Sonntag, 7. August 2011

Die Sintflut in München

Wenn die Froschperspektive von Zeitgenossen illustriert werden soll, werden immer gern Tagebucheinträge aufgeführt, in denen am Tage eines Kriegsausbruchs oder so von Kino oder Verdauungsbeschwerden die Rede ist. Die Zeitgenossen stehen dann immer so etwas tölpelhaft dar.

Ein bißchen hemmt so etwas natürlich, wenn der Kapitalismus, wie es scheint, nicht nur an den Rändern ein wenig bröselt, und man selbst statt an die Finanzkrise am ehesten ans miese Wetter denkt. Man will ja nicht allzu dumm dastehen. Allerdings ist es schon eher schwer, nicht an den Regen zu denken, wenn man in viel zu leichten Schuhen klatschnass durch München irrt, weil man sich irgendwie im Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verfranzt hat.

Noch vor wenigen Jahren hätten der J. und ich uns in solchen Momenten gestritten und möglicherweise zumindest bis zum Zielort getrennt. In Tunis beispielsweise. Auf dem Weg von Amsterdam an die Mosel. In Paris. Oder auch schlicht in den Parkhäusern an der Uni, in der der J. sich meistens nicht mehr erinnern konnte, wo sein Auto steht. Weil keiner von uns auch nur annähernd Karten lesen kann oder ein natürliches Orientierungsgefühl mitbringt, sind wir dann meistens eher länger unterwegs. Inzwischen tragen wir solche Momente aber mit Fassung und Demut. Es nützt ja nichts.

Diesmal laufen wir zum Auftakt erst zweimal um den Bahnhof. Irgendwie passt die Richtung nicht, dann wollen wir - es regnet mehr - doch lieber Bahn fahren, schließlich besteigen wir die Bahn und dann kommt eine Durchsage, die Bahn fahre heute nicht dahin, wo wir wollen. Wir steigen also aus und in eine Tram.

Diese allerdings scheint nicht so optimal zu sein, wie es anfangs aussah. Es ist nicht die 18, sondern die 27 oder umgekehrt, aber weil die Richtung stimmt, bleiben wir sitzen. Man kann das Museum ja auch schon sehen, trösten wir uns. Außerdem bin ich ohnehin schon völlig durchnässt. In meinen Ballerinas steht einen Zentimeter hoch das Wasser.

Der Regenschirm reicht ungefähr für meinen Kopf. Es gießt, als beginne heute die Sintflut. Käme eine Arche vorbei, ich fände das ganz logisch, aber natürlich kommt keiner, sondern irgendwann kommen wir beim Museum an. Inzwischen bin ich ungefähr so nass, als sei ich voll bekleidet in ein Schwimmbad gestiegen.

Ins Museum kommen wir auch nicht. Anscheinend will die ganze Stadt das Museum bevölkern. Statt ins Museum gehen wir also erst ins Museumscafé, dann schleppen wir uns eine Ecke weiter zum Essen, und als es irgendwann aufhört zu regnen, brechen wir auf. Es ist trüb, kein Vergleich mit Samstag, aber immerhin reicht es für einen langen Spaziergang zum Bahnhof zurück.

In den Schaufenstern der Maximilianstraße prangen die Taschen und Kleider, als gebe es keine Krise. Der J. und ich zeigen uns, was wir hübsch finden und machen uns ein bißchen lustig über Leute, die sehr hässliche Sachen kaufen und tragen. Wenn es abwärts geht mit der Welt, dann liegt es jedenfalls nicht an Kaufverweigerung durch den geschätzten Gefährten und mich, denke ich und wäge ab, was gegen eine grüne Echsentasche spricht. Irgendwo weit weg von hier knarrt und raschelt es im Gebälk. Irgendwo werden viele Leute telephonieren, wie nun umzugehen sein wird mit der Lage, in der jede Woche ein paar Ziegel vom Dach zu fallen scheinen, und ab und zu kracht ein morscher Balken einfach ein. Hier aber laufen wir durch die Innenstadt, kalt und nass kleben meine Schuhe an den Füßen, und als ich irgendwann im Flugzeug nach Hause sitze, fühlt die Welt sich an wie immer, auch wenn das vielleicht gar nicht mehr stimmt.

Montag, 1. August 2011

Madame macht das Beste draus

Schön, denke ich. So ganz und gar der Trägheit nachzugeben. Den schon bestellten Tisch wieder abzusagen, das Kinoprogramm erst gar nicht nachzuschauen. In keine Bar, zu keinem Konzert. Statt dessen zu Hause auf dem Sofa zu liegen, die Beine angewinkelt. Gegen die Scheiben trommelt der Regen, als wolle auch er herein. Die Geliebte des französischen Leutnants zu lesen, einen weißen Tee zu trinken und das Kuchenbacken auf später zu verschieben. Der W. kommt doch erst morgen.

