Sonntag, 28. August 2011

Ja, ausgerechnet Rhabarber!

Mit der Mode ist es ja eine Sache. Man will auf der einen Seite nicht jeder Mode hinterherrennen, weil man das für ein Zeichen für Dummheit hält, ganz unberührt bleibt man aber auch nicht auf der anderen Seite, denn man ist ja in der Welt, sogar sehr in der Welt, weil man halt nicht in einer abgelegenen Ecke eines Mittelgebirges in einem Dorf ansässig ist, sondern mehr so mitten in Berlin, und als Berlinerin steht man also am Sonntag früh beim vietnamesischen Supermarkt herum, eine FAS in der einen Hand, ein Stück Butter in die Zeitung geklemmt und obendrauf ein Liter Rhabarbersaft. Rhabarbersaft zur häuslichen Zubereitung von Schorle.

Weil der vietnamesische Supermarkt am Sonntag die quasi einzige Gelegenheit zwischen Greifswalder Straße und Volkspark ist, einzukaufen, ist die Schlange an der Kasse lang. Vor mir stehen vier Leute mit Körben in der Hand, teilweise mit kleinen Kindern, und weil ich neugierig bin, mustere ich die Körbe ein bißchen, was die anderen Leute so kaufen. Milch wird viel gekauft, registriere ich. Butter scheint auch bei anderen Leuten überraschend oft gerade am Wochenende auszugehen. Außerdem kauft man Saft, Rhabarbersaft, um genau zu sein, der in drei von vier Körben in der Schlange vor mir liegt, und ich kräusele ein bißchen unbehaglich die Nase, weil es ja - siehe oben - gerade nicht so ein angenehmes Gefühl ist, genau das zu kaufen, was alle kaufen, denn auch ich glaube nicht gern von mir, jeder Mode hinterherzulaufen, die gerade die Stadt durchquert, selbst wenn es eine so wenig auffällige Mode sein mag, wie der kollektive Umstieg von tout Berlin von Bionade auf Rhabarsaftschorle, der mir aus den kleinen gelben Körben in der Schlange an der Kasse entgegenspringt.

Dass auch alle anderen Leute Sonntags eine FAS kaufen, überrascht dagegen nicht, Was sollen sie auch sonst kaufen; das Sonntagszeitungswesen ist ja so ein bisschen monopolisiert, wenn man die WamS nicht kaufen will. Nur der erste Käufer in der Schlange hat keine FAS im Korb, sondern einerseits den Kicker und andererseits 11 Freunde. Nicht zum Abkassieren, sondern einfach so, hat er außerdem zwei Kinder dabei, augenscheinlich Zwillinge, circa vier, die beide in Polos und Chinos und Chucks zwar unterschiedlich bunt, aber ansonsten ganz gleich angezogen neben ihm lebhaft auf und nieder hopsen.

"Ja, ausgerechnet Rhabarber! Rhabarber verlangt sie von mir!", brüllen die beiden kleinen Buben überraschend melodisch, und der eine, der mit dem roten Polo mit dem grünen Pferd, schwenkt einen Liter Bio-Rhabarbersaft so wild hin und her, dass wohl nicht nur ich schon größere Katastrophen wittere, die dann aber - Gott sei's gedankt - nicht eintreffen.

"€ 8,65!", sagt die Frau an der Kasse, und der andere Zwilling legt einen zerknitterten Zehner auf den Tisch.

Donnerstag, 25. August 2011

In Ordnung

"Weiß nicht.", sage ich. Ich arbeite zuviel. Ich habe so viel zu tun wie zuletzt 2007 und fühle mich dabei gar nicht wie irgendwas, sondern nur einfach so da. Das ist eine etwas merkwürdige Empfindung, ganz gut, aber emotional ein bißchen entkernt und vor allem bin ich meistens ein bißchen müde.

"Stell dich nicht so an.", sage ich mir und schneide lustige Grimassen vor dem Spiegel, damit es auch mal was zu lachen gibt, mache die Dinge, weil sie anstehen und esse abends schweigend und erschöpft mit einer Zeitung in der Hand ein paar Tomaten oder eine Suppe oder etwas, was ich mir auf dem Heimweg hole, wenn der Thai um die Ecke noch offen hat und mir etwas kocht.

