Sonntag, 3. Juli 2011

Die Bräunungsaussparung

Am Samstag kommen wir also in Ahlbeck an. Am Sonntag ist das Wetter eher soso. Am Montag aber knallt die Sonne. Ich sitze am Strand, blaues T-Shirt, Shorts und Flip-Flops. Im Gesicht: Eine riesige Sonnenbrille. Rechts rauscht die Ostsee, links liegt die kleine Tochter von Freunden in der Strandmuschel ihrer Eltern, in der Mitte liege ich auf dem Bauch und lese Nabokov. Ab und zu drehe ich mich um und döse in den blauen Himmel über der Ostsee. Irgendwo am unteren Ende meines Gesichtsfeldes kann man die Seebrücke von Ahlbeck sehen.

Es ist warm. Ich schließe die Augen, ich höre dem Meer zu und dem halblauten Quaken des Kindes, das im Laufe des Nachmittags total viel Sand isst und sich darüber schrecklich freut. Man könnte demnächst auch etwas essen, denke ich mir, wenn auch eher keinen Sand, ein Fischbrötchen vielleicht oder eine Waffel oder vielleicht auch beides. Vernünftigerweise sollte ich weder das eine noch das andere verzehren, sondern mich dauerhaft auf Magermilchjoghurt und Äpfel spezialisieren, aber - so beruhige ich mich - im Urlaub gelten andere Gesetze. Außerdem bin ich mit meinen stämmigen 65 Kilo Kampfgewicht auf Usedom eine der zehn schlanksten Frauen über 30 überhaupt, denn hier sieht jede Frau ab 25 aus, als hieße sie mit Vornamen Mutti.

Abends nehme ich die Sonnenbrille wieder ab. Ich bin braun geworden, stelle ich fest, trotz des LSF 20-Sprays. Ganz gut sieht das aus, finde ich, denn trotz aller gegenläufigen Propaganda halte ich Blässe zwar für gesundheitlich wünschenswert, aber nicht für so sonderlich hübsch. Wohlgefällig betrachte ich also meine Beine, auch meine Arme sind okay braun und nicht rot. Dann aber stockt mir der Atem. Mein Gesicht ist nur sehr partiell braun. Um meine Augen herum klaffen riesige, weiße Flecken. Herr im Himmel, denke ich mir. Die Sonnenbrille.

Das wird schon wieder, beruhige ich mich und beschließe, die nächsten Tage auf die Sonnenbrille zu verzichten. Wenn alles nichts nützt, werde ich die Sonnenbrille die nächsten Wochen auch in geschlossenen Räumen und bei Regenwetter tragen. Kommt es ganz schlimm, helfe ich mir Bronzing Powder nach, und wenn alles nichts nützt, setze ich auf das Mitleid und die Diskretion meiner Umgebung in Umgang mit diesem Problem.

Bitte sagen Sie also nichts.

Montag, 27. Juni 2011

Nichts für mich

Man darf sich da nicht blenden lassen: Usedom atmet durchaus den Charme vergangener Zeiten. Es sind allerdings nicht die Zeiten, an die man denkt, wenn man etwas von "Kaiserbädern" liest und an den schön restaurierten Villen vorbeiläuft, die sich die Berliner Bankiers der vorletzten Jahrhundertwende an die Ostsee gestellt haben. Das ist alles da, es sieht auch gut aus, aber es prägt nicht den Geist des Ortes, wie man so sagt, die Atmosphäre hat nichts mit der Opulenz des Fin de siècle zu tun, nicht einmal in einer preussisch-kargen Version. Wer hier spazieren geht, trifft nicht Max Liebermann. Wer hier Urlaub macht, trifft Erich Honecker. Der ist nämlich gar nicht tot. Der lebt hier und hält sich fit mit Nordic Walking.