Leise Musik. Ein wenig zu frösteln, das Plaid hochzuziehen bis unters Kinn. Ich habe die dicken Socken an, die meine Großmutter gestrickt hat vor fast schon zehn Jahren. Der Tee dampft. Die linke Hand auf dem Köpfchen der Katze, im Schlafzimmer hustet der ziemlich erkältete J.

Schon ganz okay, denke ich mir, gähne ein bißchen vor mich hin und verbiete mir, an den Sommer auch nur zu denken.

Samstag, 23. Juli 2011

Kleine Grübelei über Töpfe und Deckel

Man hat sich ja nicht erst seit gestern gefragt, wer die hässlichen Leute aus der U-Bahn eigentlich heiraten soll, die schlecht angezogen öffentlich laut telefonieren und mit einem bemerkenswert wenig differenzierten Wortschatz dabei ganz unglaubliche Dinge zum Besten geben. Thematisiert man aber dieses Erstaunen gegenüber Dritten, so bekommt man meistens die Antwort, dass auch diese zerbeulten Töpfe Deckel finden, die dann eben auch genauso zerbeult seien.

Mit den Jahren aber häufen sich die Verdachtsmomente, dass nicht wenige zerbeulte Töpfe ihr zerbeultes Pendant nicht haben wollen. So hört man von alleinstehenden Frauen ab und zu, alle Männer, die sie kennenlernen, hätten einen Hau, würden kaum kommunizieren, seien durchweg Versager und wollten keine Familie. Von den Männern liest man, die deutschen Frauen seien hartherzig, dick, überemanzipiert (was auch immer das heißen soll) und nicht so sonderlich weiblich.

Natürlich trifft das nicht zu. Das weiß jeder, der ab und zu auf die Straße geht und mit Leuten spricht. Es gibt Hunderte blendend aussehender Männer in Mitte. In einigen Bars verkehre ich nur, wenn es mir gerade ganz, ganz prächtig geht, weil alle anderen Frauen so hübsch sind, dass ich mir vorkomme wie, nun, wie eine einzige Beule. Die meisten Männer, die ich kenne, haben verhältnismäßig gut bezahlte und spannende Jobs, hegen den Wunsch nach einer Familiengründung, interessieren sich gleichermaßen für Theater wie Fußball und können klug darüber (und über alles andere) reden. Auch die meisten Frauen rund um mich herum sind gut angezogen, lustig, machen beruflich irgendetwas Interessantes, gehen entspannt damit um und tragen maximal Größe 38. Es liegt also nicht daran, dass es keine interessanten Männer und Frauen gibt. Es liegt wohl - das muss man so hart sagen - an den Leuten, die trotz ihrer Beulen im Blech nur eine Prunkvase wollen.

Der Presse entnehme ich, die Männer suchen ihr Prunkgefäß dann gern im Ausland, wo auch ein unscheinbarer Systemtechniker eine ganz hübsche Frau bekommt, die ihm selten widerspricht. Für die einheimischen Damen scheint das kein besonderer Verlust zu sein, ich jedenfalls hätte mich nie mit einem der in diesem Artikel beschrieben Herren verabredet, weil sie nicht so sonderlich amüsant und dafür ziemlich konventionell wirken. Die Frauen, so nehme ich an, kaufen sich nach der erfolglosen Prunkgefäßsuche irgendwann eine schöne Katze, zünden sich selbst Kerzen an und haben fröhliche, nette Freundinnen, mit denen sie in Urlaub fahren. Ich war nie lange Single, aber das Leben meiner alleinstehenden Freundinnen sieht aus meiner Warte nicht unkomfortabel aus.

An sich müssten die Männer und Frauen mit den Beulen mit dem Ausgang der Suche so ganz zufrieden sein. Die Männer hocken mit einer polnischen Frau in einem Häuschen in Spandau. Die Frauen streicheln in Charlottenburg ihre Katzen, und so wundert es mich jedesmal ein bißchen, wenn ich die erbitterten Kommentare unter Artikeln wie dem oben verlinkten lese, in denen Leute einen Geschlechterkrieg ausfechten, der an mir vorbeigegangen sein muss und den ich nicht einmal aus der Distanz mitbekomme, es sei denn im Netz.

Sonntag, 17. Juli 2011

So viele Jahre

"So war ich auch mal 25.", sage ich zum W., als wir vorm Kino stehen und zähle für mich die Jahre, die vergangen sind, seit wir so waren wie Marie und Francis aus Montreal und die Leute, mit denen Xavier Dolan sie umgibt.

