Mittwoch, 28. März 2012

27.03.2012

Der Goosen ("Sommerfest") wird auf die letzten Meter nicht interessanter. Es handelt sich um eine Art Ruhrgebiets-Heimatroman rund um einen Heimkehrer mit emotionaler Altlast an eine Jugendliebe, und vielleicht gewinnt das Buch, wenn man die Schauplätze und Charaktere kennt. Ich kenne das Ruhrgebiet nur von gelegentlichen Auswärtsterminen, und mein Bild der Gegend ist nicht besonders positiv. Etwas derb stelle ich mir das Ruhrgebiet vor, naturfern wie eine Großstadt, aber ohne deren Vorzüge, und den Bewohnern des Ruhrgebiets, so mein ganz persönliches Vorurteil, fehlt es an einer gewissen Politesse. Dieses Bild bestätigt das Buch nun aufs Beste. Ganz erleichtert schlage ich den Roman nach der letzten Seite zu. Der Goosen hat mir nicht gefallen.

Im Tiergarten gefällt es mir dafür umso besser. Ich sitze in der Sonne, trinke Latte Macchiato entkoffeiniert, schaue Kind F. beim Wachsen zu und telefoniere. Als eine halbe Stunde später eine Bekannte auftaucht, schieben wir zu zweit langsam Richtung Zoo und lästern über den Berliner Betrieb, ziehen alle Parteien hintereinander durch den Kakao und geben Prognosen hinsichtlich der Bundestagswahl ab, dass es nur so kracht.

Im KaDeWe schauen wir uns einmal gründlich an, was man für Kinder so alles kaufen kann, wenn man gerade für sich nichts findet. Meine Bekannte hat eine kleine Tochter, das ist fürs Einkaufen natürlich dankbarer, und für einen Moment bedaure ich, dass man für kleine Buben wenig mehr bekommt als Miniaturausgaben dessen, was ihre Väter in deren Freizeit tragen. Ich kaufe also Chinos für den F., Bodies mit Polokragen und einen ganz, ganz kleinen Cardigan.

Nach Hause zurückgekehrt lege ich mich wieder aufs Sofa. Auf meinem Bauch liegt der F. und maunzt leise abwechselnd die Decke und mich an. In einem Sitz lese ich mich durch Christian Y. Schmidts amüsantes Chinabuch "Bliefe von dlüben", fange nun doch mit David Foster Wallace "Unendlichem Spaß" an, und telefoniere ein bißchen herum.

Nach China sollte man auch mal reisen, überlege ich mir beim Zubettgehen. Aber erst einmal reisen wir in die USA, erinnere ich mich, und blättere noch im Bett, den F. an der Brust, im Reiseführer. Kalifornien, denke ich, und dann schlafe ich ein.

Dienstag, 27. März 2012

26.03.2012

Die Photos vom Wochenende geben mir den Rest. Jeder, aber auch wirklich jeder, ist dünner als ich, und auch das Baby macht irgendwie den Eindruck, als fände es eine dünnere Mutter besser. Ich bin verzweifelt.

Auf Zeitablauf allein mag ich mich nicht verlassen. Ich bin bisher immer nur von selbst dicker, aber nie von selbst dünner geworden, und ob Stillen und Spazierengehen allein ausreichen, halte ich für eher unwahrscheinlich. Schließlich ist der Kleine schon zwei Monate alt, andere Frauen führen acht Wochen nach der Geburt öffentlich Bikinis vor, und nur ich sehe aus wie eine Seekuh. Das muss alles anders werden. Ich melde mich bei Weight Watchers an.

Nach der Anmeldung geht es mir schon besser. Das wird wieder, tröste ich mich, und mache einen mittellangen Spaziergang quer durch den Prenzlauer Berg. Außerdem kaufe ich ein. Heute abend gibt es Sellerie-Apfel-Gratin und Steaks, kündige ich dem J. an. Das passt gerade so in meinen Ernährungsplan, rechne ich mir aus, und bin im Großen und Ganzen mit mir ganz zufrieden.

Nachmittags dann ein Rückschlag: Der J. will Eis essen, ich begleite ihn, und irgendetwas in mir sagt - quasi an mir vorbei - laut und deutlich: Zwei Kugeln in der Waffel. Der Spaziergang morgen muss also sehr ausführlich ausfallen.

Nachts im Bett zähle ich Punkte. Ich wälze Ernährungspläne hin und her. Ich plane Sportkurse. Ich rätsele, wie viel man bei Pilates wohl verbrennt, und als ich einschlafe, träume ich tatsächlich von einem langen, langen Weg, matschig und steinig und zu Fuß durch den Regen. Wie viele Punkte das bringt, habe ich vergessen, als ich morgens erwache.