Früher war in solchen Nächten Sommer, denke ich auf dem Heimweg, kurz nach elf, und schaue in die schwarzen Bäume. Auch nächstes Jahr wird wieder Sommer sein, denke ich dann und überlege, wie das alles wohl wird, und fahre heim und mache weiter, denn navigare necesse est und alles in allem schon ganz okay.

Montag, 15. August 2011

Im Regen

Dann aber, am Sonntag nachmittag, in der Loggia zu stehen, als es regnet, als wolle es nie wieder aufhören, und in den Regen hinauszuschauen, der die Straßen füllt und die Räume zwischen den Häusern und Menschen. Das kleine Mädchen im nassen Kleid auf der Straße beinahe ein bisschen zu beneiden, dass freudig durch das Wasser springt, denn kalt ist es ja nicht, und es spritzt weiß und gischtig so hoch, wie das Kind gerade noch reicht.

Schon steht das Wasser bedrohlich hoch auf der Straße und füllt die Gullies wohl ganz. Schon läuft es in die ersten Keller. Heftig peitscht auch der Wind. Die Bäume vorm Haus schleudern ihr Laub hin und her wie Priester in ekstatischem Tanze. Immer dichter wird der Regen, immer mehr fällt und prasselt und drückt als heller Strahl durch die Straßen, als müsse alle Leere mit Bewegung gefüllt werden, und das Wasser drängt die Luft mit Macht in die offene Tür.

Schön wäre es jetzt wie das Kind da unten durch den rauschenden Regen zu laufen. Im Bikini auf dem Fahrrad zu fahren, durchnässt, heiter, johlend und lachend die Linden abwärts zu fahren, durch die Pfützen zu gleiten, nass bis auf die Unterseite der Haut. Warm sollte es sein, noch viel wärmer als heute, hell der Himmel trotz der strömenden Wasser, und ganz über die Ufer getreten auch ich, glitzernd vor Nässe und glitschig vor Glück und neugeboren und feucht dann schließlich am Abend in Ruhe zu Haus.

Sonntag, 14. August 2011

Die Welt von gestern

"Das ist merkwürdig.", sage ich zum J. beim Essen. In den letzten zehn Jahren muss irgendetwas passiert sein, denn als wir so alt waren wie die, die derzeit in der halben Welt demonstrieren, hatten wir diese Angst nicht im Geringsten, mit unseren Examen nichts anfangen zu können.

Anfang, Mitte zwanzig waren wir damals. Die New Economy war gerade vorbei, aber bis auf ein paar Parties haben wir davon nichts mitbekommen. Die Kanzleien wurden gerade groß und stark und international, fusionierten in alle Richtungen und luden uns ein zu Vorträgen oder Essen oder irgendwelchen Events, auf denen die Partner der Kanzleien über Deals und Gehälter sprachen, die wir aufregend fanden und ein bißchen frivol für Leute wie uns, die ja praktisch nichts konnten. Die Unternehmensberatungen stellten ein, wenn jemand etwas eher Exotisches studiert hatte. Die Verbände boten Jobs, die Unternehmen Trainee-Programme, und meine Freundinnen gingen reihenweise zum Staat und wurden Ministerialbeamtin und Richterin oder leiten heute irgendwo ein Finanzamt.

Angst, auf der Straße zu sitzen, hatte niemand von uns. Wir promovierten, weil es noch nicht so schnell losgehen sollte mit dem Erwachsensein, und bekamen alle entweder einen Job an der Uni oder ein Stipendium. Es war genug für alle da.

Dass es damit vorbei zu sein scheint, haben wir nicht bemerkt. Wir wurden Senior, Partner, Richter am Landgericht, Regierungsdirektor. Wir haben uns Wohnungen gekauft und Kinder bekommen. Wir sind 35. Wir fahren ein bißchen herum, wir gehen ins Theater, wir kochen, wir lesen viel und wir sehen kaum fern. Vielleicht haben wir Teile der Welt einfach ausgeblendet, weil sie nicht so schön aussehen und uns ein bißchen ratlos machen. Wir zahlen unsere Steuern, wir wählen am Ende dann doch alle grün, wir wissen auch nicht weiter, und wenn wir uns fragen, wann die Welt sich verändert hat, zucken wir mit den Achseln.

Ich weiß es nicht, sagen wir dann. Ich habe davon nichts mitbekommen.