So sahen auch unsere Parties aus, erinnere ich mich an ein fröhliches Chaos aus vielen Flaschen, Aschenbechern, einer wüsten Mischung aus sehr hübschen und sehr klugen Menschen, gelallten Gesprächen über Filme, Bücher und Bands und sehr, sehr lauter Musik. Überhaupt war das Setting recht ähnlich und auch die Manierismen von Marie und Francis pflegten auch manche meiner Freunde, die immer auf der Jagd waren nach einem eleganten, alten, verschlissenen Sessel aus Chintz, über deren Betten vergoldete Geweihe hingen und die sich anzogen wie Tote, deren Leben dramatischer und bedeutungsvoller erschien als das von uns Mittelstandskindern in den satten Jahren der Republik, in der wir erst Schulkinder waren und dann Studenten. Ich kann mich noch an die stilisierte, romantisch ausschweifende Handschrift des T. erinnern, an den Siegelring des Großvaters vom J.2, den dieser in der Oberstufe wochenlang trug, bis er ihn irgendwo an einem bretonischen Strand verlor. Die ganze Nacht haben wir gesucht.

Auch so verliebt wie Marie und Francis waren wir ständig. Es war das schiere Glück, nie in denselben Mann verliebt zu sein wie andere Freundinnen oder Freunde, denn auch wir hätten uns gehasst, in aller Freundschaft natürlich, um den Geliebten um die Wette geworben, uns gedemütigt, weil das zur Liebe dazugehört, und auch bei uns wäre es nie etwas geworden, weil ein glücklicher Ausgang im Drehbuch gar nicht vorgesehen war. Auch in Dolans Film kann man sich nicht einmal vorstellen, dass Marie oder Francis glücklich würde mit Nicolas, so einem blonden, zarten Epheben, der zuerst ein bißchen naiv erscheint, als würde er die Liebe gar nicht bemerken, und dann wie ein sehr, sehr guter Spieler, den es freut, wenn die Saat aus kleinen Aufmerksamkeiten und langen Blicken keimt und bunte, ausschweifende Blüten trägt, und der die Zeichen, die Marie und Francis begierig lesen, missdeuten, verrätseln und aufladen mit Drama und Spannung auf den erlösenden Schluss, bewusst setzt wie ein Maler bunten Pinselstriche auf eine Leinwand. Am Ende entzieht er sich beiden.

Traurig oder einsam wirken Marie und Francis trotzdem nicht. Es haut nicht hin mit der Liebe, Francis (gespielt von Dolan selbst) fügt einen weiteren Strich zu seiner Dokumentation amourösen Scheiterns an der Badezimmerwand dazu. S*x gibt es nur mit Freunden, mit denen es nur um Haut und nie um Herzen geht, doch gleichwohl wirkt der Film, der mit Bildern, Zitaten und Reminiszenzen spielt, heiter und nie so ernst, als sei die Liebe etwas, an dem man stirbt. Vielleicht ist es das Licht, denn der Film (und die Liebe) zeichnen einen Sommer nach bis im Herbst die Blätter fallen. Vielleicht sind es die Einblendungen von anderen Personen, die über Fehlschläge in der Liebe sprechen und das Geschehen so relativieren, denn das, was jedem zustößt, kann nicht außerordentlich sein. Vielleicht ist es auch die Freundschaft zwischen Marie und Francis, vielleicht aber ist es auch die Jugend aller Protagonisten, denn damals - so erinnere ich mich auf dem Weg durch den Abend die Torstraße hoch - war nichts so ernst, nichts wirklich dramatisch, alles nur Pose und Vorspiel und Spiel überhaupt.

"Es war schön, 25 zu sein.", sage ich zum W. und verabschiede mich und biege ab an der Trust Bar vorbei durch die sich langsam erwärmende Nacht.

Les amours imaginaires (Herzensbrecher)
Canada, 2010

Montag, 11. Juli 2011

Bis es knackt

Man will ja nicht immer jammern. Aber dann jammert man doch: Mit meinem Knie ist inzwischen wieder alles okay, denke ich jedenfalls. Das Malheur mit meinem Auge und meiner Kontaktlinse haben Sie, liebe Leserinnen und Leser, ja gar nicht mitbekommen. Nun allerdings fühlen sich meine Hüftgelenke irgendwie merkwürdig an, verbogen nachgerade, und wenn ich die Beine einmal unvorsichtig nach vorn oder hinten biege, dann tut es weh.

Ärzte werde ich nicht konsultieren. Morgen lasse ich mich massieren, da werde ich diese Kalamität auch einmal ansprechen. Ansonsten fühlt es sich so an, als würde alles besser, wenn jemand einmal kräftig an meinem Bein ziehen würde. Ich denke, dass es dann kräftig knackt, mir bricht der Schweiß aus, für einen Moment wird mir irgendwie anders, und dann ist es wieder gut.

Nun allerdings ist gerade keiner da. Der J. weilt in Nordrhein-Westfalen. Meine Freunde kann ich nicht abends um zehn mit der Bitte herausklingeln, mich an den Beinen zu ziehen. Meine Nachbarn kenne ich nicht, und so sitze ich hier und male mir Maschinen aus, kompakte, stahlblitzende Maschinen, die batteriebetrieben einen an den Füßen ziehen bis es knackt, aber solche Maschinen hat man ja nie, wenn man sie braucht.

Vorerst werde ich morgen die Dame fragen, die mich massiert.



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