Hier gibt es noch Rentner, die beigefarbene Westen tragen, und Rentnerinnen, von deren Donnerbusen ein Motivshirt im Winkel von 90° zum Boden hängt. Hier hört man mehr sächsisch als auf dem Bahnhof von Leipzig. Hier fahren Leute in komplettem Sportdress von Tchibo so langsam auf Fahrrädern herum, dass die Helme ganz und gar logisch erscheinen: Die Gefahr, umzukippen, ist verhältnismäßig groß, wenn man sehr, sehr langsam fährt.

Hier haben Frauen bis 50 grundsätzlich zwei Haarfarben - rot und schwarz etwa - und Frauen, die älter sind, eine kurze, graue Dauerwelle. Die meisten Leute wirken irgendwie teigig und verformt. Ich kann nicht schätzen, wie alt diese Menschen sind, aber ich fürchte, viele sind jünger als man so denkt.

"Was macht man hier eigentlich abends?", frage ich mich irgendwann so gegen neun und schaue durchs Fenster auf die Strandpromenade und über den Strand aufs Meer. Es ist menschenleer. Hier scheint es keine Bars zu geben. Das einzige Kino hat, wie ich höre, inzwischen dicht. Einkaufen ist auch ein eher mageres Vergnügen. Wenn die anderen nicht wären, wenn der J. und ich hier allein herumsäßen, dann wäre das hier nichts für mich, und auch so schließe ich die Augen und denke an Kampen, an Cannes, an Sanary-sur-Mer, und beschließe, dass man sich das hier mal anschauen kann, dass man mit der I. und dem S., der M. und dem M., ja fast überall hinfahren kann, aber dass ich hier nicht wieder herkommen werde, denn hier bin ich falsch.

Sonntag, 19. Juni 2011

Dr. Google und mein Knie

Wer im Internet Aufklärung über gesundheitliche Wehwehchen sucht, hat es nicht besser verdient. Auf der anderen Seite: Ich warte sehr, sehr ungern irgendwo, am wenigsten gern warte ich im Wartezimmer von Ärzten darauf, endlich dranzukommen, dabei bin ich sogar privat versichert, aber warte trotzdem immerhin so lange, dass es mich abschreckt, einen Arzt aufzusuchen, solange es irgendwie geht.

Langsam allerdings habe ich daran so meine Zweifel. Letzte Woche war schon doof. Ich war müde, ich war irgendwie so ein bißchen Hackfleisch, ein wenig benommen, halt so, und dann wache ich auf und mein rechtes Knie schmerzt. Schmerzt richtig. Schmerzt so, dass Fahrradfahren weh tut, aber immerhin besser ist als Herumlaufen, denn das tut richtig weh. Also so richtig.

Abends bin ich ziemlich durch. Am nächsten Morgen geht es, abends ist es dann wieder irgendwie blöd, und dann kommt das Wochenende. Hochlegen, denke ich. Schonen. Aber dann stehe ich doch einen Abend lang auf einer Gartenparty herum, mein Knie prickelt inzwischen, und irgendwie schmerzen nun auch meine Leiste und mein Knöchel. Zu Hause klappe ich den Rechner auf und gebe alle Symptome bei Google ein. Die Antwort ist so nicht brauchbar und ganz schön diffus.

Sonntag geht es dann so halbwegs. Morgen ist nun Montag, Ärzte öffnen, ich könnte in der Mittagspause einen Orthopäden aufsuchen, aber dann gibt es nichts zu essen, ich gehe doch so ungern zum Arzt, und so sitze ich hier nun, gebe alle Symptome bei Google ein und frage das Netz: Geht das nicht von allein auch wieder weg?

Die Antworten sind allerdings nicht sehr ermutigend und nicht einmal sehr klar.