Sonntag, 7. August 2011

Die Sintflut in München

Wenn die Froschperspektive von Zeitgenossen illustriert werden soll, werden immer gern Tagebucheinträge aufgeführt, in denen am Tage eines Kriegsausbruchs oder so von Kino oder Verdauungsbeschwerden die Rede ist. Die Zeitgenossen stehen dann immer so etwas tölpelhaft dar.

Ein bißchen hemmt so etwas natürlich, wenn der Kapitalismus, wie es scheint, nicht nur an den Rändern ein wenig bröselt, und man selbst statt an die Finanzkrise am ehesten ans miese Wetter denkt. Man will ja nicht allzu dumm dastehen. Allerdings ist es schon eher schwer, nicht an den Regen zu denken, wenn man in viel zu leichten Schuhen klatschnass durch München irrt, weil man sich irgendwie im Umgang mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verfranzt hat.

Noch vor wenigen Jahren hätten der J. und ich uns in solchen Momenten gestritten und möglicherweise zumindest bis zum Zielort getrennt. In Tunis beispielsweise. Auf dem Weg von Amsterdam an die Mosel. In Paris. Oder auch schlicht in den Parkhäusern an der Uni, in der der J. sich meistens nicht mehr erinnern konnte, wo sein Auto steht. Weil keiner von uns auch nur annähernd Karten lesen kann oder ein natürliches Orientierungsgefühl mitbringt, sind wir dann meistens eher länger unterwegs. Inzwischen tragen wir solche Momente aber mit Fassung und Demut. Es nützt ja nichts.

Diesmal laufen wir zum Auftakt erst zweimal um den Bahnhof. Irgendwie passt die Richtung nicht, dann wollen wir - es regnet mehr - doch lieber Bahn fahren, schließlich besteigen wir die Bahn und dann kommt eine Durchsage, die Bahn fahre heute nicht dahin, wo wir wollen. Wir steigen also aus und in eine Tram.

Diese allerdings scheint nicht so optimal zu sein, wie es anfangs aussah. Es ist nicht die 18, sondern die 27 oder umgekehrt, aber weil die Richtung stimmt, bleiben wir sitzen. Man kann das Museum ja auch schon sehen, trösten wir uns. Außerdem bin ich ohnehin schon völlig durchnässt. In meinen Ballerinas steht einen Zentimeter hoch das Wasser.

Der Regenschirm reicht ungefähr für meinen Kopf. Es gießt, als beginne heute die Sintflut. Käme eine Arche vorbei, ich fände das ganz logisch, aber natürlich kommt keiner, sondern irgendwann kommen wir beim Museum an. Inzwischen bin ich ungefähr so nass, als sei ich voll bekleidet in ein Schwimmbad gestiegen.

Ins Museum kommen wir auch nicht. Anscheinend will die ganze Stadt das Museum bevölkern. Statt ins Museum gehen wir also erst ins Museumscafé, dann schleppen wir uns eine Ecke weiter zum Essen, und als es irgendwann aufhört zu regnen, brechen wir auf. Es ist trüb, kein Vergleich mit Samstag, aber immerhin reicht es für einen langen Spaziergang zum Bahnhof zurück.

In den Schaufenstern der Maximilianstraße prangen die Taschen und Kleider, als gebe es keine Krise. Der J. und ich zeigen uns, was wir hübsch finden und machen uns ein bißchen lustig über Leute, die sehr hässliche Sachen kaufen und tragen. Wenn es abwärts geht mit der Welt, dann liegt es jedenfalls nicht an Kaufverweigerung durch den geschätzten Gefährten und mich, denke ich und wäge ab, was gegen eine grüne Echsentasche spricht. Irgendwo weit weg von hier knarrt und raschelt es im Gebälk. Irgendwo werden viele Leute telephonieren, wie nun umzugehen sein wird mit der Lage, in der jede Woche ein paar Ziegel vom Dach zu fallen scheinen, und ab und zu kracht ein morscher Balken einfach ein. Hier aber laufen wir durch die Innenstadt, kalt und nass kleben meine Schuhe an den Füßen, und als ich irgendwann im Flugzeug nach Hause sitze, fühlt die Welt sich an wie immer, auch wenn das vielleicht gar nicht mehr stimmt.



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