zu lesen, fette und anstrengende Wälzer schätzt, die man schon wegen ihres Umfangs weder in der Bahn noch im Bett konsumieren möchte.

Um so lieber empfiehlt man Ausnahmen wie das keine 150 Seiten lange Werk des Staatsrechtlers Christoph Möllers über Demokratie, in dem der Autor ebenso präzise wie temperamentvoll den Überdruss an demokratischer Politik von seiner narzisstischen Quelle bis ins Meer der unhinterfragten Fehlschlüsse nachzeichnet. Die leichte Lesbarkeit auch aufgrund der Rhythmisierung durch kurze, im Schnitt eine halbe Seite nicht überschreitende Abschnitte kommt dem faulen Leser zudem sehr entgegen.

Samstag, 27. Dezember 2008

Allein in Berlin

Am letzten Wochenende vor Weihnachten wandert Berlin aus. Koffer werden verstaut und Tüten in den Hohlräumen zwischen Klappkisten verkeilt. Auf den Bürgersteigen im Prenzlauer Berg stehen Bugaboos neben übervollen Reisetaschen und kleinen Kindern mit Plüschhasen im Arm. Papa kommt gleich, piepst ein Mädchen mit Schottenrock mir zu. Bestimmt, sage ich, und laufe weiter.

Dann ist Berlin leer. Im Haus gegenüber brennt am Abend kein einziges Licht. Die Parkplätze sind leer. Das Lassunsfreundebleiben hat dicht. Das Schwarzsauer ist zu, und außer mir fährt im Haus niemand Fahrstuhl oder läuft über die Treppen. Am Morgen schreit kein einziges Kind. So leise ist Weihnachten, dass man selbst ganz leise wird, weil alles, was man tut, krachend die Stille durchbricht.

Als sei mit den Autos auch die Schnelligkeit verschwunden, verlangsamen die Passanten ihren Schritt, bleiben lange, lange einfach so auf der Straße stehen und sehen sich um. Wie Verschwörer, wie Kinder, die in der großen Pause einfach im Klassenraum geblieben sind, lächeln sich die vier, fünf Fußgänger auf der Kastanienallee an.

Am 24. dann Wein und Besuch. Am 25. auswärts. Am 26. aber bleibe ich einfach im Bett, streichele den Kater auf dem Nachttisch. Trinke Tee. Bade. Lese ein paar Lieblingspassagen in Büchern, die man jedes Jahr, ach: monatlich lesen sollte, weil sie so perfekt sind, dass man weinen könnte. Höre vom Bett aus den J. nebenan leise rascheln, Tasten drücken, Stühle rücken, auf der Gitarre spielen und sage mir, das sei das Glück: Weihnachten. Und allein in Berlin.

Freitag, 26. Dezember 2008

Vom Wetterleuchten der Vergeblichkeit

Deutsches Theater in der Volksbühne, 23.12.2008

Irgendwann, so gegen Ende, wurde das 19. Jahrhundert seiner selbst sterbensmüde. Der soziale, technische oder medizinische Fortschritt hatte mehr Sicherheit mit sich gebracht, weniger Menschen waren gezwungen, den ganzen Tag an nichts anderes als an ihr Überleben zu denken, aber statt dass die Menschen glücklicher wurden, wurde ihnen nur langweilig.

Vielleicht war die Langeweile in einer Hinsicht sogar noch unangenehmer als die Angst und die Unsicherheit, denn ein Kranker oder Hungriger kann meist sehr genau sagen, was passieren muss, damit sich sein Leben verbessert. Ein kluger Gelangweilter jedoch weiß meist ganz genau, dass nichts, was geschehen könnte, die Langeweile beendet. Er ist am Ende aller Hoffnung angekommen. Der Hoffnungslose aber hat wenig Grund, weiterzuleben, und so ist der Schuß durch den eigenen Kopf am Ende von Tschechovs Möwe wohl nicht Ausdruck eines pathologischen, aber temporären Aufregungszustandes Kostjas, sondern dass, was man gemeinhin als einen Bilanzsuizid bezeichnet: Die Selbsttötung als rationale Konsequenz des unabänderlichen Scheiterns.

Dass Kostja als ein am Ende erfolgreicher Künstler verzweifelt und stirbt, gehört zu den genialen Zügen der Möwe, die der Autor als Komödie bezeichnet hat, obwohl im gesteckt vollen Raum der Volksbühne (das Deutsche Theater wird gerade renoviert) keiner lacht. Überhaupt sind die Erfolgreichen ebenso hoffnungslose Fälle wie die, denen Zufall wie Schicksal den Erfolg nicht vor die Füße gelegt haben. Die Arkadina ist nicht glücklicher als die erfolglose Schauspielerin Nina, ihr Bruder Sorin, dem am Ende seines Lebens nichts bleibt als unerfüllte Wünsche, nicht mehr zu bedauern als Sohn Kostja, dem der Erfolg nicht hilft, und das echte Liebeselend der Mascha nicht schwärzer als die ambivalente, monochrome Langeweile, in der der Arzt Dorn ebenso einhertreibt wie der Schriftsteller Trigorin, der Nina – so ahnt man – nicht aus Begehren, gar aus Liebe ruiniert, sondern einfach so, wie Kinder an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Garten eine Libelle oder einen grünschillernden Käfer fangen, quälen und sterbend liegenlassen.