Montag, 26. März 2012

25.03.2012

Die ganze Welt riecht nach Milch. Nach saurer Milch, genauer gesagt, und in der Öffentlichkeit schnuppere ich ab und zu vorsichtig ein bisschen herum, ob es gerade sehr durchdringend riecht wie in einer Lagerhalle für Harzer Käse.

Dass Kind F. nach Milch riecht, finde ich dabei verzeihlich. Er ist acht Wochen alt, da kann man schon mal nachsichtig sein, aber für die Spuren der Milch auf mir bin ich natürlich voll und ganz selbst verantwortlich. Flecken auf T-Shirts beispielsweise. Reste von Milch, die mir aus dem F. irgendwie in den Ausschnitt getropft sind. Milch in den Haaren, alle diese Dinge, und so sitze ich also morgens um halb zwölf vorm Café Anna Blume und mustere verstohlen mein Oberteil. Da ist doch nicht etwa ... oder riecht hier Kind F. aus seinem Wagen?

Wenn Frau Wortschnittchen etwas riecht, dann überspielt sie das jedenfalls mit höflicher Perfektion. Hell, aber kälter als gestern scheint die Sonne, das Frühstück für zwei ist so groß, dass ich vermutlich nicht abnehmen, sondern weiter zunehmen werde, und Kind F. schläft wie erhofft so ausdauernd, dass er erst dann erwacht, als das Frühstück praktisch aufgegessen ist. Ich bin satt. Kind F. möchte erst noch satt werden.

Zu Hause angekommen, inspiziere ich meine Oberbekleidung und wechsele das Shirt. Später am Tag ziehe ich mich nochmal um. Jeder hatte mir schon im Vorfeld gesagt, dass ich nie so häufig waschen würde, wie im ersten Lebensjahr des F., aber dass dies nicht nur an den ständig vollgespuckten Kinderkleidungsstücken liegt, sondern auch an meinen vollgemilchten Sachen, war mir so nicht klar.

Irgendwann abends wird Kind F. gebadet. Frisch riecht er, gar nicht nach Milch, und ich schnuppere kritisch: Es muss an mir liegen. Ich sollte mich umziehen.

Sonntag, 25. März 2012

24.03.2012

Heute ist Sommer. Auf dem Weg vom Potsdamer Platz bis nach Kreuzberg, den Mauerwanderweg entlang, rötet sich meine Haut ein wenig, und auch auf der Stirn des M., auf den Wangen der I., kann man den Sommer sehen.

Sogar die Spree sieht aus, als sei sie sauber wie ein Gebirgssee und warm wie das Meer im August. Die Berliner sind die bestgelaunten Menschen der Welt und stehen glücklich auf den Brücken der Stadt, grillen im Park und blinzeln selig-benommen in den Tag. Vor Aldemir in Kreuzberg bilden sich lange Schlangen für das erste Eis des Jahres. Vor den Cafés ziehen Gäste ihre Jacken aus und halten die weißen Arme und Beine ins Licht.

Das sind die Flitterwochen des Frühlings, denke ich mir, und schaue den Kindern zu, die im T-Shirt über die Bürgersteige fahren. So schön wird der Sommer sein, bin ich mir sicher: Erdbeeren und Sahne. Eisbecher und nächtliche Bellini, überglänzt von einer weiß-goldenen Sonne am Tag und Lampions bei Nacht, die im Sommeriwnd schaukeln.

Freitag, 23. März 2012

23.03.2012

Irgendwann nachmittags aber sitze ich in der Sonne, lächele dem Sommer zu und freue mich, wie gut die Stadt aussieht, und wie viele Leute hier eigentlich hübsch sind und gut angezogen durch die Straßen laufen.

Ich ordere noch einen Latte Macchiato, entkoffeiniert, und lästere mit einer Bekannten über den Natürlichkeitswahn der Hebammen, die oft so tun, als habe es vor Erfindung der Schulmedizin ein goldenes Zeitalter der Geburtshilfe gegeben, in dem die Menschheit dank Hausgeburt und Ganztagsstillen glücklich, ausgeglichen, gesund und frei von Traumata jedweder Art einhergewandelt sei. Wir lachen ein bisschen über den Homoöpathietick der Geburtshelferinnen, der vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass Hebammen keine richtigen Medikamente verschreiben dürfen, und machen uns über den Muttermilchkult lustig, der bei manchen Hebammen geradezu religiöse Züge annimmt. Später erzählen wir uns noch, was wir uns für Schuhe und Taschen gekauft haben, wenn man schon keine schönen Kleider kaufen kann, und zählen Musik auf, die wir richtig gut finden.

Der Sommer braucht Musik, sage ich mir, heimgekehrt nach Hause, und tanze durchs Wohnzimmer, Kind F. auf dem Arm, drehe Tocotronic ziemlich laut und frage mich, was für den F. die Musik seiner Jugend gewesen sein wird, wenn er einmal 35 ist, im Jahre 2047.

(Abends dann mit dem J. im femmina morta. Antipasti und Spaghetti Carbonara.)



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