Montag, 13. Juni 2011

berlin.amour

Ach, Berlin, denke ich. Du großartige Schlampe. Du fettes Weib mit den verwischten Tatoos und den Krampfadern am Hintern. Dir zuzuhören, wenn du in der U-Bahn deine Feinde beschimpfst, wenn du nachts einmal quer von den Klos bis zur Theke das nächste Bier für dich und deinen Süßen bestellst, und wenn du - elfenhaft und verjüngt und verschönt - morgens um vier an der Oberbaumbrücke der Sonne beim Aufstehen zuschaust und seufzt.

Aber seien wir ehrlich: Im Winter hassen dich irgendwann selbst deine Freunde. Deine Unfähigkeit, einmal nur den Winterdienst zu wuppen wie eine ganz normale Stadt. Der Dreck und die Dunkelheit. Die Distanzen, die auf einmal unüberwindlich werden, weil für ein Auto kein Platz ist in deinen Straßen, die Radwege buckelig vereist sind und die BVG voller Wahnsinniger, die schlecht riechen und mit sich selbst und anderen bedrohlich klingende Gespräche führen.

Sowas wie Frühling und Herbst gibt es bei dir nicht. Du bist ja nicht so für Schnickschnack, und Zwischentöne findest du doof. Überhaupt bist du immer ganz für oder gegen irgendwas und überlegst es dir immer so schnell anders, dass man keine Gelegenheit hat, sich auch nur eine Minute zu langweilen. Du bist brutal und cool und manche haben Angst vor dir, weil man nie weiß, was du in drei Monaten sagst oder tust.

Ganz du selbst bist im Sommer. Im Sommer riechst du nach Hundedreck und klebrigem Asphalt und bist trotzdem unwiderstehlich. Ich liebe es, wenn du in Mitte auf dem Kantstein sitzt, die Füße auf der Torstraße, und es ist morgens um halb vier und du trinkst Wodka und kannst kaum mehr sprechen und lallst mir etwas vor über das absolute Kunstwerk, das so perfekt ist, dass man es nicht sehen kann, denn sonst würde man blind. Du bist abstoßend und größenwahnsinnig und siehst fabelhaft dabei aus.

In deinen Parks gibt es schon im Juli mehr gelbes Unkraut als Rasen, aber du hast Spaß mit einem Federballspiel vom Flohmarkt und grillst mit allen deinen Freunden so lange Würste und Lämmer schwarz, dass ihr alle noch bis zum Herbst an Krebs sterben würdet, wenn die Leute recht hätten, die predigen, dass alles schlecht ist, was Spaß macht. Diese Leute haben es ohnehin nicht leicht mit dir: Du rauchst immer noch, weil du findest, dass das gut aussieht, du isst den größten Dreck und trinkst aus Prinzip. Überall in Deutschland ist Rauchen heute ziemlich verboten. Nur bei dir gilt das Rauchverbot ausschließlich in öffentlichen Gebäuden und Mutter-und-Kind-Cafés.

Überhaupt: Deine Kinder. In den Innenstadtbezirken hast du mindestens eins und nimmst es überallhin mit. Ich habe gelesen, du hättest gar nicht mehr Nachwuchs als woanders, aber du versteckst dich nicht in Vororten, sondern setzt dich mitten in die Stadt. Da sitzt du dann, trinkst Rhabarberschorle, isst eine Waffel und plauderst mit einer Freundin. Man sagt dir nach, du seist schrecklich anstrengend in deiner Rolle als Übermutter, aber ich weiß: Gegenüber den Vorortmamas mit dem Van bist du die lockerste Frau der Welt und deine Männer sind auch mit 40 noch ziemlich lustig.

Wenn du alt bist, wohnst du irgendwo im Westen. Ich kenne dich nicht, aber ich sehe dich manchmal, wenn ich in Charlottenburg bin. Im KaDeWe trinkst du Champagner mit deinen steinalten Freundinnen. Manchmal höre ich euer schrilles Lachen und hoffe, dass ich auch noch was zu lachen habe, wenn ich achtzig bin. Abends sieht man dich manchmal in der Deutschen Oper, dann führst du deinen Pelz und deinen Schmuck aus aus der Zeit, als du noch Frontstadt des Westens warst und für die Freiheit in Dahlem Sahnetorte essen musstest.