Dankenswerter Weise hat Regisseur Jürgen Gosch darauf verzichtet, die träge, sommerwarme, unbewegliche Luft der Möwe auszutauschen gegen die elektrische Atmosphäre, die das Berliner Theater oft auch ohne Ansehung des Stücks vorzieht. Umso greller wirken die kleinen Entladungen, die Versuche der Kontaktaufnahme zwischen den Protagonisten, und besonders laut gellt die an sich nicht aus dem Rahmen der Bühne (insbesondere der Volksbühne) fallende Szene, in der Corinna Harfouchs Arkadina Trigorin zu sich zurückholt, als er sie wegen Nina verlassen will. Zuletzt wird, aber das zu sehen erspart uns Tschechow, die alte Schauspielerin die junge nicht nur im Theater, sondern auch in der Liebe besiegen.

Den Untergang der Nina spielt Kathleen Morgeneyer als eine Klimax der Intensität. Unhübsch, fragil, ganz Gefühl und Nerven, fällt im Laufe der mehr als drei Stunden dieses Abends jede komische oder rührende Arabeske von ihr ab, bis in der letzten Szene nurmehr der blanke Schmerz auf der Bühne steht. Jirka Zett kann da nicht mithalten, allzu blond wirkt sein Kostja an Leib und Seele, und auch Alexander Khuon als Trigorin macht es den Zuschauern durchaus schwer nachzuvollziehen, was gleich zwei Frauen an ihm finden, aber vielleicht macht es sich Gosch auch nur ein wenig leicht mit diesem ein wenig kanaillesken Routinier der Kunst, derweilen er ihm die Nachsicht versagt, die aus Tschechovs todtraurigem Stück von der Vergeblichkeit des menschlichen Lebens, von der Tödlichkeit der Langeweile dann doch eine Komödie macht, denn was wäre eine Komödie anderes als eine Geschichte von der Unüberwindlichkeit der Differenz zwischen Sein und Sollen, die ihre Komik aus dem Umstand bezieht, dass es den Ort gar nicht gibt, nach dem alle suchen, den goldenen Zustand jenseits der Ausweglosigkeit der Langeweile, es sei denn im Moment der letzten Pointe: Dem Schuß.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Die Weihnachtsbaumerziehung

„Na, dann passt gut auf den Kater auf.“, lacht gestern die Vorbesitzerin B. meines Willy über meine Weihnachtspläne mit Tannenbaum und wächsernen Kerzen. Der Kater, sagt sie, springe leider gern in den Baum und erlege dabei Jahr für Jahr ein paar Kugeln. Echte Kerzen habe sie schon deswegen nie gehabt.

„Ich will aber keine elektrischen Kerzen.“, maule ich ein bisschen und beobachte die träge, graugestreifte Katze, die völlig bewegungslos vor dem Sofa liegt und wohlgefällig ihre Pfoten betrachtet. Harmlos sieht sie aus. Ganz und gar nicht wie ein Kugelkiller mit eingebauter Feuergefahr. „Besser elektrisch als abbrennen.“, kommentiert indes der J. die Eröffnung der kätzischen Eigenarten. Man werde halt noch ein paar Lichterketten kaufen.

Mir aber, meine Damen und Herren, graut vor den elektrischen Kerzen. Hänge ich mir dann vielleicht auch rosa Lametta an den Baum? Fange ich übermorgen an, Swarovski-Schwäne zu sammeln? Sind große, blinkende Sterne, die alle paar Sekunden eine andere scheußliche Farbe annehmen, der nächste Schritt?

Andere Lösungen müssen her.

Beispielsweise, so schlage ich vor, könne man die Katze für ein paar Tage aus dem Wohnzimmer sperren. Allerdings, besonders lange, gebe ich zu, wird das nicht gut gehen, denn irgendwann gehen die Türen auf, wenn ein Kater lange genug kratzt. Vielleicht könnte man aber eine Art Korridor errichten, eine Barriere um den Baum herum, optisch nicht beeinträchtigend, aber von Katzen nicht zu überspringen? Auch nicht? Wäre es denn vielleicht ersatzweise denkbar, beim Tierarzt Geruchsstoffe zu kaufen, die Katzen widerlich finden, Menschen aber gar nicht wahrnehmen? Können Katzen etwa durch komplexe, aber wenig zeitaufwendige Dressurmaßnahmen bis übermorgen davon abgehalten werden, Weihnachtsbäume zu verwüsten? Alles schlecht? Wirklich?

Oder muss man ganz im Sinne schwarzer, aber wirksamer Pädagogik den Kater einmal gegen den Baum laufen lassen? Geistesgegenwärtig den Baum auffangen, und darauf setzen, dass das bedrohliche Klirren der Kugeln und das tropfende, heiße Wachs Willy von weiteren Versuchen abhalten, Weihnachtsbäume zu Fall zu bringen? Ganz und gar also auf den Schreck des Ernstfalls setzen, das bereit gestellte Löschwasser sodann nicht nur über die sicher rasch emporlodernden Flammen, sondern auch über den durchaus wasserscheuen Kater gießen, und hoffen, dass sodann nicht nur der angestrebte Erziehungseffekt eintritt, sondern auch die Versicherung zahlt, und ansonsten nicht besonders viel passiert.

Andernfalls hätte sich die Sache aber möglicherweise auch und zudem sehr endgültig erledigt.



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