Tot aber, meine Liebe: Tot bist du nie. Du stehst erst mittags auf, wenn das geht, aber liegen bleiben wirst du nicht. Du hast dich immer aufgerappelt. Du bist nicht sentimental und hältst ganz gut was aus, wenn du musst. Wenn nicht, haust du schrecklich gern auf die Pauke. Du bist keine Dame, Berlin, aber du machst was her.

Soviel Spaß hatten wir zwei die letzten zehn Jahre. Cheers, Berlin. Auf all die Jahre, die noch kommen.

Montag, 6. Juni 2011

Schönen Tag

"Oha.", sage ich und schüttele den Kopf. Die ausgestreckte Hand mit dem Zettel bleibt in der Luft stehen. "Vermieterterror stoppen! Wir bleiben alle!", steht auf dem Flugblatt, das offenbar die Thesen von Menschen verbreitet, die etwas gegen die marktwirtschaftlichen Gesetze der Preisbildung bei Wohnungen haben.

Den Jungen mit den Flugblättern schaue ich flüchtig an. 19 oder 20 wird er sein, vermutlich Student, schwarzgefärbte Haare und schlechte Haut, schöne Augen, aber die Hände könnten gepflegter sein und das T-Shirt nicht ganz so verwaschen.

Schnell gehe ich weiter. Ich missbillige solche Bestrebungen, wie sie der Junge vertritt. Ich habe mich sehr wenig mit diesen Dingen beschäftigt, weil ich mich für Politik nur eingeschränkt interessiere, aber ich argwöhne, dass sich der Missmut solcher Leute irgendwie auch gegen mich richtet, denn wenn man möchte, dass keine Alteingesessenen durch Zugezogene verdrängt werden, dann meint man vermutlich, dass in meiner Altbauwohnung im Bötzowkiez nicht der J. und ich wohnen sollen, sondern die Ostberliner, die hier früher irgendwann mal gewohnt haben, und die ich gar nicht kenne. Das wiederum würde bedeuten, dass ich ja irgendwo anders wohnen müsste, dabei gefällt es mir da, wo ich bin, extrem gut. Auch abseits meiner persönlichen Abneigung, den Prenzlauer Berg wieder zu verlassen, ist mir ziemlich schleierhaft, wieso es ein Recht auf Fortsetzung von Mietverträgen zu trotz Sanierung unveränderten Konditionen geben soll, nur weil jemand immer schon da war. Dass etwas schon immer so war, ist kein überzeugendes Argument dafür, dass es sich auch künftig nicht ändern solle.

Mit den Tiraden von Leuten, die aus kulturellen Differenzen moralische Überlegenheiten ableiten, beschäftige ich mich schon aus Prinzip nicht. Das ist mir zu gehässig. Ich habe registriert, dass die Gehässigkeit eher auf Seiten der sogenannten Gentrifzierungsgegner zu liegen scheint, jedenfalls habe ich umgekehrt noch keinen Schwaben anti-ostdeutsche Parolen dreschen hören, aber ansonsten finden diese Debatten weit weg von mir statt, die ich im Übrigen auch überhaupt keine Leute kenne, die so aufgeregt-unschöne Worte wie "Vermieterterror" benutzen.

"Schade. Schönen Tag noch!", grüßt der Junge mich auch ohne Flugblatt freundlich und wartet auf den nächsten Passanten. "Man kann doch nicht mit 20 schon dafür sein, dass sich nie etwas ändert.", liegt es mir auf der Zunge, aber dann sage ich nichts. "Viel Spaß und viel Veränderung.", würde ich ihm fürs Leben wünschen, aber das würde er nicht verstehen. So sage ich gar nichts. Außer: "Schönen Tag."



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